Anders sein.

Mit dem Anderssein habe ich viel Erfahrung. Eigentlich schon, so lang ich lebe. Erst ab 10 ging ich kaputt, aber ich war auch schon vorher ein höchst merkwürdiges Kind. Vielleicht wäre ich in einer anderen Familie, einem anderen Umfeld weniger angeeckt und aufgefallen, das kann gut sein, aber ich muss rückwirkend wirklich sagen, ich war schon immer seltsam. Da war meine fast grenzenlose Fantasie, die mich ganze imaginären Welten gestalten liess und meinen Bezug zur Realität manchmal sanft verwischte. Da waren meine ganzen imaginären Freunde (ja, ich hatte dutzende davon). Da war meine übermässige Sensibilität, da waren meine motorischen Probleme und mein konfuses Körpergefühl: Wo fange ich an, wo höre ich auf? Da war meine spektakuläre Vergesslichkeit und Unfähigkeit, mich zu organisieren. 

Ich war in der Grundschule oft sehr abwesend, und was ich nicht vergass, das verlor ich. Schnell zog ich den Unmut des Lehrers auf mich, und dass ich nebst all dem auch noch eine furchtbare Klugscheisserin war, machte die Sache nicht besser. Ich hatte viele ältere Geschwister, die mir schon lange lesen, schreiben und rechnen beigebracht hatten, bevor ich mit 6 endlich in die Schule durfte. Ja, ich hatte mich riesig darauf gefreut (und zuvor jahrelang gewütet und getobt, weil ich als einzige noch nicht zur Schule durfte) – und war dann, gelinde gesagt, sehr enttäuscht von dem Programm dort. Ein ganzes Jahr lang lernten wir die Zahlen und Buchstaben!! Ich hatte mit 3.5 mein erstes Wort geschrieben („Äberi“, „Erdbeere“) und unter dem Strich wenig Verständnis für dieses Vorgehen. Ich korrigierte den Lehrer ob seiner falsch übersetzten lateinischen Zitate und landete so bereits als Erstklässlerin vor der Türe (es sollte das erste von sehr vielen Malen werden). Weitere Merkwürdigkeiten ereigneten sich im Zeichnen, meinen anthroposophisch angehauchten Grundschullehrer verstörten meine Werke sehr („ein normales Kind zeichnet nicht schwarz-weiss!“), worauf er künftig bei sämtlichen Gemälden die Farben vorgab: Blau und Gelb, gemischt dann ein blasses Grün, das wars.

Vermutlich war ich in dieser Gesamtschule (1. bis 6. Klasse im selben Schulzimmer, insgesamt 15 Kinder) einfach etwas unterfordert, aber in der nächsten Schule auf höherer Stufe wurde es nicht besser, nein, ab da ging ich dann kaputt, durchaus auch bedingt durch äussere Umstände, weiss ich heute, aber ich fiel in meiner Eigenart auch einfach noch viel mehr auf. Ich sprach mit 12 noch mit Feen und Zwergen, ich konnte mich nicht mal annähernd altersgemäss verhalten. Ich war und blieb die Komische (mit dem verwahrlosten Erscheinungsbild, mangelnder Körperpflege, einem sexuellen Übergriff, den niemand registrierte und einer psychsich kranken und manipulativen Mutter). Wirklich lustig (ich entwickelte schon in sehr jungen Jahren einen beissenden Sarkasmus, der mich auch einfach irgendwie am Leben hielt) fand ich, als mir dann von dem ganzen mobbenden Scheisskaff auch noch angedichtet wurde, ich sei eine Streberin. Dabei hatte ich meine Hausaufgaben nie gemacht, vergessen oder verloren oder beides, war weiterhin im Unterricht abwesend und meldete mich auch nie mehr freiwillig, weil jede verbale Äusserung meinerseits zu einer neuen Welle des Spottes oder der Ausgrenzung führte, und zwar ganz klar nicht nur seitens meiner Mitschüler, sondern auch z.B. des Klassenlehrers, der mich offenbar bereits ab dem ersten Tag hasste und dem Mobbing gerne noch mal so richtig Schwung verlieh.

Ja, ich war anders. Irgendwann dachte ich dann, dass die Ursache des ganzen Übels vielleicht in meiner frühen Einschulung zu suchen war. Ich konnte zwar schulisch gut mithalten, lag aber von meinen Interessen und meinem Sozialverhalten her offenbar um Jahre zurück. Heute weiss ich, es wäre auch ein Jahr später nicht besser gewesen.
Ich bin anders. Heute habe ich einen Namen für gewisse Besonderheiten, ich habe eine schizoaffektive Störung. Alle meine Marotten erklärt aber auch die nicht. Besonders die, die schon immer da waren, sogar im glücklichen Teil meiner Kindheit.

Lange, sehr lange, wünschte ich mir unter dem Strich nur eines wirklich: Normalität. Einfach sein, wie die anderen, einfach nicht auffallen, einfach eine von vielen sein, einfach dazu gehören. Auch als erwachsene Frau wollte ich das noch, auch nach den ganzen psychiatrischen Intermezzi, den Therapien und den Diagnosen. Eigentlich wollte ich das noch bis vor ein paar Jahren. Nicht in jedem Bereich wollte ich Durchschnitt, aber zumindest im sozialen. Mein ganzes gefühltes Erwachsenen-Leben lang höre ich von wirklich wohlmeinenden Mitmenschen, was ich alles dringend lernen sollte.

„Du musst lernen, dich emotional von deinem sozialen Umfeld abzugrenzen.“

„Du musst den Leuten konstant in die Augen sehen und nicht ständig wegsehen.“

„Du musst lernen, zu Menschen, die du liebst, Nein zu sagen.“ 

„Du musst dringend selbstbewusster werden!“ [Weil man das ja einfach nur entscheiden muss, nicht wahr.]

„Du musst aufhören, ständig allen helfen zu wollen, die du magst. Du hast ein Helfer-Syndrom!“

„Du musst endlich Selbstdisziplin entwickeln!“

„Du musst es doch wirklich auf die Reihe kriegen, nicht ständig alles zu vergessen und zu verlieren!“

„Du musst lernen, dich besser zu organisieren! Mach dir einen Tagesplan!“

„Du musst lernen, wie jeder andere Mensch auch einfach aufzustehen, wenn der Wecker klingelt. So viel zu schlafen ist ungesund!“

„Du musst sorgfältiger mit materiellen Gütern umgehen! Ständig fällt dir alles zu Boden! Ist es dir einfach egal? Das kostet alles!“

Well, diese Liste liesse sich noch lange fortführen. Nun ist es ja so: Das meiste davon ist wirklich sinnvoll. Mein Leben wäre einfacher und somit besser, wenn ich das lernen würde. Es ist aber tragischerweise nicht so, dass ich das nicht versucht habe. Ich bin halt bloss einfach gescheitert.

Seit vielleicht 3 oder 4 Jahren sehe ich diese ganzen Defizite langsam aber sicher entspannter. Das macht es für mein Umfeld jedoch nicht unbedingt einfacher, ich reagiere jetzt nämlich zunehmend genervter auf wohlmeinende Ratschläge. Ich sage bestimmter „nein, muss ich nicht. Ich bin so, fertig.“ Ich will damit nicht sagen, dass ich jetzt über alle meine Schwächen und Fehler einfach hinweg sehe und das Gefühl habe, ich sei perfekt. Weiterhin weiss ich, dass ich manchmal ZU hilfsbereit bin. Dass ich gegenüber mir nahestehenden Personen ZU harmoniebedürftig bin und einiges runterschlucke, was ich besser laut aussprechen würde. Ich sehe mich und meine Person schon immer noch recht kritisch, keine Sorge.

Aber: 

Ich bin halt hilfsbereit. Ich finde es schön, wenn ich jemanden helfen kann und er durch mich ein Problem lösen konnte. Oder ein bisschen Trost und Zuwendung erfahren konnte. Das ist nicht einfach nur schlecht. Die Welt wäre eine bessere, wenn es mehr Menschen gäbe, die hilfsbereit sind, da bin ich überzeugt. Ist es mein Fehler, dass manche Menschen Hilfsbereitschaft ausnützen? Muss ich „mehr ein Arschloch sein“, wie mir das immer wieder geraten wurde, bloss, weil es halt viele Arschlöcher gibt? Ich bin dagegen. 

Ich bin halt mitfühlend. Das kann anstrengend sein, gerade in meinem Job. Vermutlich nehme ich einfach mehr wahr, emotional, als andere. Vermutlich kann ich Menschen deutlich besser beobachten und einschätzen als andere (das weiss ich auch erst seit ein paar Jahren). Aber, ich wiederhole meine Argumentation: Die Welt wäre eine Bessere, gäbe es mehr Mitgefühl (bitte nicht verwechseln mit „Mitleid“). Ich habe ein weiches Herz, abgesehen von den paar verätzten, steinharten Narben, die meine Kindheit und meine Jugend reingebrannt haben. Gäbe es bedeutend mehr Menschen mit einem weichen Herzen, es gäbe bedeutend weniger Gewalt und Elend auf dieser Welt. 

Ich könnte so ewig weiterfahren, mit jedem der genannten Sätze, der sich auf Schwächen von mir bezog. Nein, ich bin nicht perfekt, mich nervt weiterhin vieles an mir, ich will weiterhin an mir arbeiten. Aber ich bin mittlerweile überzeugt, dass Abweichungen von der Norm nicht einfach schlecht sein müssen. Ich bin, wie ich bin. Anders als der Durchschnitt. Und das ist gut so.

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Allein sein.

Manchmal, wenn ich alleine irgendwie ein paar Stunden totschlagen sollte oder wenn es sonst darum geht, alleine meine Freizeit zu gestalten, stelle ich fest, dass ich einiges einfach nicht kann, was für andere offenbar problemlos geht. Ich will jetzt wirklich nicht auf der Selbstmitleids-Schiene landen, es ist ja so, dass ich dafür viele andere Dinge sehr wohl kann. Ich hab mir meine Strategien zurecht gebastelt und bin zufrieden mit meinem Leben. Ich hadere selten damit, es fällt mir halt einfach nur auf, wenn ich von anderen Menschen Tipps bekomme, wie ich eben zum Beispiel ein paar Stunden totschlagen soll, wie sehr ich doch in einigen Bereichen neben der Norm laufe: Ich kann ganz viele Dinge nicht, wenn ich dabei alleine bin.

„Geh doch in eine Kneipe was trinken“.

Zusammen mit irgendjemandem kein Problem, alleine dagegen fast nicht machbar. Es gibt ein paar handverlesene Ausnahmen von Lokalen, in denen ich mich sicher genug fühle, damit ich alleine reingehen und mich alleine an einen Tisch setzen kann – es sind übrigens alles Selbstbedienungs-Restaurants. Was ich dagegen mittlerweile (wieder) kann, ist, in einem Lokal auf jemanden warten. Also einen Kaffee trinken, bis jemand aufkreuzt. Was ich auch kann, ist, an einem Bahnhof in einer Bahnhofkneipe was trinken, bis mein nächster Zug fährt, wenn z.B. draussen Minusgrade herrschen. Generell kann man sagen, an Bahnhöfen bin ich souveräner als sonst, ich habe schliesslich mein halbes Leben an Bahnhöfen verbracht. Aber was ich wirklich nicht kann, ist einfach irgendwo in einer Stadt oder, noch schlimmer, in einem Dorf eine Kneipe zu gehen und dort alleine was zu trinken. Never ever, never ever.

„Geh doch ins Kino / in eine Ausstellung/ an ein Konzert“

Ähm. Ich war in den letzten 34 Jahren noch nie alleine im Kino. Eigentlich finde ich „alleine ins Kino gehen“ von der Idee her ganz interessant, aber es führt letztlich ins selbe Loch wie „alleine in eine Kneipe gehen“: Praktisch undenkbar. Alleine an Konzerte. Etc. ging ich dagegen, als ich jung war, aber da schrieb ich Artikel für den Kulturteil eines regionalen Käseblatts. Ich war zwar allein, aber mein Schreibblock stand zwischen mir und dem restlichen Publikum. Ich war „die Presse“, ich war mit einem Auftrag und in einer Rolle dort.

„Geh doch spazieren“

Spazieren. Wenn ich das Wort nur schon höre, weiss ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Damit das klar ist: Von der Idee her (ja, ich wiederhole mich) finde ich Spazieren super. Draussen sein, sich ein bisschen bewegen, die Natur geniessen, klingt wirklich gut. Leider alleine unmöglich für mich. Komplett! Alleine spazieren kann ich nicht. Ich kann shoppen gehen, in Geschäften herumschlendern, aber auch nur in einer Stadt mit genug vielen anderen Menschen. In einem Dorf kann ich vom Bus zur Wohnung oder zur Poststelle und zurück gehen, von A nach B, aber never ever „spazieren“, nicht mal an den Fluss oder in den Wald, wo ich wirklich gern wäre, es geht nicht, es geht schlicht nicht.

Ja, ich habe meine Marotten, die dazu führen, dass ich manches alleine nicht kann. Ich habe auch so meine Theorien, warum dem so ist, hier aber zunächst meine Theorie, was sicher NICHT der Grund dafür ist: Ich kann das alles nicht darum nicht, weil ich halt ein Herdentier bin, das sich nur in Gruppen wohl fühlt. Meine Güte, ich bin vieles, aber ein Herdentier bin ich garantiert nicht! Im Gegenteil, in grösseren Gruppen ist mir schnell unwohl und ich fühle mich deplatziert. Nein, das ist nicht der Grund.

Ich kann gut alleine sein, grundsätzlich. Nicht nur das, ich brauche das manchmal wirklich auch zur Erholung, dieses alleine sein. Aber es gibt dafür klar definierte Bereiche. Zu Hause, zum Beispiel. Oder im Zug. Oder beim Shoppen. Was nicht geht, ist alleine sein, wenn ich kein nach aussen sichtbares Ziel habe und gleichzeitig auf andere Menschen treffe. Am Fluss, zum Beispiel, in der Nähe unserer Wohnung, befindet sich eine herrliche Landschaft, in der viele Menschen spazieren, radeln, im Sommer auch schwimmen, oder einfach an der Sonne liegen. Wenn ich dort hin gehen soll, um „zu spazieren“, die Natur zu geniessen, dann markiere ich da meine Präsenz, ich stelle meine Person in den öffentlichen Raum, ich signalisiere, dass ich meinen Platz beanspruche. Und das geht nicht, denn das macht mich verletzlich. Ich setze mich den Reaktionen und den Interaktionen mit wildfremden und unberechenbaren Menschen aus. Es kann sein, dass ich angepöbelt werde, es kann sein, dass ich gesehen werde, es kann sein, dass sich die Menschen fragen, was ich hier wohl mache, was ich hier zu suchen habe, alleine, ohne erkennbares Ziel, ohne einen Hund, der meine Präsenz rechtfertigen würde, ohne eine Freundin, die meiner Anwesenheit einen normalen, sozialen Touch verleihen würde. 

Wenn ich alleine in eine Kneipe gehe, mich alleine an einen Tisch setze, dann ziehe ich Aufmerksamkeit auf mich, ausser vielleicht in grossen Selbstbedienungsrestaurants. In einer Dorfkneipe sitzen Frauen meines Alters nicht alleine an einem Tisch, ausser, sie warten auf jemanden. In einer Bar in der Stadt sitzen Frauen vielleicht alleine, wenn sie jemanden aufgabeln wollen, vielleicht auch nur, weil sie im Gegensatz zu mir selbstbewusst genug sind, um sich den Blicken auszusetzen, die sie auf sich ziehen werden. Aber, wie auch immer, ich kann das nicht. Meine Person so einer unberechenbaren Öffentlichkeit auszuliefern, das tue ich mir schlicht schon sehr, sehr lange nicht mehr an.

„Aber das kann doch nicht sein, dass du das nicht kannst! Und es kann dir doch piepegal sein, was andere von dir denken!“

Äh, doch, das kann sein. Ich habe mich in den letzten 5 Jahren vielleicht 2mal gezwungen, allein „spazieren“ zu gehen. Nur ein bisschen in die Natur, das war mein Wunsch, nur ein bisschen die Bäume und das Wasser geniessen. Nun, ich hatte meine Kopfhörer auf & liess mich auf Nundenpiepen von Nirvana beschallen, aber es fühlte sich dermassen stressig an, dass ich wirklich nicht beabsichtige, das je zu wiederholen. Das ist für mich keine Erholung, das ist reiner, purer Stress. Es ist mir grundsätzlich wirklich egal, was Fremde von mir denken, aber es ist mir nicht egal, was ICH denke, wie ICH mich fühle. Ich will mich sicher fühlen, ich will mich in meiner Freizeit erholen können. 

Würde man jetzt nach den Gründen für dieses Unvermögen suchen, ich hätte da eine plausible Erklärung parat. Nein, das ist kein Symptom einer schizoaffektiven Störung, es hat weder mit Stimmungsschwankungen noch mit den Ausläufern einer Psychose zu tun, denn es ist immer so, völlig unabhängig von meiner akuten Verfassung. Vielleicht hat es was mit Paranoia zu tun, so von weit weg, aber ich denke, die Ursache ist eigentlich recht simpel: Die 5 Jahre Mobbing, zwischen 10 und 15, gruben tiefe Furchen in meine Persönlichkeit. Das reparieren auch 15 Jahre Psychotherapie nicht, da helfen keine Psychopharmaka, das hat mich nachhaltig verändert, Punkt.

Und darum mache ich, wenn ich ein paar Stunden totschlagen muss, lieber was Irres wie ein paar Stunden Zug zu fahren, einfach so, trinke in einer entfernten Stadt in einem der handverlesenen Restaurants einen Tee und fahre dann wieder zurück. Das ist für mich stressfrei, ich muss meine Kopfhörer nur kurz zum Bezahlen absetzen und kann mich ansonsten mit Kurt Cobain von meiner Umwelt abschotten. Und ja, ich finde das völlig ok und sehe keinen Grund, mich zu etwas zu zwingen, das mich einfach nur stresst, bloss weil es dem entspricht, was die Mehrheit tut oder für richtig hält.

Jetzt.

Auf die Gefahr hin, sämtliche Klischees rund um zweitklassige „Carpe diem“-Tattoo-Vorlagen zu bedienen: Ein elementarer Baustein meiner aktuellen Zufriedenheit mit mir, meinem Leben, meiner Beziehung und dem ganzen Scheiss ist der Vorsatz, nicht mehr auf irgendwas hinzuleben. Was zählt, ist das Jetzt. Nicht das „bald muss“, nicht das „hoffentlich“, nicht das „klar, eines Tages“, erst recht nicht das „irgendwann“.

Es ist, zumindest in meinem Fall, absolut verhängnisvoll, die Gegenwart über einen längeren Zeitraum hinweg als mühsamen, entbehrungsreichen Weg in eine hoffentlich viel bessere Zukunft zu sehen. Natürlich durchlebe ich immer wieder bescheidene Zeiten, Phasen, durch die ich mich mit Durchhalte-Parolen hindurch wurstle – meistens bedingt durch Stress bei der Arbeit -, das ist normal, das gehört zum Leben. Das meine ich hier aber nicht, ich meine eher dieses Gefühl, dass ganz grundsätzlich vieles im Argen ist. Mir ist heute bewusst, wie sehr sich mein Fokus auf mein Leben in all den Jahren ins Negative verschob, in denen ich tatsächlich dachte, dass zwar ganz vieles in meinem Leben total im Arsch ist, dass sich aber bestimmt irgendwann alles einrenken wird und dann ein besseres, glücklicheres Leben anfangen wird.

Wenn man davon ausgeht, dass eigentlich gerade das meiste komplett schief läuft und man sich mit der Hoffnung auf bessere Tage irgendwie durchs Leben schleift, so meine These, wird die Gegenwart durch diese Grundhaltung nicht besser, nein, sie wird schlechter. Wenn man ständig darüber nachdenkt, was alles anders sein müsste, wie sehr sich der aktuelle Alltag von dieser Wunsch-Zukunft unterscheidet, eine Zukunft übrigens, die vermutlich völlig an der Realität vorbeischrammt, dann lebt man eigentlich nur noch in dieser Differenz. Man lebt in dem, was nicht gut ist, man hofft vielleicht nach wie vor, dass alles plötzlich gut wird, aber wenn die Jahre kommen und gehen und sich die Hoffnung standhaft nicht erfüllt, dann lebt man schliesslich in der Anti-Wunsch-Zukunft, hilflos, Faktoren ausgeliefert, auf die man keinen Einfluss hat, und dann, dann wird man unglücklich. Ich rede da aus Erfahrung.

Vieles hatte ich mir erhofft für mein Leben, das nie eintreten wird. Kinder, um das Thema schlechthin zu nennen, das sich bei Frauen meines Alters aufdrängt. Einen psychisch gesunden Lebenspartner, als weiteres. Einen gewissen Wohlstand, der mir erlaubt, um die ganze Welt zu reisen und in einem kleinen Haus mit Garten zu leben. Auch wenn ich das früher nicht so formuliert hätte, weil „fick das System“ und so, aber ein gewisser Wohlstand erleichtert halt das Leben und die Erfüllung von Träumen schon irgendwie. Selber psychisch so gesund zu sein, dass meine Versuche, die Welt mit dem Rucksack am Rücken zu erobern, nicht regelmässig in Psychiatrien auf anderen Kontinenten enden, auch das erhoffte ich mir mit 29 zum letzten Mal ganz innig.

Es sind grosse Wünsche, die ich hatte. Das ist mir mittlerweile bewusst, früher dachte ich, die seien absolut berechtigt, weil sie doch dem entsprechen, was sich viele, wenn nicht gar die meisten Menschen wünschen (zumindest die meisten von denen, die ich kenne).

Es ist halt nun leider so, dass man nicht alles kriegt, was man sich so erhofft. (Ich sollte Ratgeber schreiben, Heilandsack…). Dass ich meinen Fokus verändern konnte und mich wieder um meine Gegenwart statt um eine unerreichbare Zukunftsvision kümmern kann, hat mir, so mein heutiges Empfinden, meine Lebensqualität enorm gesteigert. Ich versuche, keine grossen Wünsche mehr auf eine wie auch immer geartete Zukunft zu projizieren. Was ich umsetzen kann an Wünschen, das setze ich um. Anstatt wie früher darauf zu hoffen, dass wir eines Tages die Mittel haben, um ein Haus kaufen zu können und ich mir dort dann ein Atelier einrichte, in dem ich malen kann, so viel ich will, habe ich mir jetzt einfach Material angeschafft, und male auf dem Fussboden, auf der Terrasse, auf dem Küchentisch. Wir sind jetzt einfach in eine Wohnung gezogen, in der ich einen kleinen Garten anlegen konnte. Anstatt darauf zu hoffen (mit einem gewissen biologisch bedingten Zeitdruck, sofern man mit Zeitdruck hoffen kann), dass mein Freund „endlich die Kurve kriegt“, sprich, psychisch „gesund“, entsprechend belastbar wird und entsprechend Einkommen generieren kann, dass wir Kinder haben können, habe ich Frieden schliessen können mit dem Status quo. Mein Freund ist, wie er ist, das wird sich nie ändern, und es ist so befreiend, das akzeptieren zu können. Ich werde auch nie monatelang mit dem Rucksack am Rücken durch ferne Länder reisen können, ganz egal, wie stabil ich bin, nie, nie, nie. Tja.

Nein, man kriegt nicht alles, was man sich erhofft. Aber ich denke, man kriegt dafür manchmal auch was, was man sich nicht erhofft hat. Das meine ich jetzt nicht sarkastisch – meine schizoaffektive Störung zum Beispiel, die kriegte ich auch einfach so, völlig unverhofft -, nein, ich meine damit: Ich habe so viele schöne Dinge in meinem Leben, von denen ich früher gar nicht wusste, dass sie erstrebenswert sind. Ich geniesse die Zeit mit meinem Freund sehr. Er ist so lustig, und er findet mich auch lustig, wir lachen uns regelmässig schief, und wir sind uns so nahe. Es geht ihm besser als noch vor ein paar Jahren, auch wenn er jetzt deutlich unter dem Existenzminimum lebt. Er liebt mich immer noch, ich liebe ihn immer noch. Wir finden uns immer noch extrem anziehend, nach 13 Jahren nicht unbedingt selbstverständlich. Es ist herrlich, mit ihm zu wandern, er quasselt dann ohne Punkt und Komma und reisst Witze, und seine Augen haben dieses Leuchten, in das ich mich verliebt hatte vor so langer Zeit. Ich geniesse gutes Essen, ich freue mich über die warme Herbstsonne, ich geniesse die Natur. Ich habe mit dem Malen, dem Garten und dem Yoga echte Hobbies gefunden, die mich erfüllen und glücklich machen. In meinem Leben gibt es viele kostbare Freundschaften und warmherzige Menschen. Ich werde bei der Arbeit geschätzt und von manchen sogar gemocht, ich gehe wieder öfter tanzen oder an Konzerte.

Ja, es kann, um es kurz zu fassen, alles so bleiben wie es ist. Nicht, weil alles perfekt ist. Sondern, weil ich das Schöne in meinem Leben sehe. Immer noch habe ich jede Menge wilder Pläne, was ich alles noch machen könnte mit meinem Leben. Das ist wichtig für mich, Stagnation ist mir ein Gräuel. Aber auch, wenn ich doch nicht noch Mal studieren gehe oder wenn ich nie lerne, Klarinette zu spielen oder am Ende meines Lebens nie in Nepal war, es ist ok, es ist gut.

Jubiläum.

Zeit, zu feiern: Meine letzte Psychose ist 5 Jahre her. Nicht exakt heute, natürlich. Psychosen haben keine exakten Grenzen, zumindest bei mir nicht. Wenn schon, dann sind es die Anfänge, die man rückwirkend zu bestimmen vermag. Anfang Juli 2012 wurde ich krass halluzinierend von der Polizei in ein argentinisches Spital eingeliefert, Mitte Juli in die geschlossene Psychiatrie in meiner Heimat eskortiert. Im August dann durfte ich austreten und besuchte ab da eine Tagesklinik. Es war Ende September, als die Stimmen in meinem Kopf verstummten.

Aber, worum es mir eigentlich geht, heilige Scheisse!! FÜNF Jahre!! Das ist mein Rekord. So lange war bisher nur die eine Phase zwischen 19 und 24. Dann wurden die Abstände immer kürzer. Was mich wirklich ausserordentlich beunruhigte, um es mal milde auszudrücken.

Es gab heute diesen einen Moment, als mir diese doch wirklich positive Erkenntnis, dass meine Befürchtungen zumindest hinsichtlich der Frequenz meiner Krisen relativiert werden können, wie ein Geistesblitz durch den Kopf schoss. Ich lag gerade betont entspannt auf meiner Yogamatte und atmete so lautstark vor mich hin, wie das unsere neue Yogalehrerin offensichtlich von uns erwartet. Dabei „die Gedanken vorbeiziehen zu lassen wie zarte Wolkenfäden, die sich schliesslich nach und nach auflösen“, schaffte ich beim besten Willen nicht, ich war mir aber sicher, dass das niemand bemerkt, wenn ich nur weiterhin betont entspannt herumliege und laut vor mich hin schnaufe, und so fing ich an, darüber nachzudenken, wie sich mein Verhältnis zu meinem Körper, bzw. wie sich meine körperliche Wahrnehmung in den letzten Jahren doch verändert hat.

Es ist mir ein Rätsel, dachte ich, warum das so lange verschüttet war. Wie weit weg ich früher von mir war, sagenhaft. Ich habe gelebt, ich habe viel Schönes erfahren, ich habe viel Schlimmes erfahren, ich habe fast immer hart gearbeitet, ich habe funktioniert, ich habe auch viel gelacht, ohne Frage, aber ich habe mich körperlich so wahnsinnig schlecht gespürt, immer schon, und es hat so unendlich lange gedauert, bis mir das überhaupt bewusst wurde. Woher sollte ich auch wissen, dass das nicht normal war, ich hatte ja keinen Vergleich. Eine dumpfe Ahnung, dass bei mir was nicht normal läuft in dem Bereich (wo schon!!), war natürlich da, aber ich habe mich geweigert, darüber nachzudenken. Wann immer mir jemand mit körperlichen Übungen oder Geschwätz über Körperwahrnehmung kam, habe ich auf Abwehr geschaltet, weil ich nie wusste, was damit gemeint war. All die Psychiater, die irgendwann fragten „und wo fühlen Sie das in Ihrem Körper?“, vor denen bin ich innerlich schreiend geflüchtet, weil, ich fühlte nichts, ich wusste nicht, wie man so etwas fühlen sollte, einfach überhaupt gar nicht.

Heute fühle ich. Wahrscheinlich schlechter oder weniger als der Schnitt, manchmal auch sehr verzögert, aber mir fallen jetzt so Sachen auf. Wie ich neulich im Zug sass und mir eher aus Zufall online einen historischen Fernsehbeitrag zum Nazimob vor einem Flüchtlingsheim ansah. Mein ganzer Körper zog sich zusammen. Plötzlich hatte ich überall Gänsehaut, erstaunt sah ich auf meine Beine, meine Arme, überall Gänsehaut. Ich spürte, wie mir die Tränen hochkamen. Ich musste schlucken, mein Hals fühlte sich geschwollen an, und meine Atmung ging bedenklich flach. „Du kannst jetzt nicht einfach mitten in all den Leuten losheulen“, meldet sich meine Selbstbeherrschung mit letzter Kraft, „du musst dich umgehend ablenken“. Ich wechselte den Social Media Kanal auf meinem Handy und sah mir farbenfrohe abstrakte Gemälde an. Solange, bis die Gänsehaut verschwand, mein Atem ruhiger ging und das enge Gefühl in meinem Hals langsam zurück ging.

Aber es sind nicht nur schlimme Situationen, in denen mein Körper so reagiert, dass ich es bemerke. Es sind auch Situationen, in denen ich Wärme spüre (wörtlich), oder kribbelige Vorfreude, oder Müdigkeit. Ich spüre gerne den Wind im Gesicht, wenn ich Fahrrad fahre, ich liebe das Gefühl von fliessendem kaltem Wasser an meinen Händen, ich mag es, wie es in meinen Füssen kribbelt, wenn ich barfuss über nasses Gras oder auch über Kieselsteine gehe. Ich mag es unglaublich, wenn mein Freund mir meinen Nacken streichelt, und, wenn wir schon beim Thema sind, ich geniesse alles rund ums Thema Sex so viel mehr, als ich es mir in jüngeren Jahren je hätte erträumen lassen. Es hat sich wirklich viel getan in den letzten Jahren, ich nähere mich meinem Körper, langsam und ungeschickt, aber ich nähere mich.

Erinnert ihr euch noch an Bruno? So hatte ich den psychogenen Schmerz in meinem linken Arm getauft, nachdem er sich in meinem Leben so breit gemacht hatte, dass ich ihn endgültig nicht mehr ausblenden konnte. Wie lange das wohl her ist, dass Bruno, die feige Sau, seinen Mikropenis einzog und winselnd das Weite suchte? 4 Monate vielleicht? Damals habe ich ihn selbstverständlich verflucht, aber vielleicht war er auch einfach eine pöbelnde, nervige Begleiterscheinung meiner zunehmenden körperlichen Wahrnehmung. Auch heute noch spüre ich meine psychische Anspannung häufig im Körper, nicht mehr als psychogener, irrationaler Schmerz, sondern als ganz normale Verspannung im Schulter- und Nackenbereich – wie wohl Millionen an „normalen“ Menschen auch. Obwohl das lästig ist, bin ich, offensichtlicherweise, trotzdem stolz auf diesen „Fortschritt“.

Jedenfalls, und ich versuche jetzt krampfhaft, trotz allem Abschweifen einen roten Faden in diesem Text vorzugaukeln, während ich also schnaufend auf der Yogamatte lag und mir all diese Gedanken machte – oh ja, ich kann unglaublich viel denken, während ich Entspannung vorspiele – durchzuckte mich plötzlich eine Erkenntnis: Es ist jetzt 5 Jahre her, die letzte Krise liegt 5 Jahre zurück. Ich hatte 5 unendlich kostbare gesunde Jahre Zeit, um all diese Entwicklungen zulassen zu können. Jede Krise bisher warf mich total aus der Bahn und ich brauchte Jahre, um wieder auf den Stand vor der Krise zu kommen. Das ist mir wirklich Ernst, das war so. Auch wenn ich manchmal nach einem Monat wieder arbeiten ging, „gesund“ war ich damals garantiert nicht. Ich habe sehr viel Zeit in meinem Leben damit verbracht, gegen aussen hin zu funktionieren. Das war nicht nur schlecht, könnte ich das nicht, wäre ich wahrscheinlich beruflich nicht da, wo ich jetzt bin. Aber persönlich wirklich weiter zu kommen, wie eben im Bereich der Körperwahrnehmung, das geht nur, wenn ein gewisses Level an Gesundheit und Stabilität da ist.

Fünf Jahre lang darf ich jetzt „gesund“ sein. Die Krankheit ist nicht weg, und sie bleibt unberechenbar. Ich muss gut Acht geben, ich muss versuchen, bescheiden zu bleiben und dem Leichtsinn nicht zu viel Platz zu geben. Aber ich bin stolz auf  mich. Auch wenn das vielleicht nicht meine Leistung ist, sondern einfach Glück. Was weiss ich schon, warum die Dinge passieren, die passieren. Egal. Ich freue mich enorm.

Die Sache mit dem Schwimmbad.

„My, hast du sexuellen Missbrauch erfahren?“ „Nein!!“ Meine Antwort kam schnell, und sie kam schroff. „Oh“, Katharina schien überrascht. Dann erzählte sie davon, dass sie selber sexuell missbraucht wurde, damals, als Kind. Ich nickte unwirsch, ich wollte das nicht hören, warum erzählt sie mir diesen Mist, dachte ich, die hat doch eine Schraube locker. Ich war 19, nach den 6 Wochen Psychiatrie hatte man mich in eine betreute WG gesteckt, zusammen mit 9 anderen Psychos und 2 Betreuerinnen und 2 Betreuern. Wobei, nein, eigentlich mit 10 anderen Psychos und 1 Betreuerin und 2 Betreuern, denn Katharina wurde zwar auch fürs Betreuen bezahlt, war aber ganz offensichtlich selber dezent angeknackst. Ich hatte besonders viel Glück und hatte ausgerechnet Katharina als Bezugsperson aufs Auge gedrückt bekommen. Ganz recht, ich konnte sie nicht leiden, mit ihren bimmelnden Kleidern und ihren Räucherstäbchen, und ich empfand sie nicht als besonders professionell. Sie hatte auch keine Ausbildung, um psychisch Kranke zu betreuen, erfuhr ich später, dafür „viel Lebenserfahrung“. Rückblickend empfinde ich zwar immer noch keine Sympathie, aber bin milder, wenn ich an Katharina denke. Vielleicht hat sie ja anderen Menschen helfen können. Mir halt einfach nicht. (Andererseits hat sie mir auch nicht geschadet. Nicht so wie einer der 2 Männer im Team dieser betreuten WG. Ganz recht, der, der mich angetatscht hat, unter einem Tisch, während ich in Schockstarre verfiel und nicht mal etwas sagen konnte.)

Ich war 24, als die Sache mit dem Schwimmbad wieder hochkam. So richtig hochkam. Manchmal denke ich, dass das so lange ging, lag auch daran, dass ich lange dachte, man dürfe sowas nicht „sexuellen Missbrauch“ nennen. Wirklich. Als Katharina danach fragte, als ich 19 war, war ich sicher, dass ich die korrekte Antwort gegeben hatte. Ich konnte sie zwar nicht ausstehen, aber ich wollte sie nicht anlügen. Ich war in einem Umfeld aufgewachsen, in dem über Sex im Allgemeinen nicht gesprochen wurde, oder wenn schon, dann in irgendwelchen Witzen, die ausschliesslich von den Männern gemacht wurden, ekliges, dröhnendes Gelächter zur Folge hatte und die ich nicht verstand. Alles, was ich über Sex und damit auch sexuellen Missbrauch wusste, als ich selber missbraucht wurde, war, dass dazu gehörte, dass der Penis eines Mannes in der Vagina einer Frau stecken musste. Und das war bei mir nicht der Fall. Seine Finger steckten in meiner Kinder-Vagina, nicht sein Schwanz. Seine Finger befummelten ausserdem meine Kinder-Brüste, aber von Fingern hatte nie jemand was gesagt, die kamen in meinen Informationen rund um Sex nicht vor.

Für diesen Text habe ich noch kurz gegoogelt, was denn nun wirklich als Definition von „sexuellem Missbrauch“ gilt. Im Internet steht:

„Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können.“

Ja, das trifft auf die Situation im Schwimmbad zu. Heute, mit 34, weiss ich, dass das sexueller Missbrauch war. Damals wusste ich es nicht. Was nämlich noch dazu kam, nebst der Abwesenheit eines involvierten Penis: Ich hatte nichts gesagt, ich hatte nicht geschrien. Ich hatte nur versucht, mich körperlich zu wehren, aber ohne Erfolg. Es war ein erwachsener Mann, ein junger Mann mit schwarzen Haaren, und ich war 10 oder 11 Jahre alt (ich weiss nicht mehr, ob es vor oder nach meinem 11. Geburtstag war). Ich schwamm Längen, im tiefen Wasser, hinter meiner älteren Schwester her, die unbedingt einen ganzen Kilometer schwimmen wollte. Ich konnte nicht besonders gut schwimmen, ich keuchte hinter ihr her und schluckte Unmengen an Wasser. Da fing das Ganze an. Jemand schwamm dicht neben mir her und streifte meine Arme und Beine. Ich ruderte noch wilder und schluckte noch mehr Wasser. Die Berührungen waren unangenehm, aber das kann halt passieren im Schwimmbad, sagte ich mir. Bei der nächsten Länge allerdings wurde ich wieder von jemandem gestreift, diesmal am Bauch. Ich konnte nicht sehen, wer der Idiot war, der immer wieder in mich reinschwamm. Er war weit unter mir im Wasser, er tauchte. Ich konnte nicht tauchen, und ich ging immer noch davon aus, dass es ein Missgeschick war. Bis er anfing, unter meinen Bikini zu greifen. Ich versuchte, ihn mit meinen Armen und Beinen wegzustossen und zu treten, da drückte er mich unter Wasser und ich ersoff fast. Dabei griff er in meine Vagina, er griff an meine Brüste, er griff überall hin. Ich hatte Panik, aber ich war wie gelähmt. Ich versuchte, einfach davon zu schwimmen, dabei wiederholte sich das Ganze, ich weiss nicht mehr, wie oft. Irgendwann hatte ich den Rand erreicht, ich sprang aus dem Becken und rief meiner Schwester zu, ich wolle nach Hause. Sie wollte nicht gehen, sie wollte ihren Kilometer fertig schwimmen. Ich sah den Mann, wie er auftauchte und mich ansah. Er war gross und kräftig und hatte schwarze Haare. Er sah jung aus. Ich rannte auf das Mädchenklo und versteckte mich dort. Ich war komplett verstört und versuchte zu verstehen, was geschehen war. Es gelang mir nicht. Ich wusste nicht, was das war, ich wusste nur, dass man vermutlich schreien sollte, wenn sowas passiert, und dass ich das nicht gemacht hatte. Ich dachte deshalb wirklich, es sei wohl meine Schuld. Ich hatte mich nicht genug gewehrt. Ich stand vor dem Spiegel des Mädchenklos, im ersten Bikini meines Lebens, und fragte mich, ob das passiert war, weil ich einen Bikini trug. Ich hatte noch nicht richtige Brüste wie meine Schwester, bloss so Mini-Mädchenbrüste. Aber vielleicht war trotzdem der Bikini Schuld? Zusammen mit mir, weil ich mich nicht richtig gewehrt hatte?

Es hat viele Jahre gedauert, bis mir klar war, dass es wirklich nicht meine Schuld war, und dass das tatsächlich ein sexueller Übergriff war. Noch viel länger hat es gedauert, bis ich anfing, die Ereignisse, die in diesem Alter über mich hereinbrachen, in einen logischen Zusammenhang zu stellen. Ich war 10 oder 11, als ein Mann seine Finger in mich reinsteckte, ich war 10 oder 11, als meine Menstruation einsetzte. Ich war 10 oder 11, als ich nicht mehr duschte, als ich anfing, zu stinken, ich war 10 oder 11, als ich in der Schule einnässte. Ich war 10 oder 11, als die Gesichter um mich herum verschwammen. Vor einem meiner Mitschüler entwickelte ich eine irrationale Angst, dabei war er einer der wenigen, die mich nicht richtig quälten. Erst mit 24 verstand ich, warum. Er hatte schwarze Haare und glich dem Mann im Schwimmbad. Ich war mir mit 11 plötzlich nicht mehr sicher, ob vielleicht er es gewesen war, im Schwimmbad. Heute weiss ich: Er war es nicht, es war ein Mann gewesen, kein 11jähriger Junge. Aber ich geriet in einen Strudel, damals, in dem sich alles vermischte, in dem ich vor Allem und vor Allen Angst hatte und in dem ich niemandem mehr traute. Meiner Mutter hatte ich zwar von der Sache im Schwimmbad erzählt, aber sie hatte mir gar nicht richtig zugehört.

Mit 24 konfrontierte ich sie damit. Ich war gerade hochpsychotisch, und alles kam hoch. Ich verstand auch plötzlich die Zusammenhänge des ganzen Schlamassels, das Mobbing, das Verwahrlosen, die verschwimmenden Gesichter (ich konnte die Menschen nicht mehr voneinander unterscheiden), das Einnässen, alles ergab plötzlich Sinn. „Warum hast du nicht darauf reagiert?!“, ich wollte endlich eine Antwort von meiner Mutter. Und sie gab mir eine: „Was? Ich erinnere mich nicht. Das hast du mir nie erzählt!“ Damit musste ich erst einmal fertig werden. So vieles weiss ich nicht mehr genau. Meine Erinnerungen sind zersplittert, wie ein Mosaik. In jeder Psychose gerät das Ganze komplett durcheinander, und danach ordne ich die nächsten Jahre, ohne gänzliche Sicherheit, dass ich eine bestimmte Erinnerung korrekt eingeordnet habe. Aber ich hatte eine ganz deutliche Erinnerung daran, wann, wo und wie ich meiner Mutter davon erzählt hatte. „Wir sassen im Auto. Du hattest mich aus der Schule abgeholt. Ich habe dir vom Schwimmbad erzählt, und du hast mir daraufhin geraten, nie mit fremden Männern mitzufahren, wenn sie mit dem Auto anhalten und mich mitnehmen wollen.“ „Keine Ahnung, My, ich erinnere mich nicht daran.“

Meine Mutter war psychisch krank, damals. Sie war depressiv, und sie hatte „keine Energie mehr für das fünfte Kind“. Dummerweise war ICH das fünfte Kind. Ich war zwölf, als sie nicht mehr leben wollte, das aber leider keinem Psychiater, sondern mir erzählte. Ich habe damals schon gedacht: Warum hast du auch 5 Kinder bekommen müssen. Es wäre allen gedient gewesen, du hättest es mit 4 gut sein lassen.

Die Geschichte schüttelt mich durch, auch mit 34 noch. Mittlerweile denke ich, vielleicht habe ich meinen Beruf auch gewählt, um dagegen anzukämpfen, dass gewisse Kinder kaputt gehen, wenn sich niemand richtig um sie kümmert. Meine Mutter hat versagt. Das sieht sie selber überhaupt nicht so, wahrscheinlich sieht das ausser mir niemand so, aber ich für mich weiss: Sie hat versagt, beim fünften Kind hat sie versagt. Vieles nehme ich auf mich, ich war wohl einfach ein besonders dummes Kind, das ganz vieles nicht selber begriffen hat, was andere Kinder intuitiv begreifen. Ich bin nicht mit meiner Periode zurecht gekommen, ich wusste nicht einmal, wie man Damenbinden benutzt. Wahrscheinlich ist es auch nicht normal, dass eine 10jährige schon menstruiert, was weiss ich. Ich wusste nicht, dass man täglich duschen sollte ab einem gewissen Alter, das hatte mir niemand gesagt, da es meine anderen Geschwister offenbar selber begriffen. Ich wusste nicht, dass man Socken und Unterwäsche täglich wechseln sollte und dass man ein Deo benutzen sollte, auch das, meine älteren Geschwister hatten das offenbar einfach selber gecheckt. Ich wusste nicht, dass man es einer erwachsenen Person erzählen durfte, wenn man in der Schule geschlagen, bespuckt, ausgelacht, bedroht wurde. Ich weinte einfach, nächtelang, und wollte nicht mehr zur Schule gehen, was ich mich aber nie getraut hätte zu sagen. Ich habe zu Hause nicht wirklich erzählt, was ich in der Schule durchmachen musste, auch das, ich nehme es auf mich, ich war irgendwie zu blöd dafür. Was ich aber definitiv nicht auf mich nehme, ist die Sache mit dem Schwimmbad und die Reaktion meiner Mutter darauf. Das verzeihe ich nicht, Depression hin oder her, wenn ein Kind erzählt, dass ein Mann im Schwimmbad unter seinen Bikini gegriffen hat, dann ist es die verdammte Pflicht eines Elternteils, das ernst zu nehmen.

Ich erinnere mich an einen polnischen Praktikanten, der auf dem Hof meiner Eltern arbeitete, als ich etwa 8 Jahre alt war. Als er nach einem Jahr ging, sagte er zu meiner Mutter: „Passt gut auf My auf. Das ist ein besonderes Kind.“ Wie soll ich sagen, das hat meine komplette Familie vergeigt.

Mit 30, nach einer neuen, krass psychotischen Krise, wollte ich unbedingt ein Kind. Ich wollte endlich Mami werden. Meine damalige Psychologin war von dieser Idee gar nicht begeistert. Sie bohrte so hartnäckig in meiner Kindheit herum wie sonst niemand zuvor. Ich habe damals in dieser Tagesklinik die Sache mit dem Schwimmbad auch zum ersten Mal offiziell erwähnt. Ich musste ein enormes Formular mit meinen ganzen biographischen Eckpfeilern ausfüllen, und eine Sparte war da „Sexualität“. Ich erinnere mich, wie sich in mir Widerstand formierte, als ich das sah, wie ich aber, postpsychotisch-beschwingt dachte „was solls, die sollen bloss nicht denken, mich juckt das“ und haarklein alles zu Papier brachte. Die Psychologin damals also, die meinte eines Tages: „Wissen Sie, ich habe den Verdacht, Sie möchten ein Kind, weil Sie an ihm all das, was Ihnen passiert ist, wiedergutmachen möchten. Eigentlich wollen Sie sich selber beschützen und trösten, Sie möchten an einem Kind alles richtig machen, was man bei Ihnen falsch gemacht hat.“ An dieser Aussage hatte ich wenig Freude. Aber jetzt, 4 Jahre später (und immer noch kinderlos), denke ich, sie hatte Recht. Und ich bin abgesehen davon sehr froh, dass ich kein Kind habe.

Was passiert ist, kann niemand ungeschehen machen. Ich muss damit leben, sowohl mit dem sexuellen Missbrauch wie auch mit der Tatsache, dass meine Mutter versagt hat. Es bleibt halt einfach bitter, auch nach all den Jahren.

Veränderungen.

Ich hielt mich mal für super flexibel. Ehrlich. In Bezug auf meinen Wohnort hatte ich noch bis vor kurzem (genauer gesagt, bis vor unserem Umzug, nicht wahr) das Gefühl, mich mit fast allem arrangieren zu können. Naja, ich hatte mich ja auch wirklich schon mit allem möglichen arrangiert in dieser Hinsicht, mit enormen Arbeitswegen, zum Beispiel, mit unheizbaren Räumlichkeiten, als weitere Möglichkeit, mit verschimmelten Waschmaschinen, mit gesichtslosen Plattenbauten, mit unbekannten Gruppen-Übernachtungsgästen morgens im Badezimmer, ich würde, kurz gesagt, echt behaupten, ich hab schon einiges mitgemacht, so Wohnungs-technisch. Die traurige Wahrheit in Bezug auf meine Flexibilität holt mich aber jetzt gerade, kurz nach unserem letzten Umzug, ziemlich ein: Ich bin nicht flexibel, nicht mehr, und vielleicht war ich es auch gar nie wirklich.

Es ist nicht so, dass es mir nicht gefällt in unserer neuen Wohnung, bewahre, sie ist um Welten besser als unsere letzte. Es ist nur so, dass ich mich einfach an die Veränderung und das ganze Chaos, das eine solche Veränderung mit sich bringt, gewöhnen muss. Und es IST einiges anders, nicht nur einfach der Standort meines Bettes oder des Sofas. Mein Freund hat jetzt einen realen Arbeitsweg, für den er das Auto braucht, zum Beispiel. Es ist nicht so, dass mir das nicht bewusst war, als wir den Umzug ins Auge fassten. Aber es ist halt doch neu, dass ich das Auto kaum mehr benutzen kann, weil mein Freund ja eben 4mal pro Tag damit seinen Arbeitsweg zurück legen muss. Mein Freund kommt abends noch später nach Hause, als anderes Beispiel. Auch das, absehbar, aber halt doch einfach anders. Wenn er gegen 22:30 oder später nach Hause kommt, bin ich oft dermassen müde, dass ich kaum noch imstande bin, ein normales Gespräch zu führen. Ich muss mir einen Haufen neue Geschäfte suchen, als drittes Beispiel. All den Kram, den man halt nicht in jedem normalen Supermarkt bekommt, und durch meine sorgfältigere Wahl  (als früher) an sowohl Lebensmitteln wie auch Pflegeprodukte kommen da einige Sachen zusammen, muss ich jetzt wieder mühsam zusammensuchen. Ich war bisher in 2 Drogerien und 1 Apotheke, ohne dass ich ein Produkt gefunden hätte, das „meiner“ Reismilch, die ich täglich konsumierte, auch nur einigermassen nahe kommt. Ich bin noch weiter weg von meiner Familie und meiner Freundin, als letztes Beispiel. Weil ich selbst am Wochenende das Auto nur schlecht nutzen kann, sind Besuche schwieriger geworden.

Mein Freund hat auch Mühe, das überrascht mich nicht. Es geht uns beiden gerade sehr ähnlich, das hingegen überrascht mich sehr. Er kümmert sich wirklich rührend um mich und beseitigt nach und nach das Chaos in unserer Wohnung, „damit du nicht die Krise kriegst und wieder alle Räume betreten kannst“. Ich kann es mir, sei an dieser Stelle angefügt, nicht recht erklären, die Sache mit dem mich so verstörenden Chaos, war ich doch früher das personifizierte Chaos, meine ersten WG-Zimmer wären vom Tierschutz geräumt worden, wäre ich eine Springmaus, aber wie dem auch sei, es ist so, Chaos kann mich mittlerweile fertig machen.

Ich versuche, mit den Änderungen zurecht zu kommen, und ich werde das auch. Abgesehen davon hinterfrage ich mittlerweile auch gewisse „unantastbaren Konstanten“, die für mich jahrelang nie zur Debatte standen. Meine Medikamente, zum Beispiel. Nein, ich bin nicht bescheuert und setze sie ab, keine Angst… aber ich frage mich gerade wirklich, ob die Dosis noch stimmt, und ob die Einnahmezeit wohl wirklich klug ist. Es gibt diese bestimmte Form von Müdigkeit, die ich, und das wirklich erst seit dem Umzug, ziemlich direkt mit den Medis in Verbindung setze. Es ist dieser Zustand, wenn ich kaum noch sprechen kann, wenn meine Zunge schwer ist, als ob ich betrunken wäre. Die setzt üblicherweise so 1 – 2 Stunden nach der Einnahme ein. So zumindest beobachte ich das seit ein paar Wochen. Früher dachte ich „na ja, Schlafmangel, zu wenig Erholung, berufliche überforderung, kein Wunder, bin ich abends total fertig“. Mein Freund meinte kürzlich, ich solle weniger im Garten arbeiten, weil ich dann immer so müde wäre. Aber körperliche Müdigkeit fühlt sich anders an. Körperliche Müdigkeit, bzw. Erschöpfung nach körperlicher Arbeit, fühlt sich gut an. Ich brauche wohl dieses körperliche, das verschafft mir Bodenhaftung und löst meine innere Anspannung. Seit ich den Garten habe, war ich nie mehr so unsäglich angespannt abends, nur müde. 

Die Medikamente, die ich schlucke, wirken sedierend und werden normalerweise vor dem Schlafengehen eingenommen. Ich schlucke sie seit Jahren um 19 Uhr 15. Ganz einfach, weil ich Angst habe, dass ich sonst morgens nicht erwache und zu spät zur Arbeit komme. Ich habe jetzt beschlossen, ich stelle jetzt mal um. Ich nehme sie einfach mal eine Woche lang um 20:30. Ich versuche, zu merken, wie es mir damit geht.  Ja, das klingt idiotisch, man merkt ja schliesslich, wie es einem geht, nicht wahr? Tja, ich leider nicht immer. 

Vielleicht ist es bescheuert, in einer Zeit der Veränderungen, die man verarbeiten muss, auch noch selber Veränderungen hinzu zu fügen, die einen belasten könnten. Aber, und das ist das Positive der ganzen Geschichte, es kann im besten Fall vielleicht dazu führen, dass meine Lebensqualität wirklich steigt. Weil sich einiges verändert hat, weil ich mutig genug geworden bin, Sachen zu verändern. Warten wir es ab.

Die Liebe, Teil II.

Wir sind schon ewig zusammen. Über 12 Jahre, eine echte Langzeitbeziehung. Wenn ich zurück denke, bin ich manchmal fast ein wenig traurig. Es hat lange gedauert, bis ich mit unserer Beziehung so zufrieden war, wie ich es heute bin. Vieles wäre einfacher gewesen, wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich heute weiss. Ich ahnte schon lange, dass mit meinem Freund etwas nicht stimmt. Dass er anders ist als die meisten Männer in seinem Alter. Seit ich ihn kenne, hat er massive Probleme mit sich selber und massive Probleme bei der Arbeit. All die Nächte, in denen er nicht schlief, sondern Panikattacken schob. Hyperventilierte, wirres Zeug redete, manchmal auch weinte. Ich denke, so seit 10 Jahren versuchte ich, ihn zu einer Therapie zu überreden. Er wollte das nicht, er sagte, wenn er einmal bei einem Psychologen sei, werde er in eine Psychiatrie gesperrt. 

Wir waren gegen aussen einmal das, was man gemeinhin als normales junges Paar betrachtet. Beruflich mehr oder weniger erfolgreich, eines jener Paare, denen man ein gutes Einkommen, ein aktives Sozialleben, eine Perspektive mit Heirat, Kindern, Haus zuschrieb. Aber eben, in Wahrheit waren wir das nie.

Es ist nicht so, dass wir es nicht versucht hätten. Rückblickend würde ich sagen, genau das war das Problem. Wir versuchten, möglichst normal zu leben. So zu leben, wie es die ganzen anderen jungen Paare in meinem Bekanntenkreis taten. Es funktionierte nicht, es funktionierte nicht mal ansatzweise. Wenn ich daran denke, wie viel Druck ich meinem Freund in jenen Zeiten auferlegte, wird mir schlecht. Er hatte keine Freunde, er hatte eine völlig desaströse Familiensituation, er hatte ausser mir so gut wie keine Sozialkontakte. „Das ist nicht gut“, befand ich, „das muss ändern“. Als wir zusammenzogen, brachte ich ihn tatsächlich dazu, dass er in die Feuerwehr ging. „Dort lernst du andere Leute kennen“, meinte ich, „das wird dir gut tun“. Wie soll ich sagen, rückblickend könnte ich mich dafür ohrfeigen. Mein Freund ging hin, aber er war maximal gestresst. Er machte sich riesige Sorgen, dass er etwas falsch machen könnte und sich nicht an die ganzen Abläufe erinnern würde im Ernstfall. Als er dann auch noch das Pikett-Telefon für Notfälle hüten musste, eskalierte sein Stress völlig. Er schlief nicht mehr, weil er befürchtete, dass er das Notfall-Handy nicht hört und wegen ihm die halbe Stadt abbrennt. Er trat also wieder aus aus der Feuerwehr. Freunde hatte er dort übrigens keine gefunden, wer hätte das gedacht.

Mein Freund tat sich immer furchtbar schwer damit, wenn er mit mir irgendwo hin gehen sollte, wo andere Leute waren. Parties konnte er nicht ausstehen, aber auch diese Abendessen bei irgendeiner Freundin mit lauter anderen Pärchen waren ihm ein Graus. Ich erinnere mich, wie ich ihn anflehte, wenigstens ab und zu mitzukommen, weil meine Bekannten sonst denken würden, dass er gar nicht existiert und nur eine weitere absurde Halluzination von mir war. Noch schlimmer war es für ihn, wenn ich ihn in einen Nachtclub schleifen wollte, oder an irgend ein Fest. Er fühlt sich in Menschenmengen äusserst unwohl, er hat das Gefühl, alle würden ihn anstarren, machten sich über ihn lustig, was auch immer. Ich konnte das beim besten Willen nicht verstehen. Mein Freund ist ein wirklich gut aussehender, sportlicher Mann. „Du hast eine Sozialphobie“, diagnostizierte ich klugscheisserisch, „das kann man therapieren“. Aber er wollte keine Therapie.

Mein Freund verbrachte immer schon sehr viel Zeit vor seinem Computer. Den grössten Teil seiner freien Zeit, wenn er nicht gerade schlief. „Das ist nicht gut“, befand ich. Ich steckte viel Energie darin, ihn zu irgendwelchen Outdoor-Aktivitäten zu überreden – obwohl ich selber auch überhaupt nicht der Typ für sowas war. Aber es war doch das, was normale Pärchen in unserem Alter offenbar taten. Ausserdem konnte er, ganz egal, wo er gerade arbeitete, nie abschalten von der Arbeit. Er machte immer enorm viele unbezahlte Überstunden, um dann zu Hause quasi weiterzuarbeiten. Die Probleme bei der Arbeit nahm er mit nach Hause. „Du musst lernen, abzuschalten!!“, versuchte ich, ihm einzubläuen. Geholfen hat das wenig.

Es hat lange gedauert, bis ich diese Idee, dass wir ein normales Paar sein sollten, aufgab. Das, obschon bei mir ja immer klar war, dass ich definitiv nicht normal war. Seit ich 19 bin, habe ich den Stempel „psychisch krank“, früher hiess es „bipolare Störung“, seit ein paar Jahren heisst es „schizoaffektive Störung“. Das wusste ich, aber das hielt mich nicht davon ab, einem Ideal hinerher zu rennen, das überhaupt nicht zu uns gepasst hat. 

Was die Wende brachte, war dann für mich wirklich die Diagnose meines Freundes. Als es bei einem Arbeitgeber wieder einmal völlig eskalierte, musste er eine Therapie anfangen. Und dann kam eins nach dem anderen. IV, ein Gutachten, eine Diagnose, eine Teilrente. Er scheiterte auf dem Papier in aller Form, aber eigentlich wurde es ab da besser. Ich verstehe meinen Freund viel besser, seit ich seine Diagnose kenne. Es sind nicht einfach Depressionen, er hat eine anankastische Persönlichkeitsstörung. Er ist so, er wird immer so sein. Es ist nicht hilfreich, ihm ständig Druck zu machen. Er macht sich selber schon genug Druck. 

Ich liebe meinen Freund, und ich finde, wir passen sehr gut zusammen. Wir sind heute sehr glücklich miteinander. Es gibt immer noch Tage, an denen mein Freund an sich und der Welt verzweifelt. Dann ist er mutlos, fühlt sich als Versager, findet, er könne mir nichts bieten und sei nur eine Belastung. Aber diese Tage sind selten, und sie gehen vorbei. Häufiger sind die Tage, an denen wir zusammen lachen, einander Blödsinn erzählen, miteinander essen, miteinander blöde Serien gucken, miteinander reden, einander unterstützen. Wenn sich mein Freund vor seinen Computer zurückzieht, dann lasse ich ihn das machen. Ich habe genug Hobbies, die ich alleine machen kann. Und dann kommt er, sieht sich meine Bilder an, gibt Kommentare ab. Da ist sehr viel Nähe, sehr viel Vetrauen, sehr viel Geborgenheit. Wenn ich unter Leute gehen, was trinken, tanzen, mich jung fühlen will, dann mache ich das ohne ihn. Ich habe genug andere Menschen, mit denen ich das machen kann. 

Manchmal ist es auch heute noch irgendwie schön, wenn Menschen uns für eines dieser normalen Paare halten. Man sieht uns offenbar meistens nicht an, dass wir es nicht sind. Ich lächle dann, und denke: „Wenn du wüsstest.“ Nein, wir sind kein normales Paar, und wir werden das auch nie sein. Das ist in Ordnung. Sie hat uns dennoch gefunden, die Liebe.