Zeitreise, oder auch: Die Liebe, Teil III.

Eine Reise nach S. ist wie eine Zeitreise für mich. Es ist selten geworden, dass ich diesen Ort anpeile, vermutlich ist der letzte Besuch mehrere Jahre her. Und gäbe es nicht triftige Gründe, würde ich auch heute garantiert nicht dorthin fahren. Diese kleine Stadt mit ihrer quirligen historischen Altstadt und der prunkvollen Kathedrale ist jedoch die Verwaltungshochburg in meinem Wohnkanton, und so pilgere ich an diesem heissen Sommertag dorthin, um bei einer Behörde vorzusprechen.

Hier habe ich mal gewohnt, 2 Jahre lang. Rückblickend gesehen waren das recht bescheidene Jahre. Als meine damalige WG in einer deutlich grösseren Stadt anfing, mir nachhaltig auf den Sack zu gehen, zog ich mit meinem Freund zusammen. Witzigerweise weiss ich nicht mal mehr, wie das genau zustande kam. Habe ich ihn zum Zusammenziehen gedrängt? War es seine Idee? Ich kann es nicht mehr rekonstruieren. Alles, was ich noch weiss, ist, dass Aurélie den Bogen bei mit wiederholt dermassen überspannt hatte, dass ich die Nase von WG‘s im Allgemeinen und von der aktuellen im Besonderen gestrichen voll hatte. Vermutlich habe ich meinem Freund vorgejammert, wie mir meine Mitbewohner auf die Nerven gingen (ja, es war nicht nur Aurélie, die gegen Ende hin konsequent an meinen Nerven rumsäbelte, mein anderer Mitbewohner, der in den 2 Jahren unseres Zusammenwohnens nicht nur kein einziges Mal das Klo putzte, sondern auch immer wieder mehrere wildfremde Personen wochenlang bei uns wohnen liess, ohne dass er selber anwesend war, tat ebenfalls sein Bestes, meine Geduld endgültig auszuleiern), vermutlich hat er mir gesagt, ich solle doch ausziehen und mir eine eigene Wohnung mieten, worauf ich ihm vermutlich vorgerechnet habe, dass ich mir das unmöglich leisten kann – irgendwie so muss es gewesen sein, und schliesslich haben wir uns offenbar darauf geeinigt, dass wir zusammen ziehen.

S. war ein geographischer Kompromiss. Ich konnte von da aus mit dem ÖV in unter einer Stunde zu meinem Arbeitsort wie auch zur Fachhochschule gelangen, mein Freund hatte zu seinem Arbeitsort etwa 40 Minuten Fahrzeit mit dem Auto. Ich wollte in einer Stadt wohnen, wegen dem ÖV, wegen der Infrastruktur, wegen dem kulturellen Angebot, wegen meiner Abneigung gegenüber dem Dorfleben (ich war zwar am Arsch der Welt aufgewachsen, war jedoch in die Stadt geflohen, sobald ich volljährig war), was mein Freund wollte, weiss ich nicht mehr so genau, vermutlich wäre er lieber in ein Dorf gezogen, fügte sich aber schliesslich meinem Willen (wie er es noch so oft tun würde in den nächsten 14 Jahren).

Wir zogen also zusammen, in eine grosse, neu renovierte Wohnung im 2. Stock eines riesigen Wohnblocks. Was dann folgte, entsprach so ganz und gar nicht dem, was ich mir vorgestellt hatte. Ich war 22, und hatte plötzlich das Gefühl, erwachsen sein zu müssen. In den Jahren zuvor sah ich mich vorwiegend als Studentin, auch wenn ich 60% arbeitete. Ich lebte in chaotischen WG‘s, übernachtete hin und wieder bei meinem Freund in seiner Single-Wohnung und ging manchmal in seinen Klamotten zur Fachhochschule, weil ich keine saubere Hose, geschweige denn saubere Unterwäsche dabei hatte. Ich schlief oft in den Vorlesungen, auch, weil mich mein Job mit Schichtdienst an und über die Grenzen meiner Belastbarkeit brachte, ich schleppte die Literatur und die ganzen Materialien der FH in einer sich zunehmend zersetzenden Supermarkt-Tüte mit mir rum, ich schwänzte, ich ging mit Aurélie feiern, ich zelebrierte meine omnipräsente Verpeiltheit. Das einzige, was ich in der Zeit wirklich ernst nahm, war mein Job in einem Kinderheim. 

Mit dem Zusammenziehen aber ändere sich mein Blick auf mich und mein Leben. Ich hatte jetzt einen Mietvertrag unterschrieben, ich war jetzt in einer festen Beziehung, ich führte jetzt einen Haushalt – ja, ich hatte das Gefühl, dass zum grössten Teil ich verantwortlich war für unseren gemeinsamen Haushalt, aufgrund welcher Infiltration mit stereotypen Rollenbildern auch immer. In der Folge versuchte ich mit aller Macht, erwachsen zu sein – und scheiterte, immer wieder. Leider hatte das auch Auswirkungen auf unsere Beziehung. Aus unerfindlichen Gründen hatte ich sehr genaue Vorstellungen davon, wie unser Zusammenleben aussehen sollte. Ich hatte genaue Vorstellungen, wie eine erwachsene Beziehung aussehen sollte. Paare in unserem Alter, in unserer Lebenssituation sollten bestimmte Dinge tun, sollten sich in einer bestimmten Art verhalten. Sie sollten einen Haufen gemeinsamer Aktivitäten vorweisen können, sie sollten ein aktives Sozialleben aufweisen, sie sollten zusammen ausgehen, sie sollten einen akzeptabel grossen Freundeskreis haben – dachte ich. Also zwang ich meinen Freund zu jeder Menge Aktivitäten, die ihm zutiefst widerstrebten. Wir machten Outdoorsport, wir gingen an Messen, an Konzerte, an Volksfeste, in Bars, in teure Restaurants, ein paar Mal sogar tanzen. Eigentlich sollte ich nun zufrieden sein, da wir so „mithalten“ konnten mit den Paaren in meinem Bekanntenkreis und ich beim Smalltalk jeweils mit unseren jüngsten Unternehmungen prahlen konnte, aber ich war es nicht, weil sich einfach alles falsch anfühlte. Mein Freund kam zwar mit, wenn ich ihn genügend unter Druck setzte, aber er war überhaupt nicht glücklich dabei. Er hasste es, zu irgendwelchen Geburtstagspartys zu gehen, er hyperventilierte manchmal, wenn ich ihn zu einem Volksfest zwang. Er hatte nach wie vor keine Freunde, praktisch keine Sozialkontakte nebst mir. Sein Unwohlsein an irgendwelchen kulturellen / sozialen Anlässen war dermassen greifbar, dass ich diese ebenfalls nicht geniessen konnte. Ich schämte mich für meinen Freund, der kaum ein paar lockere Worte wechseln konnte mit meinen Bekannten, ich schämte mich für unsere Beziehung und unser Zusammenleben, das einfach auf Biegen und Brechen hin nicht in das Schema reinpasste, das ich für „richtig“ hielt. Dass mein Freund quasi jede freie Minute vor seinem PC sass, wurde mir erst bewusst, als wir zusammen wohnten. Dass wir keine gemeinsamen Hobbies hatten, auch. Dass mein Freund im Gegensatz zu mir viel Wert auf Materielles legte, dass er jedes Mal, wenn mir etwas aus meinen ungeschickten Händen fiel oder ich sonstwie irgendeinen Gegenstand, irgend ein Gerät schrottete, in eine Lebenskrise geriet, dass wir viele Abende damit verbringen würden, indem er alleine vor dem PC sitzt und ich vor dem Fernseher, das alles hatte ich mir nicht so vorgestellt.

Ich schämte mich aber auch für mich selbst, die ich es nicht auf die Reihe kriegte, jeden Abend für meinen Freund zu kochen, zu putzen, die Wäsche zeitnah und so zu erledigen, dass sich keiner unserer Nachbarn bei uns beschwerte. Ich schämte mich, dass ich von vielen Dingen im Haushalt keine Ahnung hatte, dass ich mich kopfüber in so ziemlich jedes Fettnäpfchen stürzte, welches das Leben in einem Wohnblock zu bieten hatte. Bereits in der ersten Woche, in der wir in der gemeinsamen Wohnung wohnten, rotteten sich 3 Nachbarinnen zusammen und beschwerten sich bei uns, weil wir nach 22 Uhr noch Lärm produzierten. Weder mein Freund noch ich hatten je zuvor in einem Wohnblock gewohnt, meine vorherigen WGs befanden sich zwar auch in Mehrfamilienhäusern, aber dort hielt sich ganz einfach niemand an die Hausordnung, so dass sich nie jemand über uns beschwerte. Mein Freund und ich waren in unserem Wohnblock die einzigen, die noch nicht das Pensionsalter erreicht hatten, die meisten wohnten da seit über 20 Jahren, sie kannten sich untereinander und wussten genau, wie man sich zu verhalten hatte. Wir störten dieses friedliche Zusammenleben ab dem ersten Tag, an dem wir da wohnten. Irgendwie fühlte sich in dieser Zeit vieles einfach falsch an. Obwohl ich mir so viel Mühe gab, alles richtig zu machen, machte ich unter dem Strich doch alles falsch. Obwohl ich Orchideen kaufte und Unmengen an Deko-Artikeln, sah unsere Wohnung doch nicht so perfekt aus wie die meiner Bekannten. Als ich Blumenkistchen für den Balkon kaufte, fielen mir beim Montieren mehrere schwere Metall-Elemente aus den Händen und segelten an den Balkonen unserer Nachbarn vorbei, um dumpf auf dem Innenhof aufzuschlagen (ich hätte jemanden erschlagen können damit, glücklicherweise stand niemand da). Obwohl ich meinen Freund zwang, sich bei der Feuerwehr anzumelden, damit er endlich Freunde findet und wir unsere Abenden endlich auch damit verbringen konnten, uns mit anderen Paaren gegenseitig anzuöden, ging alles schief und er konnte nachts nicht mehr schlafen, weil er Panik hatte, dass es brennt, er falsch reagiert und schliesslich wegen ihm allein die ganze Stadt abbrennt. Ich selbst lernte in den ganzen 2 Jahren, in denen wir da wohnten, keine einzige Person kennen, die mit mir befreundet sein wollte. Ich scheiterte, auf allen Ebenen und ständig. 

In der Stadt selbst fühlte ich mich nie wohl. Sass ich alleine in einem Café, fühlte ich mich angeglotzt. Sass ich alleine in einer Bar, erst recht. Frauen in meinem Alter sassen nicht alleine irgendwo rum. Zwar lebten wir in einer „Stadt“, aber sie war mit meinem vorherigen Wohnort nicht zu vergleichen. Der ÖV innerhalb der Stadt war ein Witz, ich musste 25 Minuten zu Fuss gehen, um bei einem (kleinen) Supermarkt anzukommen. Es gab keine Lieferdienste abgesehen von Döner und Pizza, es gab keine indischen Restaurants, es gab keine Kneipen, in denen man morgens um 3 noch Chicken Wings bestellen konnte. Es gab keine wohltuende Anonymität, in die ich mich ab dem Auszug bei meinen Eltern verliebt hatte. Jegliche Illusion von „urbanem Leben“ fehlte. Dieser Ort ist und bleibt ein Provinznest, ohne die Vorteile des Landlebens, aber auch ohne die Vorteile einer „echten“ Stadt. Vermutlich hätte sich alles besser angefühlt, wenn wir Freunde gefunden hätten – aber wie erwähnt, daran scheiterten wir beide kläglich. 

Es macht mich traurig, rückblickend gesehen, dass ich so viele Jahre unserer Beziehung damit verbraten habe, um irgendeinem diffusen Ideal hinterher zu rennen, das wir nie erreichen konnten. Es macht mich traurig, dass ich so lange das Gefühl hatte, wir seien falsch, mein Freund sei falsch, ich sei falsch. Es tut mir wirklich furchtbar leid, dass ich meinem Freund so lange vermittelt habe, er sei falsch und müsse sich dringend ändern. All der Druck, all die beschissenen Anlässe, zu denen ich ihn gezwungen habe, ich kann es selbst kaum fassen. Über die Jahre hinweg wollte ich mich immer wieder mal von ihm trennen, aber ich konnte es nie durchziehen. Ich konnte mit meinem Freund auch nicht über unsere Probleme reden, ich frass alles in mich hinein.

Im zweiten Jahr, in dem wir da wohnten, setzte ich meine Medis ab, brach die Therapie bei der Psychiaterin des Grauens ab und wurde prompt psychotisch. Das war eine grauenhafte Zeit. Ich fehlte knapp einen Monat bei der Arbeit, 2 Wochen davon waren Ferien, danach ging ich wieder arbeiten. Das war die Hölle. Ich war nach wie vor paranoid, ich war nach wie vor völlig überreizt, ich hatte Panik davor, irgendwelchen Nachbarn zu begegnen, von ihnen fühlte ich mich verfolgt und bedroht. In dieser Phase entwickelte ich einen neuen Tick: Das Stress-Kotzen. Ich übergab mich ständig, auch bei der Arbeit. Aus lauter Angst, meine Stelle zu verlieren und 1 Jahr vor Abschluss mein Studium abbrechen zu müssen, prügelte ich mich irgendwie durch diese Zeit, aber wie gesagt, es war die Hölle auf Erden. 

Vielleicht sind das die eigentlichen Gründe, warum ich diese Stadt verabscheue: Meine Krankheit, für die kein Ort der Welt was kann, meine enorme Unsicherheit und Überforderung in dieser Lebensphase, unsere Beziehungsprobleme, mein bescheuertes Streben nach merkwürdigen „Idealen“, die wir beide nie erreichen konnten, vielleicht auch unsere Wohnsituation in diesem Rentner-Block, aber wie dem auch sei, wenn ich diesen Bahnhof sehe, wenn ich durch diese Unterführung gehe, wenn ich diese Brücke überquere, dann keimt ein ganz bestimmtes Unwohlsein in mir auf. Es fühlt sich an, als würde mein Blut giftig, als verätze es von innen heraus meinen Körper. Nein, ich mag diese Stadt nicht, freiwillig gehe ich da nicht mehr hin.

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Was alles geht.

Nachdem ich dieses Jahr sehr viel Zeit mit Grübeln darüber verbracht habe, was ich alles können möchte und was ich im Vergleich dazu alles (immer noch) nicht kann, möchte ich meinen Fokus mal wieder auf das Positive richten. Es ist an der Zeit, das zu würdigen, was ich alles erreicht habe in den letzten Jahren, all die Freiheiten, die ich mittlerweile geniesse, aufzulisten, all die Fortschritte, die ich -trotz der Krisen in diesem Jahr – gemacht habe, ins Zentrum zu stellen. Hier sind sie, all die Sachen, die gehen, welche früher nicht gingen.

Ich kann…

Fahrrad fahren

Das hat viel mit unserem Umzug vor anderthalb Jahren zu tun. Ein nigelnagelneues, gutes Fahrrad besass ich schon vorher, aber ich benutzte es so gut wie nie. Mit dem Umzug, der mich damals ziemlich flachlegte, kamen irgendwann neue Routinen, neue Möglichkeiten. Die Strecke von unserem neuen Zuhause in die Stadt ist ca. 4.5km lang und führt den drei Flussarmen entlang, ist also grösstenteils flach und wirklich wunderschön. Ich habe mir angewöhnt, diesen Weg bei schönem Wetter wirklich mit dem Fahrrad zurückzulegen. Auch Einkäufe erledige ich grösstenteils mit dem Fahrrad (die Anschaffung eines Korbs hat sich total gelohnt!)

Malen

Seit etwa drei Jahren habe ich ein neues altes Hobby: Ich male und zeichne regelmässig, was in früheren Jahren nur während Psychosen möglich war. Interessant wurde es dieses Jahr, als ich nach einer Hypomanie und beginnender Paranoia nur knapp an einer Psychose vorbei schrammte und danach, quasi als chemische Gegenreaktion, plötzlich im zähen Sumpf einer (zum Glück nur kurzen) Depression festsass. Wie es sich für depressive Phasen gehört, konnte ich nicht mehr malen, es ging schlicht nicht mehr. Ich war ziemlich pessimistisch, ob die Möglichkeit, mich kreativ zu betätigen, irgendwann wieder da ist. Wie soll ich sagen: Entgegen meiner Befürchtungen, fand ich nach einigen Monaten schliesslich den Weg zurück. Ich musste mich überwinden, anfangs, ich hatte Angst, dass ich nicht mehr genug Übung habe und mein Ergebnis mir nicht gefallen würde. Aber ab da wurde es wieder leichter und der Druck, dass ich etwas „Schönes“ schaffen muss, nahm wieder ab.

Yoga machen

Auch da: In den krisengeschüttelten Zeiten und selbst jetzt, in einem stabilen, aber erschöpften Zustand fiel und fällt es mir sehr schwer, zu Hause Yoga in meinen Tagesablauf einzubauen. Aber ich gehe normalerweise immerhin 1mal pro Woche in eine geleitete Yogastunde. Meine Körperwahrnehmung hat sich dadurch sehr verbessert.

Mich gegenüber Reizen abschotten

Wenn mir alles zu viel wird (Reizüberflutung) und während paranoiden, hypomanischen Phasen ertrage ich Kontakte (oder nur schon Blickkontakt) mit Fremden fast gar nicht. Ich montiere dann meine Super-Duper-Kopfhörer mit Noise Cancelling und Musik auf Nundenpiepen und schaue z.B. im ÖV, aber auch in der Fussgängerzone in der Stadt starr auf den Boden. Eine super Strategie, die, natürlich in Kombination mit Medikamenten, dazu beigetragen hat, dass ich dieses Jahr wie erwähnt nur an einer Psychose vorbei schrammte anstatt voll rein zu donnern. Ich kann mir ein Leben ohne meine Kopfhörer nicht mehr vorstellen und verstehe echt nicht, warum ich auf dieses super Hilfsmittel erst mit über 30 gestossen bin.

In kleinen Läden einkaufen

Gesetzt der Fall, ich bin gerade stabil, habe ich in der neuen Stadt mittlerweile eine Auswahl an diversen Fachgeschäften, in denen mich die Verkaufspersonen mittlerweile kennen – einige sogar mit Namen. Sowas war, so lächerlich es klingt, früher unmöglich. Ich getraute mich in solche Läden meist gar nicht rein, fühlte mich zu sehr beobachtet, hatte Angst, dass ich irgendwie komisch wirken könnte, etc. Ausserdem wusste ich, dass ich mich je nach psychischer Verfassung wirklich auffällig benehmen könnte. Daher ging ich früher fast ausschliesslich in möglichst anonymen Supermärkten einkaufen. Nach wie vor schätze ich Anonymität, aber wie gesagt, ich habe jetzt mehrere kleine Läden, in denen ich regelmässig einkaufen kann, was ich cool finde, weil die Qualität da halt besser ist und ich auch aus Überzeugung gerne solche Geschäfte unterstützen möchte.

Mich zurückziehen, wenn ich am Limit bin

Im Februar, als ich um ein Haar psychotisch geworden wäre, ging ich zu meinem Chef und erzählte ihm, dass ich mich überlastet fühle. Er fragte, was mir helfen würde, und ich fragte, ob ich meine Pausen anders legen darf, damit ich sie alleine verbringen darf (und dabei nicht von mindestens 4 Kolleginnen auf berufliche Themen angesprochen werde). Er meinte, ja klar, das sei kein Problem. Diese einfache Massnahme hat mir sehr geholfen, und obwohl ich jetzt wieder belastbarer und stabiler bin, nehme ich mir das nach wie vor manchmal heraus.

Zeit in der Natur verbringen

Nach wie vor ist das für mich viel schwieriger, als ich mit das wünsche, aber ich habe am neuen Wohnort neue Strategien gefunden, wie ich das hinbekomme: Ich jogge (ausser im Winter), oder ich fahre Fahrrad (was ich im Winter leider ebenfalls nur selten hinkriege). Einfach nur „spazieren“ kann ich leider nach wie vor nur unter extremer Anspannung, zumindest, wenn ich alleine bin, und das bin ich für sowas nun mal in 99% der Fälle. Was ich im Sommer ebenfalls tun kann, ist, im Fluss zu schwimmen, aus Sicherheitsgründen nicht alleine, sondern mit einer Bekannten, die in der Nähe wohnt. Sie ist quasi mein Schwimmkontakt, manchmal sind auch ihr Mann oder Freunde von ihr dabei. Ich finds absolut toll, wie unkompliziert dieser Sozialkontakt ist. Eine weitere Option, zwar ohne Bewegung, aber immerhin mit frischer Luft, ist seit dem Umzug ebenfalls möglich: Ich kann einfach auf dem Gartensitzplatz sitzen oder mich in meinem kleinen Garten betätigen. 

(Es ist ganz schön paradox, muss ich an dieser Stelle mal erwähnen, eigentlich bin ich ein totaler Natur-Mensch, ich verbrachte einen Grossteil meiner Kindheit und auch meiner Jugend draussen, meistens im Wald, meistens alleine. Ich liebe Bäume und ich liebe Wasser, ich liebe die Natur, ich liebe es, wenn alles um mich herum zu leben scheint (dazu gehören für mich auch Steine, so absurd das klingen mag). Das Problem damit, mich draussen aufzuhalten, sind für mich die anderen Menschen. Ich wuchs am buchstäblichen Arsch der Welt auf, hinter den sieben Bergen bei den sieben Landwirten. Dort traf ich im Wald höchstens auf ein paar verirrte Förster, und das auch nur in den bewirtschafteten Wäldern. Unter unserem Haus war eine steile, bewaldete Schlucht, zu unterst ein Bach, in die nicht einmal ein Weg führte. Man kam da nur mit klettern runter, und das auch nur, wenn man wusste, wo man lang gehen muss, da das Gestein sehr locker war und es ausserdem wie erwähnt saumässig steil war. Dort unten, ich schwöre, bin ich in den ganzen Jahren nur genau 1mal von meiner Schwester „gestört“ worden – und das auch nur, weil sie mich aus irgendeinem Grund suchte -, ansonsten ging da niemand freiwillig hin. Jedenfalls, wo ich dann als erwachsene Person auch hinzog, nie hatte ich einen solchen Ort. Überall hatte es Menschen, die quasi vor mir schon da waren, die ihre Waldpfade und Lieblingsspaziergänge bereits seit Jahren kannten. Ich kam mir immer als Eindringling vor, als Touristin, zudem fühlte ich mich alleine immer auf dem Präsentierteller. Eine mehr oder weniger junge Frau alleine im Wald, ohne Hund oder sonstige Begleitung, das führte dazu, dass ich angesehen wurde (mehr auch nicht, aber das reichte leider schon), dass ich wahrgenommen wurde, und das war mir bereits zu viel. Ich erkläre mir das übrigens wie hier ausgeführt mit dem jahrelangen Mobbing, das bei mir letzten Endes nur einen einzigen Wunsch auslöste: Unsichtbar zu sein, zu verschwinden, mich aufzulösen. Hoppla, jetzt bin ich ganz schön vom Thema abgekommen, irgendwie.)

Singen

Seit dem Sommer bin ich in einem Chor und übe auch zu Hause regelmässig. In der depressiven Phase war Singen (nebst Netflix) oft das einzige, was ich überhaupt tun konnte, da weder Malen noch Schreiben noch Kochen noch Yoga noch Nähen noch Sport möglich waren. Singen tut mir gut, singen hebt meine Stimmung. Ausserdem komme ich so in Kontakt mit anderen Menschen, auch wenn ich nach wie vor kaum wen aus dem Chor mit Namen kenne und ich normalerweise nach den Chorproben gleich flüchte – 40-50 Menschen an einem Haufen sind halt dann doch irgendwie too much. Aber wie auch immer, ich bin unter Menschen, mache bisschen Smalltalk, scherze, fühle mich trotz allem irgendwie zugehörig.

Mir was gönnen

Dieses Jahr habe ich durch meine Pensenreduktion deutlich weniger verdient als letztes Jahr, dafür habe ich deutlich mehr Geld ausgegeben – so gleicht es sich ja quasi wieder aus, oder? Aber ernsthaft: Ich hab mir einiges gegönnt. Ich habe zwei kurze Städtereisen gemacht, ich hab diverse Freizeit-Kurse gemacht, ich hab mich mit Malsachen eingedeckt, ich hab haufenweise Geld in meinen Garten investiert. Ich hab mir neue Laufschuhe gekauft, mit denen ich an zwei Volksläufen teilnehmen konnte. Und: Dafür musste ich mein Erspartes antasten, aber es fühlte sich gut an. Ich hab den Fokus verschoben in meinem Leben, mein Job kommt nicht mehr an erster Stelle, ich will mein Leben nicht nur nach meinem Job ausrichten, auch wenn er toll und mir nach wie vor sehr wichtig ist. Aber ich will mein Leben auch geniessen können, auch wenn das bedeutet, dass wir nie zu Wohneigentum kommen werden oder was immer ich mir an Wohlstand erhofft hatte.

Ohne meinen Freund verreisen

Von den beiden Städtetrips unternahm ich einen mit einer Freundin und einen mit meiner Schwester. Beim zweiten verbrachte ich sogar einen Tag, eine Nacht und den Rückflug alleine. Das alles klappte wirklich gut, auch wenn mein Stresspegel klar erhöht war und ich mich danach einen ganzen Tag lang erholen musste.

Meine Krankheit weiterhin akzeptieren

Auch wenn ich das ungern zugebe, ich hatte tief in mir drin dennoch die Hoffnung überleben lassen, dass die optimistischen Prognosen des letzten Psychiaters („… es kann auch sein, dass Sie irgendwann gar keine Psychosen mehr haben und dann auch keine Medikamente benötigen“) eintreffen – oder dass ich zumindest die enorme Dosis meiner Neuroleptika irgendwann senken kann. Das Debakel im Februar (ich hatte in Absprache mit dem Arzt die Dosis schrittweise um 200mg gesenkt) bewies leider das Gegenteil. Tja, traurig, aber wahr: Ich werde meine Krankheit nicht einfach los mit den Jahren, in denen ich stabil und glucklich bin. Sie wird immer da sein. Ohne die Unmengen an Neuroleptika und den ganzen dazu gehörigen Nebenwirkungen werde ich nie leben können, egal, wie gesund ich lebe. Ich kann durch und durch glücklich sein, mit meiner inneren Mitte Sachertorte essen, während ich achtsam Traumtagebuch schreibe und werde dennoch psychisch krank sein. Ich werde immer, immer, immer mit einer schizoaffektiven Störung leben. Mich hat diese neue alte Erkenntnis dieses Frühjahr deutlich empfindlicher getroffen, als man von jemandem erwarten könnte, der diese Diagnose seit 16 Jahren kennt. Aber, und darauf wollte ich hier eigentlich hinaus: Ich kann (wieder) damit leben. Mein Leben hat engere Grenzen als ich mir das wünschen würde, aber innerhalb dieser Grenzen lebe ich doch wirklich gut. Es gibt sehr viel Schönes in meinem Leben. Ich habe eine grosse Auswahl an möglichen Aktivitäten, die mir Spass machen, die mir gut tun, die mich erfüllen. 

Ja, ich kann Vieles, was ich früher nicht konnte, und das trotz der Krisen dieses Jahres. Ich darf optimistisch sein, dass ich das, was ich in einer Krise an Handlungsmöglichkeiten verliere, mir wieder zurück erobern kann, Schritt für Schritt. Ich darf darauf hoffen, dass ich auch künftige psychische Krisen so elegant an meinem Job vorbei lotsen kann, wie ich das dieses Jahr getan habe. 

Ich darf auf mich stolz sein. Ich hab mich im Februar quasi selbst an den Haaren aus der Scheisse gezogen, als ich direkt vor der Psychose stand, und ich hab es Anfang Sommer wieder geschafft, als ich depressiv und meine Therapeutin wieder mal über Wochen hinweg nicht erreichbar war. Ich organisierte mir eine neue Therapeutin, die zwar auch ziemlich schräg, aber wenigstens erreichbar ist. 

Ich möchte, dass ich noch freier werde, ich möchte, dass meine Grenzen erweitert werden, Milimeter um Milimeter. Bis dahin feiere ich einfach alles, was geht.

Bye, bye, Blues.

Mein letzter Blogbeitrag ist ein Weilchen her, und das hat, wie man so schön sagt, gute Gründe. Es ging mir ziemlich mies die letzten Monate. Ein, zweimal setzte ich an, meine Misere zu verbloggen, aber dann liess ich es doch bleiben. Weil ich niemanden runterziehen wollte, weil ich mich so unendlich leer fühlte, dass ich keine Worte fand, weil ich mich auch nicht wirklich getraute, zu benennen, wie mies ich mich fühlte, denn, und da kam mir meine Sozialisation mal wieder ungefragt samt bitterem Gallengeschmack hoch, es ja ganz vielen Menschen immer noch so viel schlechter ging als mir, dass ich schlicht kein Recht hatte und habe, irgendwo öffentlich rumzuheulen.

„Ich war depressiv“, könnte ich auch einfach kurz und knapp sagen, wobei mir mir da ehrlich gesagt doch nicht ganz wohl ist bei dem Begriff. Ist es wirklich eine Depression, wenn keine Fachperson weit und breit diese Diagnose verhängt? In meiner psychiatrischen Karriere habe ich festgestellt, dass Ärzte absolut gar nichts darauf geben, was ich mir selber diagnostiziere. Einerseits total verständlich, ich bin ja keine Ärztin, und selbst wenn wäre mein Blick auf meine eigene Gesundheit komplett unsachlich, andererseits – nun ja, ich bin nach wie vor überzeugt, dass ich meinen ersten psychotischen Schub nicht mit 19, sondern bereits mit 17 hatte, damals jedoch halt ohne ärztliche Unterstützung, ohne Therapie, ohne Medikamente, weil ausser mir niemand mitbekam, was in meinem Kopf alles abging. „Das kann nicht sein“, haben Ärzte später gesagt. Schliesslich höre eine Psychose nicht einfach von selbst wieder auf, schliesslich konnte ich ja trotz allem die Schule besuchen, meinen Abschluss machen, was unmöglich gewesen wäre, so betreffende Fachpersonen, wenn ich wirklich psychotisch gewesen wäre. Ich kann das nicht beurteilen, ich weiss nur, dass ich mich mit 19 an diese Gefühle und Gedanken erinnert fühlte. „Ich kenne das doch“, dachte ich, als ich wieder einigermassen klar denken konnte nach der Psychose. Aber wie dem auch sei, ich versuche also, vorsichtig zu sein mit psychiatrischen Begriffen, dennoch glaube ich bezogen auf die letzten 3 Monate, dass ich die Kriterien einer – vielleicht einfach nur leichten – depressiven Verstimmung erfüllt habe.

Es war vor etwa 2 Monaten, als ich an einem wirklich grauenhaften Tag, an dem ich nicht einmal das Bett verlassen konnte, plötzlich dachte: „Es könnte jetzt einfach enden. Mein Leben könnte jetzt einfach enden, es wäre absolut in Ordnung.“ Ich habe keine Pläne geschmiedet, ich wollte mich nicht umbringen. Aber ich stellte mir vor, wie es wäre, jetzt zu sterben, und es fühlte sich so befreiend an. Kein Druck mehr, kein Versagen mehr. Ich müsste mich nie mehr an Anforderungen aufreiben, die ich einfach nicht erfüllen kann.

Etwas später dachte ich über diesen Gedanken nach und über das schöne Gefühl, das ich hatte, als ich mir mein Ende vorstellte, und da bekam ich plötzlich Angst. „Ich glaube, ich bin depressiv, so ein bisschen, zumindest“, sagte ich meinem Freund, und erzählte ihm von meinen Gedanken. Ab da war ich am Punkt, wo ich aktiv Hilfe suchte, was allerdings viel schwieriger war, als ich mir das vorgestellt hatte. Meine Psychologin war nicht erreichbar, ich konnte nicht einmal Termine vereinbaren. Ich versuchte also, eine neue Therapeutin zu finden. Heilige Scheisse. Was gibt es zermürbenderes, als gefühlte hundert vergebliche Telefonate zu führen, wenn man sowieso schon psychisch angeschlagen ist? „Wir nehmen leider keine neuen Patienten“, es ist immer das selbe Lied. Die Suche nach einer Selbsthilfegruppe war ebenfalls relativ aussichtslos, ich hätte anrufen müssen, was für mich wie erwähnt eh schon schwierig war, ausserdem waren die mögliche Telefonzeiten alle in meiner Arbeitszeit. Ich kann UNMÖGLICH während meiner Arbeit bei einer Selbsthilfegruppe für Psychosekranke anrufen, ich kann das einfach nicht. Alleine die Vorstellung, dass eine Arbeitskollegin zufälligerweise mein Büro betritt, während ich gerade meine Krankengeschichte zum Besten gebe, verursacht bei mir massives Herzflattern. Das geht einfach nicht. Ich versuchte also, mir anderswo Hilfe zu holen und erzählte meiner Familie – stark beschönigt – von meinem Zustand. Aber, wie soll ich sagen, ausser, dass sie jetzt alle in Sorge waren, brachte das wenig. Dass ich ausser meinem Freund im realen Leben eigentlich niemanden habe, mit dem ich über meine psychischen Probleme reden kann, wurde mir an dem Punkt mal wieder sehr bewusst.

Das Verrückteste an dieser ganzen schwierigen Zeit scheint auch rückwirkend die Tatsache, dass es keinen einzigen äusseren Grund gab für meine Krise. Es ist nichts passiert, einfach gar nichts. Früher war das anders, oder, sagen wir, in meiner damaligen Wahrnehmung war es früher anders. Ich kannte immer jede Menge triftiger äusserer Gründe, warum es mir gerade schlecht ging. Ich erinnere mich allerdings an einen Kommentar einer Psychiaterin, zu meinen ganzen Schilderung widriger Umstände, die dazu führten, dass ich mich so schlecht fühlte: „Aber Ihnen ist schon bewusst, dass IMMER irgendwas schief läuft?“ Das kratzte damals ziemlich an meinem Selbstkonstrukt, so sehr, dass ich mich heute noch daran erinnere. Daher: Vielleicht waren es auch früher nicht nur „Schicksalsschläge“, die mich depressiv werden liessen. In der Gegenwart jedenfalls, da bin ich wirklich sicher, war es einfach nur meine gestörte Hirnchemie.

Irgendwann jedoch wurde dann alles wieder ein bisschen besser. Ich hatte Termine bei einer neuen Psychiaterin, ich hatte mich in meiner Suche nach mehr realen Sozialkontakten einem Chor in meiner Umgebung angeschlossen und besuchte regelmässig einen Handarbeitskurs. Ich übte mich in „Achtsamkeit“ – ich kann dieses Wort ja eigentlich kaum schreiben, ohne dass mich die inhärente Esoterik durchschüttelt, aber wie dem auch sei, im Prinzip konzentrierte ich mich einfach bewusst auf meine Körperwahrnehmungen. Wie fühlen sich meine Schuhe an, sind meine Hände warm oder kalt, wie fühlt sich der Druck an, wenn ich meine Fingernägel in meinen Arm graben, etc. Meine neue Therapeutin ermunterte mich bei jedem Termin, meine „innere Prinzessin“ zu verwöhnen – ja, sie ist komplett durchgeknallt, aber auf eine sehr liebenswürdige Art und Weise.

Es ist schwer zu sagen, was davon nun wirklich half, aber es geht mir mittlerweile wirklich viel, viel besser. Dieses Gefühl, als schwimme ich in einem Tank voller ätzender Flüssigkeit, die nach und nach meine Haut, mein Gewebe, meine Knochen wegbrennt und mich unter bestialischen Schmerzen verenden lässt, es ist weg. Dieses Gefühl, als schmerze jeder Kontakt mit der Realität, mit dem Leben, es ist weg. Dieses Gefühl, als könne ich nie mehr unbeschwert und sorglos sein, es ist weg. Was noch da ist, ist Erschöpfung, ein starker Hang zum Grübeln und ein starker Hang zu Tagträumen. Aber damit werde ich auch noch fertig.

Routinen.

Es ist leider so, ich habe das in einem Beitrag zum Thema Struktur bereits ausführlich beschrieben, dass ich ein echtes Problem damit habe, mein Leben mit Sicherheit gebenden Routinen zu vereinfachen und stabilisieren. Meine wilde Zeit ist längst vorbei, schon lange habe ich nicht mehr das Gefühl, jedes soziale System dieser Welt boykottieren zu müssen und aus reinem Trotz alles abzulehnen, was gemäss irgendwelcher gesellschaftlicher Normen als richtig und wichtig gilt. Ich denke schon seit langer Zeit nicht mehr, dass ich mich selber irgendwie dramatisch von spiessigen Lebensentwürfen oder Haltungen krass abheben muss, damit mein Selbstwert und meine gefühlte moralische Überlegenheit meine Selbstakzeptanz irgendwie auf ein annehmbares Level schaukeln können. Ich lebe ein sehr durchschnittliches Leben mit sehr durchschnittlichen Rahmenbedingungen, zumindest, wenn man meine psychische Krankheit, meine Biographie und die Unmengen an Psychopharmaka, die ich seit Jahrzehnten schlucke, komplett ausblendet – oder schlicht nicht kennt.

Ich lebe seit Jahren in einer mehr oder weniger stabilen monogamen Beziehung. Ich habe einen halbwegs normalen Job mit halbwegs normalen Arbeitsbedingungen. Ich beziehe ein durchschnittliches Einkommen, oder ich würde es beziehen, wenn ich so viel arbeiten könnte wie der Durchschnitt. Ich bezahle meine Steuern, ich habe seit ein paar Jahren sogar ein Vorsorgekonto, um mir meine Rente im Alter – oder bei Arbeitsunfähigkeit – einigermassen zu sichern. Ich lebe ein ruhiges, unauffälliges Leben und versuche, mich tatsächlich ruhig und unauffällig durchzuschlagen.

Dennoch hat es fast 15 Jahre meines Erwachsenenlebens gekostet, bis ich mir in der Not der letzten, beruflich furchtbar stressigen Monaten echte Routinen basteln konnte, die mein Leben erleichtern und sichern. Ich denke, es hat mit meiner komplett chaotischen Kindheit und noch viel chaotischeren Jugend zu tun, dass mir das so schwer fällt, aber wahrscheinlich auch einfach mit meinem Charakter. Ich bin ein sehr sprunghafter Mensch, mit stark wechselnden Ideen und Tätigkeiten, manchmal auch Haltungen. Dazu kommt mein Krankheitsbild. Mit einer schizoaffektiven Störung zu leben bedeutet – zumindest in meinem Fall – dass ein grosses Mass an Beständigkeit einfach fehlt. Emotional, sozial, vom Energielevel her, ich bin einfach nicht beständig. Das führt nicht nur dazu, dass es für mich und leider auch für andere herausfordernd sein kann, Freundschaften und Kontakte zu pflegen, nein, es bedeutet auch, dass es mir wahnsinnig schwer fällt, in einem gewissen regelmässigen Rhythmus zu leben. Nach wie vor mache ich mich gerne z.B über Nachbarn lustig, die jahrein, jahraus und für mich ohne nachvollziehbaren Grund nach dem selben Wochenrhythmus leben: Wäsche waschen am Sonntag, Staub saugen am Montag, Sport am Dienstag, je nach je sogar mit fixem Menueplan für die ganze Woche.

Lustigerweise bin ich beruflich mittlerweile in einem Fachgebiet gelandet, in dem ein Grossteil meiner Klientel genau solche Strukturen und Routinen bevorzugt. Um das klarzustellen: Ich verurteile das nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass es das Leben einfacher und somit besser macht. Wenn ich mich lustig mache über solche Lebensmodelle, dann lache ich über Menschen, die garantiert nicht in dieses Spektrum fallen und – im konkreten Beispiel – sogar pensioniert sind.

Die letzten Monate waren für mich allerdings eine Grenzerfahrung im Bereich Belastung. Und plötzlich funktionierte ich nur noch mit Tagesplänen und Routinen. Es blieb mir gar nichts anderes übrig, als meinen Alltag dermassen zu strukturieren, dass ich irgendwie bestehen konnte und nicht einfach eine psychische Krise epischen Ausmasses provozierte. Meine Tage sind sehr voll. Ich muss sehr früh aufstehen, ich muss sehr weit fahren, um an meinen Arbeitsort zu gelangen. Weil ich mit dem ÖV unterwegs bin, muss ich alles mögliche, was ich an diesem Tag benötigen könnte, mit mir herumtransportieren. Aufstehen ist und bleibt ein echtes Problem (die Neuroleptika winken an dieser Stelle freundlich), also muss ich bereits abends alles mögliche parat machen und meine Schusseligkeit mit allen möglichen Mitteln zu übertölpeln versuchen. Ich habe mir also eine umfangreiche Abend-Routine gebastelt. Die sieht wie folgt aus:

Irgendwann zwischen 18:30 und 19:30 komme ich normalerweise zu Hause an. Zwischen 19 Uhr und 20:30 Uhr muss ich was essen. Am besten was mit ausreichend Kohlehydraten, sonst folgt nämlich zwischen 21 und 23 Uhr eine massive Fressattacke. Um 20:30 schlucke ich meine Medikamente. Zu diesem Zeitpunkt habe ich im besten Fall bereits die Küche aufgeräumt und irgendwas gemacht, was mich zumindest ansatzweise entspannt: TV, Social Media, malen, schreiben, ausgiebig kochen, rauchen. Irgendwann zwischen 21 und 22 Uhr mache ich Yoga. Meist reicht es nur für eine Viertelstunde, ohne wirkliche Anstrengung, nur progressive Muskelentspannung, ein paar Übungen für die Verdauung und ein paar Übungen für die Wirbelsäule (Rückenschmerz-Prävention).

Danach gehe ich entweder Duschen oder ich bereite mir bereits mein Frühstück für den nächsten Arbeitstag zu – und checke den Wetterbericht, meinen morgigen Arbeitstag und lege entsrpechend die Kleidung, die ganzen Utensilien, die ich zur Arbeit mitnehmen muss (Stichwort Backformen, USB-Sticks, Tablet, Lebensmittel und diverse Ordner und Bücher) zurecht. Im besten Fall überprüfe ich den Ladestatus meiner elektronischen Geräte sowie der Kopfhörer und lade alles auf, was aufgeladen werden muss. Ich kontrolliere meine Handtasche: Portemonnaie, Einkaufstaschen, Medikamente, Hygieneartikel sowie eine Notfall-Haarbürste, falls ich wieder mal verschlafe. Wenn ich mental gerade wirklich fit bin, koche ich mir irgendwann dazwischen mal Tee, weil ich sonst wieder zu wenig trinke und mein Körper rebelliert. Nach dem Duschen folgt – für meine persönlichen Verhältnisse – ausgedehnte Körperpflege: Ich benutze eine Feuchtigkeitscreme für mein Gesicht, ich bürste mir die Haare, ich kontrolliere mein Gesicht auf übermässige Behaarung, im besten Fall kontrolliere ich noch meine Fingernägel und allfällige Wunden (ich hab immer irgendwo welche, nie was schlimmes, und nein, ich füge sie mir nicht selber zu). Ich putze mir die Zähne, ziehe meinen Pyjama an und gehe innerlich noch mal durch, ob ich was vergessen habe: Wo liegt der Schlüsselbund? Welche Jacke muss ich anziehen? Wo sind Zigaretten und Kaugummis?

Irgendwann gegen 22:30 bis 23:30 (je nachdem, ob und wann mein Freund nach Hause kommt) falle ich ins Bett. Zu diesem Zeitpunkt bin ich in der Regel komplett erschöpft (Hallöchen, Neuroleptika), gleichzeitig würde ich unheimlich gerne noch mit jemandem reden, sei das nun mein Freund oder aber meine ganzen Social Media Kontakte. Ich muss mich zwingen, spätestens 23:30 das Licht zu löschen und zu schlafen – falls das denn auf Anhieb klappt.

Vermutlich klingt das alles sehr normal. So leben wohl viele Menschen meines Alters, zumindest die ohne Kinder. Warum ich das hier in aller Ausführlichkeit beschreibe, ist, weil es für mich so schwierig war und immer noch ist, diese Routine aufrecht zu erhalten. Ich muss im Bereich Struktur und Routine vieles, was andere instinktiv und automatisch tun, sehr bewusst und mit kognitiver Leistung tun. Ich weiss mittlerweile, dass mich diese Routine in stressigen Zeiten am Funktionieren hält. Aber ich weiss das erst seit etwa 1.5 Monaten. Nach wie vor ist es anstrengend, so zu leben, auch wenn ich weiss, dass dafür der nächste Tag weniger anstrengend sein wird.

Routinen helfen, auch mir. Ich wünsche mir die Energie, sie aufrecht zu erhalten.

Knapp vorbei.

Es ist soweit, ich bin an einem Punkt gelandet, an dem ich mir meine Gedanken von der Seele schreiben möchte, um eine beginnende Krise aufzufangen. Nach 5 Jahren Stabilität, wohlgemerkt. Es ist immer bitter, sich sowas eingestehen zu müssen. Gerade wenn die Hypomanie so schön greift, dass man sich für unbesiegbar und sagenhaft souverän hält. Ich weiss genau, wie es so weit kam, ich weiss genau, wie es sich aufgebaut hat dieses Mal. Das ist, und bei dieser Aussage hoffe ich wirklich, dass nicht nur mein hypomanischer Zustand aus mir spricht, ein gewaltiger Fortschritt.

Seit letztem Oktober habe ich in Absprache mit meinem zuständigen Psychiater die Medikamente reduziert. Seit 5 Jahren schluckte ich die selbe Dosis: 600mg Seroquel, immer abends. Das ist eine gewaltige Dosis, wenn man ein Arbeitspensum hat wie ich, und dass mein Arbeitsweg nach wie vor gewaltig ist, unterstützt die zu erwartende Dauererschöpfung (Seroquel sediert) noch zusätzlich. Ich sitze nach wie vor etwa 2.5 Stunden pro Tag im ÖV, ich habe ein Wochenpensum von 40-42 Stunden, ich habe wenig Freizeit, ich habe wenig Schlaf. Es ist schon ohne Neuroleptika nicht unanstrengend, so zu funktionieren. Klar, wir haben keine Kinder und unser Haushalt entgleitet uns manchmal ziemlich, aber im Ernst: Mein Leben ist nicht dermassen enstpannt und easy, wie es von aussen vielleicht aussieht. An den Wochenenden schlafe ich nach, putze, wasche, gehe Lebensmittel einkaufen, mache das Katzenklo sauber, koche endlich wieder mal warm, versuche, ein wenig Zeit mit meinem Freund zu verbringen. In den Ferien besuche ich meine Eltern, meine Schwestern, hüte meine Nichten, besuche vielleicht eine Freundin am anderen Ende der Deutschschweiz. Ich entsorge unser Recycling-Güter, ich kümmere mich um die Wohnung, ich gehe dringend benötigte Kleidung kaufen. Das alles ist gut, das alles ist normal, das alles ist mein Leben. Ich beklage mich nicht. Ich lebe gerne so, ich habe meinen Lebensstil gefunden. Meine Hobbies bereichern mich, ich male, ich kümmere mich um den Garten, ich versuche mich sogar in Handarbeit. Mein Leben ist so unendlich viel besser geworden in den letzten 5 Jahren, endlich fühle ich mich wohl, erfüllt, wertvoll.

Aber die Sache mit den Medikamenten – oder besser gesagt, die Tatsache, dass ich chronisch psychisch krank bin – , die verleiht meinem Leben halt einfach einen Druck, den andere in den selben Lebensumständen nicht haben. Diesen Druck kennen die wenigsten in meinem realen Leben. Nur meine engen Freunde, meine Familie, mein Partner, die kennen ihn, der ganze Rest meines sozialen Umfelds nimmt ihn nicht wahr. Die Menschen um mich herum merken vielleicht, wie vergesslich ich bin, wie viel Mühe es mir bereitet, morgens pünktlich aufzustehen oder wie unsäglich müde ich bei der Arbeit manchmal bin. Aber sie haben keine Erklärung dafür, ausser, dass ich halt ein Morgenmuffel bin, dass ich offenbar wahnsinnig viel Schlaf benötige, dass ich schusselig bin, dass ich vergesslich bin. Als ich einmal fehlte wegen Migräne, blaffte mich ein Mitarbeiter am nächsten Tag an, ob ich „feiern“ gewesen sei. Obwohl mir egal sein kann, was er denkt, verletzte mich das ziemlich. Nein, ich war nicht feiern, ich hatte tatsächlich Kopfschmerzen, vielleicht bedingt durch den Schlafmangel der Tage davor, wer weiss das schon, aber ich würde nie einfach blau machen, weil ich „feiern“ gehe. Ich gehe sowieso nicht unter der Arbeitswoche „feiern“, das liegt schlicht nicht drin bei meinem Job und meinem Belastungsgrad und meinem Schlafbedarf.

Als ich also anfing, meine Medikamenten-Dosis zu reduzieren, war ich höllisch vorsichtig. Ich wollte um alles in der Welt einen Super-GAU verhindern. Zwei Monate vergingen, ich sass wieder beim Psychiater, als er mich fragte, wie es mir gegangen sei. „Gut“, sagte ich. Ich war ehrlich. „Ich merke keinen Unterschied zu vorher“, gab ich bekannt, „und meinem Freund ist auch nichts aufgefallen.“ Der Psychiater war zufrieden und wir vereinbarten, die Dosis um weitere 100mg zu senken. Knapp 3 Monate später sass ich wieder beim Psychiater. „Es geht mir gut“, sagte ich wieder, „ich bin heute sehr, sehr müde, weil das eine so anstrengende Arbeitswoche ist. Aber abgesehen davon geht es mir gut.“ Der Psychiater war erneut zufrieden und meinte, ich könne ja künftig die Dosis selbst ein bisschen variieren. „Wenn Sie in Urlaub fahren, vor allem ausserhalb des Landes, erhöhen Sie einfach wieder um 100mg, oder sogar um 200mg.“ Er instruierte mich, wie ich genau die Dosis variieren soll, und ich verabschiedete mich.

Ich habe die Dosis dann tatsächlich selber wieder um 100mg erhöht, als ich feststellte, dass die Arbeitswochen nicht weniger anstrengend werden, sondern der immense Druck, den ich beruflich gerade erfahre, konstant bleibt. Weil ich aber nach wie vor dachte, dass es mir grundsätzlich gut geht, nahm ich die Anzeichen der beginnenden Hypomanie nicht so ernst. Ich nahm sie wahr, benannte sie auch so, aber ich dachte, ach komm, du hast einfach eine sehr wache und fokussierte Phase, das ist doch eigentlich was Gutes. Es passierte vor etwa einer Woche, dass das Ganze plötzlich ernst wurde. Ich entwickelte paranoide Gedanken, die ich zunächst auch gut begründen konnte. Mein Freund konnte alles relativieren. Ich schlief schlecht, aber ich schlief. Es wurde Sonntag, bis mir sonnenklar wurde, dass ich kurz vor einer Psychose stehe. Ich habe über all die Jahre und all die Hypomanien, die Manien, die Depressionen, die Halluzinationen, die Paranoia immer wieder eine Art Tagebuch geführt. Dies, um mich in der aktuen Situation zu entlasten, aber auch, um mich in der nächsten solchen Phase wieder an diese Gedanken und emotionale Zustände zu erinnern. Mein Gedächtnis ist, wie ich hier einmal beschrieben habe, zersplittert wie ein antikes Mosaik. Schriftliche Dokumente helfen mir, meine Biographie mit Daten und Ereignissen einigermassen rekonstruieren zu können.

Jedenfalls, ich musste meine Einträge letzten Sonntag nicht lesen, um zu begreifen, in welchem Zustand ich gerade bin. Es sind immer die selben Muster, nach denen mein Gehirn funktioniert in solchen Zuständen. Ich kenne mich mittlerweile ausgezeichnet, und sogar die Hypomanie konnte mich letzten Sonntag nicht mehr von meinen reflektierenden Gedanken abhalten. Die Paranoia packte ihre Sachen und rannte schreiend davon, als ich meinem Freund erzählte, was mit mir los ist. Genau das hasst sie, die dumme, besitzergreifende Nuss. Ich kontaktierte meinen Psychiater und informierte enge Freunde, wie es mir geht (nur solche, die mich real kennen).

Tja. So sieht es also aus mit mir und meinem Leben. So schnell kann es gehen, so schnell bin ich am Rand. Es ging glimpflich ab, dieses Mal. Ich habe richtig reagiert. Mein Psychiater hat richtig reagiert (er antwortete mir zeitnah und gab mir Anweisungen). Mein Freund hat richtig reagiert. Meine Freunde haben richtig reagiert. Niemand wurde panisch, alle haben mich unterstützt. Ich bin unendlich dankbar, so viel Unterstützung habe ich noch nie erhalten. Bisher war ich immer sehr allein mit solchen Zuständen. Klar habe ich meinen Freund, aber er ist kein Psychiater und überschätzt mich oft. Klar habe ich eine Familie, aber meine Familienmitglieder werden panisch, wenn sie erfahren, dass es mir nicht gut geht (ich kann es ihnen auch nicht verdenken).

Beruflich konnte ich vieles lösen letzte Woche. Es wird besser weitergehen für mich. Auch da, so viel Verständnis (ohne dass ich erwähnte, wie es mir psychisch geht) habe ich noch nie erfahren in meinem gesamten Arbeitsleben. Ich kann es kaum fassen, wie nett man mit mir umging, als ich benannte, dass ich gestresst und unzufrieden bin – und warum genau.

Die letzten 5 Jahre waren ein Geschenk für mich. Vom Universum direkt an mich. Danke, Universum.

Ihr Kinderlein kommet.

Ich habe Ferien, zur Zeit, und Ferienzeit ist Grübelzeit. Nachdem ich die letzten 2 Monate beruflich komplett am Limit lief, konnte ich mich endlich ein bisschen erholen und mich um meinen Alltag, unseren Haushalt, um meine sozialen Kontakte und mein eigenes Befinden kümmern in der letzten Woche. Herrlich! Aber eben, wenn man endlich Zeit für sich selber hat, kommt man auch ins Grübeln.

Ich bin gerade 35 Jahre alt geworden. Nein, keine Midlife-Crisis in Sicht, soweit, und eigentlich find ichs gut, älter zu werden. Mein Leben wird besser, finde ich, seit ich ein gewisses Alter erreicht habe. Ich habe mit vielem Frieden schliessen können, bin entspannter als früher, und meine Beziehung läuft so gut wie noch nie. Ich möchte nicht jünger sein. Ich war häufig sehr gestresst, als ich jünger war, auch wenn ich zweifellos schlanker war, allgemein straffer und vielleicht auch hübscher, wer weiss, aber ich mochte mich selber viel weniger, und das ist es schliesslich, was wirklich zählt, denke ich.

Der Punkt ist nur, 35 ist für mich eine biologische Grenze in Bezug auf die Kinderwunsch-Sache. Natürlich gibt es Mütter, die mit über 35 noch ihr erstes Kind zur Welt bringen, aber das bringt gewisse Risiken mit sich. Und, seien wir ehrlich, allzu viel Zeit für diese Kinder-Sache hat man ab 35 nicht mehr. Ich denke darum, meine kleine Sinneskrise hat schon auch mit diesem letzten Geburtstag zu tun.

Lange habe ich geglaubt, das Thema sei für mich endgültig durch. Seit meiner Selbstfindungs- und Beziehungskrise vor fast 4 Jahren hatte ich auch damit Frieden gschlossen: Nein, mit diesem Partner und in diesen Lebensumständen, in denen wir uns bewegen, ist Kinder kriegen ausgeschlossen.

Es hat finanzielle Gründe, ganz klar, denn mein Freund kann kaum sich selber ernähren mit seinem Einkommen (ja, das liegt DEUTLICH unter dem Existenzminimum), ich dagegen müsste mindestens 80 % arbeiten, um uns beide plus ein Baby durchbringen zu können, und das schaffe ich schlicht nicht, so belastbar bin ich nunmal nicht, ich schaffe ja schon ohne Baby kaum ein 80% Pensum.

Es hat aber auch klar psychische Gründe, gesundheitliche Gründe, warum wir keine geeigneten Eltern sind. Ich habe eine schizoaffektive Störung, mein Freund eine anankastische Persönlichkeitsstörung. Ich kann psychotisch werden, innerhalb weniger Wochen, und/oder einen Klinikaufenthalt benötigen, quasi „aus dem Nichts“. Mein Freund kann depressiv werden, er kann Panikattacken kriegen, er kann komplett arbeitsunfähig werden. Ich selber stand vor 5 Jahren bereits mit einem Bein im IV-Prozedere, ich war 8 Monate arbeitsunfähig und wurde in ein Integrationsprojekt für psychisch Kranke geschickt. Das kann wieder passieren. Im worst case würde ich noch im Wochenbett psychotisch in eine Klinik gesteckt und mein Freund müsste sich alleine 24h pro Tag um einen Säugling kümmern und darum seinen Job beim Pizzamann kündigen (der zwar unfassbar ausbeuterisch ist, aber hey, besser ein mieser Job als gar kein Job, zumindest im Falle meines Freundes).

Es war letzten Mittwoch, als ich also, 35 Jahre alt, vormittags meine Nichte hütete und mit meiner Schwester und den beiden kleinen Mädchen den Nachmittag verbrachte. Dabei wurde mir schmerzlich bewusst, dass das, was meine Schwester hat, ich niemals haben werde, weil das, was meine Schwester alles kann, ich niemals können werde. Sie schmeisst den Laden quasi alleine, hat alles im Griff, organisiert Kita und Kindergarten und die restliche Kinderbretreuung, wenn sie arbeitet (ja, sie arbeitet 40%). Sie macht den ganzen Haushalt (in einem ganzen Haus!), sie kocht in 30 Minuten, wenn sie mit der 2jährigen vom Schwimmkurs kommt, rasch noch eine gesunde Mahlzeit für alle. Sie ist Super-Woman. Sie verliert nie die Nerven, wenn die Mädchen quengeln, reagiert sie top-pädagogisch. Sie ist die beste Mutter, die ich kenne. Die Mädchen haben alles, was Kinder brauchen, und damit meine ich nicht nur das Materielle. Sie haben Liebe, Wärme, Struktur, Ermutigung, Grenzen. Sie wachsen unfassbar behütet und geliebt auf. Der Vater der Kinder ist ein typischer, traditioneller Vater, der viel Geld verdient und nur abends und am Wochenende Zeit für seine Familie hat. Ein durch und durch traditionelles System also, das ich nie im Leben leben möchte, aber für meine Schwester und ihre Mädchen funktioniert es offensichtlich gut.

Es hilft mir nichts, mich mit meiner Schwester zu vergleichen, das hat noch nie was geholfen. Seit ich ein Kind war, habe ich sie stets benieden, und es hat mir stets nichts gebracht. Aber als ich an diesem Mittwoch irgendwann zu Hause ankam und mir einen gemütlichen Fernseh-Abend gönnen wollte, fing ich plötzlich an zu heulen. Jetzt heisst es also, definitiv Abschied zu nehmen von meinem Wunsch nach einem Kind, dachte ich, und dann folgte ein ganzes Meer aus Tränen.

Bereits vor einigen Tagen hatte mich eine liebe Twitter-Freundin darauf hingewiesen, dass ich vielleicht mal mit meinem Freund über dieses Thema sprechen sollte. Unsere letzten Gespräche über das Thema Kinder fanden vor etwa 3 Jahren statt. Damals hatte ich, nach bestandener Beziehungskrise, das erste Mal zu meinem Freund gesagt, dass er Recht hatte, die ganzen Jahre über, als er sich gegen meinen (damals immensen) Kinderwunsch stellte. Er sagte immer, das müssen wir uns gut überlegen, der finanzielle Druck, was, wenn du krank wirst, etc. etc.. Ausserdem sagte er immer, dass er Angst hat, kein guter Vater zu werden, dass er Angst hat, dass sein Kind genau so wird wie er, voller Selbstzweifel, voller Probleme, und dass er dann nicht wüsste, wie er das verkraften soll. Mein Freund stammt aus einer wirklich schwierigen Familiensituation. Er selber hat eine grauenhafte Jugend hinter sich, mit Eltern, die eine Schlammschlacht produzierten bei der Trennung, mit Armut, mit so viel Problemen, dass er einfach verhindern möchte, selber ein Kind einer solchen Situation auszusetzen.

Als mein Freund nach Hause kam, hatte ich meine Tränen getrocknet und ich wollte, dass wir einen normalen Abend miteinander verbringen. Aber ich konnte dann doch nicht. Die legendäre Beziehungskrise anno 2014 hat nämlich noch weitere Effekte hervorgebracht: Ich gebe mir seither alle Mühe, Probleme und Schwierigkeiten mit meinem Freund zeitnah und direkt anzusprechen (auch wenn mir das nach wie vor schwer fällt). Ich erzählte ihm also von meinem Nachmittag, und dann fing ich wieder an zu heulen. Mein Freund war gelinde gesagt etwas schockiert und versuchte, mich zu trösten. „Ich wusste nicht, dass das für dich immer noch ein Thema ist“, sagte er. „Ich auch nicht“, heulte ich.

Und dann? Sagte mein Freund, dass er nicht möchte, dass ich traurig bin, dass er sich gerade wie ein Versager fühlt (die finanziellen Umstände), rechnete er mir vor, wie wir trotzdem ein Kind finanzieren könnten, sagte er dann irgendwann „aber weisst du, ich glaube einfach, alleine über einen längeren Zeitraum ein Kind zu betreuen, das könnten wir beide nicht“. Ja, that’s it. Weder ich noch er könnten das, wenn der andere eine Zeit lang komplett wegfällt. Oder, noch schlimmer, wenn wir uns trennen würden. Und dann all die Eventualitäten. Wir beide haben nicht gerade den besten Genpool ever. Was, wenn das Kind behindert/psychisch krank zur Welt käme? Ich meine, ich liebe Kinder und ich arbeite seit 15 Jahren mit besonderen Kindern, aber ich kann dadurch auch abschätzen, wie viel Energie es kosten kann, ein Kind mit Behinderungen / chronischen Krankheiten zu betreuen.

Irgendwann versiegten dann meine Tränen, und ich erzählte meinem Freund all die Versionen meiner, bzw. unserer Zukunft, die ich mir schon ausgemalt habe in den letzten Jahren: Ich fange noch mal ein Studium an, ich lerne Saxophon zu spielen, wir bereisen gemeinsam Asien, oder aber, es ändert sich nichts, wir wohnen weiterhin hier in unserer schönen, kleinen Wohnung, ich arbeite nach wie vor bei meinem aktuellen Arbeitgeber, wir sind zufrieden, pflanzen Blumenkohl an, essen zusammen, lachen zusammen, werden gemeinsam alt, schenken einander Liebe und Geborgenheit, bis ans Ende unserer Tage.

Und das, damit ich das betont habe, klingt für mich durchaus auch nach einem erfüllten Leben.

Stimmen.

Hier erzähle ich von Halluzinationen und anderen Alpträumen, bitte nur mit stabilen Nerven lesen.
Ich kann mich noch lebhaft erinnern, wie es war, als ich meinem Freund vor etwas mehr als 5 Jahren erzählte, dass ich Stimmen höre. Zum historischen Kontext: Ich wohnte damals seit etwa einem Monat wieder zu Hause (davor war ich stationär in der Psychiatrie) und besuchte ambulant eine Tagesklinik. Meiner Psychologin in der Tagesklinik hatte ich ebenfalls davon erzählt, auch das war ein Riesenschritt für mich (ganz ehrlich, ich kenne niemanden, der stolz darauf ist, zu halluzinieren), aber das meinem Freund gegenüber offenzulegen war nicht nur ein Riesenschritt, sondern ein Quantensprung. Es ging nicht nur darum, dass ich mich dafür in Grund und Boden schämte, es ging auch darum, dass ich Angst hatte, dass er mich wieder in die Geschlossene einweisen lässt, wenn er das hört. Dass er das Recht hat, das zu tun, hatte ich beim Austritt unterschrieben (ja, rechtlich gesehen war diese Unterschrift nicht viel wert, es ging um die symbolische Bedeutung dieses Dokuments, damit er mir „etwas vor die Nase halten kann“, O-Ton Psychiaterin, falls ich im Wahn nicht einsichtig sein sollte).
Wir sassen im Auto, und ich setzte an. „Es ist so…“, „ich meine…“, „ich möchte dir sagen…“ – ich rang ewig um Worte und brach unzählige Male wieder ab, bis ich es aussprechen konnte, „ich höre in meinem Kopf Stimmen.“ „Oh.“ Er sagte nicht viel dazu. „Ich weiss, dass sie nicht real sind“, brach es aus mir hervor. „Was sind das für Stimmen?“ fragte er. „Es ist meistens eine Männerstimme“, ich konnte kaum noch reden, „aber nicht immer, es ist auch eine Frauenstimme und manchmal ein Kind. Es ist eine Familie.“ In meinem Inneren tobte ein heftiger Kampf, als ich das sagte, und es war fast unerträglich, auszuhalten, dass ich all das laut gesagt hatte. Mein Freund erzählte irgend etwas von „Symbolen“ und „Botschaften“ und dass es vielleicht gar nicht so pathologisch sein müsse, Sachen zu sehen oder hören, die andere Menschen nicht wahrnehmen.
Ich weiss nicht mehr, ob ich meinem Freund im Anschluss wirklich noch erklären konnte, wer die drei – plus manchmal noch ihre Freunde und ihre weitere Familie, deren Stimmen manchmal ebenfalls erklangen – waren, in welcher Beziehung ich zu ihnen stand. Es war nicht nur die Scham, es war nicht nur die Angst, wieder in dieser furchtbare Klinik gesteckt zu werden, nein, mittlerweile war es auch der Verrat, der mich abwürgte. Ich verriet meine innere Familie. Ich verriet all das, was sich in meinem Kopf abspielte, seit ich in Argentinien im Spital war. Dort hatte es angefangen. Ich hatte irgendwo in meinen Augenwinkeln einen Mann gesehen, den ich gekannt hatte, als wir beide noch Kinder waren. Er sah jetzt erwachsen aus, aber ich erkannte ihn wieder. Seit da hörte ich in meinem Kopf seine Stimme. Und später auch die seiner Frau und noch später auch die seines Kindes.
Es war Verrat, jemandem davon zu erzählen. Es waren höchst intime Dinge, die ich da seither gehört hatte. Es ging um Gewalt, es ging um Missbrauch, es ging um Drogen, es ging um Selbstmordversuche, es ging um selbstverletzendes Verhalten. Ich hatte oft Schmerzen, weil ich fühlte, wie jemand sich verletzte oder geschlagen wurde oder sich Drogen spritzte. Ich fühlte einen schlimmen, stechenden Schmerz, wenn der Mann, die Hauptperson dieser furchtbaren Geschichte in meinem Kopf, näher kam. Näher zu mir. Er benutze schwarze Magie, hörte ich ihn sagen. Ich verspürte die Schmerzen in dem Körperteil, die am nächsten zu ihm war. So konnte ich mir ausmalen, wo er gerade ungefähr war.
Warum ich diese Erinnerungen ausgrabe? Ich habe mittlerweile festgestellt, dass die meisten Menschen, die akustische Halluzinationen haben, irgendwie anders halluzinieren als ich. Offenbar befehlen Stimmen gerne Dinge, böse Dinge. Das war bei mir nie der Fall. Der Mann und seine kaputte Familie wandten sich nie direkt an mich. Er sprach nicht direkt mit mir. Und er gab mir nie irgendwelche Aufträge oder Befehle. Nein, was ich hörte (ich schreibe all dies bewusst so, als wäre es real), waren seine Gedanken, manchmal aber auch seine Gespräche mit seiner Frau oder dem Kind oder sonst wem. Und ich hörte all dies nicht mit meinen Ohren. Ich hörte es nur in meinem Kopf. Es fühlte sich an wie extrem laute Gedanken in einer fremden Stimme. So laut, dass ich manchmal kaum in der Lage war, ein reales Gespräch zu führen. Ich konnte mich kaum auf ein Gegenüber konzentrieren in diesem Zustand, die Stimmen im Kopf waren so laut, dass sie mein Gehirn flachlegten. 
(Es waren, um ehrlich zu sein, nicht immer nur furchtbare Dinge, die sich in meinem Kopf in meiner inneren Familie abspielten. Es war auch Alltag. Wocheneinkauf, das Auto, albernes Zeugs, wenn sie betrunken waren, manchmal erzählten sie sogar Witze.)
Es ist bezeichnend, um zurück zu meinem „Outing“ vor meinem Freund zu kommen, dass die Stimmen sich ein paar Tage nach meinem Geständnis verflüchtigten und schliesslich verschwanden. Ich hatte ihnen das Futter genommen, ich hatte ruiniert, was ihre Existenz erst möglich gemacht hatte: Das Geheimnis, das Abspalten. All die Fantasien brachen in sich zusammen wie ein Kartenhaus, als ich sie mit der Realität konfrontierte. Eine Zeit lang hörte ich dann noch meine eigene Stimme im Kopf, wie ein Echo meiner eigenen Gedanken. Und dann hörte auch das auf.
Es ist lange her, und seither habe ich im Wachzustand nicht mehr halluziniert. Aber was mir nach wie vor passiert, und in letzter Zeit sogar gehäuft, sind Halluzinationen im Halbschlaf. Bzw, mittlerweile sogar im fast wachen Zustand, einfach nachts. 
Ich höre dann oft Musik. Es ist alte Musik, und sie klingt scheppernd und verzerrt, wie aus einem alten Radio. Ich hatte das schon in der letzten Wohnung, dachte jedoch ernsthaft, es sei die Frau, die unter uns wohnt, die wohl oft nachts ein Radio laufen liesse. Jetzt sind wir umgezogen, und ich höre die Musik immer noch. Sie macht mir Angst. Kurz darauf fangen meist die Schmerzen an. Jemand kommt näher, und ich habe Schmerzen. Ich weiss dabei genau, dass ich im Bett liege, ich kann manchmal sogar die Augen aufmachen und die Umrisse des Zimmers erahnen. Gleich darauf fallen sie mir wieder zu, weil ich so müde bin, dabei weiss ich genau: Sobald ich mich wirklich aufwecken kann, ist der Spuk vorbei, aber ich kann mich nicht richtig wecken, weil ich so müde bin. Ich höre manchmal auch eine Stimme, eine kalte, grausame Stimme. Manchmal kann ich mich bewegen, dann spüre ich, dass mein Freund neben mir liegt, und neulich habe ich ihn offenbar laut gefragt, ob er die Musik auch hört. „Nein“, sagte er, „ich höre keine Musik“. Das geschah offenbar wirklich, er sprach mich darauf an. Ich hatte ernsthaft gedacht, dass das alles nur im Traum stattfand. 
Es fühlt sich komisch an, das Gefühl, das ich habe, wenn ich in diesen merkwürdigen Träumen feststecke, erinnert mich irgendwie an Elektrizität. Als ob ich unter Strom stehen würde, wörtlich. Als wäre ich selber eine Art Radio, das elektrische Schwingungen empfängt, die sonst niemand spürt. Es tut weh, es ist ein schmerzhaftes Gefühl. Mein Puls überschlägt sich fast, mein ganzer Körper ist auf eine Art angespannt, die ich kaum beschreiben kann. Als würde ich zittern, als würde ich selber irgendwie schwingen.
Warum ich das Alles hier erzähle? Ich will niemandem Angst machen, ich will keine Vorlage für einen Gruselfilm liefern. Ich schreibe das hier, weil ich niemandem davon erzählen kann. Nicht im wörtlichen Sinn, nicht so wie damals mit den Stimmen, natürlich erzähle ich meinem Freund davon, ich glaube, ich habe sogar meiner Psychologin schon davon erzählt. Aber halt nicht in dieser Ausführlichkeit. Niemand will Details zu Alpträumen hören, ausserdem schäme ich mich auch für diese Absonderlichkeit meines Gehirns gehörig. Das ist nichts, was ich einfach so einer Kollegin erzählen würde. Aber, und damit schliesst sich der Kreis, ich erhoffe mir, dass ich auch diesem Gruselkabinett in meinem Kopf das Futter verwehre, wenn ich einfach davon erzähle. Wenn ich die Scham überwinde und den Verrat, den ich als „Medium“ irgendwelcher komischen, scheppernden Musik begehe, wenn ich darüber berichte, meinem Unterbewusstsein den Spass verderbe, mich mit solchem Bullshit zu quälen.
Ende.