Allein sein.

Manchmal, wenn ich alleine irgendwie ein paar Stunden totschlagen sollte oder wenn es sonst darum geht, alleine meine Freizeit zu gestalten, stelle ich fest, dass ich einiges einfach nicht kann, was für andere offenbar problemlos geht. Ich will jetzt wirklich nicht auf der Selbstmitleids-Schiene landen, es ist ja so, dass ich dafür viele andere Dinge sehr wohl kann. Ich hab mir meine Strategien zurecht gebastelt und bin zufrieden mit meinem Leben. Ich hadere selten damit, es fällt mir halt einfach nur auf, wenn ich von anderen Menschen Tipps bekomme, wie ich eben zum Beispiel ein paar Stunden totschlagen soll, wie sehr ich doch in einigen Bereichen neben der Norm laufe: Ich kann ganz viele Dinge nicht, wenn ich dabei alleine bin.

„Geh doch in eine Kneipe was trinken“.

Zusammen mit irgendjemandem kein Problem, alleine dagegen fast nicht machbar. Es gibt ein paar handverlesene Ausnahmen von Lokalen, in denen ich mich sicher genug fühle, damit ich alleine reingehen und mich alleine an einen Tisch setzen kann – es sind übrigens alles Selbstbedienungs-Restaurants. Was ich dagegen mittlerweile (wieder) kann, ist, in einem Lokal auf jemanden warten. Also einen Kaffee trinken, bis jemand aufkreuzt. Was ich auch kann, ist, an einem Bahnhof in einer Bahnhofkneipe was trinken, bis mein nächster Zug fährt, wenn z.B. draussen Minusgrade herrschen. Generell kann man sagen, an Bahnhöfen bin ich souveräner als sonst, ich habe schliesslich mein halbes Leben an Bahnhöfen verbracht. Aber was ich wirklich nicht kann, ist einfach irgendwo in einer Stadt oder, noch schlimmer, in einem Dorf eine Kneipe zu gehen und dort alleine was zu trinken. Never ever, never ever.

„Geh doch ins Kino / in eine Ausstellung/ an ein Konzert“

Ähm. Ich war in den letzten 34 Jahren noch nie alleine im Kino. Eigentlich finde ich „alleine ins Kino gehen“ von der Idee her ganz interessant, aber es führt letztlich ins selbe Loch wie „alleine in eine Kneipe gehen“: Praktisch undenkbar. Alleine an Konzerte. Etc. ging ich dagegen, als ich jung war, aber da schrieb ich Artikel für den Kulturteil eines regionalen Käseblatts. Ich war zwar allein, aber mein Schreibblock stand zwischen mir und dem restlichen Publikum. Ich war „die Presse“, ich war mit einem Auftrag und in einer Rolle dort.

„Geh doch spazieren“

Spazieren. Wenn ich das Wort nur schon höre, weiss ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Damit das klar ist: Von der Idee her (ja, ich wiederhole mich) finde ich Spazieren super. Draussen sein, sich ein bisschen bewegen, die Natur geniessen, klingt wirklich gut. Leider alleine unmöglich für mich. Komplett! Alleine spazieren kann ich nicht. Ich kann shoppen gehen, in Geschäften herumschlendern, aber auch nur in einer Stadt mit genug vielen anderen Menschen. In einem Dorf kann ich vom Bus zur Wohnung oder zur Poststelle und zurück gehen, von A nach B, aber never ever „spazieren“, nicht mal an den Fluss oder in den Wald, wo ich wirklich gern wäre, es geht nicht, es geht schlicht nicht.

Ja, ich habe meine Marotten, die dazu führen, dass ich manches alleine nicht kann. Ich habe auch so meine Theorien, warum dem so ist, hier aber zunächst meine Theorie, was sicher NICHT der Grund dafür ist: Ich kann das alles nicht darum nicht, weil ich halt ein Herdentier bin, das sich nur in Gruppen wohl fühlt. Meine Güte, ich bin vieles, aber ein Herdentier bin ich garantiert nicht! Im Gegenteil, in grösseren Gruppen ist mir schnell unwohl und ich fühle mich deplatziert. Nein, das ist nicht der Grund.

Ich kann gut alleine sein, grundsätzlich. Nicht nur das, ich brauche das manchmal wirklich auch zur Erholung, dieses alleine sein. Aber es gibt dafür klar definierte Bereiche. Zu Hause, zum Beispiel. Oder im Zug. Oder beim Shoppen. Was nicht geht, ist alleine sein, wenn ich kein nach aussen sichtbares Ziel habe und gleichzeitig auf andere Menschen treffe. Am Fluss, zum Beispiel, in der Nähe unserer Wohnung, befindet sich eine herrliche Landschaft, in der viele Menschen spazieren, radeln, im Sommer auch schwimmen, oder einfach an der Sonne liegen. Wenn ich dort hin gehen soll, um „zu spazieren“, die Natur zu geniessen, dann markiere ich da meine Präsenz, ich stelle meine Person in den öffentlichen Raum, ich signalisiere, dass ich meinen Platz beanspruche. Und das geht nicht, denn das macht mich verletzlich. Ich setze mich den Reaktionen und den Interaktionen mit wildfremden und unberechenbaren Menschen aus. Es kann sein, dass ich angepöbelt werde, es kann sein, dass ich gesehen werde, es kann sein, dass sich die Menschen fragen, was ich hier wohl mache, was ich hier zu suchen habe, alleine, ohne erkennbares Ziel, ohne einen Hund, der meine Präsenz rechtfertigen würde, ohne eine Freundin, die meiner Anwesenheit einen normalen, sozialen Touch verleihen würde. 

Wenn ich alleine in eine Kneipe gehe, mich alleine an einen Tisch setze, dann ziehe ich Aufmerksamkeit auf mich, ausser vielleicht in grossen Selbstbedienungsrestaurants. In einer Dorfkneipe sitzen Frauen meines Alters nicht alleine an einem Tisch, ausser, sie warten auf jemanden. In einer Bar in der Stadt sitzen Frauen vielleicht alleine, wenn sie jemanden aufgabeln wollen, vielleicht auch nur, weil sie im Gegensatz zu mir selbstbewusst genug sind, um sich den Blicken auszusetzen, die sie auf sich ziehen werden. Aber, wie auch immer, ich kann das nicht. Meine Person so einer unberechenbaren Öffentlichkeit auszuliefern, das tue ich mir schlicht schon sehr, sehr lange nicht mehr an.

„Aber das kann doch nicht sein, dass du das nicht kannst! Und es kann dir doch piepegal sein, was andere von dir denken!“

Äh, doch, das kann sein. Ich habe mich in den letzten 5 Jahren vielleicht 2mal gezwungen, allein „spazieren“ zu gehen. Nur ein bisschen in die Natur, das war mein Wunsch, nur ein bisschen die Bäume und das Wasser geniessen. Nun, ich hatte meine Kopfhörer auf & liess mich auf Nundenpiepen von Nirvana beschallen, aber es fühlte sich dermassen stressig an, dass ich wirklich nicht beabsichtige, das je zu wiederholen. Das ist für mich keine Erholung, das ist reiner, purer Stress. Es ist mir grundsätzlich wirklich egal, was Fremde von mir denken, aber es ist mir nicht egal, was ICH denke, wie ICH mich fühle. Ich will mich sicher fühlen, ich will mich in meiner Freizeit erholen können. 

Würde man jetzt nach den Gründen für dieses Unvermögen suchen, ich hätte da eine plausible Erklärung parat. Nein, das ist kein Symptom einer schizoaffektiven Störung, es hat weder mit Stimmungsschwankungen noch mit den Ausläufern einer Psychose zu tun, denn es ist immer so, völlig unabhängig von meiner akuten Verfassung. Vielleicht hat es was mit Paranoia zu tun, so von weit weg, aber ich denke, die Ursache ist eigentlich recht simpel: Die 5 Jahre Mobbing, zwischen 10 und 15, gruben tiefe Furchen in meine Persönlichkeit. Das reparieren auch 15 Jahre Psychotherapie nicht, da helfen keine Psychopharmaka, das hat mich nachhaltig verändert, Punkt.

Und darum mache ich, wenn ich ein paar Stunden totschlagen muss, lieber was Irres wie ein paar Stunden Zug zu fahren, einfach so, trinke in einer entfernten Stadt in einem der handverlesenen Restaurants einen Tee und fahre dann wieder zurück. Das ist für mich stressfrei, ich muss meine Kopfhörer nur kurz zum Bezahlen absetzen und kann mich ansonsten mit Kurt Cobain von meiner Umwelt abschotten. Und ja, ich finde das völlig ok und sehe keinen Grund, mich zu etwas zu zwingen, das mich einfach nur stresst, bloss weil es dem entspricht, was die Mehrheit tut oder für richtig hält.

7 Gedanken zu “Allein sein.

  1. Du ’sprichst mir aus der Seele‘. Vielen, vielen Dank für diesen Beitrag, der mir gerade ein großes Stück der Einsamkeit nimmt. Ich kann auch viele, viele Dinge nicht alleine. Alleine in eine Bar gehen, alleine in ein Kleidungsgeschäft gehen oder alleine ins Kino; ein Ding der Unmöglichkeit. Ich würde auch nicht alleine spazieren gehen, aber dank meines Hundes muss ich raus und somit besteht ein ‚realer Grund‘ für den Spaziergang.

    Früher bin ich mal alleine zu Konzerten und sogar alleine in die Oper, aber jedes Mal habe ich mich verletzlich gefühlt, als würde ich ohne Kleidung unter Menschen gehen. Mittlerweile würde ich diese Unternehmen auch nicht mehr alleine machen. Vor allem, da es stressfreiere Alternativen gibt. In dem Sinne sende ich Dir viele Grüße und ein verständnisvolles Nicken.

    • Das freut mich sehr, dass dir dieser Text in irgend einer Form etwas bringt! Und auch wenn ich das niemandem wünsche, ich freue mich doch, dass ich nicht alleine bin (!) damit. Es tut halt doch gut, zu hören, dass es andere Menschen mit ähnlichen Schwierigkeiten gibt. Ich nicke daher erleichtert zurück, alles Liebe dir.

  2. Ich mach das die ganze Zeit. Das meiste mache ich alleine. Wenn ich warten würde, bis mich endlich jemand begleitet, könnte ich gar nicht mehr aus dem Haus. Ich bin psychisch krank, und hab ziemlich alle Freundschaften verloren.

    • Das tut mir sehr leid (mit den Freundschaften). Ich denke, wichtig ist doch, dass man die grösstmögliche Lebensqualität ausschöpft. Ich finds toll, dass du Dinge tust, die dir vielleicht schwer fallen, damit du trotz allem aus dem Haus kommst und dich an kulturellen Anlässen und Freizeitaktivitäten beteiligen kannst. In meinem Fall ist das gut möglich, ohne dass ich mich gewissen stressigen Situationen aussetzen muss. Ich bin trotzdem unter Menschen, ich gehe trotzdem an Anlässe, ich kann trotzdem die Natur geniessen, halt einfach nicht alleine oder aber, für letzteres, nicht zu Fuss, sondern auf dem Fahrrad. Wenn ich das alles nicht könnte, dann müsste ich schätzungsweise therapeutisch darauf hinarbeiten, dass ich mich alleine der Öffentlichkeit aussetzen kann, ohne dass ich danach vor lauter Stress zusammenklappe.
      Dennoch versuche ich, mich hin und wieder aus meiner Komfortzone hinaus zu bewegen. Heute Abend gehe ich alleine an einen kulturellen Anlass. Ich bin gespannt, wie ich das hinkriege.
      Dir alles Gute.

  3. Kannst ja mal den Fotoapparat nehmen. Da bist du zu Fuss alleine unterwegs, und machst etwas. Auch eine gute Art, Gegenden zu erkunden. Und im Fall, mir fällts nicht mehr schwer, alleine Dinge zu unternehmen.

  4. Dein Beitrag hat mich gerade etwas nachdenklich gestimmt. Ich habe keine (diagnostizierte 😉) Störung und halte mich für recht selbstbewusst. Dennoch würde ich nicht alleine ins Kino oder in die Kneipe gehen. Und ich kenne auch niemanden, der sowas tut… ne Ausstellung oder ein kurzer Spaziergang ok, vielleicht.
    Also ich finde es völlig normal sich dabei etwas seltsam zu fühlen… und es ist ja auch nicht so, dass man nun ständig Menschen sieht, die solche Dinge alleine tun. 😉

    Alles Gute weiterhin für dich!

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