Jetzt.

Auf die Gefahr hin, sämtliche Klischees rund um zweitklassige „Carpe diem“-Tattoo-Vorlagen zu bedienen: Ein elementarer Baustein meiner aktuellen Zufriedenheit mit mir, meinem Leben, meiner Beziehung und dem ganzen Scheiss ist der Vorsatz, nicht mehr auf irgendwas hinzuleben. Was zählt, ist das Jetzt. Nicht das „bald muss“, nicht das „hoffentlich“, nicht das „klar, eines Tages“, erst recht nicht das „irgendwann“.

Es ist, zumindest in meinem Fall, absolut verhängnisvoll, die Gegenwart über einen längeren Zeitraum hinweg als mühsamen, entbehrungsreichen Weg in eine hoffentlich viel bessere Zukunft zu sehen. Natürlich durchlebe ich immer wieder bescheidene Zeiten, Phasen, durch die ich mich mit Durchhalte-Parolen hindurch wurstle – meistens bedingt durch Stress bei der Arbeit -, das ist normal, das gehört zum Leben. Das meine ich hier aber nicht, ich meine eher dieses Gefühl, dass ganz grundsätzlich vieles im Argen ist. Mir ist heute bewusst, wie sehr sich mein Fokus auf mein Leben in all den Jahren ins Negative verschob, in denen ich tatsächlich dachte, dass zwar ganz vieles in meinem Leben total im Arsch ist, dass sich aber bestimmt irgendwann alles einrenken wird und dann ein besseres, glücklicheres Leben anfangen wird.

Wenn man davon ausgeht, dass eigentlich gerade das meiste komplett schief läuft und man sich mit der Hoffnung auf bessere Tage irgendwie durchs Leben schleift, so meine These, wird die Gegenwart durch diese Grundhaltung nicht besser, nein, sie wird schlechter. Wenn man ständig darüber nachdenkt, was alles anders sein müsste, wie sehr sich der aktuelle Alltag von dieser Wunsch-Zukunft unterscheidet, eine Zukunft übrigens, die vermutlich völlig an der Realität vorbeischrammt, dann lebt man eigentlich nur noch in dieser Differenz. Man lebt in dem, was nicht gut ist, man hofft vielleicht nach wie vor, dass alles plötzlich gut wird, aber wenn die Jahre kommen und gehen und sich die Hoffnung standhaft nicht erfüllt, dann lebt man schliesslich in der Anti-Wunsch-Zukunft, hilflos, Faktoren ausgeliefert, auf die man keinen Einfluss hat, und dann, dann wird man unglücklich. Ich rede da aus Erfahrung.

Vieles hatte ich mir erhofft für mein Leben, das nie eintreten wird. Kinder, um das Thema schlechthin zu nennen, das sich bei Frauen meines Alters aufdrängt. Einen psychisch gesunden Lebenspartner, als weiteres. Einen gewissen Wohlstand, der mir erlaubt, um die ganze Welt zu reisen und in einem kleinen Haus mit Garten zu leben. Auch wenn ich das früher nicht so formuliert hätte, weil „fick das System“ und so, aber ein gewisser Wohlstand erleichtert halt das Leben und die Erfüllung von Träumen schon irgendwie. Selber psychisch so gesund zu sein, dass meine Versuche, die Welt mit dem Rucksack am Rücken zu erobern, nicht regelmässig in Psychiatrien auf anderen Kontinenten enden, auch das erhoffte ich mir mit 29 zum letzten Mal ganz innig.

Es sind grosse Wünsche, die ich hatte. Das ist mir mittlerweile bewusst, früher dachte ich, die seien absolut berechtigt, weil sie doch dem entsprechen, was sich viele, wenn nicht gar die meisten Menschen wünschen (zumindest die meisten von denen, die ich kenne).

Es ist halt nun leider so, dass man nicht alles kriegt, was man sich so erhofft. (Ich sollte Ratgeber schreiben, Heilandsack…). Dass ich meinen Fokus verändern konnte und mich wieder um meine Gegenwart statt um eine unerreichbare Zukunftsvision kümmern kann, hat mir, so mein heutiges Empfinden, meine Lebensqualität enorm gesteigert. Ich versuche, keine grossen Wünsche mehr auf eine wie auch immer geartete Zukunft zu projizieren. Was ich umsetzen kann an Wünschen, das setze ich um. Anstatt wie früher darauf zu hoffen, dass wir eines Tages die Mittel haben, um ein Haus kaufen zu können und ich mir dort dann ein Atelier einrichte, in dem ich malen kann, so viel ich will, habe ich mir jetzt einfach Material angeschafft, und male auf dem Fussboden, auf der Terrasse, auf dem Küchentisch. Wir sind jetzt einfach in eine Wohnung gezogen, in der ich einen kleinen Garten anlegen konnte. Anstatt darauf zu hoffen (mit einem gewissen biologisch bedingten Zeitdruck, sofern man mit Zeitdruck hoffen kann), dass mein Freund „endlich die Kurve kriegt“, sprich, psychisch „gesund“, entsprechend belastbar wird und entsprechend Einkommen generieren kann, dass wir Kinder haben können, habe ich Frieden schliessen können mit dem Status quo. Mein Freund ist, wie er ist, das wird sich nie ändern, und es ist so befreiend, das akzeptieren zu können. Ich werde auch nie monatelang mit dem Rucksack am Rücken durch ferne Länder reisen können, ganz egal, wie stabil ich bin, nie, nie, nie. Tja.

Nein, man kriegt nicht alles, was man sich erhofft. Aber ich denke, man kriegt dafür manchmal auch was, was man sich nicht erhofft hat. Das meine ich jetzt nicht sarkastisch – meine schizoaffektive Störung zum Beispiel, die kriegte ich auch einfach so, völlig unverhofft -, nein, ich meine damit: Ich habe so viele schöne Dinge in meinem Leben, von denen ich früher gar nicht wusste, dass sie erstrebenswert sind. Ich geniesse die Zeit mit meinem Freund sehr. Er ist so lustig, und er findet mich auch lustig, wir lachen uns regelmässig schief, und wir sind uns so nahe. Es geht ihm besser als noch vor ein paar Jahren, auch wenn er jetzt deutlich unter dem Existenzminimum lebt. Er liebt mich immer noch, ich liebe ihn immer noch. Wir finden uns immer noch extrem anziehend, nach 13 Jahren nicht unbedingt selbstverständlich. Es ist herrlich, mit ihm zu wandern, er quasselt dann ohne Punkt und Komma und reisst Witze, und seine Augen haben dieses Leuchten, in das ich mich verliebt hatte vor so langer Zeit. Ich geniesse gutes Essen, ich freue mich über die warme Herbstsonne, ich geniesse die Natur. Ich habe mit dem Malen, dem Garten und dem Yoga echte Hobbies gefunden, die mich erfüllen und glücklich machen. In meinem Leben gibt es viele kostbare Freundschaften und warmherzige Menschen. Ich werde bei der Arbeit geschätzt und von manchen sogar gemocht, ich gehe wieder öfter tanzen oder an Konzerte.

Ja, es kann, um es kurz zu fassen, alles so bleiben wie es ist. Nicht, weil alles perfekt ist. Sondern, weil ich das Schöne in meinem Leben sehe. Immer noch habe ich jede Menge wilder Pläne, was ich alles noch machen könnte mit meinem Leben. Das ist wichtig für mich, Stagnation ist mir ein Gräuel. Aber auch, wenn ich doch nicht noch Mal studieren gehe oder wenn ich nie lerne, Klarinette zu spielen oder am Ende meines Lebens nie in Nepal war, es ist ok, es ist gut.

5 Gedanken zu “Jetzt.

  1. Liebe My,
    dien Beitrag hat mich mich wirklich nachdenklich gemacht, denn ich habe eine andere Meinung. Natürlich kenne ich dich und deine Situation nicht, deshalb lies es bitte nicht auf dich persönlich bezogen, sondern als allgemein formuliert, ich möchte deine Gedanken auch in keiner Weise kritisieren. Psychiatrische Erkrankungen sind episodisch, haben also Anfang und Ende (!), wenn auch beides oft schleichend. Einer Episode muss keine weitere folgen, sie kann auch singulär sein oder sich nur ein paar mal wiederholen und bei aller Wucht, Schrecken und gravierenden sozialen Kollateralschäden, die diesen Erkrankungen innewohnen bzw. nach sich ziehen, sind sie zum Glück oft nicht lebensüberspannend. Jugend und jüngeres Erwachsenenalter sind häufiger betroffen, mit Glück altert man schlichtweg raus. Ich finde es zu pessimistisch und viel zu vorauseilend sich in jungen Jahren irgendwelche Zukunftsoptionen abzusprechen. Es tat mir richtig weh zu lesen, dass du für dich Lebenssituationen siehst, die „nie eintreten werden“ Es gibt ein (langes) Leben nach der Krankheit, wenn auch eine Vulnerabilität bleibt. Ich finde Optimismus ist bei psychiatrischen Diagnosen kein Luxus, sondern schlicht angebracht !
    LG

    • Liebes Känguruh (dass ich das mal schreiben würde!)
      Ja, so stehts im Lehrbuch. An die Hoffnung, dass meine erste offizielle Psychose die einzige bleiben würde, hatte ich mich jahrelang geklammert, bis dann eine zweite, eine dritte, eine vierte und mit Argentinien eine fünfte Episode folgte, an der ich fast gestorben bin. Da war ich 29 und mein „jüngeres Erwachsenenalter“ neigte sich vorsichtig zu Ende. Und jetzt? Jetzt bin ich bald 35 und glaube nicht mehr daran, dass sich das „auswächst“, Punkt, Ende. Es mag dir wehtun, zu lesen, dass ich mich von so einigem definitiv verabschiedet habe, für mich ist es reiner Selbstschutz und führt somit zu höherer Lebensqualität. Nein, ich mag den Wünschen nicht mehr nachjagen, die zu realisieren mich fast umgebracht oder aber zutiefst unglücklich gemacht haben. Ich habe genug andere Wünsche und Ziele entwickeln können, deren Verwirklichung wesentlich realistischer anmutet. Wenn das Lehrbuch denn in meinem Fall Recht haben sollte und ich wirklich zu diesem glücklichen Drittel gehöre, die die Psychosen irgendwann los sind, nun, umso besser. Aber ich rechne nicht mehr damit. Ich bin glücklich, nicht zu dem Drittel zu gehören, bei dem sich der psychotische Zustand chronifiziert, wirklich. Alles andere wird sich weisen.

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