Ihr Kinderlein kommet.

Ich habe Ferien, zur Zeit, und Ferienzeit ist Grübelzeit. Nachdem ich die letzten 2 Monate beruflich komplett am Limit lief, konnte ich mich endlich ein bisschen erholen und mich um meinen Alltag, unseren Haushalt, um meine sozialen Kontakte und mein eigenes Befinden kümmern in der letzten Woche. Herrlich! Aber eben, wenn man endlich Zeit für sich selber hat, kommt man auch ins Grübeln.

Ich bin gerade 35 Jahre alt geworden. Nein, keine Midlife-Crisis in Sicht, soweit, und eigentlich find ichs gut, älter zu werden. Mein Leben wird besser, finde ich, seit ich ein gewisses Alter erreicht habe. Ich habe mit vielem Frieden schliessen können, bin entspannter als früher, und meine Beziehung läuft so gut wie noch nie. Ich möchte nicht jünger sein. Ich war häufig sehr gestresst, als ich jünger war, auch wenn ich zweifellos schlanker war, allgemein straffer und vielleicht auch hübscher, wer weiss, aber ich mochte mich selber viel weniger, und das ist es schliesslich, was wirklich zählt, denke ich.

Der Punkt ist nur, 35 ist für mich eine biologische Grenze in Bezug auf die Kinderwunsch-Sache. Natürlich gibt es Mütter, die mit über 35 noch ihr erstes Kind zur Welt bringen, aber das bringt gewisse Risiken mit sich. Und, seien wir ehrlich, allzu viel Zeit für diese Kinder-Sache hat man ab 35 nicht mehr. Ich denke darum, meine kleine Sinneskrise hat schon auch mit diesem letzten Geburtstag zu tun.

Lange habe ich geglaubt, das Thema sei für mich endgültig durch. Seit meiner Selbstfindungs- und Beziehungskrise vor fast 4 Jahren hatte ich auch damit Frieden gschlossen: Nein, mit diesem Partner und in diesen Lebensumständen, in denen wir uns bewegen, ist Kinder kriegen ausgeschlossen.

Es hat finanzielle Gründe, ganz klar, denn mein Freund kann kaum sich selber ernähren mit seinem Einkommen (ja, das liegt DEUTLICH unter dem Existenzminimum), ich dagegen müsste mindestens 80 % arbeiten, um uns beide plus ein Baby durchbringen zu können, und das schaffe ich schlicht nicht, so belastbar bin ich nunmal nicht, ich schaffe ja schon ohne Baby kaum ein 80% Pensum.

Es hat aber auch klar psychische Gründe, gesundheitliche Gründe, warum wir keine geeigneten Eltern sind. Ich habe eine schizoaffektive Störung, mein Freund eine anankastische Persönlichkeitsstörung. Ich kann psychotisch werden, innerhalb weniger Wochen, und/oder einen Klinikaufenthalt benötigen, quasi „aus dem Nichts“. Mein Freund kann depressiv werden, er kann Panikattacken kriegen, er kann komplett arbeitsunfähig werden. Ich selber stand vor 5 Jahren bereits mit einem Bein im IV-Prozedere, ich war 8 Monate arbeitsunfähig und wurde in ein Integrationsprojekt für psychisch Kranke geschickt. Das kann wieder passieren. Im worst case würde ich noch im Wochenbett psychotisch in eine Klinik gesteckt und mein Freund müsste sich alleine 24h pro Tag um einen Säugling kümmern und darum seinen Job beim Pizzamann kündigen (der zwar unfassbar ausbeuterisch ist, aber hey, besser ein mieser Job als gar kein Job, zumindest im Falle meines Freundes).

Es war letzten Mittwoch, als ich also, 35 Jahre alt, vormittags meine Nichte hütete und mit meiner Schwester und den beiden kleinen Mädchen den Nachmittag verbrachte. Dabei wurde mir schmerzlich bewusst, dass das, was meine Schwester hat, ich niemals haben werde, weil das, was meine Schwester alles kann, ich niemals können werde. Sie schmeisst den Laden quasi alleine, hat alles im Griff, organisiert Kita und Kindergarten und die restliche Kinderbretreuung, wenn sie arbeitet (ja, sie arbeitet 40%). Sie macht den ganzen Haushalt (in einem ganzen Haus!), sie kocht in 30 Minuten, wenn sie mit der 2jährigen vom Schwimmkurs kommt, rasch noch eine gesunde Mahlzeit für alle. Sie ist Super-Woman. Sie verliert nie die Nerven, wenn die Mädchen quengeln, reagiert sie top-pädagogisch. Sie ist die beste Mutter, die ich kenne. Die Mädchen haben alles, was Kinder brauchen, und damit meine ich nicht nur das Materielle. Sie haben Liebe, Wärme, Struktur, Ermutigung, Grenzen. Sie wachsen unfassbar behütet und geliebt auf. Der Vater der Kinder ist ein typischer, traditioneller Vater, der viel Geld verdient und nur abends und am Wochenende Zeit für seine Familie hat. Ein durch und durch traditionelles System also, das ich nie im Leben leben möchte, aber für meine Schwester und ihre Mädchen funktioniert es offensichtlich gut.

Es hilft mir nichts, mich mit meiner Schwester zu vergleichen, das hat noch nie was geholfen. Seit ich ein Kind war, habe ich sie stets benieden, und es hat mir stets nichts gebracht. Aber als ich an diesem Mittwoch irgendwann zu Hause ankam und mir einen gemütlichen Fernseh-Abend gönnen wollte, fing ich plötzlich an zu heulen. Jetzt heisst es also, definitiv Abschied zu nehmen von meinem Wunsch nach einem Kind, dachte ich, und dann folgte ein ganzes Meer aus Tränen.

Bereits vor einigen Tagen hatte mich eine liebe Twitter-Freundin darauf hingewiesen, dass ich vielleicht mal mit meinem Freund über dieses Thema sprechen sollte. Unsere letzten Gespräche über das Thema Kinder fanden vor etwa 3 Jahren statt. Damals hatte ich, nach bestandener Beziehungskrise, das erste Mal zu meinem Freund gesagt, dass er Recht hatte, die ganzen Jahre über, als er sich gegen meinen (damals immensen) Kinderwunsch stellte. Er sagte immer, das müssen wir uns gut überlegen, der finanzielle Druck, was, wenn du krank wirst, etc. etc.. Ausserdem sagte er immer, dass er Angst hat, kein guter Vater zu werden, dass er Angst hat, dass sein Kind genau so wird wie er, voller Selbstzweifel, voller Probleme, und dass er dann nicht wüsste, wie er das verkraften soll. Mein Freund stammt aus einer wirklich schwierigen Familiensituation. Er selber hat eine grauenhafte Jugend hinter sich, mit Eltern, die eine Schlammschlacht produzierten bei der Trennung, mit Armut, mit so viel Problemen, dass er einfach verhindern möchte, selber ein Kind einer solchen Situation auszusetzen.

Als mein Freund nach Hause kam, hatte ich meine Tränen getrocknet und ich wollte, dass wir einen normalen Abend miteinander verbringen. Aber ich konnte dann doch nicht. Die legendäre Beziehungskrise anno 2014 hat nämlich noch weitere Effekte hervorgebracht: Ich gebe mir seither alle Mühe, Probleme und Schwierigkeiten mit meinem Freund zeitnah und direkt anzusprechen (auch wenn mir das nach wie vor schwer fällt). Ich erzählte ihm also von meinem Nachmittag, und dann fing ich wieder an zu heulen. Mein Freund war gelinde gesagt etwas schockiert und versuchte, mich zu trösten. „Ich wusste nicht, dass das für dich immer noch ein Thema ist“, sagte er. „Ich auch nicht“, heulte ich.

Und dann? Sagte mein Freund, dass er nicht möchte, dass ich traurig bin, dass er sich gerade wie ein Versager fühlt (die finanziellen Umstände), rechnete er mir vor, wie wir trotzdem ein Kind finanzieren könnten, sagte er dann irgendwann „aber weisst du, ich glaube einfach, alleine über einen längeren Zeitraum ein Kind zu betreuen, das könnten wir beide nicht“. Ja, that’s it. Weder ich noch er könnten das, wenn der andere eine Zeit lang komplett wegfällt. Oder, noch schlimmer, wenn wir uns trennen würden. Und dann all die Eventualitäten. Wir beide haben nicht gerade den besten Genpool ever. Was, wenn das Kind behindert/psychisch krank zur Welt käme? Ich meine, ich liebe Kinder und ich arbeite seit 15 Jahren mit besonderen Kindern, aber ich kann dadurch auch abschätzen, wie viel Energie es kosten kann, ein Kind mit Behinderungen / chronischen Krankheiten zu betreuen.

Irgendwann versiegten dann meine Tränen, und ich erzählte meinem Freund all die Versionen meiner, bzw. unserer Zukunft, die ich mir schon ausgemalt habe in den letzten Jahren: Ich fange noch mal ein Studium an, ich lerne Saxophon zu spielen, wir bereisen gemeinsam Asien, oder aber, es ändert sich nichts, wir wohnen weiterhin hier in unserer schönen, kleinen Wohnung, ich arbeite nach wie vor bei meinem aktuellen Arbeitgeber, wir sind zufrieden, pflanzen Blumenkohl an, essen zusammen, lachen zusammen, werden gemeinsam alt, schenken einander Liebe und Geborgenheit, bis ans Ende unserer Tage.

Und das, damit ich das betont habe, klingt für mich durchaus auch nach einem erfüllten Leben.

4 Gedanken zu “Ihr Kinderlein kommet.

  1. Danke für diesen Beitrag. Ich kann Deine Worte wirklich sehr gut nachempfinden, denn auch ich bin über dreißig, habe keine Kinder und werde in der Zukunft wohl auch keine Kinder haben. Dieser Gedanke ist schwer und ich glaube, dass man sich selbst auch Zeit geben muss. Zeit, um diese Tatsache zu verarbeiten und zu akzeptieren, dass es auch andere erfüllende Wege gibt. Aus meiner Sicht braucht das auf jeden Fall enorm viel Zeit. Und es ist auch nicht schlimm, wenn man darüber tausend Tränen weint. Ganz im Gegenteil. Diese Gefühle müssen raus, sie sind ein Teil der Verarbeitung.

    Ich versuche nach Vorne zu schauen, mich an den Gedanken der Kinderlosigkeit zu gewöhnen, die anderen Möglichkeiten im Leben zu erblicken, wahrzunehmen und umzusetzen. Du bist auf jeden Fall nicht alleine!

    • Vielen Dank! Ja, es war ein langer Weg für mich, und offenbar ist er auch einfach immer noch nicht zu Ende. Ich stamme aus einer Grossfamilie und konnte mir wirklich sehr lange kein Leben ohne Kinder vorstellen. Wie würde ich alt werden können ohne eigene Familie? Aber eben, wie auch mein Freund schmerzlich erfahren musste: Kinder alleine sind kein Garant dafür, glücklich zu werden. Es gibt viele, viele gescheiterte Familiensysteme. Die Mutter meines Freundes hat mit ihm 3 Kinder. Zu zweien davon plus ihrer Enkelin hat sie keinen Kontakt mehr, seit sie 16 bzw. 18 waren. Das kann alles passieren. Auch Scheidungen, Krankheiten, Behinderungen, all das kann mit Kindern passieren, und es macht die Situation dann nicht gerade einfacher.
      Ich danke dir für deine Anteilnahme. Es ist schön, dass es dich gibt. ❤️

  2. Liebe My,
    bei Interesse schau doch mal auf perlenmama.de und dort in der Kategorie „Psychische Krankheit“;
    und natürlich für dich
    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag !!!
    LG

    • Vielen Dank für die Glückwünsche und danke für den Hinweis! Spannend, diese Geschichte. Ich weiss, dass es solche Mütter gibt. Aber ich denke, so viel Power wie die Perlenmama hab ich nicht.

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