Was alles geht.

Nachdem ich dieses Jahr sehr viel Zeit mit Grübeln darüber verbracht habe, was ich alles können möchte und was ich im Vergleich dazu alles (immer noch) nicht kann, möchte ich meinen Fokus mal wieder auf das Positive richten. Es ist an der Zeit, das zu würdigen, was ich alles erreicht habe in den letzten Jahren, all die Freiheiten, die ich mittlerweile geniesse, aufzulisten, all die Fortschritte, die ich -trotz der Krisen in diesem Jahr – gemacht habe, ins Zentrum zu stellen. Hier sind sie, all die Sachen, die gehen, welche früher nicht gingen.

Ich kann…

Fahrrad fahren

Das hat viel mit unserem Umzug vor anderthalb Jahren zu tun. Ein nigelnagelneues, gutes Fahrrad besass ich schon vorher, aber ich benutzte es so gut wie nie. Mit dem Umzug, der mich damals ziemlich flachlegte, kamen irgendwann neue Routinen, neue Möglichkeiten. Die Strecke von unserem neuen Zuhause in die Stadt ist ca. 4.5km lang und führt den drei Flussarmen entlang, ist also grösstenteils flach und wirklich wunderschön. Ich habe mir angewöhnt, diesen Weg bei schönem Wetter wirklich mit dem Fahrrad zurückzulegen. Auch Einkäufe erledige ich grösstenteils mit dem Fahrrad (die Anschaffung eines Korbs hat sich total gelohnt!)

Malen

Seit etwa drei Jahren habe ich ein neues altes Hobby: Ich male und zeichne regelmässig, was in früheren Jahren nur während Psychosen möglich war. Interessant wurde es dieses Jahr, als ich nach einer Hypomanie und beginnender Paranoia nur knapp an einer Psychose vorbei schrammte und danach, quasi als chemische Gegenreaktion, plötzlich im zähen Sumpf einer (zum Glück nur kurzen) Depression festsass. Wie es sich für depressive Phasen gehört, konnte ich nicht mehr malen, es ging schlicht nicht mehr. Ich war ziemlich pessimistisch, ob die Möglichkeit, mich kreativ zu betätigen, irgendwann wieder da ist. Wie soll ich sagen: Entgegen meiner Befürchtungen, fand ich nach einigen Monaten schliesslich den Weg zurück. Ich musste mich überwinden, anfangs, ich hatte Angst, dass ich nicht mehr genug Übung habe und mein Ergebnis mir nicht gefallen würde. Aber ab da wurde es wieder leichter und der Druck, dass ich etwas „Schönes“ schaffen muss, nahm wieder ab.

Yoga machen

Auch da: In den krisengeschüttelten Zeiten und selbst jetzt, in einem stabilen, aber erschöpften Zustand fiel und fällt es mir sehr schwer, zu Hause Yoga in meinen Tagesablauf einzubauen. Aber ich gehe normalerweise immerhin 1mal pro Woche in eine geleitete Yogastunde. Meine Körperwahrnehmung hat sich dadurch sehr verbessert.

Mich gegenüber Reizen abschotten

Wenn mir alles zu viel wird (Reizüberflutung) und während paranoiden, hypomanischen Phasen ertrage ich Kontakte (oder nur schon Blickkontakt) mit Fremden fast gar nicht. Ich montiere dann meine Super-Duper-Kopfhörer mit Noise Cancelling und Musik auf Nundenpiepen und schaue z.B. im ÖV, aber auch in der Fussgängerzone in der Stadt starr auf den Boden. Eine super Strategie, die, natürlich in Kombination mit Medikamenten, dazu beigetragen hat, dass ich dieses Jahr wie erwähnt nur an einer Psychose vorbei schrammte anstatt voll rein zu donnern. Ich kann mir ein Leben ohne meine Kopfhörer nicht mehr vorstellen und verstehe echt nicht, warum ich auf dieses super Hilfsmittel erst mit über 30 gestossen bin.

In kleinen Läden einkaufen

Gesetzt der Fall, ich bin gerade stabil, habe ich in der neuen Stadt mittlerweile eine Auswahl an diversen Fachgeschäften, in denen mich die Verkaufspersonen mittlerweile kennen – einige sogar mit Namen. Sowas war, so lächerlich es klingt, früher unmöglich. Ich getraute mich in solche Läden meist gar nicht rein, fühlte mich zu sehr beobachtet, hatte Angst, dass ich irgendwie komisch wirken könnte, etc. Ausserdem wusste ich, dass ich mich je nach psychischer Verfassung wirklich auffällig benehmen könnte. Daher ging ich früher fast ausschliesslich in möglichst anonymen Supermärkten einkaufen. Nach wie vor schätze ich Anonymität, aber wie gesagt, ich habe jetzt mehrere kleine Läden, in denen ich regelmässig einkaufen kann, was ich cool finde, weil die Qualität da halt besser ist und ich auch aus Überzeugung gerne solche Geschäfte unterstützen möchte.

Mich zurückziehen, wenn ich am Limit bin

Im Februar, als ich um ein Haar psychotisch geworden wäre, ging ich zu meinem Chef und erzählte ihm, dass ich mich überlastet fühle. Er fragte, was mir helfen würde, und ich fragte, ob ich meine Pausen anders legen darf, damit ich sie alleine verbringen darf (und dabei nicht von mindestens 4 Kolleginnen auf berufliche Themen angesprochen werde). Er meinte, ja klar, das sei kein Problem. Diese einfache Massnahme hat mir sehr geholfen, und obwohl ich jetzt wieder belastbarer und stabiler bin, nehme ich mir das nach wie vor manchmal heraus.

Zeit in der Natur verbringen

Nach wie vor ist das für mich viel schwieriger, als ich mit das wünsche, aber ich habe am neuen Wohnort neue Strategien gefunden, wie ich das hinbekomme: Ich jogge (ausser im Winter), oder ich fahre Fahrrad (was ich im Winter leider ebenfalls nur selten hinkriege). Einfach nur „spazieren“ kann ich leider nach wie vor nur unter extremer Anspannung, zumindest, wenn ich alleine bin, und das bin ich für sowas nun mal in 99% der Fälle. Was ich im Sommer ebenfalls tun kann, ist, im Fluss zu schwimmen, aus Sicherheitsgründen nicht alleine, sondern mit einer Bekannten, die in der Nähe wohnt. Sie ist quasi mein Schwimmkontakt, manchmal sind auch ihr Mann oder Freunde von ihr dabei. Ich finds absolut toll, wie unkompliziert dieser Sozialkontakt ist. Eine weitere Option, zwar ohne Bewegung, aber immerhin mit frischer Luft, ist seit dem Umzug ebenfalls möglich: Ich kann einfach auf dem Gartensitzplatz sitzen oder mich in meinem kleinen Garten betätigen. 

(Es ist ganz schön paradox, muss ich an dieser Stelle mal erwähnen, eigentlich bin ich ein totaler Natur-Mensch, ich verbrachte einen Grossteil meiner Kindheit und auch meiner Jugend draussen, meistens im Wald, meistens alleine. Ich liebe Bäume und ich liebe Wasser, ich liebe die Natur, ich liebe es, wenn alles um mich herum zu leben scheint (dazu gehören für mich auch Steine, so absurd das klingen mag). Das Problem damit, mich draussen aufzuhalten, sind für mich die anderen Menschen. Ich wuchs am buchstäblichen Arsch der Welt auf, hinter den sieben Bergen bei den sieben Landwirten. Dort traf ich im Wald höchstens auf ein paar verirrte Förster, und das auch nur in den bewirtschafteten Wäldern. Unter unserem Haus war eine steile, bewaldete Schlucht, zu unterst ein Bach, in die nicht einmal ein Weg führte. Man kam da nur mit klettern runter, und das auch nur, wenn man wusste, wo man lang gehen muss, da das Gestein sehr locker war und es ausserdem wie erwähnt saumässig steil war. Dort unten, ich schwöre, bin ich in den ganzen Jahren nur genau 1mal von meiner Schwester „gestört“ worden – und das auch nur, weil sie mich aus irgendeinem Grund suchte -, ansonsten ging da niemand freiwillig hin. Jedenfalls, wo ich dann als erwachsene Person auch hinzog, nie hatte ich einen solchen Ort. Überall hatte es Menschen, die quasi vor mir schon da waren, die ihre Waldpfade und Lieblingsspaziergänge bereits seit Jahren kannten. Ich kam mir immer als Eindringling vor, als Touristin, zudem fühlte ich mich alleine immer auf dem Präsentierteller. Eine mehr oder weniger junge Frau alleine im Wald, ohne Hund oder sonstige Begleitung, das führte dazu, dass ich angesehen wurde (mehr auch nicht, aber das reichte leider schon), dass ich wahrgenommen wurde, und das war mir bereits zu viel. Ich erkläre mir das übrigens wie hier ausgeführt mit dem jahrelangen Mobbing, das bei mir letzten Endes nur einen einzigen Wunsch auslöste: Unsichtbar zu sein, zu verschwinden, mich aufzulösen. Hoppla, jetzt bin ich ganz schön vom Thema abgekommen, irgendwie.)

Singen

Seit dem Sommer bin ich in einem Chor und übe auch zu Hause regelmässig. In der depressiven Phase war Singen (nebst Netflix) oft das einzige, was ich überhaupt tun konnte, da weder Malen noch Schreiben noch Kochen noch Yoga noch Nähen noch Sport möglich waren. Singen tut mir gut, singen hebt meine Stimmung. Ausserdem komme ich so in Kontakt mit anderen Menschen, auch wenn ich nach wie vor kaum wen aus dem Chor mit Namen kenne und ich normalerweise nach den Chorproben gleich flüchte – 40-50 Menschen an einem Haufen sind halt dann doch irgendwie too much. Aber wie auch immer, ich bin unter Menschen, mache bisschen Smalltalk, scherze, fühle mich trotz allem irgendwie zugehörig.

Mir was gönnen

Dieses Jahr habe ich durch meine Pensenreduktion deutlich weniger verdient als letztes Jahr, dafür habe ich deutlich mehr Geld ausgegeben – so gleicht es sich ja quasi wieder aus, oder? Aber ernsthaft: Ich hab mir einiges gegönnt. Ich habe zwei kurze Städtereisen gemacht, ich hab diverse Freizeit-Kurse gemacht, ich hab mich mit Malsachen eingedeckt, ich hab haufenweise Geld in meinen Garten investiert. Ich hab mir neue Laufschuhe gekauft, mit denen ich an zwei Volksläufen teilnehmen konnte. Und: Dafür musste ich mein Erspartes antasten, aber es fühlte sich gut an. Ich hab den Fokus verschoben in meinem Leben, mein Job kommt nicht mehr an erster Stelle, ich will mein Leben nicht nur nach meinem Job ausrichten, auch wenn er toll und mir nach wie vor sehr wichtig ist. Aber ich will mein Leben auch geniessen können, auch wenn das bedeutet, dass wir nie zu Wohneigentum kommen werden oder was immer ich mir an Wohlstand erhofft hatte.

Ohne meinen Freund verreisen

Von den beiden Städtetrips unternahm ich einen mit einer Freundin und einen mit meiner Schwester. Beim zweiten verbrachte ich sogar einen Tag, eine Nacht und den Rückflug alleine. Das alles klappte wirklich gut, auch wenn mein Stresspegel klar erhöht war und ich mich danach einen ganzen Tag lang erholen musste.

Meine Krankheit weiterhin akzeptieren

Auch wenn ich das ungern zugebe, ich hatte tief in mir drin dennoch die Hoffnung überleben lassen, dass die optimistischen Prognosen des letzten Psychiaters („… es kann auch sein, dass Sie irgendwann gar keine Psychosen mehr haben und dann auch keine Medikamente benötigen“) eintreffen – oder dass ich zumindest die enorme Dosis meiner Neuroleptika irgendwann senken kann. Das Debakel im Februar (ich hatte in Absprache mit dem Arzt die Dosis schrittweise um 200mg gesenkt) bewies leider das Gegenteil. Tja, traurig, aber wahr: Ich werde meine Krankheit nicht einfach los mit den Jahren, in denen ich stabil und glucklich bin. Sie wird immer da sein. Ohne die Unmengen an Neuroleptika und den ganzen dazu gehörigen Nebenwirkungen werde ich nie leben können, egal, wie gesund ich lebe. Ich kann durch und durch glücklich sein, mit meiner inneren Mitte Sachertorte essen, während ich achtsam Traumtagebuch schreibe und werde dennoch psychisch krank sein. Ich werde immer, immer, immer mit einer schizoaffektiven Störung leben. Mich hat diese neue alte Erkenntnis dieses Frühjahr deutlich empfindlicher getroffen, als man von jemandem erwarten könnte, der diese Diagnose seit 16 Jahren kennt. Aber, und darauf wollte ich hier eigentlich hinaus: Ich kann (wieder) damit leben. Mein Leben hat engere Grenzen als ich mir das wünschen würde, aber innerhalb dieser Grenzen lebe ich doch wirklich gut. Es gibt sehr viel Schönes in meinem Leben. Ich habe eine grosse Auswahl an möglichen Aktivitäten, die mir Spass machen, die mir gut tun, die mich erfüllen. 

Ja, ich kann Vieles, was ich früher nicht konnte, und das trotz der Krisen dieses Jahres. Ich darf optimistisch sein, dass ich das, was ich in einer Krise an Handlungsmöglichkeiten verliere, mir wieder zurück erobern kann, Schritt für Schritt. Ich darf darauf hoffen, dass ich auch künftige psychische Krisen so elegant an meinem Job vorbei lotsen kann, wie ich das dieses Jahr getan habe. 

Ich darf auf mich stolz sein. Ich hab mich im Februar quasi selbst an den Haaren aus der Scheisse gezogen, als ich direkt vor der Psychose stand, und ich hab es Anfang Sommer wieder geschafft, als ich depressiv und meine Therapeutin wieder mal über Wochen hinweg nicht erreichbar war. Ich organisierte mir eine neue Therapeutin, die zwar auch ziemlich schräg, aber wenigstens erreichbar ist. 

Ich möchte, dass ich noch freier werde, ich möchte, dass meine Grenzen erweitert werden, Milimeter um Milimeter. Bis dahin feiere ich einfach alles, was geht.

2 Gedanken zu “Was alles geht.

  1. Das ermutigt mich auch grad, das Positive in meinem Leben zu sehen und eben nicht nur drauf zu schauen, was „nicht geht“. Und einfach sich nicht vorgaukeln lassen, dass es DAS perfekte, gesunde Leben ohne Krankheit und ohne Einschränkungen gibt. Denkt man (oder zumindest ich) manchmal wirklich, wenn ich anderen Menschen so zuschaue.

    Liebe Grüsse

    • Schon während dem Schreiben musste ich mich immer wieder an der Nase nehmen, wenn ich wieder ins Negative abdriftete (wie bei dem Exkurs zum draussen sein). Es liegt wohl einfach in unserer Natur, dass wir Negatives viel stärker beachten als Positives. Umso wichtiger, hin und wieder zu versuchen, den Fokus umzustellen.
      Was du beschreibst, wie andere Menschen auf dich wirken, das kenne ich sehr gut. Dieses Vergleichen… und doch, man weiss ja eben doch nicht, was bei anderen Menschen alles im Verborgenen abgeht. Und dass letzten Endes nur zählt, ob man glücklich ist oder nicht, ganz egal, wie die Lebensumstände gerade sind. Dir alles Liebe.

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