Routinen.

Es ist leider so, ich habe das in einem Beitrag zum Thema Struktur bereits ausführlich beschrieben, dass ich ein echtes Problem damit habe, mein Leben mit Sicherheit gebenden Routinen zu vereinfachen und stabilisieren. Meine wilde Zeit ist längst vorbei, schon lange habe ich nicht mehr das Gefühl, jedes soziale System dieser Welt boykottieren zu müssen und aus reinem Trotz alles abzulehnen, was gemäss irgendwelcher gesellschaftlicher Normen als richtig und wichtig gilt. Ich denke schon seit langer Zeit nicht mehr, dass ich mich selber irgendwie dramatisch von spiessigen Lebensentwürfen oder Haltungen krass abheben muss, damit mein Selbstwert und meine gefühlte moralische Überlegenheit meine Selbstakzeptanz irgendwie auf ein annehmbares Level schaukeln können. Ich lebe ein sehr durchschnittliches Leben mit sehr durchschnittlichen Rahmenbedingungen, zumindest, wenn man meine psychische Krankheit, meine Biographie und die Unmengen an Psychopharmaka, die ich seit Jahrzehnten schlucke, komplett ausblendet – oder schlicht nicht kennt.

Ich lebe seit Jahren in einer mehr oder weniger stabilen monogamen Beziehung. Ich habe einen halbwegs normalen Job mit halbwegs normalen Arbeitsbedingungen. Ich beziehe ein durchschnittliches Einkommen, oder ich würde es beziehen, wenn ich so viel arbeiten könnte wie der Durchschnitt. Ich bezahle meine Steuern, ich habe seit ein paar Jahren sogar ein Vorsorgekonto, um mir meine Rente im Alter – oder bei Arbeitsunfähigkeit – einigermassen zu sichern. Ich lebe ein ruhiges, unauffälliges Leben und versuche, mich tatsächlich ruhig und unauffällig durchzuschlagen.

Dennoch hat es fast 15 Jahre meines Erwachsenenlebens gekostet, bis ich mir in der Not der letzten, beruflich furchtbar stressigen Monaten echte Routinen basteln konnte, die mein Leben erleichtern und sichern. Ich denke, es hat mit meiner komplett chaotischen Kindheit und noch viel chaotischeren Jugend zu tun, dass mir das so schwer fällt, aber wahrscheinlich auch einfach mit meinem Charakter. Ich bin ein sehr sprunghafter Mensch, mit stark wechselnden Ideen und Tätigkeiten, manchmal auch Haltungen. Dazu kommt mein Krankheitsbild. Mit einer schizoaffektiven Störung zu leben bedeutet – zumindest in meinem Fall – dass ein grosses Mass an Beständigkeit einfach fehlt. Emotional, sozial, vom Energielevel her, ich bin einfach nicht beständig. Das führt nicht nur dazu, dass es für mich und leider auch für andere herausfordernd sein kann, Freundschaften und Kontakte zu pflegen, nein, es bedeutet auch, dass es mir wahnsinnig schwer fällt, in einem gewissen regelmässigen Rhythmus zu leben. Nach wie vor mache ich mich gerne z.B über Nachbarn lustig, die jahrein, jahraus und für mich ohne nachvollziehbaren Grund nach dem selben Wochenrhythmus leben: Wäsche waschen am Sonntag, Staub saugen am Montag, Sport am Dienstag, je nach je sogar mit fixem Menueplan für die ganze Woche.

Lustigerweise bin ich beruflich mittlerweile in einem Fachgebiet gelandet, in dem ein Grossteil meiner Klientel genau solche Strukturen und Routinen bevorzugt. Um das klarzustellen: Ich verurteile das nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass es das Leben einfacher und somit besser macht. Wenn ich mich lustig mache über solche Lebensmodelle, dann lache ich über Menschen, die garantiert nicht in dieses Spektrum fallen und – im konkreten Beispiel – sogar pensioniert sind.

Die letzten Monate waren für mich allerdings eine Grenzerfahrung im Bereich Belastung. Und plötzlich funktionierte ich nur noch mit Tagesplänen und Routinen. Es blieb mir gar nichts anderes übrig, als meinen Alltag dermassen zu strukturieren, dass ich irgendwie bestehen konnte und nicht einfach eine psychische Krise epischen Ausmasses provozierte. Meine Tage sind sehr voll. Ich muss sehr früh aufstehen, ich muss sehr weit fahren, um an meinen Arbeitsort zu gelangen. Weil ich mit dem ÖV unterwegs bin, muss ich alles mögliche, was ich an diesem Tag benötigen könnte, mit mir herumtransportieren. Aufstehen ist und bleibt ein echtes Problem (die Neuroleptika winken an dieser Stelle freundlich), also muss ich bereits abends alles mögliche parat machen und meine Schusseligkeit mit allen möglichen Mitteln zu übertölpeln versuchen. Ich habe mir also eine umfangreiche Abend-Routine gebastelt. Die sieht wie folgt aus:

Irgendwann zwischen 18:30 und 19:30 komme ich normalerweise zu Hause an. Zwischen 19 Uhr und 20:30 Uhr muss ich was essen. Am besten was mit ausreichend Kohlehydraten, sonst folgt nämlich zwischen 21 und 23 Uhr eine massive Fressattacke. Um 20:30 schlucke ich meine Medikamente. Zu diesem Zeitpunkt habe ich im besten Fall bereits die Küche aufgeräumt und irgendwas gemacht, was mich zumindest ansatzweise entspannt: TV, Social Media, malen, schreiben, ausgiebig kochen, rauchen. Irgendwann zwischen 21 und 22 Uhr mache ich Yoga. Meist reicht es nur für eine Viertelstunde, ohne wirkliche Anstrengung, nur progressive Muskelentspannung, ein paar Übungen für die Verdauung und ein paar Übungen für die Wirbelsäule (Rückenschmerz-Prävention).

Danach gehe ich entweder Duschen oder ich bereite mir bereits mein Frühstück für den nächsten Arbeitstag zu – und checke den Wetterbericht, meinen morgigen Arbeitstag und lege entsrpechend die Kleidung, die ganzen Utensilien, die ich zur Arbeit mitnehmen muss (Stichwort Backformen, USB-Sticks, Tablet, Lebensmittel und diverse Ordner und Bücher) zurecht. Im besten Fall überprüfe ich den Ladestatus meiner elektronischen Geräte sowie der Kopfhörer und lade alles auf, was aufgeladen werden muss. Ich kontrolliere meine Handtasche: Portemonnaie, Einkaufstaschen, Medikamente, Hygieneartikel sowie eine Notfall-Haarbürste, falls ich wieder mal verschlafe. Wenn ich mental gerade wirklich fit bin, koche ich mir irgendwann dazwischen mal Tee, weil ich sonst wieder zu wenig trinke und mein Körper rebelliert. Nach dem Duschen folgt – für meine persönlichen Verhältnisse – ausgedehnte Körperpflege: Ich benutze eine Feuchtigkeitscreme für mein Gesicht, ich bürste mir die Haare, ich kontrolliere mein Gesicht auf übermässige Behaarung, im besten Fall kontrolliere ich noch meine Fingernägel und allfällige Wunden (ich hab immer irgendwo welche, nie was schlimmes, und nein, ich füge sie mir nicht selber zu). Ich putze mir die Zähne, ziehe meinen Pyjama an und gehe innerlich noch mal durch, ob ich was vergessen habe: Wo liegt der Schlüsselbund? Welche Jacke muss ich anziehen? Wo sind Zigaretten und Kaugummis?

Irgendwann gegen 22:30 bis 23:30 (je nachdem, ob und wann mein Freund nach Hause kommt) falle ich ins Bett. Zu diesem Zeitpunkt bin ich in der Regel komplett erschöpft (Hallöchen, Neuroleptika), gleichzeitig würde ich unheimlich gerne noch mit jemandem reden, sei das nun mein Freund oder aber meine ganzen Social Media Kontakte. Ich muss mich zwingen, spätestens 23:30 das Licht zu löschen und zu schlafen – falls das denn auf Anhieb klappt.

Vermutlich klingt das alles sehr normal. So leben wohl viele Menschen meines Alters, zumindest die ohne Kinder. Warum ich das hier in aller Ausführlichkeit beschreibe, ist, weil es für mich so schwierig war und immer noch ist, diese Routine aufrecht zu erhalten. Ich muss im Bereich Struktur und Routine vieles, was andere instinktiv und automatisch tun, sehr bewusst und mit kognitiver Leistung tun. Ich weiss mittlerweile, dass mich diese Routine in stressigen Zeiten am Funktionieren hält. Aber ich weiss das erst seit etwa 1.5 Monaten. Nach wie vor ist es anstrengend, so zu leben, auch wenn ich weiss, dass dafür der nächste Tag weniger anstrengend sein wird.

Routinen helfen, auch mir. Ich wünsche mir die Energie, sie aufrecht zu erhalten.

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