Bye, bye, Blues.

Mein letzter Blogbeitrag ist ein Weilchen her, und das hat, wie man so schön sagt, gute Gründe. Es ging mir ziemlich mies die letzten Monate. Ein, zweimal setzte ich an, meine Misere zu verbloggen, aber dann liess ich es doch bleiben. Weil ich niemanden runterziehen wollte, weil ich mich so unendlich leer fühlte, dass ich keine Worte fand, weil ich mich auch nicht wirklich getraute, zu benennen, wie mies ich mich fühlte, denn, und da kam mir meine Sozialisation mal wieder ungefragt samt bitterem Gallengeschmack hoch, es ja ganz vielen Menschen immer noch so viel schlechter ging als mir, dass ich schlicht kein Recht hatte und habe, irgendwo öffentlich rumzuheulen.

„Ich war depressiv“, könnte ich auch einfach kurz und knapp sagen, wobei mir mir da ehrlich gesagt doch nicht ganz wohl ist bei dem Begriff. Ist es wirklich eine Depression, wenn keine Fachperson weit und breit diese Diagnose verhängt? In meiner psychiatrischen Karriere habe ich festgestellt, dass Ärzte absolut gar nichts darauf geben, was ich mir selber diagnostiziere. Einerseits total verständlich, ich bin ja keine Ärztin, und selbst wenn wäre mein Blick auf meine eigene Gesundheit komplett unsachlich, andererseits – nun ja, ich bin nach wie vor überzeugt, dass ich meinen ersten psychotischen Schub nicht mit 19, sondern bereits mit 17 hatte, damals jedoch halt ohne ärztliche Unterstützung, ohne Therapie, ohne Medikamente, weil ausser mir niemand mitbekam, was in meinem Kopf alles abging. „Das kann nicht sein“, haben Ärzte später gesagt. Schliesslich höre eine Psychose nicht einfach von selbst wieder auf, schliesslich konnte ich ja trotz allem die Schule besuchen, meinen Abschluss machen, was unmöglich gewesen wäre, so betreffende Fachpersonen, wenn ich wirklich psychotisch gewesen wäre. Ich kann das nicht beurteilen, ich weiss nur, dass ich mich mit 19 an diese Gefühle und Gedanken erinnert fühlte. „Ich kenne das doch“, dachte ich, als ich wieder einigermassen klar denken konnte nach der Psychose. Aber wie dem auch sei, ich versuche also, vorsichtig zu sein mit psychiatrischen Begriffen, dennoch glaube ich bezogen auf die letzten 3 Monate, dass ich die Kriterien einer – vielleicht einfach nur leichten – depressiven Verstimmung erfüllt habe.

Es war vor etwa 2 Monaten, als ich an einem wirklich grauenhaften Tag, an dem ich nicht einmal das Bett verlassen konnte, plötzlich dachte: „Es könnte jetzt einfach enden. Mein Leben könnte jetzt einfach enden, es wäre absolut in Ordnung.“ Ich habe keine Pläne geschmiedet, ich wollte mich nicht umbringen. Aber ich stellte mir vor, wie es wäre, jetzt zu sterben, und es fühlte sich so befreiend an. Kein Druck mehr, kein Versagen mehr. Ich müsste mich nie mehr an Anforderungen aufreiben, die ich einfach nicht erfüllen kann.

Etwas später dachte ich über diesen Gedanken nach und über das schöne Gefühl, das ich hatte, als ich mir mein Ende vorstellte, und da bekam ich plötzlich Angst. „Ich glaube, ich bin depressiv, so ein bisschen, zumindest“, sagte ich meinem Freund, und erzählte ihm von meinen Gedanken. Ab da war ich am Punkt, wo ich aktiv Hilfe suchte, was allerdings viel schwieriger war, als ich mir das vorgestellt hatte. Meine Psychologin war nicht erreichbar, ich konnte nicht einmal Termine vereinbaren. Ich versuchte also, eine neue Therapeutin zu finden. Heilige Scheisse. Was gibt es zermürbenderes, als gefühlte hundert vergebliche Telefonate zu führen, wenn man sowieso schon psychisch angeschlagen ist? „Wir nehmen leider keine neuen Patienten“, es ist immer das selbe Lied. Die Suche nach einer Selbsthilfegruppe war ebenfalls relativ aussichtslos, ich hätte anrufen müssen, was für mich wie erwähnt eh schon schwierig war, ausserdem waren die mögliche Telefonzeiten alle in meiner Arbeitszeit. Ich kann UNMÖGLICH während meiner Arbeit bei einer Selbsthilfegruppe für Psychosekranke anrufen, ich kann das einfach nicht. Alleine die Vorstellung, dass eine Arbeitskollegin zufälligerweise mein Büro betritt, während ich gerade meine Krankengeschichte zum Besten gebe, verursacht bei mir massives Herzflattern. Das geht einfach nicht. Ich versuchte also, mir anderswo Hilfe zu holen und erzählte meiner Familie – stark beschönigt – von meinem Zustand. Aber, wie soll ich sagen, ausser, dass sie jetzt alle in Sorge waren, brachte das wenig. Dass ich ausser meinem Freund im realen Leben eigentlich niemanden habe, mit dem ich über meine psychischen Probleme reden kann, wurde mir an dem Punkt mal wieder sehr bewusst.

Das Verrückteste an dieser ganzen schwierigen Zeit scheint auch rückwirkend die Tatsache, dass es keinen einzigen äusseren Grund gab für meine Krise. Es ist nichts passiert, einfach gar nichts. Früher war das anders, oder, sagen wir, in meiner damaligen Wahrnehmung war es früher anders. Ich kannte immer jede Menge triftiger äusserer Gründe, warum es mir gerade schlecht ging. Ich erinnere mich allerdings an einen Kommentar einer Psychiaterin, zu meinen ganzen Schilderung widriger Umstände, die dazu führten, dass ich mich so schlecht fühlte: „Aber Ihnen ist schon bewusst, dass IMMER irgendwas schief läuft?“ Das kratzte damals ziemlich an meinem Selbstkonstrukt, so sehr, dass ich mich heute noch daran erinnere. Daher: Vielleicht waren es auch früher nicht nur „Schicksalsschläge“, die mich depressiv werden liessen. In der Gegenwart jedenfalls, da bin ich wirklich sicher, war es einfach nur meine gestörte Hirnchemie.

Irgendwann jedoch wurde dann alles wieder ein bisschen besser. Ich hatte Termine bei einer neuen Psychiaterin, ich hatte mich in meiner Suche nach mehr realen Sozialkontakten einem Chor in meiner Umgebung angeschlossen und besuchte regelmässig einen Handarbeitskurs. Ich übte mich in „Achtsamkeit“ – ich kann dieses Wort ja eigentlich kaum schreiben, ohne dass mich die inhärente Esoterik durchschüttelt, aber wie dem auch sei, im Prinzip konzentrierte ich mich einfach bewusst auf meine Körperwahrnehmungen. Wie fühlen sich meine Schuhe an, sind meine Hände warm oder kalt, wie fühlt sich der Druck an, wenn ich meine Fingernägel in meinen Arm graben, etc. Meine neue Therapeutin ermunterte mich bei jedem Termin, meine „innere Prinzessin“ zu verwöhnen – ja, sie ist komplett durchgeknallt, aber auf eine sehr liebenswürdige Art und Weise.

Es ist schwer zu sagen, was davon nun wirklich half, aber es geht mir mittlerweile wirklich viel, viel besser. Dieses Gefühl, als schwimme ich in einem Tank voller ätzender Flüssigkeit, die nach und nach meine Haut, mein Gewebe, meine Knochen wegbrennt und mich unter bestialischen Schmerzen verenden lässt, es ist weg. Dieses Gefühl, als schmerze jeder Kontakt mit der Realität, mit dem Leben, es ist weg. Dieses Gefühl, als könne ich nie mehr unbeschwert und sorglos sein, es ist weg. Was noch da ist, ist Erschöpfung, ein starker Hang zum Grübeln und ein starker Hang zu Tagträumen. Aber damit werde ich auch noch fertig.

Advertisements

Routinen.

Es ist leider so, ich habe das in einem Beitrag zum Thema Struktur bereits ausführlich beschrieben, dass ich ein echtes Problem damit habe, mein Leben mit Sicherheit gebenden Routinen zu vereinfachen und stabilisieren. Meine wilde Zeit ist längst vorbei, schon lange habe ich nicht mehr das Gefühl, jedes soziale System dieser Welt boykottieren zu müssen und aus reinem Trotz alles abzulehnen, was gemäss irgendwelcher gesellschaftlicher Normen als richtig und wichtig gilt. Ich denke schon seit langer Zeit nicht mehr, dass ich mich selber irgendwie dramatisch von spiessigen Lebensentwürfen oder Haltungen krass abheben muss, damit mein Selbstwert und meine gefühlte moralische Überlegenheit meine Selbstakzeptanz irgendwie auf ein annehmbares Level schaukeln können. Ich lebe ein sehr durchschnittliches Leben mit sehr durchschnittlichen Rahmenbedingungen, zumindest, wenn man meine psychische Krankheit, meine Biographie und die Unmengen an Psychopharmaka, die ich seit Jahrzehnten schlucke, komplett ausblendet – oder schlicht nicht kennt.

Ich lebe seit Jahren in einer mehr oder weniger stabilen monogamen Beziehung. Ich habe einen halbwegs normalen Job mit halbwegs normalen Arbeitsbedingungen. Ich beziehe ein durchschnittliches Einkommen, oder ich würde es beziehen, wenn ich so viel arbeiten könnte wie der Durchschnitt. Ich bezahle meine Steuern, ich habe seit ein paar Jahren sogar ein Vorsorgekonto, um mir meine Rente im Alter – oder bei Arbeitsunfähigkeit – einigermassen zu sichern. Ich lebe ein ruhiges, unauffälliges Leben und versuche, mich tatsächlich ruhig und unauffällig durchzuschlagen.

Dennoch hat es fast 15 Jahre meines Erwachsenenlebens gekostet, bis ich mir in der Not der letzten, beruflich furchtbar stressigen Monaten echte Routinen basteln konnte, die mein Leben erleichtern und sichern. Ich denke, es hat mit meiner komplett chaotischen Kindheit und noch viel chaotischeren Jugend zu tun, dass mir das so schwer fällt, aber wahrscheinlich auch einfach mit meinem Charakter. Ich bin ein sehr sprunghafter Mensch, mit stark wechselnden Ideen und Tätigkeiten, manchmal auch Haltungen. Dazu kommt mein Krankheitsbild. Mit einer schizoaffektiven Störung zu leben bedeutet – zumindest in meinem Fall – dass ein grosses Mass an Beständigkeit einfach fehlt. Emotional, sozial, vom Energielevel her, ich bin einfach nicht beständig. Das führt nicht nur dazu, dass es für mich und leider auch für andere herausfordernd sein kann, Freundschaften und Kontakte zu pflegen, nein, es bedeutet auch, dass es mir wahnsinnig schwer fällt, in einem gewissen regelmässigen Rhythmus zu leben. Nach wie vor mache ich mich gerne z.B über Nachbarn lustig, die jahrein, jahraus und für mich ohne nachvollziehbaren Grund nach dem selben Wochenrhythmus leben: Wäsche waschen am Sonntag, Staub saugen am Montag, Sport am Dienstag, je nach je sogar mit fixem Menueplan für die ganze Woche.

Lustigerweise bin ich beruflich mittlerweile in einem Fachgebiet gelandet, in dem ein Grossteil meiner Klientel genau solche Strukturen und Routinen bevorzugt. Um das klarzustellen: Ich verurteile das nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass es das Leben einfacher und somit besser macht. Wenn ich mich lustig mache über solche Lebensmodelle, dann lache ich über Menschen, die garantiert nicht in dieses Spektrum fallen und – im konkreten Beispiel – sogar pensioniert sind.

Die letzten Monate waren für mich allerdings eine Grenzerfahrung im Bereich Belastung. Und plötzlich funktionierte ich nur noch mit Tagesplänen und Routinen. Es blieb mir gar nichts anderes übrig, als meinen Alltag dermassen zu strukturieren, dass ich irgendwie bestehen konnte und nicht einfach eine psychische Krise epischen Ausmasses provozierte. Meine Tage sind sehr voll. Ich muss sehr früh aufstehen, ich muss sehr weit fahren, um an meinen Arbeitsort zu gelangen. Weil ich mit dem ÖV unterwegs bin, muss ich alles mögliche, was ich an diesem Tag benötigen könnte, mit mir herumtransportieren. Aufstehen ist und bleibt ein echtes Problem (die Neuroleptika winken an dieser Stelle freundlich), also muss ich bereits abends alles mögliche parat machen und meine Schusseligkeit mit allen möglichen Mitteln zu übertölpeln versuchen. Ich habe mir also eine umfangreiche Abend-Routine gebastelt. Die sieht wie folgt aus:

Irgendwann zwischen 18:30 und 19:30 komme ich normalerweise zu Hause an. Zwischen 19 Uhr und 20:30 Uhr muss ich was essen. Am besten was mit ausreichend Kohlehydraten, sonst folgt nämlich zwischen 21 und 23 Uhr eine massive Fressattacke. Um 20:30 schlucke ich meine Medikamente. Zu diesem Zeitpunkt habe ich im besten Fall bereits die Küche aufgeräumt und irgendwas gemacht, was mich zumindest ansatzweise entspannt: TV, Social Media, malen, schreiben, ausgiebig kochen, rauchen. Irgendwann zwischen 21 und 22 Uhr mache ich Yoga. Meist reicht es nur für eine Viertelstunde, ohne wirkliche Anstrengung, nur progressive Muskelentspannung, ein paar Übungen für die Verdauung und ein paar Übungen für die Wirbelsäule (Rückenschmerz-Prävention).

Danach gehe ich entweder Duschen oder ich bereite mir bereits mein Frühstück für den nächsten Arbeitstag zu – und checke den Wetterbericht, meinen morgigen Arbeitstag und lege entsrpechend die Kleidung, die ganzen Utensilien, die ich zur Arbeit mitnehmen muss (Stichwort Backformen, USB-Sticks, Tablet, Lebensmittel und diverse Ordner und Bücher) zurecht. Im besten Fall überprüfe ich den Ladestatus meiner elektronischen Geräte sowie der Kopfhörer und lade alles auf, was aufgeladen werden muss. Ich kontrolliere meine Handtasche: Portemonnaie, Einkaufstaschen, Medikamente, Hygieneartikel sowie eine Notfall-Haarbürste, falls ich wieder mal verschlafe. Wenn ich mental gerade wirklich fit bin, koche ich mir irgendwann dazwischen mal Tee, weil ich sonst wieder zu wenig trinke und mein Körper rebelliert. Nach dem Duschen folgt – für meine persönlichen Verhältnisse – ausgedehnte Körperpflege: Ich benutze eine Feuchtigkeitscreme für mein Gesicht, ich bürste mir die Haare, ich kontrolliere mein Gesicht auf übermässige Behaarung, im besten Fall kontrolliere ich noch meine Fingernägel und allfällige Wunden (ich hab immer irgendwo welche, nie was schlimmes, und nein, ich füge sie mir nicht selber zu). Ich putze mir die Zähne, ziehe meinen Pyjama an und gehe innerlich noch mal durch, ob ich was vergessen habe: Wo liegt der Schlüsselbund? Welche Jacke muss ich anziehen? Wo sind Zigaretten und Kaugummis?

Irgendwann gegen 22:30 bis 23:30 (je nachdem, ob und wann mein Freund nach Hause kommt) falle ich ins Bett. Zu diesem Zeitpunkt bin ich in der Regel komplett erschöpft (Hallöchen, Neuroleptika), gleichzeitig würde ich unheimlich gerne noch mit jemandem reden, sei das nun mein Freund oder aber meine ganzen Social Media Kontakte. Ich muss mich zwingen, spätestens 23:30 das Licht zu löschen und zu schlafen – falls das denn auf Anhieb klappt.

Vermutlich klingt das alles sehr normal. So leben wohl viele Menschen meines Alters, zumindest die ohne Kinder. Warum ich das hier in aller Ausführlichkeit beschreibe, ist, weil es für mich so schwierig war und immer noch ist, diese Routine aufrecht zu erhalten. Ich muss im Bereich Struktur und Routine vieles, was andere instinktiv und automatisch tun, sehr bewusst und mit kognitiver Leistung tun. Ich weiss mittlerweile, dass mich diese Routine in stressigen Zeiten am Funktionieren hält. Aber ich weiss das erst seit etwa 1.5 Monaten. Nach wie vor ist es anstrengend, so zu leben, auch wenn ich weiss, dass dafür der nächste Tag weniger anstrengend sein wird.

Routinen helfen, auch mir. Ich wünsche mir die Energie, sie aufrecht zu erhalten.

Knapp vorbei.

Es ist soweit, ich bin an einem Punkt gelandet, an dem ich mir meine Gedanken von der Seele schreiben möchte, um eine beginnende Krise aufzufangen. Nach 5 Jahren Stabilität, wohlgemerkt. Es ist immer bitter, sich sowas eingestehen zu müssen. Gerade wenn die Hypomanie so schön greift, dass man sich für unbesiegbar und sagenhaft souverän hält. Ich weiss genau, wie es so weit kam, ich weiss genau, wie es sich aufgebaut hat dieses Mal. Das ist, und bei dieser Aussage hoffe ich wirklich, dass nicht nur mein hypomanischer Zustand aus mir spricht, ein gewaltiger Fortschritt.

Seit letztem Oktober habe ich in Absprache mit meinem zuständigen Psychiater die Medikamente reduziert. Seit 5 Jahren schluckte ich die selbe Dosis: 600mg Seroquel, immer abends. Das ist eine gewaltige Dosis, wenn man ein Arbeitspensum hat wie ich, und dass mein Arbeitsweg nach wie vor gewaltig ist, unterstützt die zu erwartende Dauererschöpfung (Seroquel sediert) noch zusätzlich. Ich sitze nach wie vor etwa 2.5 Stunden pro Tag im ÖV, ich habe ein Wochenpensum von 40-42 Stunden, ich habe wenig Freizeit, ich habe wenig Schlaf. Es ist schon ohne Neuroleptika nicht unanstrengend, so zu funktionieren. Klar, wir haben keine Kinder und unser Haushalt entgleitet uns manchmal ziemlich, aber im Ernst: Mein Leben ist nicht dermassen enstpannt und easy, wie es von aussen vielleicht aussieht. An den Wochenenden schlafe ich nach, putze, wasche, gehe Lebensmittel einkaufen, mache das Katzenklo sauber, koche endlich wieder mal warm, versuche, ein wenig Zeit mit meinem Freund zu verbringen. In den Ferien besuche ich meine Eltern, meine Schwestern, hüte meine Nichten, besuche vielleicht eine Freundin am anderen Ende der Deutschschweiz. Ich entsorge unser Recycling-Güter, ich kümmere mich um die Wohnung, ich gehe dringend benötigte Kleidung kaufen. Das alles ist gut, das alles ist normal, das alles ist mein Leben. Ich beklage mich nicht. Ich lebe gerne so, ich habe meinen Lebensstil gefunden. Meine Hobbies bereichern mich, ich male, ich kümmere mich um den Garten, ich versuche mich sogar in Handarbeit. Mein Leben ist so unendlich viel besser geworden in den letzten 5 Jahren, endlich fühle ich mich wohl, erfüllt, wertvoll.

Aber die Sache mit den Medikamenten – oder besser gesagt, die Tatsache, dass ich chronisch psychisch krank bin – , die verleiht meinem Leben halt einfach einen Druck, den andere in den selben Lebensumständen nicht haben. Diesen Druck kennen die wenigsten in meinem realen Leben. Nur meine engen Freunde, meine Familie, mein Partner, die kennen ihn, der ganze Rest meines sozialen Umfelds nimmt ihn nicht wahr. Die Menschen um mich herum merken vielleicht, wie vergesslich ich bin, wie viel Mühe es mir bereitet, morgens pünktlich aufzustehen oder wie unsäglich müde ich bei der Arbeit manchmal bin. Aber sie haben keine Erklärung dafür, ausser, dass ich halt ein Morgenmuffel bin, dass ich offenbar wahnsinnig viel Schlaf benötige, dass ich schusselig bin, dass ich vergesslich bin. Als ich einmal fehlte wegen Migräne, blaffte mich ein Mitarbeiter am nächsten Tag an, ob ich „feiern“ gewesen sei. Obwohl mir egal sein kann, was er denkt, verletzte mich das ziemlich. Nein, ich war nicht feiern, ich hatte tatsächlich Kopfschmerzen, vielleicht bedingt durch den Schlafmangel der Tage davor, wer weiss das schon, aber ich würde nie einfach blau machen, weil ich „feiern“ gehe. Ich gehe sowieso nicht unter der Arbeitswoche „feiern“, das liegt schlicht nicht drin bei meinem Job und meinem Belastungsgrad und meinem Schlafbedarf.

Als ich also anfing, meine Medikamenten-Dosis zu reduzieren, war ich höllisch vorsichtig. Ich wollte um alles in der Welt einen Super-GAU verhindern. Zwei Monate vergingen, ich sass wieder beim Psychiater, als er mich fragte, wie es mir gegangen sei. „Gut“, sagte ich. Ich war ehrlich. „Ich merke keinen Unterschied zu vorher“, gab ich bekannt, „und meinem Freund ist auch nichts aufgefallen.“ Der Psychiater war zufrieden und wir vereinbarten, die Dosis um weitere 100mg zu senken. Knapp 3 Monate später sass ich wieder beim Psychiater. „Es geht mir gut“, sagte ich wieder, „ich bin heute sehr, sehr müde, weil das eine so anstrengende Arbeitswoche ist. Aber abgesehen davon geht es mir gut.“ Der Psychiater war erneut zufrieden und meinte, ich könne ja künftig die Dosis selbst ein bisschen variieren. „Wenn Sie in Urlaub fahren, vor allem ausserhalb des Landes, erhöhen Sie einfach wieder um 100mg, oder sogar um 200mg.“ Er instruierte mich, wie ich genau die Dosis variieren soll, und ich verabschiedete mich.

Ich habe die Dosis dann tatsächlich selber wieder um 100mg erhöht, als ich feststellte, dass die Arbeitswochen nicht weniger anstrengend werden, sondern der immense Druck, den ich beruflich gerade erfahre, konstant bleibt. Weil ich aber nach wie vor dachte, dass es mir grundsätzlich gut geht, nahm ich die Anzeichen der beginnenden Hypomanie nicht so ernst. Ich nahm sie wahr, benannte sie auch so, aber ich dachte, ach komm, du hast einfach eine sehr wache und fokussierte Phase, das ist doch eigentlich was Gutes. Es passierte vor etwa einer Woche, dass das Ganze plötzlich ernst wurde. Ich entwickelte paranoide Gedanken, die ich zunächst auch gut begründen konnte. Mein Freund konnte alles relativieren. Ich schlief schlecht, aber ich schlief. Es wurde Sonntag, bis mir sonnenklar wurde, dass ich kurz vor einer Psychose stehe. Ich habe über all die Jahre und all die Hypomanien, die Manien, die Depressionen, die Halluzinationen, die Paranoia immer wieder eine Art Tagebuch geführt. Dies, um mich in der aktuen Situation zu entlasten, aber auch, um mich in der nächsten solchen Phase wieder an diese Gedanken und emotionale Zustände zu erinnern. Mein Gedächtnis ist, wie ich hier einmal beschrieben habe, zersplittert wie ein antikes Mosaik. Schriftliche Dokumente helfen mir, meine Biographie mit Daten und Ereignissen einigermassen rekonstruieren zu können.

Jedenfalls, ich musste meine Einträge letzten Sonntag nicht lesen, um zu begreifen, in welchem Zustand ich gerade bin. Es sind immer die selben Muster, nach denen mein Gehirn funktioniert in solchen Zuständen. Ich kenne mich mittlerweile ausgezeichnet, und sogar die Hypomanie konnte mich letzten Sonntag nicht mehr von meinen reflektierenden Gedanken abhalten. Die Paranoia packte ihre Sachen und rannte schreiend davon, als ich meinem Freund erzählte, was mit mir los ist. Genau das hasst sie, die dumme, besitzergreifende Nuss. Ich kontaktierte meinen Psychiater und informierte enge Freunde, wie es mir geht (nur solche, die mich real kennen).

Tja. So sieht es also aus mit mir und meinem Leben. So schnell kann es gehen, so schnell bin ich am Rand. Es ging glimpflich ab, dieses Mal. Ich habe richtig reagiert. Mein Psychiater hat richtig reagiert (er antwortete mir zeitnah und gab mir Anweisungen). Mein Freund hat richtig reagiert. Meine Freunde haben richtig reagiert. Niemand wurde panisch, alle haben mich unterstützt. Ich bin unendlich dankbar, so viel Unterstützung habe ich noch nie erhalten. Bisher war ich immer sehr allein mit solchen Zuständen. Klar habe ich meinen Freund, aber er ist kein Psychiater und überschätzt mich oft. Klar habe ich eine Familie, aber meine Familienmitglieder werden panisch, wenn sie erfahren, dass es mir nicht gut geht (ich kann es ihnen auch nicht verdenken).

Beruflich konnte ich vieles lösen letzte Woche. Es wird besser weitergehen für mich. Auch da, so viel Verständnis (ohne dass ich erwähnte, wie es mir psychisch geht) habe ich noch nie erfahren in meinem gesamten Arbeitsleben. Ich kann es kaum fassen, wie nett man mit mir umging, als ich benannte, dass ich gestresst und unzufrieden bin – und warum genau.

Die letzten 5 Jahre waren ein Geschenk für mich. Vom Universum direkt an mich. Danke, Universum.

Ihr Kinderlein kommet.

Ich habe Ferien, zur Zeit, und Ferienzeit ist Grübelzeit. Nachdem ich die letzten 2 Monate beruflich komplett am Limit lief, konnte ich mich endlich ein bisschen erholen und mich um meinen Alltag, unseren Haushalt, um meine sozialen Kontakte und mein eigenes Befinden kümmern in der letzten Woche. Herrlich! Aber eben, wenn man endlich Zeit für sich selber hat, kommt man auch ins Grübeln.

Ich bin gerade 35 Jahre alt geworden. Nein, keine Midlife-Crisis in Sicht, soweit, und eigentlich find ichs gut, älter zu werden. Mein Leben wird besser, finde ich, seit ich ein gewisses Alter erreicht habe. Ich habe mit vielem Frieden schliessen können, bin entspannter als früher, und meine Beziehung läuft so gut wie noch nie. Ich möchte nicht jünger sein. Ich war häufig sehr gestresst, als ich jünger war, auch wenn ich zweifellos schlanker war, allgemein straffer und vielleicht auch hübscher, wer weiss, aber ich mochte mich selber viel weniger, und das ist es schliesslich, was wirklich zählt, denke ich.

Der Punkt ist nur, 35 ist für mich eine biologische Grenze in Bezug auf die Kinderwunsch-Sache. Natürlich gibt es Mütter, die mit über 35 noch ihr erstes Kind zur Welt bringen, aber das bringt gewisse Risiken mit sich. Und, seien wir ehrlich, allzu viel Zeit für diese Kinder-Sache hat man ab 35 nicht mehr. Ich denke darum, meine kleine Sinneskrise hat schon auch mit diesem letzten Geburtstag zu tun.

Lange habe ich geglaubt, das Thema sei für mich endgültig durch. Seit meiner Selbstfindungs- und Beziehungskrise vor fast 4 Jahren hatte ich auch damit Frieden gschlossen: Nein, mit diesem Partner und in diesen Lebensumständen, in denen wir uns bewegen, ist Kinder kriegen ausgeschlossen.

Es hat finanzielle Gründe, ganz klar, denn mein Freund kann kaum sich selber ernähren mit seinem Einkommen (ja, das liegt DEUTLICH unter dem Existenzminimum), ich dagegen müsste mindestens 80 % arbeiten, um uns beide plus ein Baby durchbringen zu können, und das schaffe ich schlicht nicht, so belastbar bin ich nunmal nicht, ich schaffe ja schon ohne Baby kaum ein 80% Pensum.

Es hat aber auch klar psychische Gründe, gesundheitliche Gründe, warum wir keine geeigneten Eltern sind. Ich habe eine schizoaffektive Störung, mein Freund eine anankastische Persönlichkeitsstörung. Ich kann psychotisch werden, innerhalb weniger Wochen, und/oder einen Klinikaufenthalt benötigen, quasi „aus dem Nichts“. Mein Freund kann depressiv werden, er kann Panikattacken kriegen, er kann komplett arbeitsunfähig werden. Ich selber stand vor 5 Jahren bereits mit einem Bein im IV-Prozedere, ich war 8 Monate arbeitsunfähig und wurde in ein Integrationsprojekt für psychisch Kranke geschickt. Das kann wieder passieren. Im worst case würde ich noch im Wochenbett psychotisch in eine Klinik gesteckt und mein Freund müsste sich alleine 24h pro Tag um einen Säugling kümmern und darum seinen Job beim Pizzamann kündigen (der zwar unfassbar ausbeuterisch ist, aber hey, besser ein mieser Job als gar kein Job, zumindest im Falle meines Freundes).

Es war letzten Mittwoch, als ich also, 35 Jahre alt, vormittags meine Nichte hütete und mit meiner Schwester und den beiden kleinen Mädchen den Nachmittag verbrachte. Dabei wurde mir schmerzlich bewusst, dass das, was meine Schwester hat, ich niemals haben werde, weil das, was meine Schwester alles kann, ich niemals können werde. Sie schmeisst den Laden quasi alleine, hat alles im Griff, organisiert Kita und Kindergarten und die restliche Kinderbretreuung, wenn sie arbeitet (ja, sie arbeitet 40%). Sie macht den ganzen Haushalt (in einem ganzen Haus!), sie kocht in 30 Minuten, wenn sie mit der 2jährigen vom Schwimmkurs kommt, rasch noch eine gesunde Mahlzeit für alle. Sie ist Super-Woman. Sie verliert nie die Nerven, wenn die Mädchen quengeln, reagiert sie top-pädagogisch. Sie ist die beste Mutter, die ich kenne. Die Mädchen haben alles, was Kinder brauchen, und damit meine ich nicht nur das Materielle. Sie haben Liebe, Wärme, Struktur, Ermutigung, Grenzen. Sie wachsen unfassbar behütet und geliebt auf. Der Vater der Kinder ist ein typischer, traditioneller Vater, der viel Geld verdient und nur abends und am Wochenende Zeit für seine Familie hat. Ein durch und durch traditionelles System also, das ich nie im Leben leben möchte, aber für meine Schwester und ihre Mädchen funktioniert es offensichtlich gut.

Es hilft mir nichts, mich mit meiner Schwester zu vergleichen, das hat noch nie was geholfen. Seit ich ein Kind war, habe ich sie stets benieden, und es hat mir stets nichts gebracht. Aber als ich an diesem Mittwoch irgendwann zu Hause ankam und mir einen gemütlichen Fernseh-Abend gönnen wollte, fing ich plötzlich an zu heulen. Jetzt heisst es also, definitiv Abschied zu nehmen von meinem Wunsch nach einem Kind, dachte ich, und dann folgte ein ganzes Meer aus Tränen.

Bereits vor einigen Tagen hatte mich eine liebe Twitter-Freundin darauf hingewiesen, dass ich vielleicht mal mit meinem Freund über dieses Thema sprechen sollte. Unsere letzten Gespräche über das Thema Kinder fanden vor etwa 3 Jahren statt. Damals hatte ich, nach bestandener Beziehungskrise, das erste Mal zu meinem Freund gesagt, dass er Recht hatte, die ganzen Jahre über, als er sich gegen meinen (damals immensen) Kinderwunsch stellte. Er sagte immer, das müssen wir uns gut überlegen, der finanzielle Druck, was, wenn du krank wirst, etc. etc.. Ausserdem sagte er immer, dass er Angst hat, kein guter Vater zu werden, dass er Angst hat, dass sein Kind genau so wird wie er, voller Selbstzweifel, voller Probleme, und dass er dann nicht wüsste, wie er das verkraften soll. Mein Freund stammt aus einer wirklich schwierigen Familiensituation. Er selber hat eine grauenhafte Jugend hinter sich, mit Eltern, die eine Schlammschlacht produzierten bei der Trennung, mit Armut, mit so viel Problemen, dass er einfach verhindern möchte, selber ein Kind einer solchen Situation auszusetzen.

Als mein Freund nach Hause kam, hatte ich meine Tränen getrocknet und ich wollte, dass wir einen normalen Abend miteinander verbringen. Aber ich konnte dann doch nicht. Die legendäre Beziehungskrise anno 2014 hat nämlich noch weitere Effekte hervorgebracht: Ich gebe mir seither alle Mühe, Probleme und Schwierigkeiten mit meinem Freund zeitnah und direkt anzusprechen (auch wenn mir das nach wie vor schwer fällt). Ich erzählte ihm also von meinem Nachmittag, und dann fing ich wieder an zu heulen. Mein Freund war gelinde gesagt etwas schockiert und versuchte, mich zu trösten. „Ich wusste nicht, dass das für dich immer noch ein Thema ist“, sagte er. „Ich auch nicht“, heulte ich.

Und dann? Sagte mein Freund, dass er nicht möchte, dass ich traurig bin, dass er sich gerade wie ein Versager fühlt (die finanziellen Umstände), rechnete er mir vor, wie wir trotzdem ein Kind finanzieren könnten, sagte er dann irgendwann „aber weisst du, ich glaube einfach, alleine über einen längeren Zeitraum ein Kind zu betreuen, das könnten wir beide nicht“. Ja, that’s it. Weder ich noch er könnten das, wenn der andere eine Zeit lang komplett wegfällt. Oder, noch schlimmer, wenn wir uns trennen würden. Und dann all die Eventualitäten. Wir beide haben nicht gerade den besten Genpool ever. Was, wenn das Kind behindert/psychisch krank zur Welt käme? Ich meine, ich liebe Kinder und ich arbeite seit 15 Jahren mit besonderen Kindern, aber ich kann dadurch auch abschätzen, wie viel Energie es kosten kann, ein Kind mit Behinderungen / chronischen Krankheiten zu betreuen.

Irgendwann versiegten dann meine Tränen, und ich erzählte meinem Freund all die Versionen meiner, bzw. unserer Zukunft, die ich mir schon ausgemalt habe in den letzten Jahren: Ich fange noch mal ein Studium an, ich lerne Saxophon zu spielen, wir bereisen gemeinsam Asien, oder aber, es ändert sich nichts, wir wohnen weiterhin hier in unserer schönen, kleinen Wohnung, ich arbeite nach wie vor bei meinem aktuellen Arbeitgeber, wir sind zufrieden, pflanzen Blumenkohl an, essen zusammen, lachen zusammen, werden gemeinsam alt, schenken einander Liebe und Geborgenheit, bis ans Ende unserer Tage.

Und das, damit ich das betont habe, klingt für mich durchaus auch nach einem erfüllten Leben.

Stimmen.

Hier erzähle ich von Halluzinationen und anderen Alpträumen, bitte nur mit stabilen Nerven lesen.
Ich kann mich noch lebhaft erinnern, wie es war, als ich meinem Freund vor etwas mehr als 5 Jahren erzählte, dass ich Stimmen höre. Zum historischen Kontext: Ich wohnte damals seit etwa einem Monat wieder zu Hause (davor war ich stationär in der Psychiatrie) und besuchte ambulant eine Tagesklinik. Meiner Psychologin in der Tagesklinik hatte ich ebenfalls davon erzählt, auch das war ein Riesenschritt für mich (ganz ehrlich, ich kenne niemanden, der stolz darauf ist, zu halluzinieren), aber das meinem Freund gegenüber offenzulegen war nicht nur ein Riesenschritt, sondern ein Quantensprung. Es ging nicht nur darum, dass ich mich dafür in Grund und Boden schämte, es ging auch darum, dass ich Angst hatte, dass er mich wieder in die Geschlossene einweisen lässt, wenn er das hört. Dass er das Recht hat, das zu tun, hatte ich beim Austritt unterschrieben (ja, rechtlich gesehen war diese Unterschrift nicht viel wert, es ging um die symbolische Bedeutung dieses Dokuments, damit er mir „etwas vor die Nase halten kann“, O-Ton Psychiaterin, falls ich im Wahn nicht einsichtig sein sollte).
Wir sassen im Auto, und ich setzte an. „Es ist so…“, „ich meine…“, „ich möchte dir sagen…“ – ich rang ewig um Worte und brach unzählige Male wieder ab, bis ich es aussprechen konnte, „ich höre in meinem Kopf Stimmen.“ „Oh.“ Er sagte nicht viel dazu. „Ich weiss, dass sie nicht real sind“, brach es aus mir hervor. „Was sind das für Stimmen?“ fragte er. „Es ist meistens eine Männerstimme“, ich konnte kaum noch reden, „aber nicht immer, es ist auch eine Frauenstimme und manchmal ein Kind. Es ist eine Familie.“ In meinem Inneren tobte ein heftiger Kampf, als ich das sagte, und es war fast unerträglich, auszuhalten, dass ich all das laut gesagt hatte. Mein Freund erzählte irgend etwas von „Symbolen“ und „Botschaften“ und dass es vielleicht gar nicht so pathologisch sein müsse, Sachen zu sehen oder hören, die andere Menschen nicht wahrnehmen.
Ich weiss nicht mehr, ob ich meinem Freund im Anschluss wirklich noch erklären konnte, wer die drei – plus manchmal noch ihre Freunde und ihre weitere Familie, deren Stimmen manchmal ebenfalls erklangen – waren, in welcher Beziehung ich zu ihnen stand. Es war nicht nur die Scham, es war nicht nur die Angst, wieder in dieser furchtbare Klinik gesteckt zu werden, nein, mittlerweile war es auch der Verrat, der mich abwürgte. Ich verriet meine innere Familie. Ich verriet all das, was sich in meinem Kopf abspielte, seit ich in Argentinien im Spital war. Dort hatte es angefangen. Ich hatte irgendwo in meinen Augenwinkeln einen Mann gesehen, den ich gekannt hatte, als wir beide noch Kinder waren. Er sah jetzt erwachsen aus, aber ich erkannte ihn wieder. Seit da hörte ich in meinem Kopf seine Stimme. Und später auch die seiner Frau und noch später auch die seines Kindes.
Es war Verrat, jemandem davon zu erzählen. Es waren höchst intime Dinge, die ich da seither gehört hatte. Es ging um Gewalt, es ging um Missbrauch, es ging um Drogen, es ging um Selbstmordversuche, es ging um selbstverletzendes Verhalten. Ich hatte oft Schmerzen, weil ich fühlte, wie jemand sich verletzte oder geschlagen wurde oder sich Drogen spritzte. Ich fühlte einen schlimmen, stechenden Schmerz, wenn der Mann, die Hauptperson dieser furchtbaren Geschichte in meinem Kopf, näher kam. Näher zu mir. Er benutze schwarze Magie, hörte ich ihn sagen. Ich verspürte die Schmerzen in dem Körperteil, die am nächsten zu ihm war. So konnte ich mir ausmalen, wo er gerade ungefähr war.
Warum ich diese Erinnerungen ausgrabe? Ich habe mittlerweile festgestellt, dass die meisten Menschen, die akustische Halluzinationen haben, irgendwie anders halluzinieren als ich. Offenbar befehlen Stimmen gerne Dinge, böse Dinge. Das war bei mir nie der Fall. Der Mann und seine kaputte Familie wandten sich nie direkt an mich. Er sprach nicht direkt mit mir. Und er gab mir nie irgendwelche Aufträge oder Befehle. Nein, was ich hörte (ich schreibe all dies bewusst so, als wäre es real), waren seine Gedanken, manchmal aber auch seine Gespräche mit seiner Frau oder dem Kind oder sonst wem. Und ich hörte all dies nicht mit meinen Ohren. Ich hörte es nur in meinem Kopf. Es fühlte sich an wie extrem laute Gedanken in einer fremden Stimme. So laut, dass ich manchmal kaum in der Lage war, ein reales Gespräch zu führen. Ich konnte mich kaum auf ein Gegenüber konzentrieren in diesem Zustand, die Stimmen im Kopf waren so laut, dass sie mein Gehirn flachlegten. 
(Es waren, um ehrlich zu sein, nicht immer nur furchtbare Dinge, die sich in meinem Kopf in meiner inneren Familie abspielten. Es war auch Alltag. Wocheneinkauf, das Auto, albernes Zeugs, wenn sie betrunken waren, manchmal erzählten sie sogar Witze.)
Es ist bezeichnend, um zurück zu meinem „Outing“ vor meinem Freund zu kommen, dass die Stimmen sich ein paar Tage nach meinem Geständnis verflüchtigten und schliesslich verschwanden. Ich hatte ihnen das Futter genommen, ich hatte ruiniert, was ihre Existenz erst möglich gemacht hatte: Das Geheimnis, das Abspalten. All die Fantasien brachen in sich zusammen wie ein Kartenhaus, als ich sie mit der Realität konfrontierte. Eine Zeit lang hörte ich dann noch meine eigene Stimme im Kopf, wie ein Echo meiner eigenen Gedanken. Und dann hörte auch das auf.
Es ist lange her, und seither habe ich im Wachzustand nicht mehr halluziniert. Aber was mir nach wie vor passiert, und in letzter Zeit sogar gehäuft, sind Halluzinationen im Halbschlaf. Bzw, mittlerweile sogar im fast wachen Zustand, einfach nachts. 
Ich höre dann oft Musik. Es ist alte Musik, und sie klingt scheppernd und verzerrt, wie aus einem alten Radio. Ich hatte das schon in der letzten Wohnung, dachte jedoch ernsthaft, es sei die Frau, die unter uns wohnt, die wohl oft nachts ein Radio laufen liesse. Jetzt sind wir umgezogen, und ich höre die Musik immer noch. Sie macht mir Angst. Kurz darauf fangen meist die Schmerzen an. Jemand kommt näher, und ich habe Schmerzen. Ich weiss dabei genau, dass ich im Bett liege, ich kann manchmal sogar die Augen aufmachen und die Umrisse des Zimmers erahnen. Gleich darauf fallen sie mir wieder zu, weil ich so müde bin, dabei weiss ich genau: Sobald ich mich wirklich aufwecken kann, ist der Spuk vorbei, aber ich kann mich nicht richtig wecken, weil ich so müde bin. Ich höre manchmal auch eine Stimme, eine kalte, grausame Stimme. Manchmal kann ich mich bewegen, dann spüre ich, dass mein Freund neben mir liegt, und neulich habe ich ihn offenbar laut gefragt, ob er die Musik auch hört. „Nein“, sagte er, „ich höre keine Musik“. Das geschah offenbar wirklich, er sprach mich darauf an. Ich hatte ernsthaft gedacht, dass das alles nur im Traum stattfand. 
Es fühlt sich komisch an, das Gefühl, das ich habe, wenn ich in diesen merkwürdigen Träumen feststecke, erinnert mich irgendwie an Elektrizität. Als ob ich unter Strom stehen würde, wörtlich. Als wäre ich selber eine Art Radio, das elektrische Schwingungen empfängt, die sonst niemand spürt. Es tut weh, es ist ein schmerzhaftes Gefühl. Mein Puls überschlägt sich fast, mein ganzer Körper ist auf eine Art angespannt, die ich kaum beschreiben kann. Als würde ich zittern, als würde ich selber irgendwie schwingen.
Warum ich das Alles hier erzähle? Ich will niemandem Angst machen, ich will keine Vorlage für einen Gruselfilm liefern. Ich schreibe das hier, weil ich niemandem davon erzählen kann. Nicht im wörtlichen Sinn, nicht so wie damals mit den Stimmen, natürlich erzähle ich meinem Freund davon, ich glaube, ich habe sogar meiner Psychologin schon davon erzählt. Aber halt nicht in dieser Ausführlichkeit. Niemand will Details zu Alpträumen hören, ausserdem schäme ich mich auch für diese Absonderlichkeit meines Gehirns gehörig. Das ist nichts, was ich einfach so einer Kollegin erzählen würde. Aber, und damit schliesst sich der Kreis, ich erhoffe mir, dass ich auch diesem Gruselkabinett in meinem Kopf das Futter verwehre, wenn ich einfach davon erzähle. Wenn ich die Scham überwinde und den Verrat, den ich als „Medium“ irgendwelcher komischen, scheppernden Musik begehe, wenn ich darüber berichte, meinem Unterbewusstsein den Spass verderbe, mich mit solchem Bullshit zu quälen.
Ende.

Anders sein.

Mit dem Anderssein habe ich viel Erfahrung. Eigentlich schon, so lang ich lebe. Erst ab 10 ging ich kaputt, aber ich war auch schon vorher ein höchst merkwürdiges Kind. Vielleicht wäre ich in einer anderen Familie, einem anderen Umfeld weniger angeeckt und aufgefallen, das kann gut sein, aber ich muss rückwirkend wirklich sagen, ich war schon immer seltsam. Da war meine fast grenzenlose Fantasie, die mich ganze imaginären Welten gestalten liess und meinen Bezug zur Realität manchmal sanft verwischte. Da waren meine ganzen imaginären Freunde (ja, ich hatte dutzende davon). Da war meine übermässige Sensibilität, da waren meine motorischen Probleme und mein konfuses Körpergefühl: Wo fange ich an, wo höre ich auf? Da war meine spektakuläre Vergesslichkeit und Unfähigkeit, mich zu organisieren. 

Ich war in der Grundschule oft sehr abwesend, und was ich nicht vergass, das verlor ich. Schnell zog ich den Unmut des Lehrers auf mich, und dass ich nebst all dem auch noch eine furchtbare Klugscheisserin war, machte die Sache nicht besser. Ich hatte viele ältere Geschwister, die mir schon lange lesen, schreiben und rechnen beigebracht hatten, bevor ich mit 6 endlich in die Schule durfte. Ja, ich hatte mich riesig darauf gefreut (und zuvor jahrelang gewütet und getobt, weil ich als einzige noch nicht zur Schule durfte) – und war dann, gelinde gesagt, sehr enttäuscht von dem Programm dort. Ein ganzes Jahr lang lernten wir die Zahlen und Buchstaben!! Ich hatte mit 3.5 mein erstes Wort geschrieben („Äberi“, „Erdbeere“) und unter dem Strich wenig Verständnis für dieses Vorgehen. Ich korrigierte den Lehrer ob seiner falsch übersetzten lateinischen Zitate und landete so bereits als Erstklässlerin vor der Türe (es sollte das erste von sehr vielen Malen werden). Weitere Merkwürdigkeiten ereigneten sich im Zeichnen, meinen anthroposophisch angehauchten Grundschullehrer verstörten meine Werke sehr („ein normales Kind zeichnet nicht schwarz-weiss!“), worauf er künftig bei sämtlichen Gemälden die Farben vorgab: Blau und Gelb, gemischt dann ein blasses Grün, das wars.

Vermutlich war ich in dieser Gesamtschule (1. bis 6. Klasse im selben Schulzimmer, insgesamt 15 Kinder) einfach etwas unterfordert, aber in der nächsten Schule auf höherer Stufe wurde es nicht besser, nein, ab da ging ich dann kaputt, durchaus auch bedingt durch äussere Umstände, weiss ich heute, aber ich fiel in meiner Eigenart auch einfach noch viel mehr auf. Ich sprach mit 12 noch mit Feen und Zwergen, ich konnte mich nicht mal annähernd altersgemäss verhalten. Ich war und blieb die Komische (mit dem verwahrlosten Erscheinungsbild, mangelnder Körperpflege, einem sexuellen Übergriff, den niemand registrierte und einer psychsich kranken und manipulativen Mutter). Wirklich lustig (ich entwickelte schon in sehr jungen Jahren einen beissenden Sarkasmus, der mich auch einfach irgendwie am Leben hielt) fand ich, als mir dann von dem ganzen mobbenden Scheisskaff auch noch angedichtet wurde, ich sei eine Streberin. Dabei hatte ich meine Hausaufgaben nie gemacht, vergessen oder verloren oder beides, war weiterhin im Unterricht abwesend und meldete mich auch nie mehr freiwillig, weil jede verbale Äusserung meinerseits zu einer neuen Welle des Spottes oder der Ausgrenzung führte, und zwar ganz klar nicht nur seitens meiner Mitschüler, sondern auch z.B. des Klassenlehrers, der mich offenbar bereits ab dem ersten Tag hasste und dem Mobbing gerne noch mal so richtig Schwung verlieh.

Ja, ich war anders. Irgendwann dachte ich dann, dass die Ursache des ganzen Übels vielleicht in meiner frühen Einschulung zu suchen war. Ich konnte zwar schulisch gut mithalten, lag aber von meinen Interessen und meinem Sozialverhalten her offenbar um Jahre zurück. Heute weiss ich, es wäre auch ein Jahr später nicht besser gewesen.
Ich bin anders. Heute habe ich einen Namen für gewisse Besonderheiten, ich habe eine schizoaffektive Störung. Alle meine Marotten erklärt aber auch die nicht. Besonders die, die schon immer da waren, sogar im glücklichen Teil meiner Kindheit.

Lange, sehr lange, wünschte ich mir unter dem Strich nur eines wirklich: Normalität. Einfach sein, wie die anderen, einfach nicht auffallen, einfach eine von vielen sein, einfach dazu gehören. Auch als erwachsene Frau wollte ich das noch, auch nach den ganzen psychiatrischen Intermezzi, den Therapien und den Diagnosen. Eigentlich wollte ich das noch bis vor ein paar Jahren. Nicht in jedem Bereich wollte ich Durchschnitt, aber zumindest im sozialen. Mein ganzes gefühltes Erwachsenen-Leben lang höre ich von wirklich wohlmeinenden Mitmenschen, was ich alles dringend lernen sollte.

„Du musst lernen, dich emotional von deinem sozialen Umfeld abzugrenzen.“

„Du musst den Leuten konstant in die Augen sehen und nicht ständig wegsehen.“

„Du musst lernen, zu Menschen, die du liebst, Nein zu sagen.“ 

„Du musst dringend selbstbewusster werden!“ [Weil man das ja einfach nur entscheiden muss, nicht wahr.]

„Du musst aufhören, ständig allen helfen zu wollen, die du magst. Du hast ein Helfer-Syndrom!“

„Du musst endlich Selbstdisziplin entwickeln!“

„Du musst es doch wirklich auf die Reihe kriegen, nicht ständig alles zu vergessen und zu verlieren!“

„Du musst lernen, dich besser zu organisieren! Mach dir einen Tagesplan!“

„Du musst lernen, wie jeder andere Mensch auch einfach aufzustehen, wenn der Wecker klingelt. So viel zu schlafen ist ungesund!“

„Du musst sorgfältiger mit materiellen Gütern umgehen! Ständig fällt dir alles zu Boden! Ist es dir einfach egal? Das kostet alles!“

Well, diese Liste liesse sich noch lange fortführen. Nun ist es ja so: Das meiste davon ist wirklich sinnvoll. Mein Leben wäre einfacher und somit besser, wenn ich das lernen würde. Es ist aber tragischerweise nicht so, dass ich das nicht versucht habe. Ich bin halt bloss einfach gescheitert.

Seit vielleicht 3 oder 4 Jahren sehe ich diese ganzen Defizite langsam aber sicher entspannter. Das macht es für mein Umfeld jedoch nicht unbedingt einfacher, ich reagiere jetzt nämlich zunehmend genervter auf wohlmeinende Ratschläge. Ich sage bestimmter „nein, muss ich nicht. Ich bin so, fertig.“ Ich will damit nicht sagen, dass ich jetzt über alle meine Schwächen und Fehler einfach hinweg sehe und das Gefühl habe, ich sei perfekt. Weiterhin weiss ich, dass ich manchmal ZU hilfsbereit bin. Dass ich gegenüber mir nahestehenden Personen ZU harmoniebedürftig bin und einiges runterschlucke, was ich besser laut aussprechen würde. Ich sehe mich und meine Person schon immer noch recht kritisch, keine Sorge.

Aber: 

Ich bin halt hilfsbereit. Ich finde es schön, wenn ich jemanden helfen kann und er durch mich ein Problem lösen konnte. Oder ein bisschen Trost und Zuwendung erfahren konnte. Das ist nicht einfach nur schlecht. Die Welt wäre eine bessere, wenn es mehr Menschen gäbe, die hilfsbereit sind, da bin ich überzeugt. Ist es mein Fehler, dass manche Menschen Hilfsbereitschaft ausnützen? Muss ich „mehr ein Arschloch sein“, wie mir das immer wieder geraten wurde, bloss, weil es halt viele Arschlöcher gibt? Ich bin dagegen. 

Ich bin halt mitfühlend. Das kann anstrengend sein, gerade in meinem Job. Vermutlich nehme ich einfach mehr wahr, emotional, als andere. Vermutlich kann ich Menschen deutlich besser beobachten und einschätzen als andere (das weiss ich auch erst seit ein paar Jahren). Aber, ich wiederhole meine Argumentation: Die Welt wäre eine Bessere, gäbe es mehr Mitgefühl (bitte nicht verwechseln mit „Mitleid“). Ich habe ein weiches Herz, abgesehen von den paar verätzten, steinharten Narben, die meine Kindheit und meine Jugend reingebrannt haben. Gäbe es bedeutend mehr Menschen mit einem weichen Herzen, es gäbe bedeutend weniger Gewalt und Elend auf dieser Welt. 

Ich könnte so ewig weiterfahren, mit jedem der genannten Sätze, der sich auf Schwächen von mir bezog. Nein, ich bin nicht perfekt, mich nervt weiterhin vieles an mir, ich will weiterhin an mir arbeiten. Aber ich bin mittlerweile überzeugt, dass Abweichungen von der Norm nicht einfach schlecht sein müssen. Ich bin, wie ich bin. Anders als der Durchschnitt. Und das ist gut so.

Allein sein.

Manchmal, wenn ich alleine irgendwie ein paar Stunden totschlagen sollte oder wenn es sonst darum geht, alleine meine Freizeit zu gestalten, stelle ich fest, dass ich einiges einfach nicht kann, was für andere offenbar problemlos geht. Ich will jetzt wirklich nicht auf der Selbstmitleids-Schiene landen, es ist ja so, dass ich dafür viele andere Dinge sehr wohl kann. Ich hab mir meine Strategien zurecht gebastelt und bin zufrieden mit meinem Leben. Ich hadere selten damit, es fällt mir halt einfach nur auf, wenn ich von anderen Menschen Tipps bekomme, wie ich eben zum Beispiel ein paar Stunden totschlagen soll, wie sehr ich doch in einigen Bereichen neben der Norm laufe: Ich kann ganz viele Dinge nicht, wenn ich dabei alleine bin.

„Geh doch in eine Kneipe was trinken“.

Zusammen mit irgendjemandem kein Problem, alleine dagegen fast nicht machbar. Es gibt ein paar handverlesene Ausnahmen von Lokalen, in denen ich mich sicher genug fühle, damit ich alleine reingehen und mich alleine an einen Tisch setzen kann – es sind übrigens alles Selbstbedienungs-Restaurants. Was ich dagegen mittlerweile (wieder) kann, ist, in einem Lokal auf jemanden warten. Also einen Kaffee trinken, bis jemand aufkreuzt. Was ich auch kann, ist, an einem Bahnhof in einer Bahnhofkneipe was trinken, bis mein nächster Zug fährt, wenn z.B. draussen Minusgrade herrschen. Generell kann man sagen, an Bahnhöfen bin ich souveräner als sonst, ich habe schliesslich mein halbes Leben an Bahnhöfen verbracht. Aber was ich wirklich nicht kann, ist einfach irgendwo in einer Stadt oder, noch schlimmer, in einem Dorf eine Kneipe zu gehen und dort alleine was zu trinken. Never ever, never ever.

„Geh doch ins Kino / in eine Ausstellung/ an ein Konzert“

Ähm. Ich war in den letzten 34 Jahren noch nie alleine im Kino. Eigentlich finde ich „alleine ins Kino gehen“ von der Idee her ganz interessant, aber es führt letztlich ins selbe Loch wie „alleine in eine Kneipe gehen“: Praktisch undenkbar. Alleine an Konzerte. Etc. ging ich dagegen, als ich jung war, aber da schrieb ich Artikel für den Kulturteil eines regionalen Käseblatts. Ich war zwar allein, aber mein Schreibblock stand zwischen mir und dem restlichen Publikum. Ich war „die Presse“, ich war mit einem Auftrag und in einer Rolle dort.

„Geh doch spazieren“

Spazieren. Wenn ich das Wort nur schon höre, weiss ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Damit das klar ist: Von der Idee her (ja, ich wiederhole mich) finde ich Spazieren super. Draussen sein, sich ein bisschen bewegen, die Natur geniessen, klingt wirklich gut. Leider alleine unmöglich für mich. Komplett! Alleine spazieren kann ich nicht. Ich kann shoppen gehen, in Geschäften herumschlendern, aber auch nur in einer Stadt mit genug vielen anderen Menschen. In einem Dorf kann ich vom Bus zur Wohnung oder zur Poststelle und zurück gehen, von A nach B, aber never ever „spazieren“, nicht mal an den Fluss oder in den Wald, wo ich wirklich gern wäre, es geht nicht, es geht schlicht nicht.

Ja, ich habe meine Marotten, die dazu führen, dass ich manches alleine nicht kann. Ich habe auch so meine Theorien, warum dem so ist, hier aber zunächst meine Theorie, was sicher NICHT der Grund dafür ist: Ich kann das alles nicht darum nicht, weil ich halt ein Herdentier bin, das sich nur in Gruppen wohl fühlt. Meine Güte, ich bin vieles, aber ein Herdentier bin ich garantiert nicht! Im Gegenteil, in grösseren Gruppen ist mir schnell unwohl und ich fühle mich deplatziert. Nein, das ist nicht der Grund.

Ich kann gut alleine sein, grundsätzlich. Nicht nur das, ich brauche das manchmal wirklich auch zur Erholung, dieses alleine sein. Aber es gibt dafür klar definierte Bereiche. Zu Hause, zum Beispiel. Oder im Zug. Oder beim Shoppen. Was nicht geht, ist alleine sein, wenn ich kein nach aussen sichtbares Ziel habe und gleichzeitig auf andere Menschen treffe. Am Fluss, zum Beispiel, in der Nähe unserer Wohnung, befindet sich eine herrliche Landschaft, in der viele Menschen spazieren, radeln, im Sommer auch schwimmen, oder einfach an der Sonne liegen. Wenn ich dort hin gehen soll, um „zu spazieren“, die Natur zu geniessen, dann markiere ich da meine Präsenz, ich stelle meine Person in den öffentlichen Raum, ich signalisiere, dass ich meinen Platz beanspruche. Und das geht nicht, denn das macht mich verletzlich. Ich setze mich den Reaktionen und den Interaktionen mit wildfremden und unberechenbaren Menschen aus. Es kann sein, dass ich angepöbelt werde, es kann sein, dass ich gesehen werde, es kann sein, dass sich die Menschen fragen, was ich hier wohl mache, was ich hier zu suchen habe, alleine, ohne erkennbares Ziel, ohne einen Hund, der meine Präsenz rechtfertigen würde, ohne eine Freundin, die meiner Anwesenheit einen normalen, sozialen Touch verleihen würde. 

Wenn ich alleine in eine Kneipe gehe, mich alleine an einen Tisch setze, dann ziehe ich Aufmerksamkeit auf mich, ausser vielleicht in grossen Selbstbedienungsrestaurants. In einer Dorfkneipe sitzen Frauen meines Alters nicht alleine an einem Tisch, ausser, sie warten auf jemanden. In einer Bar in der Stadt sitzen Frauen vielleicht alleine, wenn sie jemanden aufgabeln wollen, vielleicht auch nur, weil sie im Gegensatz zu mir selbstbewusst genug sind, um sich den Blicken auszusetzen, die sie auf sich ziehen werden. Aber, wie auch immer, ich kann das nicht. Meine Person so einer unberechenbaren Öffentlichkeit auszuliefern, das tue ich mir schlicht schon sehr, sehr lange nicht mehr an.

„Aber das kann doch nicht sein, dass du das nicht kannst! Und es kann dir doch piepegal sein, was andere von dir denken!“

Äh, doch, das kann sein. Ich habe mich in den letzten 5 Jahren vielleicht 2mal gezwungen, allein „spazieren“ zu gehen. Nur ein bisschen in die Natur, das war mein Wunsch, nur ein bisschen die Bäume und das Wasser geniessen. Nun, ich hatte meine Kopfhörer auf & liess mich auf Nundenpiepen von Nirvana beschallen, aber es fühlte sich dermassen stressig an, dass ich wirklich nicht beabsichtige, das je zu wiederholen. Das ist für mich keine Erholung, das ist reiner, purer Stress. Es ist mir grundsätzlich wirklich egal, was Fremde von mir denken, aber es ist mir nicht egal, was ICH denke, wie ICH mich fühle. Ich will mich sicher fühlen, ich will mich in meiner Freizeit erholen können. 

Würde man jetzt nach den Gründen für dieses Unvermögen suchen, ich hätte da eine plausible Erklärung parat. Nein, das ist kein Symptom einer schizoaffektiven Störung, es hat weder mit Stimmungsschwankungen noch mit den Ausläufern einer Psychose zu tun, denn es ist immer so, völlig unabhängig von meiner akuten Verfassung. Vielleicht hat es was mit Paranoia zu tun, so von weit weg, aber ich denke, die Ursache ist eigentlich recht simpel: Die 5 Jahre Mobbing, zwischen 10 und 15, gruben tiefe Furchen in meine Persönlichkeit. Das reparieren auch 15 Jahre Psychotherapie nicht, da helfen keine Psychopharmaka, das hat mich nachhaltig verändert, Punkt.

Und darum mache ich, wenn ich ein paar Stunden totschlagen muss, lieber was Irres wie ein paar Stunden Zug zu fahren, einfach so, trinke in einer entfernten Stadt in einem der handverlesenen Restaurants einen Tee und fahre dann wieder zurück. Das ist für mich stressfrei, ich muss meine Kopfhörer nur kurz zum Bezahlen absetzen und kann mich ansonsten mit Kurt Cobain von meiner Umwelt abschotten. Und ja, ich finde das völlig ok und sehe keinen Grund, mich zu etwas zu zwingen, das mich einfach nur stresst, bloss weil es dem entspricht, was die Mehrheit tut oder für richtig hält.