Bye, bye, Blues.

Mein letzter Blogbeitrag ist ein Weilchen her, und das hat, wie man so schön sagt, gute Gründe. Es ging mir ziemlich mies die letzten Monate. Ein, zweimal setzte ich an, meine Misere zu verbloggen, aber dann liess ich es doch bleiben. Weil ich niemanden runterziehen wollte, weil ich mich so unendlich leer fühlte, dass ich keine Worte fand, weil ich mich auch nicht wirklich getraute, zu benennen, wie mies ich mich fühlte, denn, und da kam mir meine Sozialisation mal wieder ungefragt samt bitterem Gallengeschmack hoch, es ja ganz vielen Menschen immer noch so viel schlechter ging als mir, dass ich schlicht kein Recht hatte und habe, irgendwo öffentlich rumzuheulen.

„Ich war depressiv“, könnte ich auch einfach kurz und knapp sagen, wobei mir mir da ehrlich gesagt doch nicht ganz wohl ist bei dem Begriff. Ist es wirklich eine Depression, wenn keine Fachperson weit und breit diese Diagnose verhängt? In meiner psychiatrischen Karriere habe ich festgestellt, dass Ärzte absolut gar nichts darauf geben, was ich mir selber diagnostiziere. Einerseits total verständlich, ich bin ja keine Ärztin, und selbst wenn wäre mein Blick auf meine eigene Gesundheit komplett unsachlich, andererseits – nun ja, ich bin nach wie vor überzeugt, dass ich meinen ersten psychotischen Schub nicht mit 19, sondern bereits mit 17 hatte, damals jedoch halt ohne ärztliche Unterstützung, ohne Therapie, ohne Medikamente, weil ausser mir niemand mitbekam, was in meinem Kopf alles abging. „Das kann nicht sein“, haben Ärzte später gesagt. Schliesslich höre eine Psychose nicht einfach von selbst wieder auf, schliesslich konnte ich ja trotz allem die Schule besuchen, meinen Abschluss machen, was unmöglich gewesen wäre, so betreffende Fachpersonen, wenn ich wirklich psychotisch gewesen wäre. Ich kann das nicht beurteilen, ich weiss nur, dass ich mich mit 19 an diese Gefühle und Gedanken erinnert fühlte. „Ich kenne das doch“, dachte ich, als ich wieder einigermassen klar denken konnte nach der Psychose. Aber wie dem auch sei, ich versuche also, vorsichtig zu sein mit psychiatrischen Begriffen, dennoch glaube ich bezogen auf die letzten 3 Monate, dass ich die Kriterien einer – vielleicht einfach nur leichten – depressiven Verstimmung erfüllt habe.

Es war vor etwa 2 Monaten, als ich an einem wirklich grauenhaften Tag, an dem ich nicht einmal das Bett verlassen konnte, plötzlich dachte: „Es könnte jetzt einfach enden. Mein Leben könnte jetzt einfach enden, es wäre absolut in Ordnung.“ Ich habe keine Pläne geschmiedet, ich wollte mich nicht umbringen. Aber ich stellte mir vor, wie es wäre, jetzt zu sterben, und es fühlte sich so befreiend an. Kein Druck mehr, kein Versagen mehr. Ich müsste mich nie mehr an Anforderungen aufreiben, die ich einfach nicht erfüllen kann.

Etwas später dachte ich über diesen Gedanken nach und über das schöne Gefühl, das ich hatte, als ich mir mein Ende vorstellte, und da bekam ich plötzlich Angst. „Ich glaube, ich bin depressiv, so ein bisschen, zumindest“, sagte ich meinem Freund, und erzählte ihm von meinen Gedanken. Ab da war ich am Punkt, wo ich aktiv Hilfe suchte, was allerdings viel schwieriger war, als ich mir das vorgestellt hatte. Meine Psychologin war nicht erreichbar, ich konnte nicht einmal Termine vereinbaren. Ich versuchte also, eine neue Therapeutin zu finden. Heilige Scheisse. Was gibt es zermürbenderes, als gefühlte hundert vergebliche Telefonate zu führen, wenn man sowieso schon psychisch angeschlagen ist? „Wir nehmen leider keine neuen Patienten“, es ist immer das selbe Lied. Die Suche nach einer Selbsthilfegruppe war ebenfalls relativ aussichtslos, ich hätte anrufen müssen, was für mich wie erwähnt eh schon schwierig war, ausserdem waren die mögliche Telefonzeiten alle in meiner Arbeitszeit. Ich kann UNMÖGLICH während meiner Arbeit bei einer Selbsthilfegruppe für Psychosekranke anrufen, ich kann das einfach nicht. Alleine die Vorstellung, dass eine Arbeitskollegin zufälligerweise mein Büro betritt, während ich gerade meine Krankengeschichte zum Besten gebe, verursacht bei mir massives Herzflattern. Das geht einfach nicht. Ich versuchte also, mir anderswo Hilfe zu holen und erzählte meiner Familie – stark beschönigt – von meinem Zustand. Aber, wie soll ich sagen, ausser, dass sie jetzt alle in Sorge waren, brachte das wenig. Dass ich ausser meinem Freund im realen Leben eigentlich niemanden habe, mit dem ich über meine psychischen Probleme reden kann, wurde mir an dem Punkt mal wieder sehr bewusst.

Das Verrückteste an dieser ganzen schwierigen Zeit scheint auch rückwirkend die Tatsache, dass es keinen einzigen äusseren Grund gab für meine Krise. Es ist nichts passiert, einfach gar nichts. Früher war das anders, oder, sagen wir, in meiner damaligen Wahrnehmung war es früher anders. Ich kannte immer jede Menge triftiger äusserer Gründe, warum es mir gerade schlecht ging. Ich erinnere mich allerdings an einen Kommentar einer Psychiaterin, zu meinen ganzen Schilderung widriger Umstände, die dazu führten, dass ich mich so schlecht fühlte: „Aber Ihnen ist schon bewusst, dass IMMER irgendwas schief läuft?“ Das kratzte damals ziemlich an meinem Selbstkonstrukt, so sehr, dass ich mich heute noch daran erinnere. Daher: Vielleicht waren es auch früher nicht nur „Schicksalsschläge“, die mich depressiv werden liessen. In der Gegenwart jedenfalls, da bin ich wirklich sicher, war es einfach nur meine gestörte Hirnchemie.

Irgendwann jedoch wurde dann alles wieder ein bisschen besser. Ich hatte Termine bei einer neuen Psychiaterin, ich hatte mich in meiner Suche nach mehr realen Sozialkontakten einem Chor in meiner Umgebung angeschlossen und besuchte regelmässig einen Handarbeitskurs. Ich übte mich in „Achtsamkeit“ – ich kann dieses Wort ja eigentlich kaum schreiben, ohne dass mich die inhärente Esoterik durchschüttelt, aber wie dem auch sei, im Prinzip konzentrierte ich mich einfach bewusst auf meine Körperwahrnehmungen. Wie fühlen sich meine Schuhe an, sind meine Hände warm oder kalt, wie fühlt sich der Druck an, wenn ich meine Fingernägel in meinen Arm graben, etc. Meine neue Therapeutin ermunterte mich bei jedem Termin, meine „innere Prinzessin“ zu verwöhnen – ja, sie ist komplett durchgeknallt, aber auf eine sehr liebenswürdige Art und Weise.

Es ist schwer zu sagen, was davon nun wirklich half, aber es geht mir mittlerweile wirklich viel, viel besser. Dieses Gefühl, als schwimme ich in einem Tank voller ätzender Flüssigkeit, die nach und nach meine Haut, mein Gewebe, meine Knochen wegbrennt und mich unter bestialischen Schmerzen verenden lässt, es ist weg. Dieses Gefühl, als schmerze jeder Kontakt mit der Realität, mit dem Leben, es ist weg. Dieses Gefühl, als könne ich nie mehr unbeschwert und sorglos sein, es ist weg. Was noch da ist, ist Erschöpfung, ein starker Hang zum Grübeln und ein starker Hang zu Tagträumen. Aber damit werde ich auch noch fertig.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Gedanken zu “Bye, bye, Blues.

  1. Ich bewundere dich sehr für deine Ehrlichkeit und dass du auch auf dich gehört hast, wenn du erst darüber schreibst, wenn du dich bereit dazu fühlst! Ich bin sehr froh, dass es dir im Moment wieder besser geht. Es ist eine Schande, dass, wenn man sich Hilfe holen möchte, diese so schwer bekommt. Es ist ein Misstand, der im schlimmsten Fall töten kann. Umso stolzer kannst du sein, dass du trotz allen Hürden versucht hast einen Weg raus zu finden!
    Alles Liebe, Julia

  2. Ich bin über hausziege, die ich kenne, auf deinen Twitteraccount und auf deinen Blog gekommen. Ich finde, du schreibst sehr gut (verständlich, präzise und man kann sich gut ein Bild davon machen, was du glaub jeweils sagen möchtest:-).
    Das kenne ich irgendwie. Wenn man Hilfe am meisten brauchen würde, ist es irgendwie manchmal am schwierigsten, sie zu bekommen. Irgendwie paradox.

    Lieber Gruss

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s