Zeitreise, oder auch: Die Liebe, Teil III.

Eine Reise nach S. ist wie eine Zeitreise für mich. Es ist selten geworden, dass ich diesen Ort anpeile, vermutlich ist der letzte Besuch mehrere Jahre her. Und gäbe es nicht triftige Gründe, würde ich auch heute garantiert nicht dorthin fahren. Diese kleine Stadt mit ihrer quirligen historischen Altstadt und der prunkvollen Kathedrale ist jedoch die Verwaltungshochburg in meinem Wohnkanton, und so pilgere ich an diesem heissen Sommertag dorthin, um bei einer Behörde vorzusprechen.

Hier habe ich mal gewohnt, 2 Jahre lang. Rückblickend gesehen waren das recht bescheidene Jahre. Als meine damalige WG in einer deutlich grösseren Stadt anfing, mir nachhaltig auf den Sack zu gehen, zog ich mit meinem Freund zusammen. Witzigerweise weiss ich nicht mal mehr, wie das genau zustande kam. Habe ich ihn zum Zusammenziehen gedrängt? War es seine Idee? Ich kann es nicht mehr rekonstruieren. Alles, was ich noch weiss, ist, dass Aurélie den Bogen bei mit wiederholt dermassen überspannt hatte, dass ich die Nase von WG‘s im Allgemeinen und von der aktuellen im Besonderen gestrichen voll hatte. Vermutlich habe ich meinem Freund vorgejammert, wie mir meine Mitbewohner auf die Nerven gingen (ja, es war nicht nur Aurélie, die gegen Ende hin konsequent an meinen Nerven rumsäbelte, mein anderer Mitbewohner, der in den 2 Jahren unseres Zusammenwohnens nicht nur kein einziges Mal das Klo putzte, sondern auch immer wieder mehrere wildfremde Personen wochenlang bei uns wohnen liess, ohne dass er selber anwesend war, tat ebenfalls sein Bestes, meine Geduld endgültig auszuleiern), vermutlich hat er mir gesagt, ich solle doch ausziehen und mir eine eigene Wohnung mieten, worauf ich ihm vermutlich vorgerechnet habe, dass ich mir das unmöglich leisten kann – irgendwie so muss es gewesen sein, und schliesslich haben wir uns offenbar darauf geeinigt, dass wir zusammen ziehen.

S. war ein geographischer Kompromiss. Ich konnte von da aus mit dem ÖV in unter einer Stunde zu meinem Arbeitsort wie auch zur Fachhochschule gelangen, mein Freund hatte zu seinem Arbeitsort etwa 40 Minuten Fahrzeit mit dem Auto. Ich wollte in einer Stadt wohnen, wegen dem ÖV, wegen der Infrastruktur, wegen dem kulturellen Angebot, wegen meiner Abneigung gegenüber dem Dorfleben (ich war zwar am Arsch der Welt aufgewachsen, war jedoch in die Stadt geflohen, sobald ich volljährig war), was mein Freund wollte, weiss ich nicht mehr so genau, vermutlich wäre er lieber in ein Dorf gezogen, fügte sich aber schliesslich meinem Willen (wie er es noch so oft tun würde in den nächsten 14 Jahren).

Wir zogen also zusammen, in eine grosse, neu renovierte Wohnung im 2. Stock eines riesigen Wohnblocks. Was dann folgte, entsprach so ganz und gar nicht dem, was ich mir vorgestellt hatte. Ich war 22, und hatte plötzlich das Gefühl, erwachsen sein zu müssen. In den Jahren zuvor sah ich mich vorwiegend als Studentin, auch wenn ich 60% arbeitete. Ich lebte in chaotischen WG‘s, übernachtete hin und wieder bei meinem Freund in seiner Single-Wohnung und ging manchmal in seinen Klamotten zur Fachhochschule, weil ich keine saubere Hose, geschweige denn saubere Unterwäsche dabei hatte. Ich schlief oft in den Vorlesungen, auch, weil mich mein Job mit Schichtdienst an und über die Grenzen meiner Belastbarkeit brachte, ich schleppte die Literatur und die ganzen Materialien der FH in einer sich zunehmend zersetzenden Supermarkt-Tüte mit mir rum, ich schwänzte, ich ging mit Aurélie feiern, ich zelebrierte meine omnipräsente Verpeiltheit. Das einzige, was ich in der Zeit wirklich ernst nahm, war mein Job in einem Kinderheim. 

Mit dem Zusammenziehen aber ändere sich mein Blick auf mich und mein Leben. Ich hatte jetzt einen Mietvertrag unterschrieben, ich war jetzt in einer festen Beziehung, ich führte jetzt einen Haushalt – ja, ich hatte das Gefühl, dass zum grössten Teil ich verantwortlich war für unseren gemeinsamen Haushalt, aufgrund welcher Infiltration mit stereotypen Rollenbildern auch immer. In der Folge versuchte ich mit aller Macht, erwachsen zu sein – und scheiterte, immer wieder. Leider hatte das auch Auswirkungen auf unsere Beziehung. Aus unerfindlichen Gründen hatte ich sehr genaue Vorstellungen davon, wie unser Zusammenleben aussehen sollte. Ich hatte genaue Vorstellungen, wie eine erwachsene Beziehung aussehen sollte. Paare in unserem Alter, in unserer Lebenssituation sollten bestimmte Dinge tun, sollten sich in einer bestimmten Art verhalten. Sie sollten einen Haufen gemeinsamer Aktivitäten vorweisen können, sie sollten ein aktives Sozialleben aufweisen, sie sollten zusammen ausgehen, sie sollten einen akzeptabel grossen Freundeskreis haben – dachte ich. Also zwang ich meinen Freund zu jeder Menge Aktivitäten, die ihm zutiefst widerstrebten. Wir machten Outdoorsport, wir gingen an Messen, an Konzerte, an Volksfeste, in Bars, in teure Restaurants, ein paar Mal sogar tanzen. Eigentlich sollte ich nun zufrieden sein, da wir so „mithalten“ konnten mit den Paaren in meinem Bekanntenkreis und ich beim Smalltalk jeweils mit unseren jüngsten Unternehmungen prahlen konnte, aber ich war es nicht, weil sich einfach alles falsch anfühlte. Mein Freund kam zwar mit, wenn ich ihn genügend unter Druck setzte, aber er war überhaupt nicht glücklich dabei. Er hasste es, zu irgendwelchen Geburtstagspartys zu gehen, er hyperventilierte manchmal, wenn ich ihn zu einem Volksfest zwang. Er hatte nach wie vor keine Freunde, praktisch keine Sozialkontakte nebst mir. Sein Unwohlsein an irgendwelchen kulturellen / sozialen Anlässen war dermassen greifbar, dass ich diese ebenfalls nicht geniessen konnte. Ich schämte mich für meinen Freund, der kaum ein paar lockere Worte wechseln konnte mit meinen Bekannten, ich schämte mich für unsere Beziehung und unser Zusammenleben, das einfach auf Biegen und Brechen hin nicht in das Schema reinpasste, das ich für „richtig“ hielt. Dass mein Freund quasi jede freie Minute vor seinem PC sass, wurde mir erst bewusst, als wir zusammen wohnten. Dass wir keine gemeinsamen Hobbies hatten, auch. Dass mein Freund im Gegensatz zu mir viel Wert auf Materielles legte, dass er jedes Mal, wenn mir etwas aus meinen ungeschickten Händen fiel oder ich sonstwie irgendeinen Gegenstand, irgend ein Gerät schrottete, in eine Lebenskrise geriet, dass wir viele Abende damit verbringen würden, indem er alleine vor dem PC sitzt und ich vor dem Fernseher, das alles hatte ich mir nicht so vorgestellt.

Ich schämte mich aber auch für mich selbst, die ich es nicht auf die Reihe kriegte, jeden Abend für meinen Freund zu kochen, zu putzen, die Wäsche zeitnah und so zu erledigen, dass sich keiner unserer Nachbarn bei uns beschwerte. Ich schämte mich, dass ich von vielen Dingen im Haushalt keine Ahnung hatte, dass ich mich kopfüber in so ziemlich jedes Fettnäpfchen stürzte, welches das Leben in einem Wohnblock zu bieten hatte. Bereits in der ersten Woche, in der wir in der gemeinsamen Wohnung wohnten, rotteten sich 3 Nachbarinnen zusammen und beschwerten sich bei uns, weil wir nach 22 Uhr noch Lärm produzierten. Weder mein Freund noch ich hatten je zuvor in einem Wohnblock gewohnt, meine vorherigen WGs befanden sich zwar auch in Mehrfamilienhäusern, aber dort hielt sich ganz einfach niemand an die Hausordnung, so dass sich nie jemand über uns beschwerte. Mein Freund und ich waren in unserem Wohnblock die einzigen, die noch nicht das Pensionsalter erreicht hatten, die meisten wohnten da seit über 20 Jahren, sie kannten sich untereinander und wussten genau, wie man sich zu verhalten hatte. Wir störten dieses friedliche Zusammenleben ab dem ersten Tag, an dem wir da wohnten. Irgendwie fühlte sich in dieser Zeit vieles einfach falsch an. Obwohl ich mir so viel Mühe gab, alles richtig zu machen, machte ich unter dem Strich doch alles falsch. Obwohl ich Orchideen kaufte und Unmengen an Deko-Artikeln, sah unsere Wohnung doch nicht so perfekt aus wie die meiner Bekannten. Als ich Blumenkistchen für den Balkon kaufte, fielen mir beim Montieren mehrere schwere Metall-Elemente aus den Händen und segelten an den Balkonen unserer Nachbarn vorbei, um dumpf auf dem Innenhof aufzuschlagen (ich hätte jemanden erschlagen können damit, glücklicherweise stand niemand da). Obwohl ich meinen Freund zwang, sich bei der Feuerwehr anzumelden, damit er endlich Freunde findet und wir unsere Abenden endlich auch damit verbringen konnten, uns mit anderen Paaren gegenseitig anzuöden, ging alles schief und er konnte nachts nicht mehr schlafen, weil er Panik hatte, dass es brennt, er falsch reagiert und schliesslich wegen ihm allein die ganze Stadt abbrennt. Ich selbst lernte in den ganzen 2 Jahren, in denen wir da wohnten, keine einzige Person kennen, die mit mir befreundet sein wollte. Ich scheiterte, auf allen Ebenen und ständig. 

In der Stadt selbst fühlte ich mich nie wohl. Sass ich alleine in einem Café, fühlte ich mich angeglotzt. Sass ich alleine in einer Bar, erst recht. Frauen in meinem Alter sassen nicht alleine irgendwo rum. Zwar lebten wir in einer „Stadt“, aber sie war mit meinem vorherigen Wohnort nicht zu vergleichen. Der ÖV innerhalb der Stadt war ein Witz, ich musste 25 Minuten zu Fuss gehen, um bei einem (kleinen) Supermarkt anzukommen. Es gab keine Lieferdienste abgesehen von Döner und Pizza, es gab keine indischen Restaurants, es gab keine Kneipen, in denen man morgens um 3 noch Chicken Wings bestellen konnte. Es gab keine wohltuende Anonymität, in die ich mich ab dem Auszug bei meinen Eltern verliebt hatte. Jegliche Illusion von „urbanem Leben“ fehlte. Dieser Ort ist und bleibt ein Provinznest, ohne die Vorteile des Landlebens, aber auch ohne die Vorteile einer „echten“ Stadt. Vermutlich hätte sich alles besser angefühlt, wenn wir Freunde gefunden hätten – aber wie erwähnt, daran scheiterten wir beide kläglich. 

Es macht mich traurig, rückblickend gesehen, dass ich so viele Jahre unserer Beziehung damit verbraten habe, um irgendeinem diffusen Ideal hinterher zu rennen, das wir nie erreichen konnten. Es macht mich traurig, dass ich so lange das Gefühl hatte, wir seien falsch, mein Freund sei falsch, ich sei falsch. Es tut mir wirklich furchtbar leid, dass ich meinem Freund so lange vermittelt habe, er sei falsch und müsse sich dringend ändern. All der Druck, all die beschissenen Anlässe, zu denen ich ihn gezwungen habe, ich kann es selbst kaum fassen. Über die Jahre hinweg wollte ich mich immer wieder mal von ihm trennen, aber ich konnte es nie durchziehen. Ich konnte mit meinem Freund auch nicht über unsere Probleme reden, ich frass alles in mich hinein.

Im zweiten Jahr, in dem wir da wohnten, setzte ich meine Medis ab, brach die Therapie bei der Psychiaterin des Grauens ab und wurde prompt psychotisch. Das war eine grauenhafte Zeit. Ich fehlte knapp einen Monat bei der Arbeit, 2 Wochen davon waren Ferien, danach ging ich wieder arbeiten. Das war die Hölle. Ich war nach wie vor paranoid, ich war nach wie vor völlig überreizt, ich hatte Panik davor, irgendwelchen Nachbarn zu begegnen, von ihnen fühlte ich mich verfolgt und bedroht. In dieser Phase entwickelte ich einen neuen Tick: Das Stress-Kotzen. Ich übergab mich ständig, auch bei der Arbeit. Aus lauter Angst, meine Stelle zu verlieren und 1 Jahr vor Abschluss mein Studium abbrechen zu müssen, prügelte ich mich irgendwie durch diese Zeit, aber wie gesagt, es war die Hölle auf Erden. 

Vielleicht sind das die eigentlichen Gründe, warum ich diese Stadt verabscheue: Meine Krankheit, für die kein Ort der Welt was kann, meine enorme Unsicherheit und Überforderung in dieser Lebensphase, unsere Beziehungsprobleme, mein bescheuertes Streben nach merkwürdigen „Idealen“, die wir beide nie erreichen konnten, vielleicht auch unsere Wohnsituation in diesem Rentner-Block, aber wie dem auch sei, wenn ich diesen Bahnhof sehe, wenn ich durch diese Unterführung gehe, wenn ich diese Brücke überquere, dann keimt ein ganz bestimmtes Unwohlsein in mir auf. Es fühlt sich an, als würde mein Blut giftig, als verätze es von innen heraus meinen Körper. Nein, ich mag diese Stadt nicht, freiwillig gehe ich da nicht mehr hin.

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