Anders sein.

Mit dem Anderssein habe ich viel Erfahrung. Eigentlich schon, so lang ich lebe. Erst ab 10 ging ich kaputt, aber ich war auch schon vorher ein höchst merkwürdiges Kind. Vielleicht wäre ich in einer anderen Familie, einem anderen Umfeld weniger angeeckt und aufgefallen, das kann gut sein, aber ich muss rückwirkend wirklich sagen, ich war schon immer seltsam. Da war meine fast grenzenlose Fantasie, die mich ganze imaginären Welten gestalten liess und meinen Bezug zur Realität manchmal sanft verwischte. Da waren meine ganzen imaginären Freunde (ja, ich hatte dutzende davon). Da war meine übermässige Sensibilität, da waren meine motorischen Probleme und mein konfuses Körpergefühl: Wo fange ich an, wo höre ich auf? Da war meine spektakuläre Vergesslichkeit und Unfähigkeit, mich zu organisieren. 

Ich war in der Grundschule oft sehr abwesend, und was ich nicht vergass, das verlor ich. Schnell zog ich den Unmut des Lehrers auf mich, und dass ich nebst all dem auch noch eine furchtbare Klugscheisserin war, machte die Sache nicht besser. Ich hatte viele ältere Geschwister, die mir schon lange lesen, schreiben und rechnen beigebracht hatten, bevor ich mit 6 endlich in die Schule durfte. Ja, ich hatte mich riesig darauf gefreut (und zuvor jahrelang gewütet und getobt, weil ich als einzige noch nicht zur Schule durfte) – und war dann, gelinde gesagt, sehr enttäuscht von dem Programm dort. Ein ganzes Jahr lang lernten wir die Zahlen und Buchstaben!! Ich hatte mit 3.5 mein erstes Wort geschrieben („Äberi“, „Erdbeere“) und unter dem Strich wenig Verständnis für dieses Vorgehen. Ich korrigierte den Lehrer ob seiner falsch übersetzten lateinischen Zitate und landete so bereits als Erstklässlerin vor der Türe (es sollte das erste von sehr vielen Malen werden). Weitere Merkwürdigkeiten ereigneten sich im Zeichnen, meinen anthroposophisch angehauchten Grundschullehrer verstörten meine Werke sehr („ein normales Kind zeichnet nicht schwarz-weiss!“), worauf er künftig bei sämtlichen Gemälden die Farben vorgab: Blau und Gelb, gemischt dann ein blasses Grün, das wars.

Vermutlich war ich in dieser Gesamtschule (1. bis 6. Klasse im selben Schulzimmer, insgesamt 15 Kinder) einfach etwas unterfordert, aber in der nächsten Schule auf höherer Stufe wurde es nicht besser, nein, ab da ging ich dann kaputt, durchaus auch bedingt durch äussere Umstände, weiss ich heute, aber ich fiel in meiner Eigenart auch einfach noch viel mehr auf. Ich sprach mit 12 noch mit Feen und Zwergen, ich konnte mich nicht mal annähernd altersgemäss verhalten. Ich war und blieb die Komische (mit dem verwahrlosten Erscheinungsbild, mangelnder Körperpflege, einem sexuellen Übergriff, den niemand registrierte und einer psychsich kranken und manipulativen Mutter). Wirklich lustig (ich entwickelte schon in sehr jungen Jahren einen beissenden Sarkasmus, der mich auch einfach irgendwie am Leben hielt) fand ich, als mir dann von dem ganzen mobbenden Scheisskaff auch noch angedichtet wurde, ich sei eine Streberin. Dabei hatte ich meine Hausaufgaben nie gemacht, vergessen oder verloren oder beides, war weiterhin im Unterricht abwesend und meldete mich auch nie mehr freiwillig, weil jede verbale Äusserung meinerseits zu einer neuen Welle des Spottes oder der Ausgrenzung führte, und zwar ganz klar nicht nur seitens meiner Mitschüler, sondern auch z.B. des Klassenlehrers, der mich offenbar bereits ab dem ersten Tag hasste und dem Mobbing gerne noch mal so richtig Schwung verlieh.

Ja, ich war anders. Irgendwann dachte ich dann, dass die Ursache des ganzen Übels vielleicht in meiner frühen Einschulung zu suchen war. Ich konnte zwar schulisch gut mithalten, lag aber von meinen Interessen und meinem Sozialverhalten her offenbar um Jahre zurück. Heute weiss ich, es wäre auch ein Jahr später nicht besser gewesen.
Ich bin anders. Heute habe ich einen Namen für gewisse Besonderheiten, ich habe eine schizoaffektive Störung. Alle meine Marotten erklärt aber auch die nicht. Besonders die, die schon immer da waren, sogar im glücklichen Teil meiner Kindheit.

Lange, sehr lange, wünschte ich mir unter dem Strich nur eines wirklich: Normalität. Einfach sein, wie die anderen, einfach nicht auffallen, einfach eine von vielen sein, einfach dazu gehören. Auch als erwachsene Frau wollte ich das noch, auch nach den ganzen psychiatrischen Intermezzi, den Therapien und den Diagnosen. Eigentlich wollte ich das noch bis vor ein paar Jahren. Nicht in jedem Bereich wollte ich Durchschnitt, aber zumindest im sozialen. Mein ganzes gefühltes Erwachsenen-Leben lang höre ich von wirklich wohlmeinenden Mitmenschen, was ich alles dringend lernen sollte.

„Du musst lernen, dich emotional von deinem sozialen Umfeld abzugrenzen.“

„Du musst den Leuten konstant in die Augen sehen und nicht ständig wegsehen.“

„Du musst lernen, zu Menschen, die du liebst, Nein zu sagen.“ 

„Du musst dringend selbstbewusster werden!“ [Weil man das ja einfach nur entscheiden muss, nicht wahr.]

„Du musst aufhören, ständig allen helfen zu wollen, die du magst. Du hast ein Helfer-Syndrom!“

„Du musst endlich Selbstdisziplin entwickeln!“

„Du musst es doch wirklich auf die Reihe kriegen, nicht ständig alles zu vergessen und zu verlieren!“

„Du musst lernen, dich besser zu organisieren! Mach dir einen Tagesplan!“

„Du musst lernen, wie jeder andere Mensch auch einfach aufzustehen, wenn der Wecker klingelt. So viel zu schlafen ist ungesund!“

„Du musst sorgfältiger mit materiellen Gütern umgehen! Ständig fällt dir alles zu Boden! Ist es dir einfach egal? Das kostet alles!“

Well, diese Liste liesse sich noch lange fortführen. Nun ist es ja so: Das meiste davon ist wirklich sinnvoll. Mein Leben wäre einfacher und somit besser, wenn ich das lernen würde. Es ist aber tragischerweise nicht so, dass ich das nicht versucht habe. Ich bin halt bloss einfach gescheitert.

Seit vielleicht 3 oder 4 Jahren sehe ich diese ganzen Defizite langsam aber sicher entspannter. Das macht es für mein Umfeld jedoch nicht unbedingt einfacher, ich reagiere jetzt nämlich zunehmend genervter auf wohlmeinende Ratschläge. Ich sage bestimmter „nein, muss ich nicht. Ich bin so, fertig.“ Ich will damit nicht sagen, dass ich jetzt über alle meine Schwächen und Fehler einfach hinweg sehe und das Gefühl habe, ich sei perfekt. Weiterhin weiss ich, dass ich manchmal ZU hilfsbereit bin. Dass ich gegenüber mir nahestehenden Personen ZU harmoniebedürftig bin und einiges runterschlucke, was ich besser laut aussprechen würde. Ich sehe mich und meine Person schon immer noch recht kritisch, keine Sorge.

Aber: 

Ich bin halt hilfsbereit. Ich finde es schön, wenn ich jemanden helfen kann und er durch mich ein Problem lösen konnte. Oder ein bisschen Trost und Zuwendung erfahren konnte. Das ist nicht einfach nur schlecht. Die Welt wäre eine bessere, wenn es mehr Menschen gäbe, die hilfsbereit sind, da bin ich überzeugt. Ist es mein Fehler, dass manche Menschen Hilfsbereitschaft ausnützen? Muss ich „mehr ein Arschloch sein“, wie mir das immer wieder geraten wurde, bloss, weil es halt viele Arschlöcher gibt? Ich bin dagegen. 

Ich bin halt mitfühlend. Das kann anstrengend sein, gerade in meinem Job. Vermutlich nehme ich einfach mehr wahr, emotional, als andere. Vermutlich kann ich Menschen deutlich besser beobachten und einschätzen als andere (das weiss ich auch erst seit ein paar Jahren). Aber, ich wiederhole meine Argumentation: Die Welt wäre eine Bessere, gäbe es mehr Mitgefühl (bitte nicht verwechseln mit „Mitleid“). Ich habe ein weiches Herz, abgesehen von den paar verätzten, steinharten Narben, die meine Kindheit und meine Jugend reingebrannt haben. Gäbe es bedeutend mehr Menschen mit einem weichen Herzen, es gäbe bedeutend weniger Gewalt und Elend auf dieser Welt. 

Ich könnte so ewig weiterfahren, mit jedem der genannten Sätze, der sich auf Schwächen von mir bezog. Nein, ich bin nicht perfekt, mich nervt weiterhin vieles an mir, ich will weiterhin an mir arbeiten. Aber ich bin mittlerweile überzeugt, dass Abweichungen von der Norm nicht einfach schlecht sein müssen. Ich bin, wie ich bin. Anders als der Durchschnitt. Und das ist gut so.

4 Gedanken zu “Anders sein.

  1. Mal wieder kann ich Deinen Beitrag sehr gut nachempfinden. Ich war auch schon immer anders, schon als kleines Mädchen. Und ich habe auch viel Mobbing erlebt; vor allem auch von Lehrern. Es ist traurig, dass Du ähnliches durch aus. Gerade von Lehrern würde ich anderes erwarten, wenn ich den Mist nicht selbst durch hätte.

    Aber Du hast definitiv Recht: Du bist gut auf Deine Art und Weise. Die Menschen sagen so oft das man dieses und jenes lernen muss, als wäre es die Pflicht das jeder Mensch gleich ist. Dabei ist das nicht die Wahrheit. Wir müssen nicht alle gleich sein; wir dürfen alle unsere eigenen Schwächen und Stärken haben.

    Ich kenne Dich zwar nicht persönlich, aber durch Deine Blogbeiträge bist Du mir sehr sympathisch und ich hoffe, dass Du wirklich bleibst wie Du bist. Verbieg Dich nicht für andere, denn das macht auf Dauer nur noch mehr kaputt. ❤

  2. ich finde, du bist der hammer. natürlich, wirst du jetzt sagen, ich kenne dich nicht wirklich, und das stimm ja sogar. aber das, was ich mitkriege, das mag ich sehr. normal sein ist cool – nicht dass ich das kennen würde – aber es sind die anderen, die das leben farbig machen.

    • 😉 danke dir, ich mag dich auch sehr. Und ich finde schon, dass wir uns irgendwie „wirklich“ kennen. Man muss sich nicht zwingend face to face sehen, um sich kennen zu lernen.

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