Struktur.

Vor 13 Jahren war mir dieses Wort absolut fremd: „Struktur“. In Bezug auf einen Tagesablauf, auf einen Wochenablauf, in Bezug auf Ordnung, in Bezug auf Zeit, in Bezug auf irgendwas.

„Sie brauchen Regelmässigkeiten, Sie brauchen Rituale, Sie brauchen eine Tagesstruktur, das gibt Ihnen Sicherheit!“, versuchte mir meine damalige Psychiaterin immer wieder zu vermitteln. „Tja, das ist nun mal nicht mein Ding, ich bin mehr so der spontane Typ“, gab mein 19jähriges Ich regelmässig bockig zurück. Die Wahrheit war: Ich hatte das nicht gelernt, ich war mir das nicht gewohnt, und Regelmässigkeiten einzuhalten, ganz egal in welchem Bereich, war für mich enorm schwierig bis unmöglich. Das fing beim täglichen Duschen an, zog sich über die Medikamenteneinnahme, regelmässiges Essen, putzen oder Bettwäsche wechseln weiter bis hin zum Einhalten von Terminen, Rechnungen bezahlen oder dem Zähneputzen, von regelmässigem und ausreichendem Schlaf oder gar sozialen Anforderungen ganz zu schweigen.

Meine Psychiaterin damals, Frau J., versuchte, mir allerlei Tricks zu zeigen, wie ich besser durch meinen chaotischen Alltag kam, doch sie hatte zunächst wenig Erfolg.

„Wenn es so schwierig ist, an die Medis zu denken, dann legen Sie sie doch in Ihre Kaffeetasse, damit Sie sie morgens sehen, wenn Sie Ihren Kaffee trinken.“ „Welche Kaffeetasse?“ „Trinken Sie keinen Kaffee? Dann in Ihre Teetasse.“ „Welche Teetasse?“ „Also, was trinken Sie denn morgens?“ „Na ja. Manchmal Wasser ab dem Hahn, manchmal Milch ab der Flasche, manchmal Orangensaft ab der Flasche, manchmal nichts.“

Wenn ich das so aus der Rückwärtsperspektive sehe, tut mir meine damalige Psychiaterin einerseits ziemlich leid, andererseits bin ich sicher, sie wäre auf mein heutiges Ich stolz. Es hat wirklich viele Jahre gekostet, aber heute lebe ich für meine Verhältnisse sehr strukturiert. Mein Tagesablauf während der Arbeitswoche sieht folgendermassen aus:

Um 6 Uhr sollte ich aufstehen, um 6:15 stehe ich meistens auf, weil mich mein Freund hartnäckig schüttelt. In 10 Minuten erledige ich anziehen, Frühstück in die Handtasche schmeissen, kurz mit dem nassen Lappen durchs Gesicht, dreimal mit der Bürste durchs Haar, Jacke an, Schuhe an, Handtasche, Schlüssel und Handy irgendwo reinstopfen, um dann gegen 6:25 zur Bushaltestelle zu rennen. Ja, ein Riesenstress, nein, es geht nicht anders. Alle 2 Wochen verpasse ich den Bus, dann renne ich zurück in die Wohnung und flehe meinen Freund an, mich zum Bahnhof zu fahren. Was er macht, immer, mit einem resignierten Seufzer zwar, weil er eigentlich in die entgegengesetzte Richtung zur Arbeit muss und dadurch selber in den Stress kommt, aber ohne sich zu beschweren und ohne Groll. Ja, er ist super.

Gegen 06:50 sitze ich dann im Zug, wo ich schlafe wie ein Stein, trotz Umsteigen, bis ich 07:39 aus dem Waggon wanke, falls ich rechtzeitig erwache, was meist der Fall ist (ok, ich setzte mich wenn möglich zu einer Mitarbeiterin, die mich weckt).

Um 07:50 beginnt die Arbeit, und ich ziehe immer erst meine Jacke aus, dann schalte ich den Laptop ein, und dann gehe ich zur Kaffeemaschine und hole mir einen starken Milchkaffee. (Falls Sie das lesen, Frau J., sind Sie nicht stolz auf mich?!). Mein Arbeitsalltag verläuft ganz unterschiedlich, im Moment leiste ich viel 1:1-Betreuung für ein kleines Mädchen mit Autismus, aber was ich auch so mache den ganzen Tag über: Wenn ich den Morgen nicht so starten kann (genau: Jacke, Laptop, Kaffee), dann bin ich irgendwie neben der Spur. Ob das nun gut oder schlecht ist, keine Ahnung, aber es zeigt schön, wie wichtig mir einige der früher so verhassten Rituale wurden.

Um 17 Uhr habe ich normalerweise Feierabend, dann mache ich das Fenster zu, schalte den Laptop aus, packe meine unzähligen Taschen, im besten Fall inklusive Jacke, Schlüssel, Handy und Portemonnaie, und laufe zum Bahnhof. Dort rauche ich 2 Zigaretten, quatsche allenfalls mit Mitarbeitenden und beginne die Heimreise.

18:30 bin ich zu Hause. Manchmal koche ich was für uns, manchmal gibts einfach Brot, meist essen wir gemeinsam in der Küche und reden über den Tag. Dann nehme ich die Medis, mein Freund macht meist den Abwasch, ich gucke eine furchtbar schlechte Serie im TV, gegen 21:30 dusche ich (obwohl ich mir jeden Tag vornehmen, bereits um 21 Uhr damit zu starten), gegen 22 Uhr habe ich den Wetterbericht gecheckt und mir die Kleider für den nächsten Tag zurecht gelegt (dass ich das je mache, hätte ich mir früher nicht träumen lassen!). Dann liege ich ins Bett, und wenn ich Glück habe, legt sich mein Freund auch schon schlafen, ich habe Mühe, einzuschlafen ohne ihn.

Manchmal finde ich mich und mein strukturiertes Leben zu öde, zu voraussehbar, zu festgefahren. Auch wenn ich jetzt täglich dusche, regelmässig was esse und jeden Morgen bei Arbeitsbeginn die ominöse Kaffeetasse leertrinke, ich bin immer noch ich. Ich werde gewisse Dinge nie hinkriegen, z.B. genug früh aufstehen, um nicht jeden Morgen aus dem Bett zu fallen und direkt zum Bus zu rennen oder zweimal täglich die Salbe gegen meine Neurodermitis einzreiben – no way. Und doch lebe ich mit einer gewissen Routine, mit all der sich daraus ergebenden Vor- und Nachteilen.

Wenn die Nachteile überhand nehmen und es mir zu öde wird, dann unternehme ich abends manchmal was, gehe an ein Konzert, treffe mich mit Freunden. Das bereue ich jedoch zuverlässig spätestens am nächsten Tag. Meine Arbeitswoche ist streng für mich, ich arbeite ca. 42 Stunden, dazu kommt der Arbeitsweg. Um dieses Programm durchzustehen, braucht es für mich tatsächlich Regelmässigkeiten, Rituale, Struktur.

Ja, Frau J. Sie hatten Recht.

11 Gedanken zu “Struktur.

  1. Genau. Rituale,Routine und Strukturen. Ich hasse sie und brauche sie.
    Mit meiner eigenen Tagesstruktur komme ich gut klar, auch meine Psyche macht da mit. Sobald ich aber etwas verändere oder einen Ausflug mache kommt alles ins Wanken. Ich vergesse meist zu essen.
    Auch mit vielen Altagsdingen wie duschen, Zähne putzen und Haushalt kämpfe ich. Nicht weil ich es nicht will, ich vergesse es oder es braucht zu viel Energie.
    Auch ich brauchte Jahre um eine gewisse Struktur zu erhalten und trotzdem, es ist nie wie bei meinen gesunden Freunden.

    • Manchmal tröstet es mich, zu hören, dass auch andere Menschen damit kämpfen. Sogar meine Freunde oder meine Schwestern lassen manchmal Sprüche fallen wie „was, du schaffst es nicht, morgens 10 Minuten früher aufzustehen, das glaubst du ja selber nicht“ oder „du schaffst es nicht, 2 Mal pro Tag eine Salbe einzustreichen?! Du hast doch einfach keine Lust dazu, das ist reine Bequemlichkeit“ oder „das nennt man mangelnde Selbstdisziplin!“. Faulheit, Bequemlichkeit und mangelnde Disziplin wird mir vorgeworfen, solange ich mich erinnern kann. Bestimmt ist da auch was dran, aber eben, wie du sagst: Für mich sind Dinge ein Kampf, die für Gesunde lächerlich scheinen.

  2. Auch ohne Erkrankung tut Struktur gut.

    Ich lebe gerne in einer Struktur, ich mag es, wenn Dinge gleich ablaufen. Was nicht heißt, dass ich unspontan bin. Es gibt genug gute Gründe und Gelegenheiten, Dinge zu ändern, einmalig oder für immer anders zu machen und gegen den Strich zu leben. Das tue ich – mit Genuss. Urlaube, Wochenenden oder einfach mal so, das ist dann ganz wunderbar.

    Für meine Gesundheit insgesamt ist es aber besser, wenn es ansonsten regelmäßigen Schlaf und regelmäßige Mahlzeiten gibt. Mein Körper freut sich, das bringt insgesamt Gleichgewicht.

    Deshalb Gratulation zum Strukturschaffen! Wenn man sie dann hat, macht es auch Spaß, sie mal zu ändern.

    • Lustigerweise (vielleicht auch logischerweise) habe ich mit 21 eine Ausbildung und einen Beruf ausgesucht, bei dem ich anderen Menschen Struktur vorgebe, sie unterstütze, diese einzuhalten oder sich selber eine zu basteln. Dabei habe ich sehr viel gelernt, wie so ein Tagesablauf funktionieren kann und was ich selber für mich übernehmen kann. Es ist für mich schön zu hören, dass auch du (damit meine ich, du als gesunde und souverän wirkende Person) von einer klaren Struktur profitierst, denn manchmal ist es mir schon etwas peinlich, wenn Mitarbeitende Witze machen darüber, dass ich spätestens um 22 Uhr im Bett sein muss unter der Woche. Ich witzle dann einfach mit und kann meine Scham gut überspielen, aber es verunsichert mich halt doch.

    • Ich glaube, es ist ganz normal, auch für Gesunde, dass Struktur dem Leben gut tut. Man schläft regelmäßig, isst regelmäßig (und dadurch wahrscheinlich auch einigermaßen gesund), pflegt regelmäßig Kontakt zu Menschen und hat andererseits Ruhephasen, das ist gut für Körper und Seele. Und, wie gesagt, besondere Tage verdienen besondere Abläufe, das tut dann auch wieder gut, gibt neue Impulse.

      Irgendwann lernt man sich ja auch kennen und weiß: Wenn ich nach Uhrzeit XY ins Bett komme, bin ich am nächsten Morgen müde. Dass Du Dir den Schlaf gönnst, zeig nur, dass Du es Dir wert bist.

      Wer andere lächerlich macht, weil sie auf sich acht geben, zeigt damit nur, dass er es selbst nicht hinkriegt (und das vielleicht sogar bedauert).

      Rechtfertige Dich einfach nicht. Es braucht anfangs ein bisschen Übung, hilft aber ungemein, sich gegenüber anderen zu behaupten – und verscheucht so nach und nach die eigene Unsicherheit.

  3. Oh da hast du ein Thema getroffen, was bei mir hoch aktuell ist und in meinem Kopf rumschwirrt.
    Ich bin vollkommen strukturlos aufgewachst und weiß einfach nicht wie es geht. Mir macht so eine Struktur richtig Angst, wie eine Bedrohung wirkt das Wort auf mich. Aber ein anderer Teil sehnt sich auch danach und weiß, es wäre wichtig. Ich hab nur keine Ahnung wie, zumal ich gerade sehr in der Depression fest stecke. Aber schön zu lesen dass du beide Seiten kennst. Ich habe mich noch nie getraut zu sagen, dass ich damit ein großes Problem habe weil meine Angst so groß ist, dass ich dann etwas aufgezwungen bekomme und kontrolliert werde.

    • Einer erwachsenen Person eine Struktur aufzuzwingen finde ich grundsätzlich eine furchtbare Idee, mit ein paar Ausnahmen. In der Psychiatrie auf der Geschlossenen z.B. läuft das so, aber da finde ich es gerechtfertigt (sage ich jetzt, in stabilem Zustand und mit viel Distanz, während meinem Aufenthalt dort 2012 sah ich das allerdings ganz anders!!). Ansonsten: Wer sollte dich zwingen? Ich finde es viel sinnvoller, wenn du selber merkst, was dir gut tun könnte im Bereich der „Regelmässigkeiten“. Sei dies z.B. ein Morgen-, ein Mittag- und ein Abendessen, über den Tag verteilt, oder sei das z.B. immer morgens zu duschen oder immer abends, oder eine bestimmte Zeit des Tages, an der du etwas machst, was dir gut tut (wie bei mir das Trash-TV), keine Ahnung, oder etwas ganz anderes, an dem du dich orientieren kannst. Meine letzte Depression ist etwa 6 Jahre her, aber ich kann mich noch erinnern, wie schwierig es gerade in diesem Zustand war, einen gewissen Rahmen zu finden, an den ich mich halten konnte. Wenn man keinen Antrieb, keine Energie hat, ist es noch viel schwieriger als sonst, sich Strukturen zu geben, wenn man sowieso schon Mühe damit hat. Ich lag damals tagelang im Bett, ohne es zu schaffen, aufzustehen. Als es mir etwas besser ging, machte ich Termine ab, so um die Mittagszeit, mit meiner Mutter, mit meiner Freundin, mit irgendwem, damit ich „gezwungen“ wurde, aufzustehen, weil sonst jemand wütend auf mich wurde, wenn ich einfach nicht aufkreuzte.
      Ich wünsche dir, dass du herausfindest, was dir gut tun könnte, und seien es noch so kleine Fixpunkte. Alles Liebe, My

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