Lebensträume 2.0

Es tut mir ja wirklich leid, dass mein Mitteilungsdrang gerade so gross ist, und dann auch noch zu einem gleichbleibenden Thema. Ich denke, das liegt einerseits daran, dass ich Ferien und somit viel Zeit zum Nachdenken habe, andererseits ist es vielleicht auch einfach mein Alter. Freunde und Verwandte heiraten, kriegen Kinder, kaufen ein Haus, gehen auf Weltreise, trennen sich, planen den nächsten Karriereschritt.

Ich dagegen plane die erste längerfristige Weiterbildung seit meinem Abschluss als Sozpäd 2008. Das Anmeldeformular hab ich bereits ausgefüllt, nur das Passfoto fehlt noch. Die Weiterbildung startet im September und dauert bis Januar 2017. Ja, 2017!! Mein Arbeitgeber übernimmt grosszügig die Kosten, allerdings muss ich mich bei ihm für fast 4 Jahre verpflichten, ab Ende der Weiterbildung. Das bedeutet im Klartext, bis Ende 2020 müsste ich dort arbeiten. Das sind über 5 Jahre!! Ich wäre dann 37!

Selbstverständlich kann man mit Geld alles regeln, sprich, ich kann mich jederzeit freikaufen. Solange ich das Geld für die Weiterbildung auf dem Konto hab, kann ich künden, wann immer ich will. Nur deshalb lasse ich mich überhaupt auf das Ganze ein. Ich habs nicht so mit längerfristigen Verpflichtungen, ich weiss ja nie, wann ich das nächste Mal psychotisch werde und wieder eine Stelle verliere.

Ich denke nicht, dass ich 2020 tatsächlich noch da arbeite. Dennoch: Das ist die beste Stelle, die ich je hatte. Wenn ich irgendwo 7 Jahre lang angestellt bleibe, dann vermutlich dort.

Nebst der Weiterbildung gibt es noch zwei weitere Baustellen. Die eine ist logisch verknüpft mit ihr: Wir müssen umziehen. Ich habe nur dann eine Chance, mein bisheriges Pensum plus das ganze Selbststudium auf die Reihe zu kriegen, wenn mein Arbeitsweg drastisch kürzer wird. Eine passende, bezahlbare Wohnung im EG zu finden, wird ganz schön schwierig. Aber sonst ist das Ganze von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Mit 3h Abeitsweg pro Tag laufe ich ja jetzt schon am Anschlag.

Und dann wäre da noch ein weiterer Lebenstraum, schmächtig und zerrupft, etwas, das ich ausser meinem Freund niemandem zu erzählen wage: Ich möchte meinen Trip nach Argentinien inklusive des ganzen folgenden Desasters aufschreiben, als Roman, als Buch oder E-Book, als etwas, das andere Menschen lesen, als etwas, das ich als mein „Werk“ ansehen kann. Mir ist bewusst, dass es einen Haufen Menschen gibt, die grösseres Talent zum Schreiben mitbringen und dennoch Schwierigkeiten haben, ein Buch zu veröffentlichen, und doch ist dies mein Traum. Ich will diese furchtbare und doch wundersame Geschichte veröffentlichen, ich will der Welt zeigen, was ein psychotischer Mensch erlebt, aber auch, was ein psychisch kranker Mensch alles leisten kann.

In meinem Schreibtisch liegt „Das Buch“, das Notizbuch, das ich mitnahm auf meine Reise, voll mit Zeichnungen und absurden Einträgen, live aus der Psychose meines Lebens. Ich habe es nicht mehr angesehen, seit ich aus der Psychiatrie ausgetreten bin. Es ist die personifizierte Büchse der Pandora, und ich werde es mir erst wieder ansehen, wenn ich mir bewusst die Kraft und die Zeit nehme, um diesen einen grossen Lebenstraum umzusetzen. Kann sein, dass das noch Jahre dauern wird, kann sein, dass das in der nächsten Psychose geschieht. Was solls. Ich habe ja auch so noch genug zu tun, so die nächsten 5 Jahre.

5 Gedanken zu “Lebensträume 2.0

  1. Auch ich habe schon etliche Lebensträume bach ab geschickt. Kinder gehören auch dazu. Wobei ich mir da nie ganz sicher bin, wie ich es benennen will: Ist es wegen meiner Erkrankung? Oder weil ich einfach immer besser merke, was ich überhaupt bin und welches Ziel mir „wirklich“ im Moment gut gelegen kommt. Gut gelegen im Sinne von meinen Kräften und meiner Entwicklung her machbar. Langer Reden, kurzer Sinn: Mein Leben eignet sich auch nicht mehr dafür, riesige Lebensträume zu haben. Aber die kleinen (welche teilweise immer noch weit über das hinaus gehen, was zBsp. meine Grossmutter sich erträumen durfte), die liegen drin. Ich bemühe mich also hauptsächlich darum, die richtigen und machbaren Lebensziele zu entdecken. Keine leichte Sache und oft auch Trauer, um das was scheinbar „alle“ können oder wollen und nur ich nicht. Danke für das Thema.

    • Liebe June
      Da sagst du was. Ich darf mich wirklich nicht beklagen, ich habe ein schönes, erfülltes Leben. Nur wenn ich anfange, mich und meine Wünsche mit dem zu vergleichen, was, wie du sagst, „scheinbar ‚alle‘ können“, werde ich unzufrieden und traurig. Wenn ich mich mit meinen Schwestern vergleiche, zum Beispiel. Die eine lebt allein und hat schon so die meisten Kontinente der Erde bereist, monatelang, alleine, mit dem Rucksack am Rücken. Die andere hat ein Kind und ein Haus mit einem Garten. Ich hätte am liebsten alles 🙂 aber ich hab halt andere Grenzen. Das muss ich akzeptieren und meine Ziele entsprechend anpassen. Meist kann ich das mittlerweile auch ohne riesigen Groll auf die Welt. Aber es gibt halt auch Zeiten, in denen ich mich trotz dem Bewusstsein, dass ich auf hohem Niveau jammere, in aller Form bemitleide und unzufrieden bin. Vielleicht hat das aber auch gar nicht nur mit meiner Krankheit zu tun, sondern es ist normal und menschlich und passiert jedem Menschen. Liebe Grüsse, My

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