Knapp vorbei.

Es ist soweit, ich bin an einem Punkt gelandet, an dem ich mir meine Gedanken von der Seele schreiben möchte, um eine beginnende Krise aufzufangen. Nach 5 Jahren Stabilität, wohlgemerkt. Es ist immer bitter, sich sowas eingestehen zu müssen. Gerade wenn die Hypomanie so schön greift, dass man sich für unbesiegbar und sagenhaft souverän hält. Ich weiss genau, wie es so weit kam, ich weiss genau, wie es sich aufgebaut hat dieses Mal. Das ist, und bei dieser Aussage hoffe ich wirklich, dass nicht nur mein hypomanischer Zustand aus mir spricht, ein gewaltiger Fortschritt.

Seit letztem Oktober habe ich in Absprache mit meinem zuständigen Psychiater die Medikamente reduziert. Seit 5 Jahren schluckte ich die selbe Dosis: 600mg Seroquel, immer abends. Das ist eine gewaltige Dosis, wenn man ein Arbeitspensum hat wie ich, und dass mein Arbeitsweg nach wie vor gewaltig ist, unterstützt die zu erwartende Dauererschöpfung (Seroquel sediert) noch zusätzlich. Ich sitze nach wie vor etwa 2.5 Stunden pro Tag im ÖV, ich habe ein Wochenpensum von 40-42 Stunden, ich habe wenig Freizeit, ich habe wenig Schlaf. Es ist schon ohne Neuroleptika nicht unanstrengend, so zu funktionieren. Klar, wir haben keine Kinder und unser Haushalt entgleitet uns manchmal ziemlich, aber im Ernst: Mein Leben ist nicht dermassen enstpannt und easy, wie es von aussen vielleicht aussieht. An den Wochenenden schlafe ich nach, putze, wasche, gehe Lebensmittel einkaufen, mache das Katzenklo sauber, koche endlich wieder mal warm, versuche, ein wenig Zeit mit meinem Freund zu verbringen. In den Ferien besuche ich meine Eltern, meine Schwestern, hüte meine Nichten, besuche vielleicht eine Freundin am anderen Ende der Deutschschweiz. Ich entsorge unser Recycling-Güter, ich kümmere mich um die Wohnung, ich gehe dringend benötigte Kleidung kaufen. Das alles ist gut, das alles ist normal, das alles ist mein Leben. Ich beklage mich nicht. Ich lebe gerne so, ich habe meinen Lebensstil gefunden. Meine Hobbies bereichern mich, ich male, ich kümmere mich um den Garten, ich versuche mich sogar in Handarbeit. Mein Leben ist so unendlich viel besser geworden in den letzten 5 Jahren, endlich fühle ich mich wohl, erfüllt, wertvoll.

Aber die Sache mit den Medikamenten – oder besser gesagt, die Tatsache, dass ich chronisch psychisch krank bin – , die verleiht meinem Leben halt einfach einen Druck, den andere in den selben Lebensumständen nicht haben. Diesen Druck kennen die wenigsten in meinem realen Leben. Nur meine engen Freunde, meine Familie, mein Partner, die kennen ihn, der ganze Rest meines sozialen Umfelds nimmt ihn nicht wahr. Die Menschen um mich herum merken vielleicht, wie vergesslich ich bin, wie viel Mühe es mir bereitet, morgens pünktlich aufzustehen oder wie unsäglich müde ich bei der Arbeit manchmal bin. Aber sie haben keine Erklärung dafür, ausser, dass ich halt ein Morgenmuffel bin, dass ich offenbar wahnsinnig viel Schlaf benötige, dass ich schusselig bin, dass ich vergesslich bin. Als ich einmal fehlte wegen Migräne, blaffte mich ein Mitarbeiter am nächsten Tag an, ob ich „feiern“ gewesen sei. Obwohl mir egal sein kann, was er denkt, verletzte mich das ziemlich. Nein, ich war nicht feiern, ich hatte tatsächlich Kopfschmerzen, vielleicht bedingt durch den Schlafmangel der Tage davor, wer weiss das schon, aber ich würde nie einfach blau machen, weil ich „feiern“ gehe. Ich gehe sowieso nicht unter der Arbeitswoche „feiern“, das liegt schlicht nicht drin bei meinem Job und meinem Belastungsgrad und meinem Schlafbedarf.

Als ich also anfing, meine Medikamenten-Dosis zu reduzieren, war ich höllisch vorsichtig. Ich wollte um alles in der Welt einen Super-GAU verhindern. Zwei Monate vergingen, ich sass wieder beim Psychiater, als er mich fragte, wie es mir gegangen sei. „Gut“, sagte ich. Ich war ehrlich. „Ich merke keinen Unterschied zu vorher“, gab ich bekannt, „und meinem Freund ist auch nichts aufgefallen.“ Der Psychiater war zufrieden und wir vereinbarten, die Dosis um weitere 100mg zu senken. Knapp 3 Monate später sass ich wieder beim Psychiater. „Es geht mir gut“, sagte ich wieder, „ich bin heute sehr, sehr müde, weil das eine so anstrengende Arbeitswoche ist. Aber abgesehen davon geht es mir gut.“ Der Psychiater war erneut zufrieden und meinte, ich könne ja künftig die Dosis selbst ein bisschen variieren. „Wenn Sie in Urlaub fahren, vor allem ausserhalb des Landes, erhöhen Sie einfach wieder um 100mg, oder sogar um 200mg.“ Er instruierte mich, wie ich genau die Dosis variieren soll, und ich verabschiedete mich.

Ich habe die Dosis dann tatsächlich selber wieder um 100mg erhöht, als ich feststellte, dass die Arbeitswochen nicht weniger anstrengend werden, sondern der immense Druck, den ich beruflich gerade erfahre, konstant bleibt. Weil ich aber nach wie vor dachte, dass es mir grundsätzlich gut geht, nahm ich die Anzeichen der beginnenden Hypomanie nicht so ernst. Ich nahm sie wahr, benannte sie auch so, aber ich dachte, ach komm, du hast einfach eine sehr wache und fokussierte Phase, das ist doch eigentlich was Gutes. Es passierte vor etwa einer Woche, dass das Ganze plötzlich ernst wurde. Ich entwickelte paranoide Gedanken, die ich zunächst auch gut begründen konnte. Mein Freund konnte alles relativieren. Ich schlief schlecht, aber ich schlief. Es wurde Sonntag, bis mir sonnenklar wurde, dass ich kurz vor einer Psychose stehe. Ich habe über all die Jahre und all die Hypomanien, die Manien, die Depressionen, die Halluzinationen, die Paranoia immer wieder eine Art Tagebuch geführt. Dies, um mich in der aktuen Situation zu entlasten, aber auch, um mich in der nächsten solchen Phase wieder an diese Gedanken und emotionale Zustände zu erinnern. Mein Gedächtnis ist, wie ich hier einmal beschrieben habe, zersplittert wie ein antikes Mosaik. Schriftliche Dokumente helfen mir, meine Biographie mit Daten und Ereignissen einigermassen rekonstruieren zu können.

Jedenfalls, ich musste meine Einträge letzten Sonntag nicht lesen, um zu begreifen, in welchem Zustand ich gerade bin. Es sind immer die selben Muster, nach denen mein Gehirn funktioniert in solchen Zuständen. Ich kenne mich mittlerweile ausgezeichnet, und sogar die Hypomanie konnte mich letzten Sonntag nicht mehr von meinen reflektierenden Gedanken abhalten. Die Paranoia packte ihre Sachen und rannte schreiend davon, als ich meinem Freund erzählte, was mit mir los ist. Genau das hasst sie, die dumme, besitzergreifende Nuss. Ich kontaktierte meinen Psychiater und informierte enge Freunde, wie es mir geht (nur solche, die mich real kennen).

Tja. So sieht es also aus mit mir und meinem Leben. So schnell kann es gehen, so schnell bin ich am Rand. Es ging glimpflich ab, dieses Mal. Ich habe richtig reagiert. Mein Psychiater hat richtig reagiert (er antwortete mir zeitnah und gab mir Anweisungen). Mein Freund hat richtig reagiert. Meine Freunde haben richtig reagiert. Niemand wurde panisch, alle haben mich unterstützt. Ich bin unendlich dankbar, so viel Unterstützung habe ich noch nie erhalten. Bisher war ich immer sehr allein mit solchen Zuständen. Klar habe ich meinen Freund, aber er ist kein Psychiater und überschätzt mich oft. Klar habe ich eine Familie, aber meine Familienmitglieder werden panisch, wenn sie erfahren, dass es mir nicht gut geht (ich kann es ihnen auch nicht verdenken).

Beruflich konnte ich vieles lösen letzte Woche. Es wird besser weitergehen für mich. Auch da, so viel Verständnis (ohne dass ich erwähnte, wie es mir psychisch geht) habe ich noch nie erfahren in meinem gesamten Arbeitsleben. Ich kann es kaum fassen, wie nett man mit mir umging, als ich benannte, dass ich gestresst und unzufrieden bin – und warum genau.

Die letzten 5 Jahre waren ein Geschenk für mich. Vom Universum direkt an mich. Danke, Universum.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s