Schnipp, schnapp.

Ich hab mit mir gerungen, ob ich das veröffentlichen will. Weil  es ein Thema betrifft, über das ich eigentlich nicht rede – und das  ganz schön eklig ist. Allerdings habe ich mir dann eingestanden, dass ich via Twitter längst alle möglichen Details dazu ausgeführt habe. Entsprechend meinem trotzigen Grund-Motto „wer das hier liest, ist selber Schuld“ versuche ich daher, in Worte zu fassen, was meine Psyche die letzte Woche durchgeschüttelt hat.

Ich habs getan. Mit Mitte 30 hab ich mich unter das Messer eines plastischen Chirurgen gelegt und mir meine eingewachsenen Brustwarzen operieren lassen. Ein Gen-Defekt, komme halt ab und zu mal vor, hab ich mir sagen lassen. Was jetzt alles nüchtern und pragmatisch klingt, hat mich in meiner Jugend und auch in meinem Erwachsenen-Leben schwer geprägt.

Ich glaube, ich war 16 oder 17, als ich meiner Mutter davon erzählte. Das beschreibt mein Vertrauens-Verhältnis zu ihr zu dieser Zeit ganz gut. Sonst habe ich niemandem davon erzählt, ich hab mich viel zu sehr geschämt. Seit ich 10 war und Brüste hatte, hab ich es gehasst, mich fürs Turnen umzuziehen. Ich wollte nicht, dass meine Mitschülerinnen meine deformierten Brüste sahen. Ich hatte viel Selbsthass entwickelt, bis ich verzweifelt genug war, meiner Mama davon zu erzählen. Sie reagierte damals richtig, wohl das erste Mal, seit ich 10 war, und schickte mich zu einer Frauenärztin.

Die Frauenärztin meinte, aha, genetisch bedingt, komme mal vor. Man könne das operieren lassen, aber das sei gefährlich, häufig ohne Erfolg und ausserdem sehr teuer. Sie gab mir eine Nipplette mit, eine sehr schmerzhafte und in meinem Fall absut nutzlose Vorrichtung, um meine Brustwarzen zu „trainieren“.

Ab da war ich dann überzeugt, dass ich dieser Laune der Natur hilflos ausgeliefert war, für immer entstellte Brüste haben und nie einen Jungen oder einen Mann finden würde, der mich und mein abartiges Äusseres je akzeptieren oder gar mögen würde.

Zur Erklärung: Das war in einer Zeit, in der das Internet erst im Entstehen war. Ich hatte keinen Zugang zu irgendwelchen Selbsthilfeforen oder medizinischen Infoplattformen. Ich suchte erst in Bravo-Heften, später auch in Sexheften oder Pornos nach Frauen, deren Brüste so aussahen wie meine, jedoch ohne Erfolg. Ich fand keine einzige Foto einer weiblichen Brust, die so aussah wie meine, was mich in meiner These, dass ich eine abscheuliche, abartige Missgeburt war, bestätigte.

Ich schreibe das mit grossem Abstand, ich bin mittlerweile 32 und habe seit 21 den selben festen Freund. In diesen letzten 10 Jahren habe ich mit mir Frieden geschlossen, zu weiten Teilen, zumindest. Ich habe meine für mich furchtbare Jugendzeit akzeptiert, ich habe meine Krankheit akzeptiert, ich habe akzeptiert, dass ich nie ohne Psychopharmaka werde leben können. Ich habe Frieden mit meiner depressiven Mutter geschlossen und akzeptiert, dass sie mich verwahrlosen liess, weil sie krank war. Ich habe sogar meine Wut auf einen meiner Mitschüler, der mich jeden Tag in der Schule terrorisiert, angespuckt, gedemütigt, andere gegen mich aufgehetzt hat, neutralisiert, seit ich ihn vor ein paar Jahren gesehen habe, wie er, übergewichtig und sediert, aus einer Beschäftigungsstätte kam, um ins betreute Wohnen zu gehen. Sein Leben ist ganz offensichtlich weit schlimmer gelaufen als meins.

Und, um zurück zum Thema zu kommen: Ich habe mein Aussehen im Allgemeinen und das meiner Brüste im Speziellen akzeptiert.

Ich hatte Panik, als ich meinem Freund zum ersten Mal meinen nackten Anblick zugemutet habe, und war wirklich überrascht, wie gelassen er darauf reagierte. „Was hast du denn, ich finde deine Brüste schön.“ So einfach, so entspannt, als sei dieser Anblick völlig normal. Vermutlich sollte ich aus feministischem Blickwinkel was anderes behaupten, aber für mich war diese Erfahrung, dass es sehr wohl ein Mann gibt, dem ich gefalle, heilend. Im Laufe der letzten Jahre wurde ich dann immer selbstbewusster. Ich schäme mich nur noch ansatzweise, oft auch gar nicht mehr, wenn ich mich in einer Gemeinschaftsumkleide umziehe. Ich verstecke meine nackten Brüste in der Badi beim Duschen in der Damengarderobe nicht mehr, ich gehe sogar manchmal in die Sauna. Es wurde mir immer gleichgültiger, was andere Frauen wohl denken, wenn sie meine Brüste sehen, im Zweifelsfalle sollen sie mich doch fragen, warum das so komisch aussieht.

Warum ich mich denn nun dennoch operieren liess? Ja, das fragte mein Freund auch immer wieder. Er verstand das nicht. Vermutlich verstehen viele das nicht. Ich bin nicht mehr blutjung, ich bin in einer festen Beziehung, ich habe mich eigentlich mit den Schlupfwarzen arrangiert. Für mich gab es mehrere Gründe dafür. Der grösste und wichtigste: Seit mein Freund und ich uns beraten liessen von wegen Schwangerschaft mit meiner Diagnose und meinen Medikamenten, weiss ich: Ich werde nie stillen können. Nicht mal, wenn wir wider Erwarten doch noch irgendwann ein Kind haben, die Tatsache, dass ich jeden Tag starke Medis einnehmen muss, die logischerweise in der Muttermilch landen würden, aber auch die Erfahrung des Spezialisten, dass Stillen bei Frauen wie mir, die Schlafmangel nicht handeln können, denkbar ungünstig ist, führen dazu, dass ich wirklich weiss: Nein, ich werde nie stillen. Das wiederum bedeutet, dass eines der grössten Argumente gegen eine OP (dabei wird die Brustwarze durchgeschnitten, ergo wird Stillen unmöglich) plötzlich wegfiel.

Ein anderes Argument, das mich früher von einer OP abhielt, waren die Kosten. Die Krankenkasse zahlt nicht für diesen Eingriff. Das sei rein kosmetisch und somit nicht gesundheitsrelevant, hiess es. Obwohl ich das ein bisschen verstehe, dennoch: Liebe Krankenkassenmitarbeitende, offensichtlich könnt ihr euch nicht vorstellen, wie es sich gerade als Teenager anfühlt, ausgerechnet in Bezug auf sekundäre Geschlechtsmerkmale an einer Anomalie zu leiden. Stellt euch bitte mal vor, wie ihr den Sachverhalt beurteilen würdet, wenn eure Tochter Schlupfwarzen hätte. Oder euer Sohn drei statt zwei Hoden, alle drei absolut funktionstüchtig. Fändet ihr das auch „nicht gesundheitsrelevant“?

Nun bin ich über 30 und verdiene akzeptabel. Ich konnte in den letzten zwei Jahren etwas sparen. Ich habe das Geld, das der Eingriff kostet. Die Frage war nur, ob es mir das Wert ist. 1800 CHF ist eine Menge, auch wenn man ein geregeltes Einkommen hat. Das dritte Argument gab den Ausschlag. Das einzige Argument, das nicht gegen eine OP sprach, sondern dafür. Nämlich: Mir haben meine Brüste nie gefallen. Ich habe mich mit ihnen arrangiert, wie mit so vielen Einschränkungen oder Erfahrungen. Aber gefallen haben sie mir nie. Ich wollte immer normale Brustwarzen, einen normalen Anblick im Spiegel. Ich hätte meine Brüste immer mit jeder x-beliebigen Frau getauscht, egal, wie gross, wie klein, wie hängend, wie straff, Hauptsache, es sieht „normal“ aus.

Darum habe ich es getan. Ich legte mich auf die Bahre, liess meinen Kopf durch eine Art Vorhang vom restlichen Körper abtrennen, liess mich mit Spritzen stechen, liess es über mich geschehen, dass ich mich hilflos und ausgeliefert fühle, liess die Angst über mich ergehen, unterdrückte den Reflex, mitten in der OP aufzustehen und schreiend davon zu laufen. Nahm es in Kauf, dass ich immer wieder dachte „heilige Scheisse, ein Temesta wäre jetzt nicht schlecht“. Irgendwann hatte der Doc fertig an mir rumgezogen, geschnibbelt und gedrückt, das Blut, das mir an den Hüften runterlief, wurde weggewischt, Verbände wurden angebracht, ich wurde nach Hause geschickt.

Was ich leider total unterschätzt hatte, war mein Befinden danach. Dass alles schmerzte, dass das Blut in Strömen unter dem Verband rauslief, dass ich bei der Arbeit dick zusammengeknülltes Haushaltspapier unter dem Shirt tragen und immer wieder wechseln musste, weil ich immer noch blutete wie eine gestochene Sau. Dass ich mich abstossend und eklig fühlte, dass ich mich für die OP hasste. Und die Schmerzen, die Schmerzen hatte ich definitiv unterschätzt. Als sich die Brüste ab dem dritten Tag rot und blau verfärbten, verstand ich auch endlich, warum das alles so schmerzte. Der Schnitt war es nicht, der ist winzig, die Warzen selber bluten zwar so vor sich hin, aber die echten, grausamen Schmerzen, die kamen von den Quetschungen, Prellungen, wie immer man das nennen mag, was der Doc mit mir angestellt hat, das, was zu diesen riesigen Blutergüssen führte. Ich nahm alle 2 bis 3 Stunden Schmerzmedikamente ein und vegetierte so durch meinen Arbeitsalltag. Dass ich gleichzeitig noch eine Entzündung an einem Zeh hatte, die ich mit einem Antibiotikum bekämpfte, führte nicht unbedingt dazu, dass ich mich besser fühlte, aber wenigstens hatte ich dadurch eine Erklärung für meine Mitarbeitenden und Vorgesetzten, warum ich nicht wirklich fit bin und warum ich darum früher nach Hause gehe. Natürlich nahm ich die fehlenden Arbeitsstunden auf meine Kappe, ich getraute mich nicht, „krank“ zu nehmen.

Am Schlimmsten war der Verbandswechsel. Ich bin sonst keine weinerliche Tussi, ehrlich, aber das ganze Blut, die Schmerzen, mein Ekel vor mir selber, das war zu viel für mich. Ich hab viel geweint in der letzten Woche. Ich habe geweint, weil es schmerzt, physisch, und ich habe geweint, weil es so schlimm aussieht unter den Verbänden, aber ich hab auch geweint, weil ich an meine Teenagerzeit denken musste. Und, man kann davon halten, was man will, aber ich war so unglaublich froh um meinen Freund. Wenn er etwas kann, dann ist es, mich zu beruhigen, zu trösten, mir Halt zu geben, meine hysterischen Launen auszuhalten, für mich da zu sein, bis ich wieder klar sehe. Er hat mir geholfen, die Verbände zu wechseln, vermutlich das ekligste, was ich je von ihm verlangt habe, ohne sich irgendwelchen Ekel anmerken zu lassen, ohne irgendwann zu erwähnen, dass er die OP eh nicht versteht, ohne die Geduld zu verlieren.

Und jetzt? Jetzt muss ich die Verbände wegnehmen, wenn ich zu Hause bin, und in 2 Wochen werden die Fäden gezogen. Ich kann noch nicht sagen, ob ich jetzt zufrieden bin mit meinem Äusseren, ich weiss ja nicht, wie das schliesslich aussehen wird. Aber ich bereue die OP nicht. Ich würde mir nie die Brüste vergrössern lassen oder mein Gesicht straffen lassen, ich sehe diese OP nicht als Schönheits-OP an. Für mich ist das eine Korrektur eines genetischen Defekts, Punkt. Ganz egal, wie die Damen und Herren der Krankenkasse sehen.

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