Die Sache mit dem Schwimmbad.

„My, hast du sexuellen Missbrauch erfahren?“ „Nein!!“ Meine Antwort kam schnell, und sie kam schroff. „Oh“, Katharina schien überrascht. Dann erzählte sie davon, dass sie selber sexuell missbraucht wurde, damals, als Kind. Ich nickte unwirsch, ich wollte das nicht hören, warum erzählt sie mir diesen Mist, dachte ich, die hat doch eine Schraube locker. Ich war 19, nach den 6 Wochen Psychiatrie hatte man mich in eine betreute WG gesteckt, zusammen mit 9 anderen Psychos und 2 Betreuerinnen und 2 Betreuern. Wobei, nein, eigentlich mit 10 anderen Psychos und 1 Betreuerin und 2 Betreuern, denn Katharina wurde zwar auch fürs Betreuen bezahlt, war aber ganz offensichtlich selber dezent angeknackst. Ich hatte besonders viel Glück und hatte ausgerechnet Katharina als Bezugsperson aufs Auge gedrückt bekommen. Ganz recht, ich konnte sie nicht leiden, mit ihren bimmelnden Kleidern und ihren Räucherstäbchen, und ich empfand sie nicht als besonders professionell. Sie hatte auch keine Ausbildung, um psychisch Kranke zu betreuen, erfuhr ich später, dafür „viel Lebenserfahrung“. Rückblickend empfinde ich zwar immer noch keine Sympathie, aber bin milder, wenn ich an Katharina denke. Vielleicht hat sie ja anderen Menschen helfen können. Mir halt einfach nicht. (Andererseits hat sie mir auch nicht geschadet. Nicht so wie einer der 2 Männer im Team dieser betreuten WG. Ganz recht, der, der mich angetatscht hat, unter einem Tisch, während ich in Schockstarre verfiel und nicht mal etwas sagen konnte.)

Ich war 24, als die Sache mit dem Schwimmbad wieder hochkam. So richtig hochkam. Manchmal denke ich, dass das so lange ging, lag auch daran, dass ich lange dachte, man dürfe sowas nicht „sexuellen Missbrauch“ nennen. Wirklich. Als Katharina danach fragte, als ich 19 war, war ich sicher, dass ich die korrekte Antwort gegeben hatte. Ich konnte sie zwar nicht ausstehen, aber ich wollte sie nicht anlügen. Ich war in einem Umfeld aufgewachsen, in dem über Sex im Allgemeinen nicht gesprochen wurde, oder wenn schon, dann in irgendwelchen Witzen, die ausschliesslich von den Männern gemacht wurden, ekliges, dröhnendes Gelächter zur Folge hatte und die ich nicht verstand. Alles, was ich über Sex und damit auch sexuellen Missbrauch wusste, als ich selber missbraucht wurde, war, dass dazu gehörte, dass der Penis eines Mannes in der Vagina einer Frau stecken musste. Und das war bei mir nicht der Fall. Seine Finger steckten in meiner Kinder-Vagina, nicht sein Schwanz. Seine Finger befummelten ausserdem meine Kinder-Brüste, aber von Fingern hatte nie jemand was gesagt, die kamen in meinen Informationen rund um Sex nicht vor.

Für diesen Text habe ich noch kurz gegoogelt, was denn nun wirklich als Definition von „sexuellem Missbrauch“ gilt. Im Internet steht:

„Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können.“

Ja, das trifft auf die Situation im Schwimmbad zu. Heute, mit 34, weiss ich, dass das sexueller Missbrauch war. Damals wusste ich es nicht. Was nämlich noch dazu kam, nebst der Abwesenheit eines involvierten Penis: Ich hatte nichts gesagt, ich hatte nicht geschrien. Ich hatte nur versucht, mich körperlich zu wehren, aber ohne Erfolg. Es war ein erwachsener Mann, ein junger Mann mit schwarzen Haaren, und ich war 10 oder 11 Jahre alt (ich weiss nicht mehr, ob es vor oder nach meinem 11. Geburtstag war). Ich schwamm Längen, im tiefen Wasser, hinter meiner älteren Schwester her, die unbedingt einen ganzen Kilometer schwimmen wollte. Ich konnte nicht besonders gut schwimmen, ich keuchte hinter ihr her und schluckte Unmengen an Wasser. Da fing das Ganze an. Jemand schwamm dicht neben mir her und streifte meine Arme und Beine. Ich ruderte noch wilder und schluckte noch mehr Wasser. Die Berührungen waren unangenehm, aber das kann halt passieren im Schwimmbad, sagte ich mir. Bei der nächsten Länge allerdings wurde ich wieder von jemandem gestreift, diesmal am Bauch. Ich konnte nicht sehen, wer der Idiot war, der immer wieder in mich reinschwamm. Er war weit unter mir im Wasser, er tauchte. Ich konnte nicht tauchen, und ich ging immer noch davon aus, dass es ein Missgeschick war. Bis er anfing, unter meinen Bikini zu greifen. Ich versuchte, ihn mit meinen Armen und Beinen wegzustossen und zu treten, da drückte er mich unter Wasser und ich ersoff fast. Dabei griff er in meine Vagina, er griff an meine Brüste, er griff überall hin. Ich hatte Panik, aber ich war wie gelähmt. Ich versuchte, einfach davon zu schwimmen, dabei wiederholte sich das Ganze, ich weiss nicht mehr, wie oft. Irgendwann hatte ich den Rand erreicht, ich sprang aus dem Becken und rief meiner Schwester zu, ich wolle nach Hause. Sie wollte nicht gehen, sie wollte ihren Kilometer fertig schwimmen. Ich sah den Mann, wie er auftauchte und mich ansah. Er war gross und kräftig und hatte schwarze Haare. Er sah jung aus. Ich rannte auf das Mädchenklo und versteckte mich dort. Ich war komplett verstört und versuchte zu verstehen, was geschehen war. Es gelang mir nicht. Ich wusste nicht, was das war, ich wusste nur, dass man vermutlich schreien sollte, wenn sowas passiert, und dass ich das nicht gemacht hatte. Ich dachte deshalb wirklich, es sei wohl meine Schuld. Ich hatte mich nicht genug gewehrt. Ich stand vor dem Spiegel des Mädchenklos, im ersten Bikini meines Lebens, und fragte mich, ob das passiert war, weil ich einen Bikini trug. Ich hatte noch nicht richtige Brüste wie meine Schwester, bloss so Mini-Mädchenbrüste. Aber vielleicht war trotzdem der Bikini Schuld? Zusammen mit mir, weil ich mich nicht richtig gewehrt hatte?

Es hat viele Jahre gedauert, bis mir klar war, dass es wirklich nicht meine Schuld war, und dass das tatsächlich ein sexueller Übergriff war. Noch viel länger hat es gedauert, bis ich anfing, die Ereignisse, die in diesem Alter über mich hereinbrachen, in einen logischen Zusammenhang zu stellen. Ich war 10 oder 11, als ein Mann seine Finger in mich reinsteckte, ich war 10 oder 11, als meine Menstruation einsetzte. Ich war 10 oder 11, als ich nicht mehr duschte, als ich anfing, zu stinken, ich war 10 oder 11, als ich in der Schule einnässte. Ich war 10 oder 11, als die Gesichter um mich herum verschwammen. Vor einem meiner Mitschüler entwickelte ich eine irrationale Angst, dabei war er einer der wenigen, die mich nicht richtig quälten. Erst mit 24 verstand ich, warum. Er hatte schwarze Haare und glich dem Mann im Schwimmbad. Ich war mir mit 11 plötzlich nicht mehr sicher, ob vielleicht er es gewesen war, im Schwimmbad. Heute weiss ich: Er war es nicht, es war ein Mann gewesen, kein 11jähriger Junge. Aber ich geriet in einen Strudel, damals, in dem sich alles vermischte, in dem ich vor Allem und vor Allen Angst hatte und in dem ich niemandem mehr traute. Meiner Mutter hatte ich zwar von der Sache im Schwimmbad erzählt, aber sie hatte mir gar nicht richtig zugehört.

Mit 24 konfrontierte ich sie damit. Ich war gerade hochpsychotisch, und alles kam hoch. Ich verstand auch plötzlich die Zusammenhänge des ganzen Schlamassels, das Mobbing, das Verwahrlosen, die verschwimmenden Gesichter (ich konnte die Menschen nicht mehr voneinander unterscheiden), das Einnässen, alles ergab plötzlich Sinn. „Warum hast du nicht darauf reagiert?!“, ich wollte endlich eine Antwort von meiner Mutter. Und sie gab mir eine: „Was? Ich erinnere mich nicht. Das hast du mir nie erzählt!“ Damit musste ich erst einmal fertig werden. So vieles weiss ich nicht mehr genau. Meine Erinnerungen sind zersplittert, wie ein Mosaik. In jeder Psychose gerät das Ganze komplett durcheinander, und danach ordne ich die nächsten Jahre, ohne gänzliche Sicherheit, dass ich eine bestimmte Erinnerung korrekt eingeordnet habe. Aber ich hatte eine ganz deutliche Erinnerung daran, wann, wo und wie ich meiner Mutter davon erzählt hatte. „Wir sassen im Auto. Du hattest mich aus der Schule abgeholt. Ich habe dir vom Schwimmbad erzählt, und du hast mir daraufhin geraten, nie mit fremden Männern mitzufahren, wenn sie mit dem Auto anhalten und mich mitnehmen wollen.“ „Keine Ahnung, My, ich erinnere mich nicht daran.“

Meine Mutter war psychisch krank, damals. Sie war depressiv, und sie hatte „keine Energie mehr für das fünfte Kind“. Dummerweise war ICH das fünfte Kind. Ich war zwölf, als sie nicht mehr leben wollte, das aber leider keinem Psychiater, sondern mir erzählte. Ich habe damals schon gedacht: Warum hast du auch 5 Kinder bekommen müssen. Es wäre allen gedient gewesen, du hättest es mit 4 gut sein lassen.

Die Geschichte schüttelt mich durch, auch mit 34 noch. Mittlerweile denke ich, vielleicht habe ich meinen Beruf auch gewählt, um dagegen anzukämpfen, dass gewisse Kinder kaputt gehen, wenn sich niemand richtig um sie kümmert. Meine Mutter hat versagt. Das sieht sie selber überhaupt nicht so, wahrscheinlich sieht das ausser mir niemand so, aber ich für mich weiss: Sie hat versagt, beim fünften Kind hat sie versagt. Vieles nehme ich auf mich, ich war wohl einfach ein besonders dummes Kind, das ganz vieles nicht selber begriffen hat, was andere Kinder intuitiv begreifen. Ich bin nicht mit meiner Periode zurecht gekommen, ich wusste nicht einmal, wie man Damenbinden benutzt. Wahrscheinlich ist es auch nicht normal, dass eine 10jährige schon menstruiert, was weiss ich. Ich wusste nicht, dass man täglich duschen sollte ab einem gewissen Alter, das hatte mir niemand gesagt, da es meine anderen Geschwister offenbar selber begriffen. Ich wusste nicht, dass man Socken und Unterwäsche täglich wechseln sollte und dass man ein Deo benutzen sollte, auch das, meine älteren Geschwister hatten das offenbar einfach selber gecheckt. Ich wusste nicht, dass man es einer erwachsenen Person erzählen durfte, wenn man in der Schule geschlagen, bespuckt, ausgelacht, bedroht wurde. Ich weinte einfach, nächtelang, und wollte nicht mehr zur Schule gehen, was ich mich aber nie getraut hätte zu sagen. Ich habe zu Hause nicht wirklich erzählt, was ich in der Schule durchmachen musste, auch das, ich nehme es auf mich, ich war irgendwie zu blöd dafür. Was ich aber definitiv nicht auf mich nehme, ist die Sache mit dem Schwimmbad und die Reaktion meiner Mutter darauf. Das verzeihe ich nicht, Depression hin oder her, wenn ein Kind erzählt, dass ein Mann im Schwimmbad unter seinen Bikini gegriffen hat, dann ist es die verdammte Pflicht eines Elternteils, das ernst zu nehmen.

Ich erinnere mich an einen polnischen Praktikanten, der auf dem Hof meiner Eltern arbeitete, als ich etwa 8 Jahre alt war. Als er nach einem Jahr ging, sagte er zu meiner Mutter: „Passt gut auf My auf. Das ist ein besonderes Kind.“ Wie soll ich sagen, das hat meine komplette Familie vergeigt.

Mit 30, nach einer neuen, krass psychotischen Krise, wollte ich unbedingt ein Kind. Ich wollte endlich Mami werden. Meine damalige Psychologin war von dieser Idee gar nicht begeistert. Sie bohrte so hartnäckig in meiner Kindheit herum wie sonst niemand zuvor. Ich habe damals in dieser Tagesklinik die Sache mit dem Schwimmbad auch zum ersten Mal offiziell erwähnt. Ich musste ein enormes Formular mit meinen ganzen biographischen Eckpfeilern ausfüllen, und eine Sparte war da „Sexualität“. Ich erinnere mich, wie sich in mir Widerstand formierte, als ich das sah, wie ich aber, postpsychotisch-beschwingt dachte „was solls, die sollen bloss nicht denken, mich juckt das“ und haarklein alles zu Papier brachte. Die Psychologin damals also, die meinte eines Tages: „Wissen Sie, ich habe den Verdacht, Sie möchten ein Kind, weil Sie an ihm all das, was Ihnen passiert ist, wiedergutmachen möchten. Eigentlich wollen Sie sich selber beschützen und trösten, Sie möchten an einem Kind alles richtig machen, was man bei Ihnen falsch gemacht hat.“ An dieser Aussage hatte ich wenig Freude. Aber jetzt, 4 Jahre später (und immer noch kinderlos), denke ich, sie hatte Recht. Und ich bin abgesehen davon sehr froh, dass ich kein Kind habe.

Was passiert ist, kann niemand ungeschehen machen. Ich muss damit leben, sowohl mit dem sexuellen Missbrauch wie auch mit der Tatsache, dass meine Mutter versagt hat. Es bleibt halt einfach bitter, auch nach all den Jahren.

Veränderungen.

Ich hielt mich mal für super flexibel. Ehrlich. In Bezug auf meinen Wohnort hatte ich noch bis vor kurzem (genauer gesagt, bis vor unserem Umzug, nicht wahr) das Gefühl, mich mit fast allem arrangieren zu können. Naja, ich hatte mich ja auch wirklich schon mit allem möglichen arrangiert in dieser Hinsicht, mit enormen Arbeitswegen, zum Beispiel, mit unheizbaren Räumlichkeiten, als weitere Möglichkeit, mit verschimmelten Waschmaschinen, mit gesichtslosen Plattenbauten, mit unbekannten Gruppen-Übernachtungsgästen morgens im Badezimmer, ich würde, kurz gesagt, echt behaupten, ich hab schon einiges mitgemacht, so Wohnungs-technisch. Die traurige Wahrheit in Bezug auf meine Flexibilität holt mich aber jetzt gerade, kurz nach unserem letzten Umzug, ziemlich ein: Ich bin nicht flexibel, nicht mehr, und vielleicht war ich es auch gar nie wirklich.

Es ist nicht so, dass es mir nicht gefällt in unserer neuen Wohnung, bewahre, sie ist um Welten besser als unsere letzte. Es ist nur so, dass ich mich einfach an die Veränderung und das ganze Chaos, das eine solche Veränderung mit sich bringt, gewöhnen muss. Und es IST einiges anders, nicht nur einfach der Standort meines Bettes oder des Sofas. Mein Freund hat jetzt einen realen Arbeitsweg, für den er das Auto braucht, zum Beispiel. Es ist nicht so, dass mir das nicht bewusst war, als wir den Umzug ins Auge fassten. Aber es ist halt doch neu, dass ich das Auto kaum mehr benutzen kann, weil mein Freund ja eben 4mal pro Tag damit seinen Arbeitsweg zurück legen muss. Mein Freund kommt abends noch später nach Hause, als anderes Beispiel. Auch das, absehbar, aber halt doch einfach anders. Wenn er gegen 22:30 oder später nach Hause kommt, bin ich oft dermassen müde, dass ich kaum noch imstande bin, ein normales Gespräch zu führen. Ich muss mir einen Haufen neue Geschäfte suchen, als drittes Beispiel. All den Kram, den man halt nicht in jedem normalen Supermarkt bekommt, und durch meine sorgfältigere Wahl  (als früher) an sowohl Lebensmitteln wie auch Pflegeprodukte kommen da einige Sachen zusammen, muss ich jetzt wieder mühsam zusammensuchen. Ich war bisher in 2 Drogerien und 1 Apotheke, ohne dass ich ein Produkt gefunden hätte, das „meiner“ Reismilch, die ich täglich konsumierte, auch nur einigermassen nahe kommt. Ich bin noch weiter weg von meiner Familie und meiner Freundin, als letztes Beispiel. Weil ich selbst am Wochenende das Auto nur schlecht nutzen kann, sind Besuche schwieriger geworden.

Mein Freund hat auch Mühe, das überrascht mich nicht. Es geht uns beiden gerade sehr ähnlich, das hingegen überrascht mich sehr. Er kümmert sich wirklich rührend um mich und beseitigt nach und nach das Chaos in unserer Wohnung, „damit du nicht die Krise kriegst und wieder alle Räume betreten kannst“. Ich kann es mir, sei an dieser Stelle angefügt, nicht recht erklären, die Sache mit dem mich so verstörenden Chaos, war ich doch früher das personifizierte Chaos, meine ersten WG-Zimmer wären vom Tierschutz geräumt worden, wäre ich eine Springmaus, aber wie dem auch sei, es ist so, Chaos kann mich mittlerweile fertig machen.

Ich versuche, mit den Änderungen zurecht zu kommen, und ich werde das auch. Abgesehen davon hinterfrage ich mittlerweile auch gewisse „unantastbaren Konstanten“, die für mich jahrelang nie zur Debatte standen. Meine Medikamente, zum Beispiel. Nein, ich bin nicht bescheuert und setze sie ab, keine Angst… aber ich frage mich gerade wirklich, ob die Dosis noch stimmt, und ob die Einnahmezeit wohl wirklich klug ist. Es gibt diese bestimmte Form von Müdigkeit, die ich, und das wirklich erst seit dem Umzug, ziemlich direkt mit den Medis in Verbindung setze. Es ist dieser Zustand, wenn ich kaum noch sprechen kann, wenn meine Zunge schwer ist, als ob ich betrunken wäre. Die setzt üblicherweise so 1 – 2 Stunden nach der Einnahme ein. So zumindest beobachte ich das seit ein paar Wochen. Früher dachte ich „na ja, Schlafmangel, zu wenig Erholung, berufliche überforderung, kein Wunder, bin ich abends total fertig“. Mein Freund meinte kürzlich, ich solle weniger im Garten arbeiten, weil ich dann immer so müde wäre. Aber körperliche Müdigkeit fühlt sich anders an. Körperliche Müdigkeit, bzw. Erschöpfung nach körperlicher Arbeit, fühlt sich gut an. Ich brauche wohl dieses körperliche, das verschafft mir Bodenhaftung und löst meine innere Anspannung. Seit ich den Garten habe, war ich nie mehr so unsäglich angespannt abends, nur müde. 

Die Medikamente, die ich schlucke, wirken sedierend und werden normalerweise vor dem Schlafengehen eingenommen. Ich schlucke sie seit Jahren um 19 Uhr 15. Ganz einfach, weil ich Angst habe, dass ich sonst morgens nicht erwache und zu spät zur Arbeit komme. Ich habe jetzt beschlossen, ich stelle jetzt mal um. Ich nehme sie einfach mal eine Woche lang um 20:30. Ich versuche, zu merken, wie es mir damit geht.  Ja, das klingt idiotisch, man merkt ja schliesslich, wie es einem geht, nicht wahr? Tja, ich leider nicht immer. 

Vielleicht ist es bescheuert, in einer Zeit der Veränderungen, die man verarbeiten muss, auch noch selber Veränderungen hinzu zu fügen, die einen belasten könnten. Aber, und das ist das Positive der ganzen Geschichte, es kann im besten Fall vielleicht dazu führen, dass meine Lebensqualität wirklich steigt. Weil sich einiges verändert hat, weil ich mutig genug geworden bin, Sachen zu verändern. Warten wir es ab.

Die Liebe, Teil II.

Wir sind schon ewig zusammen. Über 12 Jahre, eine echte Langzeitbeziehung. Wenn ich zurück denke, bin ich manchmal fast ein wenig traurig. Es hat lange gedauert, bis ich mit unserer Beziehung so zufrieden war, wie ich es heute bin. Vieles wäre einfacher gewesen, wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich heute weiss. Ich ahnte schon lange, dass mit meinem Freund etwas nicht stimmt. Dass er anders ist als die meisten Männer in seinem Alter. Seit ich ihn kenne, hat er massive Probleme mit sich selber und massive Probleme bei der Arbeit. All die Nächte, in denen er nicht schlief, sondern Panikattacken schob. Hyperventilierte, wirres Zeug redete, manchmal auch weinte. Ich denke, so seit 10 Jahren versuchte ich, ihn zu einer Therapie zu überreden. Er wollte das nicht, er sagte, wenn er einmal bei einem Psychologen sei, werde er in eine Psychiatrie gesperrt. 

Wir waren gegen aussen einmal das, was man gemeinhin als normales junges Paar betrachtet. Beruflich mehr oder weniger erfolgreich, eines jener Paare, denen man ein gutes Einkommen, ein aktives Sozialleben, eine Perspektive mit Heirat, Kindern, Haus zuschrieb. Aber eben, in Wahrheit waren wir das nie.

Es ist nicht so, dass wir es nicht versucht hätten. Rückblickend würde ich sagen, genau das war das Problem. Wir versuchten, möglichst normal zu leben. So zu leben, wie es die ganzen anderen jungen Paare in meinem Bekanntenkreis taten. Es funktionierte nicht, es funktionierte nicht mal ansatzweise. Wenn ich daran denke, wie viel Druck ich meinem Freund in jenen Zeiten auferlegte, wird mir schlecht. Er hatte keine Freunde, er hatte eine völlig desaströse Familiensituation, er hatte ausser mir so gut wie keine Sozialkontakte. „Das ist nicht gut“, befand ich, „das muss ändern“. Als wir zusammenzogen, brachte ich ihn tatsächlich dazu, dass er in die Feuerwehr ging. „Dort lernst du andere Leute kennen“, meinte ich, „das wird dir gut tun“. Wie soll ich sagen, rückblickend könnte ich mich dafür ohrfeigen. Mein Freund ging hin, aber er war maximal gestresst. Er machte sich riesige Sorgen, dass er etwas falsch machen könnte und sich nicht an die ganzen Abläufe erinnern würde im Ernstfall. Als er dann auch noch das Pikett-Telefon für Notfälle hüten musste, eskalierte sein Stress völlig. Er schlief nicht mehr, weil er befürchtete, dass er das Notfall-Handy nicht hört und wegen ihm die halbe Stadt abbrennt. Er trat also wieder aus aus der Feuerwehr. Freunde hatte er dort übrigens keine gefunden, wer hätte das gedacht.

Mein Freund tat sich immer furchtbar schwer damit, wenn er mit mir irgendwo hin gehen sollte, wo andere Leute waren. Parties konnte er nicht ausstehen, aber auch diese Abendessen bei irgendeiner Freundin mit lauter anderen Pärchen waren ihm ein Graus. Ich erinnere mich, wie ich ihn anflehte, wenigstens ab und zu mitzukommen, weil meine Bekannten sonst denken würden, dass er gar nicht existiert und nur eine weitere absurde Halluzination von mir war. Noch schlimmer war es für ihn, wenn ich ihn in einen Nachtclub schleifen wollte, oder an irgend ein Fest. Er fühlt sich in Menschenmengen äusserst unwohl, er hat das Gefühl, alle würden ihn anstarren, machten sich über ihn lustig, was auch immer. Ich konnte das beim besten Willen nicht verstehen. Mein Freund ist ein wirklich gut aussehender, sportlicher Mann. „Du hast eine Sozialphobie“, diagnostizierte ich klugscheisserisch, „das kann man therapieren“. Aber er wollte keine Therapie.

Mein Freund verbrachte immer schon sehr viel Zeit vor seinem Computer. Den grössten Teil seiner freien Zeit, wenn er nicht gerade schlief. „Das ist nicht gut“, befand ich. Ich steckte viel Energie darin, ihn zu irgendwelchen Outdoor-Aktivitäten zu überreden – obwohl ich selber auch überhaupt nicht der Typ für sowas war. Aber es war doch das, was normale Pärchen in unserem Alter offenbar taten. Ausserdem konnte er, ganz egal, wo er gerade arbeitete, nie abschalten von der Arbeit. Er machte immer enorm viele unbezahlte Überstunden, um dann zu Hause quasi weiterzuarbeiten. Die Probleme bei der Arbeit nahm er mit nach Hause. „Du musst lernen, abzuschalten!!“, versuchte ich, ihm einzubläuen. Geholfen hat das wenig.

Es hat lange gedauert, bis ich diese Idee, dass wir ein normales Paar sein sollten, aufgab. Das, obschon bei mir ja immer klar war, dass ich definitiv nicht normal war. Seit ich 19 bin, habe ich den Stempel „psychisch krank“, früher hiess es „bipolare Störung“, seit ein paar Jahren heisst es „schizoaffektive Störung“. Das wusste ich, aber das hielt mich nicht davon ab, einem Ideal hinerher zu rennen, das überhaupt nicht zu uns gepasst hat. 

Was die Wende brachte, war dann für mich wirklich die Diagnose meines Freundes. Als es bei einem Arbeitgeber wieder einmal völlig eskalierte, musste er eine Therapie anfangen. Und dann kam eins nach dem anderen. IV, ein Gutachten, eine Diagnose, eine Teilrente. Er scheiterte auf dem Papier in aller Form, aber eigentlich wurde es ab da besser. Ich verstehe meinen Freund viel besser, seit ich seine Diagnose kenne. Es sind nicht einfach Depressionen, er hat eine anankastische Persönlichkeitsstörung. Er ist so, er wird immer so sein. Es ist nicht hilfreich, ihm ständig Druck zu machen. Er macht sich selber schon genug Druck. 

Ich liebe meinen Freund, und ich finde, wir passen sehr gut zusammen. Wir sind heute sehr glücklich miteinander. Es gibt immer noch Tage, an denen mein Freund an sich und der Welt verzweifelt. Dann ist er mutlos, fühlt sich als Versager, findet, er könne mir nichts bieten und sei nur eine Belastung. Aber diese Tage sind selten, und sie gehen vorbei. Häufiger sind die Tage, an denen wir zusammen lachen, einander Blödsinn erzählen, miteinander essen, miteinander blöde Serien gucken, miteinander reden, einander unterstützen. Wenn sich mein Freund vor seinen Computer zurückzieht, dann lasse ich ihn das machen. Ich habe genug Hobbies, die ich alleine machen kann. Und dann kommt er, sieht sich meine Bilder an, gibt Kommentare ab. Da ist sehr viel Nähe, sehr viel Vetrauen, sehr viel Geborgenheit. Wenn ich unter Leute gehen, was trinken, tanzen, mich jung fühlen will, dann mache ich das ohne ihn. Ich habe genug andere Menschen, mit denen ich das machen kann. 

Manchmal ist es auch heute noch irgendwie schön, wenn Menschen uns für eines dieser normalen Paare halten. Man sieht uns offenbar meistens nicht an, dass wir es nicht sind. Ich lächle dann, und denke: „Wenn du wüsstest.“ Nein, wir sind kein normales Paar, und wir werden das auch nie sein. Das ist in Ordnung. Sie hat uns dennoch gefunden, die Liebe.

Liebster Blog Award.

Juhu, ich wurde von Untertauchen nominiert! Vielen Dank! 

Und jetzt darf ich darum die folgenden Fragen beantworten:

Worüber bloggst du und warum?

Ich blogge hier über meinen Alltag, über meine Biographie, über das, was mich gerade beschäftigt, alles in Bezug auf meine psychische Krankheit. Ich habe eine schizoaffektive Störung, lebe damit meistens ganz gut, getraue mich aber, seit ich deswegen einen Job verloren habe, nicht mehr, öffentlich dazu zu stehen. Dieses Blog habe ich eröffnet, um einerseits einen Schritt in Richtung Offenheit bezüglich meiner Diagnose zu tun, andererseits, weil ich erzählen möchte, wie mein Leben mit einer chronischen psychischen Krankheit aussieht. Für andere Betroffene, für Nicht-Betroffene, für Menschen ausserhalb meiner kleinen sozialen Blase. Und dann mache ich das auch einfach für mich selber. Schreiben tut mir gut, schreiben hilft mir, Ordnung im mein inneres Chaos zu bringen. Oft fühle ich mich besser, wenn ich gebloggt habe.

Welche Sprachen sprichst du und wie hast du sie gelernt?

Ich spreche Schweizerdeutsch, in einem Dialekt so breit wie der Hintern eines Haflingers. Den hab ich von meiner Familie gelernt. In der Schule habe ich dann hochdeutsch gelernt, meine Aussprache ist allerdings auch da mindestens so breit wie ein halber Hintern eines Haflingers. Ab der 5. Klasse musste ich Französisch lernen in der Schule. 9 Jahre lang habe ich Französisch gelernt, leider kann ich trotzdem kaum ein vernünftiges Gespräch führen in dieser Sprache. Dann musste ich Latein lernen im Gymnasium, später kam Altgriechisch dazu. Dafür hatte ich mehr Talent, allerdings sind das nicht Sprachen, die man spricht, ausser, man macht eine Zeitreise, plaudert mit dem Papst – oder kifft zu viel. Vor dem Englisch drückte ich mich erfolgreich, und so kam es, dass ich eine Matura machte, ohne auf Englisch auch nur fragen zu können, wo das Klo ist. Mit 19 erkannte ich, dass ich ohne Englisch doch nicht durchkomme und machte ein paar Wochen lang in Kanada einen Sprachaufenthalt, in Zuge dessen ich leider psychotisch wurde und so auf einem fremden Kontinent in einer Psychiatrie landete. Dennoch ist Englisch nach wie vor die Sprache, die ich nebst Deutsch am besten beherrsche. 2012 wollte ich mir einen Lebenstraum erfüllen und alleine durch Südamerika reisen. Zu diesem Zweck lernte ich spanisch, zuerst in der Schweiz, dann in Argentinien. Leider wurde ich wieder psychotisch (man nennt sowas auch „lernresistent“), landete wieder in einem Spital und musste wieder von einem Arzt aus der Schweiz zurück geholt werden. Leider hat mein Hirn danach das meiste Spanisch, das ich gelernt hatte, abgespalten. Ich kann ein paar Brocken sprechen, verstehe ein paar Wörter, aber richtig reden kann ich leider nicht mehr.

Wenn du etwas in der Welt verändern könntest, was wäre das?

Phü. Da weiss ich nicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht einfach: Den gesamten Hass weltweit mit einem magischen Staubsauger einsaugen und danach dem Teil einen dermassen kräftigen Tritt verpassen, dass es direkt in die Sonne fliegt und dort verbrennt. Ja, ich bin da recht bescheiden.

Was möchtest du unbedingt noch tun, bevor du stirbst?

Gute Frage. Am Meer sitzen, mit meinem Freund. Auf einem Segelschiff ein Meer durchqueren, mit meinem Freund. Einen eigenen Garten anlegen. Malen. Ein Buch schreiben. Viele, viele Sonnenuntergänge beobachten. Noch einmal den Regenwald sehen. Mit meinem Freund den Himalaya bereisen. Ach, ich will noch lange nicht sterben, ich habe noch viel zu viel vor.

Welche Person hat dein Leben geprägt und wie?
Meine Grossmutter. Ich wuchs am Arsch der Welt auf einem Bauernhof in einer Grossfamilie auf, und meine Grosseltern, eine Grosstante und ein Onkel lebten auch da. Meine Grossmutter hat mich mit aufgezogen, vor allem dann, wenn meine Mutter psychisch wieder einmal schwer angeschlagen war. Sie war sehr religiös, meine Grossmutter, und sehr konservativ, sie war intelligent und hatte einen enorm starken Willen. Wir hatten oft Streit. Ich benahm mich nicht so, wie sich ein Mädchen in ihren Augen benehmen sollte. Als ich dann ein Teenager war, eskalierte es manchmal. Sie verstand mich nicht, ich verstand sie nicht, es wurde geschrien und geflucht und Türen geknallt. Ja, alles von mir, sie hat mich nie angeschrien, sie zeigte mir ihre Missbilligung anders. Schliesslich wurde sie immer älter, gebrechlicher und kränker, sie wurde dement, und dann starb sie, mit 83. Da war ich 18 und an dem Tag brach für mich eine Welt zusammen. Ich habe nur noch geweint, und niemand verstand, warum, ich selber am wenigsten. Sie war alt und krank, es war eine Erlösung. Und wir hatten ja sowieso meist keinen guten Draht zueinander. Aber sie war halt wichtig für mich, immer, und ich habe viel von ihr gelernt, darunter auch Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit. Ich vermisse sie immer noch, und ich bin nach wie vor so unglaublich traurig, dass sie nicht mehr miterlebt hat, wie ich erwachsen wurde, wie ich meinen Frieden fand mit der Welt, wie ich ein anständiges Leben führe, wie ich höflich und respektvoll mit alten Menschen umgehen kann, wie ich einen wunderbaren Mann kennen lernte, meinen Freund, den sie gemocht hätte, da bin ich mir sicher. Es ist so schade, das sie meinen Freund nicht mehr kennen gelernt hat.

Phü. Das war jetzt sehr ausführlich. Und ich kämpfe mit den Tränen.

Hast du Tattoo/Piercings? Wenn ja, wo und was? Was bedeuten sie?

Ich hatte ein Augenbrauen-Piercing, einen kleinen Ring, das ich mir mit 17 stechen liess. 17 war für mich ein wirklich schlimmes Alter, und das Piercing sollte mich auf immer daran erinnern, was ich in dieser Zeit alles durchstehen musste – und dass ich es überlebt hatte. Mit 29 riss ich es mir in Argentinien während der Psychose raus, ich glaube, im Gefängnis, und verlor es. Ich verzweifelte fast, als ich das, zurück in der Schweiz, realisierte, dieses Piercing war ein Teil von mir. Schliesslich wollte ich mir einen Ersatzring reinmachen. Irgendwie setzte ich das Vorhaben aber nie um, und dann beschloss ich, dass ich das als Zeichen werte, dass dieses Kapitel abgeschlossen ist, dass dieser Teil von mir für immer in Argentinien bleibt, und ich künftig ohne Piercing durchs Leben gehe. 

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

In einer kleinen, gemütlichen Wohnung mit Garten oder, wenn wir Glück haben, in einem eigenen kleinen, alten Haus mit Garten, zusammen mit meinem Freund. Vielleicht spiele ich dann Saxophon, male viel, mache Yoga im Garten, schreibe viel, gebe Kurse für Sozialpädagog*innen und Lehrpersonen, arbeite nach wie vor im Bereich Autismus. Vielleicht reisen wir gemeinsam nach Asien, vielleicht hat mein Freund dann einen Job mit einem Lohn, von dem er auch wirklich leben kann. Oder wir leben halt immer noch mit ähnlichem Budget wie jetzt.

Was machst du als Erstes, wenn du morgens aufstehst?

Entweder fluchen, weil ich verschlafen habe, oder aber mich innert einer Minute anziehen und ins Bad rennen.

Mit welchen drei Worten würdest du dich beschreiben?

Gutmensch mit Narben.

Was wünschst du dir zum Geburtstag?

Ein Segelschiff. Ansonsten: Gesundheit, Zufriedenheit, viel freie Zeit,  viele Momente, in denen ich Tränen lache, viele Momente, in denen ich schier platze vor Glück.

So, das wärs! Ich reiche den Award gerne weiter, und zwar einfach an genau ein Blog, nämlich dem vom „Baslermeitschi„.

Hier die Regeln:

Verlinke die Person, die dich nominiert hat.

Beantworte 10 Fragen, die dir vom Blogger gestellt wurden, der dich nominiert hat.

Nominiere bis zu fünf Blogs.

Informiere sie über die Nominierung.

Erstelle 10 eigene Fragen für die Nominierten.

Hier die Fragen an dich:

Was ist dein liebstes Kleidungsstück und warum?

Worauf bist du stolz?

Bloggst du heute anders als damals, als du damit angefangen hast? Wenn ja, was hat sich verändert?

Was wünschst du dir von ganzem Herzen?

Glück bedeutet für dich…

Was magst du lieber, Gewässer oder Berge?

Was ist dein absolutes Lieblingsessen?

Was bedeutet Musik für dich?

Worüber hast du in letzter Zeit so richtig lachen müssen?

Welche Jahreszeit magst du am liebsten und warum?

Welcome to MyBrain: Die Newsshow.

Was in meinem Kopf manchmal alles so abgeht, ist für alle ausserhalb meines Kopfes schätzungsweise schwer nachvollziehbar. Ich möchte daher die Gelegenheit beim Schopf packen und euch auf eine hoffentlich plastische Art und Weise einen kleinen Einblick gewähren.

My News, die Nachrichtenshow.

Nachrichtendame im Blazer: „Herzlich Willkommen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, zur heutigen Ausgabe von „My News“, der täglichen Nachrichtensendung, live vom zu bewandernden Grat. Heutige Themen in der Übersicht:

  • Aussenpolitik: Diplomatische Blockaden
  • Innenpolitik: Aufstand in der ZIP
  • Tagesgeschehen: Stromausfall
  • Wirtschaft: Die Börsenkurse
  • Das Wetter

Zur Außenpolitik: „Diplomatische Blockaden“, meine Damen und Herren, vermelden unsere Berichterstatter vor Ort zu den zähen Verhandlungen zwischen den beiden feindlichen Lager, der psychisch deutlich angeschlagenen My und ihrem beruflichen Umfeld. Doch schalten wir zu unserer Sonderkorrespondentin, Frau Sieglinde Freud, live vor Ort:

Sonderkorrespondentin Freud steht mit wirrem Haar und riesiger Hornbrille vor einem grossen Regierungsgebäude, ein enormes Mikrofon in den Händen:
„Diplomatische Blockaden, in der Tat, so der offizielle Terminus, den die beiden Parteien in einer Pressemitteilung als Bezeichnung für die zusehends zäheren Verhandlungen verwendet haben.“

Nachrichtensprecherin: „Wie ist diese Aussage zu werten? Sind die Verhandlungen gescheitert?“

Sieglinde Freud: „Nun ja, als „gescheitert“ würde ich die Verhandlungen im jetzigen Status noch nicht bezeichnen, noch gibt es keine Anzeichen auf einen definitiven Abbruch der diplomatischen Bemühungen, aber es ist schon spürbar, dass gerade die psychisch angeschlagene My doch sehr an die Grenzen des von der Gegenpartei verlangten Standards betreffend Sozialverhalten kommt. Noch könne sie diese Bedingungen einigermassen zufriedenstellend ausführen, gab sie bekannt, sollte die Gegenpartei, ihr berufliches Kollegium, ihr aber nicht in absehbarer Frist in markanten Punkten entgegen kommen, könne sie für nichts garantieren.“

Nachrichtendame, erschrocken: „Das klingt ja fast nach einer Drohung! Wie ernst ist die Lage, und worum geht es in den genannten „markanten Punkten“, Frau Freud?“

Sieglinde Freud, ernst, rückt sich die monströse Brille zurecht: „Es ist sicher nicht angezeigt, jetzt übermässig zu dramatisieren, aber doch denke ich, die Lage ist zIemlich ernst. Bei den „markanten Punkten“ handelt es sich um das umstrittene Paket „Smalltalk und im Mittelpunkt stehen“, das die psychisch angeschlagene My nicht zum ersten Mal in aller Form anprangert. Gerade zweiteres, das kontroverse „im Mittelpunkt stehen“, wurde heute angesichts eines unbedachten Süssgebäck-Mitbringsels in der Znünipause zulasten der psychisch angeschlagenen My doch wirklich aufs Äusserste ausgereizt. Es bleibt zu hoffen, dass die Gegenpartei auf die – durchaus als Drohung anmutenden – Forderung mit kühlem Kopf und diplomatischem Geschick reagiert.“

Nachrichtendame: „Und mit diesen hoffnungsvollen Worten verabschieden wir uns von Frau Sieglinde Freud, vielen herzlichen Dank für ihre Einschätzungen.“ Sieglinde Freud nickt knapp in die Kamera.

Nachrichtendame:

„Kommen wir zur Innenpolitik: Von einem Aufstand im oppositionellen Lager berichtet die Parteileitung der Zentralen Impulskontrollen-Partei ZIP. Es habe sich eine kleine, aber sehr laute Minderheit an motorischen und vokalen Ticks zusammengerottet, die sich offen gegen die Parteilinie stellen würde. Gar von „unkontrollierbaren Querschlägern mit latenter Gewaltbereitschaft“ spricht der konservative Fraktionspräsident Ruedi von der Norm:“

Einblendung eines Interviews: Ruedi von der Norm, in kleinkariertem Hemd und grosskarierter Krawatte, schnauft empört ins Mirkofon: „… unhaltbare Zustände. Was glauben die eigentlich, wer sie sind?! Wir von der ZIP vertreten klar, dass Impulse in gesitteter Art und Weise unterdrückt werden sollen. Solche Querschläger, die einfach austicken, wenn ihnen danach ist, wie sieht das gegen aussen bloss aus?! Ich sage Ihnen, wie das aussieht: Es sieht aus, als wären wir irre. Einen solche Entwicklung werde ich nicht tolerieren!!“

Nachrichtendame: „Soweit also das Statement von von der Norm. Wir machen weiter mit dem Tagesgeschehen: Ein grossflächiger Stromausfall in unserer Hauptstadt MyBrain hat zu Chaos und Schrecken geführt. Wir schalten live vor Ort zu unserem Sonderkorrespondenten Ver Peilt. Herr Peilt, wie ist die aktuelle Lage?“

Ver Peilt, ein hagerer Typ mit Halbglatze und apathischem Blick steht vor einem rauchenden Gebäude. Hinter ihm rennen Menschen panisch umher, man hört zersplitterndes Glas und wildes Geschrei. „Nun, die Lage ist, wie soll ich sagen. Schlafen. Was?! Beschädigte Leitungen. Ähem. Wie?“

Nachrichtensprecherin, lauter: „Herr Peilt! Ich habe sie gefragt: Wie sieht es denn aus in MyBrain, was ist da los?“

Herr Peilt, verwirrt: „Da kann man nichts machen. Nun. Kurzschluss. Was?! Vielleicht Sonntag?“

Ver Peilt wird ausgeblendet.

Nachrichtendame, mit sanft genervtem Unterton: „Wie Sie sehen, verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer, ist die Energiezufuhr in MyBrain offenbar immer noch gestört, so dass die Verbindung zu Herrn Peilt leider unterbrochen wurde *hustet*.

Aber nun zu den Börsenkursen: Immer noch wird die Börse vom global erschütterten emotionalen Gleichgewicht nachhaltig durchgeschüttelt. Der MyMarketindex legte in den letzten 24 Stunden eine beachtliche Achterbahnfahrt quer durch das ganze emotionale Spektrum hin und verzeichnet zu Börsenschluss einMinus von 463 Prozent. Es deutet wenig darauf hin, dass sich die Lage in den nächsten Stunden wieder stabilisieren wird.

Kommen wir zu erfreulicheren Themen: Dem Wetter. Frau Barometer, was erwartet uns in den nächsten Tagen?“

Frau Barometer steht auf dem Dach eines Hochbauses, ihre feuerrote Haarmähne wirbelt in den Windböen leuchtend umher, sie wankt leicht im Sturm und sie schreit tapfer gegen das Tosen an: „DAS RIESIGE HOCHDRUCKGEBIET, DAS ÜBER TAGE HINWEG IN DEN VERDREHTEN HIRNWINDUNGEN FESTGEHANGEN HAT, SCHEINT SICH NUN ENDLICH BEFREIT ZU HABEN UND ENTLÄDT SICH JETZT IN FORM EINES GEWALTIGEN STURMS MIT ZENTRUM ÜBER DEM ZU BEWANDERNDEN GRAT. IN DEN NÄCHSTEN TAGEN… “ Frau Barometer wird von einer besonders kräftigen Böe erfasst und fliegt mit wild flatternder Mähne davon. Die Kamera wird ausgeblendet.

Nachrichtendame, mit leicht geweiteten Pupillem: „Das war… das Wetter. So, und nun wünsche ich Ihnen einen angenehmen Abend, wir sehen uns morgen wieder, wenn es wieder heisst: Willkommen bei MyNews – oder auch nicht.“

 

Standortbestimmung.

In meinem pädagogischen Arbeitsalltag ist der Begriff Gang und Gäbe: Eine Standortbestimmung, die Schüler lernen das schnell, gibt es zweimal pro Kalenderjahr. Da werden im grossen Stil Befinden und Ziele besprochen und ausgewertet, da gibt jeder und jede den Senf dazu, Schülerin, Eltern, Lehrperson, Sozialpädagogin, Therapeutin und die pädagogische Leitung sitzen an einen Tisch, und dann geht sie los, die Standortbestimmung.

Mein eigener Standort dagegen, der wurde schon länger nicht mehr bestimmt. Ich möchte das hier deshalb nachholen, auch wenn diese Standortbestimmung sehr einseitig ausfallen wird. Ausser mir gibt nämlich voraussichtlich niemand den Senf dazu. Meine Psychologin, die für diese Aufgabe vermutlich gut ausgebildet wäre, die, nun, wie soll ich sagen, die gibt mir halt eher ein paar Tipps ab, so alle 2, 3 Monate (letztes Mal ging es um Laufschuhe, ihr erinnert euch?). Meine Eltern werde ich garantiert nicht befragen, wie sie meinen allgemeinen Zustand so einschätzen und mein Chef würde sich bei dieser Frage wohl vermutlich ausgiebig verlegen räuspern (meine berufliche Leistung beurteilt er hoffentlich bald beim längst fälligen Mitarbeitergespräch). Meinen Freund befrage ich auch nicht, nicht, weil mich seine Meinung nicht interessiert, sondern weil er mein Befinden häufig erst als bedenklich einstuft, wenn mein Verhalten ganz klar entgleist. Zusammenfassend: Ich bin mein einziger Experte, und entsprechend einseitig wird diese Einstufung ausfallen.

Warum ich überhaupt unbedingt analysieren möchte, wo ich stehe: Ich fühle mich mit meiner aktuellen Lebenslage oft überlastet. Ich fasse kurz die Umstände zusammen:

  • Mindestens 40 Arbeitsstunden pro Woche
  • 600mg Seroquel pro Tag
  • Schlafbedürfnis von mindestens 8 Stunden pro Nacht versus
  • durchschnittlich 6 bis 7 Stunden tatsächlicher Schlaf pro Nacht

Für meinen chronischen Schlafmangel gibt es gute Gründe, nämlich:

  • min. 16 Stunden Arbeitsweg pro Woche
  • Arbeitszeit meines Freundes: An 6 von 7 Wochentagen arbeitet er min. Bis um 22 Uhr, wodurch ich ihn entweder an 4 Tagen gar nicht sehe oder aber halt zu wenig schlafe
  • Das „Büro“ meines Freundes befindet sich im Schlafzimmer, wodurch ich versuchen muss, zu schlafen, während er im selben Raum am surrenden und blinkenden Computer arbeitet (mach das mal mit Einschlaf-Problemen)
  • Meine beiden Hobbies (Malen und Yoga) finden montags und dienstags statt, wodurch ich an diesen Tagen noch später nach Hause komme als eh schon
  • Allgemein akuter Mangel an „freier Zeit“ von Montag bis Freitag, sobald ich irgendwas zu Hause erledigen muss, verkürzt sich der Schlaf.

Das wärs. Nun zu meinem Befinden, hier erst mal die „Stolpersteine“, wie der Sozpäd so schön sagt:

  • Erschöpfungs-technisch montags bis freitags stets am Limit
  • Ab und zu psychosomatische Beschwerden (Verdauung, Kopfschmerzen)
  • an belastenden Arbeitstagen kann es zu Reizüberflutung, entgleister Anspannung und emotionaler Überforderung kommen (mein Kopf fühlt sich an wie ein Flipperkasten auf Ecstasy) –> noch weniger Schlaf
  • In oben genanntem Zustand fühle ich mich nach wie vor hilflos und weiss nicht, wie ich mich da wieder rausholen soll
  • Psychogene Schmerzen (fühlt sich an, als würde ich mich hauptsächlich an den Handgelenken selber verletzen)
  • „Normale“ Symptome wie Flashbacks, unkontrollierte Selbstgespräche, unkontrollierte Laute (Wimmern, Schreien), unkontrollierte Zuckungen und andere motorische Ticks
  • Ab und zu Paranoia, im „normalen“ Ausmass
  • Tage mit stark reduziertem Antrieb bis hin zur Apathie, in normalem Ausmass
  • Momente der globalen kognitiven Blockade, wenn ich etwas (simples) entscheiden sollte (kann bis zu 20 Minuten dauern)

Bevor es jetzt zu melodramatisch wird, flugs zur Abteilung „Gelungenes“:

  • Ich verspüre ein globales Gefühl der Zufriedenheit
  • unsere Beziehung läuft gerade richtig gut
  • Ich kann kreativ sein und das auch geniessen und teilen
  • Freundschaften kann ich im Grossen und Ganzen bewahren und pflegen
  • Der Haushalt entgleist nicht völlig (im Vergleich zu früher)
  • Ich kann meine freie Zeit geniessen (wenn auch nicht immer „sinnvoll“)
  • Ich habe – eher ungeplant – sowas wie „Hobbies“ entwickelt
  • Emotional bin ich für meine bipolaren Verhältnisse ziemlich stabil
  • Ich habe viel (und meist positiven) Kontakt zu meiner Familie
  • Ich nehme wahr, wenn etwas (körperlich, psychisch) nicht rund läuft, ich „spüre“ mich besser als früher
  • Ich bin ehrlicher zu mir selber in Bezug auf meine Belastbarkeit
  • Beruflich läuft es sehr gut
  • Ich habe nach wie vor hohe Ansprüche an meine Arbeit und realisiere besser als früher, was es braucht, damit ich das auch leisten kann
  • Ich „vegetiere“ bei der Arbeit nicht mehr vor mich hin an „schlechten Tagen“. Ich nähere mich dem Grundsatz: Wenn ich nicht arbeitsfähig bin, arbeite ich nicht.
  • Ich kann auch mal etwas Schönes absagen, was mir zu viel wird

Das wären sie, die Indizien. Sie auszuwerten fällt mir nicht schwer. Als mich meine Psychologin gefragt hat, warum ich denn „plötzlich“ nicht mehr zurecht komme mit meinem Arbeitspensum, bin ich im ersten Moment erschrocken. Muss ich mir Sorgen machen?, fragte ich mich. Steuere ich auf eine Krise zu? Bin ich nicht mehr belastbar, bin ich labil? Was ist los mit mir, dass ich mich „plötzlich“ überfordert und ausgelaugt fühle? Ich arbeite pensenmässig nicht mehr als früher, ich arbeite sogar ein paar Prozente weniger als eine Zeit lang.

Wenn ich mir aber alle Faktoren so ausbreite wie oben, ist mir klar: Nein, ich bin nicht labiler als vor zwei Jahren. Es geht mir über alles gesehen sehr gut, ich arbeite einfach zu viel und schlafe zu wenig. Warum mir das „plötzlich“ auffällt, hat viel mit dem Punkt „Ehrlichkeit mir selber gegenüber in Bezug auf meine Belastbarkeit“ zu tun. Ich war schon früher hart am Limit und einige Male klar drüber. Ich gestand mir das bloss nicht so deutlich ein. Ich vegetierte manchmal tagelang vor mich hin bei der Arbeit, weil ich völlig übermüdet und überlastet war. Das mache ich nicht mehr, zumindest nicht mehr in diesem Ausmass. Ich spüre mich einfach besser als früher, ich realisiere deutlicher, wenn ich am Limit bin. Ich erkenne Warnzeichen wie psychosomatische Symptome (Durchfall, Schmerzen im Darmbereich, Kopfschmerzen), nicht immer sofort, meistens sogar ziemlich verzögert, aber immerhin, ich erkenne sie. Ich realisiere, wie schlimm sich die beschriebene „Überreizung“ anfühlt, ich realisiere, dass ich danach mindestens einen ganzen Tag neben der Spur laufe.

Und dann kommen noch ein paar äussere Faktoren dazu, die meine Belastbarkeit seit geraumer Zeit negativ beeinflussen, die ich aber nicht beeinflussen kann. Dazu gehört der Job meines Freundes mit den genannten Arbeitszeiten. Seit gut einem Jahr arbeitet er so, vorher hatte er „normale“ Arbeitszeiten. Dazu gehört auch, dass ich im Rahmen von kantonalen Sparmassnahmen seit einem knappen Jahr eine Woche weniger bezahlte Ferien habe (4 anstatt 5). Das bedeutet, dass ich nun 9 Wochen (statt 8) vorarbeiten muss, was bei meinem 80%-Pensum bedeutet, dass sich mein Stundensoll von 40 auf knapp 42 Stunden pro Woche erhöht hat. Dazu gehört auch, dass meine Beziehung einfach viel besser läuft als früher und ich viel mehr Zeit mit meinem Freund verbringen möchte als früher. Was super ist! Aber das führt halt auch dazu, dass ich meist lieber zu wenig schlafe als nicht mehr mit ihm rede, abends. Und schliesslich noch etwas, was ich durchaus beeinflussen könnte: Ich mache seit 1.5 Jahren Yoga und besuche einen Malkurs. Auch das verkürzt meine Schlafzeit indirekt. Aber, ey!, ich mag meine Hobbies, sie tun mir gut, beide, und ich möchte sie nicht mehr missen. Lieber weniger arbeiten. Ja, meine Prioritäten haben sich verschoben.

Unter dem Strich: Ja, etwas muss ändern, dringend. Mein stetes Schlafmanko ist so nicht akzeptabel. Aber es ist nicht so, dass es mir schlecht geht. Eher so, dass ich bewusster lebe und höhere Ansprüche habe: Es reicht mir nicht mehr, mich irgendwie durchzuschlagen, wie ich das über Jahre hinweg getan habe, es reicht mir nicht mehr, stolz zu sein, dass ich, wenn auch komplett auf dem Zahnfleisch, arbeitstechnisch das gleiche Pensum bewältigen kann wie gesunde Menschen. Nein, ich will so viel mehr, mittlerweile. Und das ist gut so.

Take a chance on me.

Vor kurzem kam bei der Arbeit von einer Gruppenleiterin eine unterwartete Frage: „My, kann ich dich etwas fragen? Welchen Eindruck hattest du von der Schnupperpraktikantin?“

Welch eine Frage. Ich hatte das junge Mädchen nur rasch beim Hereinkommen gesehen, und dann nach dem Essen, als ich die Kinder beim Zähne putzen unterstützen sollte, ein paar Worte mit ihr gewechselt. Überrumpelt gab ich das erste von mir, was mir durch den Kopf ging: „Na ja, schwer zu sagen… sie ist sehr freundlich und sympathisch, vielleicht noch etwas unbeholfen?… Aber sie ist ja auch noch sehr jung.“ Die Gruppenleiterin grinste, „ok, das reicht mir.“

Kaum hatte ich diese Situation verlassen, grübelte ich über die möglichen Konsequenzen meiner unbedachten Aussagen. Was hatte die Gruppenleiterin daraus abgeleitet? Warum hatte ich mich so negativ ausgedrückt? Bekam die junge Frau nun vielleicht eine Absage, weil ich sie als „unbeholfen“ bezeichnet hatte?! Ich hatte das ja gar nicht so negativ gemeint, wie es vielleicht geklungen hatte. Sie schien noch nicht oft in einem Kinderheim gewesen zu sein, das wollte ich damit sagen, aber kann man das einer vielleicht 20jährigen Anwärterin auf einen Praktikumsplatz wirklich vorwerfen?

Seither sind Wochen vergangen, und seither gärt es in meinem Hinterkopf. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Frau eine Absage erhalten hat. Realistischerweise wohl nicht einfach nur wegen meiner Aussage. Aber es lässt mich trotzdem nicht los.

In der Insitution, in der ich tätig bin, werden Praktikant*innen sorgfältig ausgewählt (ich erwähne das, weil das nicht überall so ist, dazu später). Ich bin mir sicher, dass die erwähnte Gruppenleiterin hohe Ansprüche hat. Sie nimmt nicht die erst beste, sie will jemanden, ders drauf hat. Der es schon von Beginn weg drauf hat, am besten. Vermutlich ist das irgendwie normal auf dem Arbeitsmarkt. Man hat nicht den Nerv, jemanden übermässig lange einzuarbeiten. Man möchte, dass jemand Selbstbewusstsein verströmt und eine natürliche Autorität mitbringt, damit sich die Person den Kindern gegenüber auch durchsetzen kann. Man möchte jemanden, der am besten im Turnverein, bei der Pfadi und beim blauen Kreuz ist, super fröhlich und schwungvoll daher kommt, jedoch auch knallhart Grenzen setzen kann.

Ich verrate euch jetzt mal ein Geheimnis: Ich war nicht so, als Praktikantin, damals, mit 20. (WER HÄTTE DAS GEDACHT!!!) Nein, ich war definitiv nicht so. Warum ich diese Praktikumsstelle bekommen habe, kann ich mir nachträglich nur mit 3 möglichen Szenarien vorstellen, hier sortiert nach der von mir vermuteten Plausibilität:

1) Das Kinderheim, in dem ich mein Vorpraktikum absolvierte, stellte jeden, ich meine wirklich JEDEN als Vorpraktikant*in ein.

2) Ich war die einzige Bewerberin auf diese Stelle, und im Zuge der wachsenden Verzweiflung, diese Stelle besetzen zu müssen, stellte man halt mich ein.

3) Die Verantwortlichen, die mir diese Stelle vergaben, liessen sich durch mein gutes Matur-Zeugnis blenden (und das abgebrochene Studium blendeten sie aus).

Ich will nicht unnötig übertreiben, aber: Ich war zugedröhnt mit Psychopharmaka, als ich mich dort vorstellen ging. Ich hatte gerade ein abgebrochenes Studium, einen Psychiatrie-Aufenthalt und einen Aufenthalt in einer betreuten Wohngruppe für psychisch Kranke hinter mir. Ich kann mich nur bruchstückhaft an mein Vorstellungsgesrpäch erinnern. Ich hatte keine Erfahrung mit Kindern, gar keine. Ich hatte nie Kinder gehütet, ich hatte keine jüngeren Geschwister, ich war nicht in der Pfadi und trainierte auch keine Junioren (ich hatte ja nicht mal „Hobbies“). Ich hatte keine guten Argumente, warum ich unbedingt mit Kindern arbeiten wollte, die ja zu allem Überfluss auch noch behindert waren. Auch zum Thema „Behinderung“ hatte ich keine Erfahrung, gar keine. Ich war apathisch, als ich an diesem Tag zum ersten Mal mit einem behinderten Mädchen auf den Spielplatz ging. Ich schluckte Unmengen an sedierenden Medikamenten in dieser Zeit. Ich vegetierte so vor mich hin.

Aber: Ich wurde angestellt, warum auch immer. Mein Vertrag war auf ein halbes Jahr befristet. Spätestens, als ich dort zu arbeiten begann, dürfte dem Team aufgegangen sein, dass sie sich da keine Granate als Praktikantin geangelt hatten. Ich konnte weder Tee kochen, putzen, noch Konflikte mit Kindern austragen. Ich brauchte ewig, um einen Tisch korrekt zu decken, so dass alle Kinder ihre Spezial-Essutensilien und den richtigen Teller vor sich stehen hatten. Ich vergass am laufenden Band, was mir jemand erklärte. Ich war abwesend, ich war extrem müde (Schlafmedikamente my ass), ich war extrem unsicher. Nach drei Monaten ging es darum, ob mein Vertrag auf ein Jahr verlängert wird. Ich ging zur Chefin und erzählte ihr, was mit mir los war. Ich nannte ihr meine Diagnose, ich erzählte von den Medikamenten und auch vom Psychiatrieaufenthalt. Ich sagte ihr, ich würde sehr gerne bleiben. Und jetzt kommt der Knüller (wurde auch Zeit, schon klar!): Sie eröffnete mir etwas später, dass sie sich mit dem Team besprochen hatte und dass sie fänden, sie möchten mir eine Chance geben. „Ich merke, dass du willst. Du willst etwas lernen, und du bist intelligent. Das wird schon.“ Mein Vertrag wurde um ein halbes Jahr verlängert. Und schliesslich wurde sogar ein Ausbildungsplatz für mich geschaffen.

Ich hatte einfach nur Glück, ich weiss das. Es hätte alles ganz anders ausgehen können. Spätestens im dritten Ausbildungsjahr, als ich meine Medikamente nicht mehr nahm, psychotisch wurde und nicht mehr arbeiten konnte. Aber es ging gut aus. Und warum?

Weil man mir eine Chance gab.

Man hat mich nicht einfach aussortiert, als klar wurde, dass ich ein Reinfall war. Man hat mir eine Chance gegeben, obwohl ich es definitiv NICHT drauf hatte. Man hat mir eine Chance gegeben, obwohl ich furchtbar langsam war, beim putzen, beim Tisch decken, beim Interagieren mit den Kindern, beim Lernen von sozialen Skills, beim Umgang mit den Behinderungen, beim Aufbauen meiner Art von Autorität. Ich war langsam, und ich beging Fehler. Ich verschlief häufig, ich schrottete mehrere Haushaltgeräte, ich reagierte nicht immer richtig auf die Kinder. Trotzdem hat man mir eine Chance gegeben. Und ich vergesse nie, wie stolz meine Chefin auf mich war, als ich 5 Jahre nach Antritt meines Praktiums mein Diplom erhielt (auch meinen Mitstudierenden wurde das bewusst, denn sie pfiff auf zwei Fingern und jubelte lautstark quer durch den Saal, als ich die Bühne betrat, um mein Diplom entgegen zu nehmen). „Ich habe es immer gewusst“, sagte sie zufrieden, „ich wusste, dass viel in dir steckt.“

Was, wenn man mir diese Chance verwehrt hätte? Was, wenn ich schon nach einer Viertelstunde Schnuppern auf einer Wohngruppe aussortiert worden wäre, weil „unbeholfen“ (und apathisch und depressiv und….)? Ich wäre nicht Sozialpädagogin geworden, so einfach ist das.

Ich weiss, bei meinem jetzigen Arbeitgeber hätte ich mit 20 nie im Leben einen Praktikumsplatz erhalten. Aber: Mein jetziger Arbeitgeber ist der, der mir einen freiwilligen Bonus auszahlte im Dezember, „weil du es verdient hast“. Man achtet mich, man schätzt mich. „Ich habe einen guten Instinkt für gute Leute“, sagte der Insitutionsleiter einmal selbstzufrieden, als es um meine Einstellung ging. Ich will damit nur sagen:

Es kann sich auch für einen Betrieb lohnen, in jemanden zu investieren, der es „noch nicht drauf hat“. Vielleicht wird aus diesem Menschen nämlich einmal jemand, den man zu den „guten Leuten“ zählt.