Jubiläum.

Zeit, zu feiern: Meine letzte Psychose ist 5 Jahre her. Nicht exakt heute, natürlich. Psychosen haben keine exakten Grenzen, zumindest bei mir nicht. Wenn schon, dann sind es die Anfänge, die man rückwirkend zu bestimmen vermag. Anfang Juli 2012 wurde ich krass halluzinierend von der Polizei in ein argentinisches Spital eingeliefert, Mitte Juli in die geschlossene Psychiatrie in meiner Heimat eskortiert. Im August dann durfte ich austreten und besuchte ab da eine Tagesklinik. Es war Ende September, als die Stimmen in meinem Kopf verstummten.

Aber, worum es mir eigentlich geht, heilige Scheisse!! FÜNF Jahre!! Das ist mein Rekord. So lange war bisher nur die eine Phase zwischen 19 und 24. Dann wurden die Abstände immer kürzer. Was mich wirklich ausserordentlich beunruhigte, um es mal milde auszudrücken.

Es gab heute diesen einen Moment, als mir diese doch wirklich positive Erkenntnis, dass meine Befürchtungen zumindest hinsichtlich der Frequenz meiner Krisen relativiert werden können, wie ein Geistesblitz durch den Kopf schoss. Ich lag gerade betont entspannt auf meiner Yogamatte und atmete so lautstark vor mich hin, wie das unsere neue Yogalehrerin offensichtlich von uns erwartet. Dabei „die Gedanken vorbeiziehen zu lassen wie zarte Wolkenfäden, die sich schliesslich nach und nach auflösen“, schaffte ich beim besten Willen nicht, ich war mir aber sicher, dass das niemand bemerkt, wenn ich nur weiterhin betont entspannt herumliege und laut vor mich hin schnaufe, und so fing ich an, darüber nachzudenken, wie sich mein Verhältnis zu meinem Körper, bzw. wie sich meine körperliche Wahrnehmung in den letzten Jahren doch verändert hat.

Es ist mir ein Rätsel, dachte ich, warum das so lange verschüttet war. Wie weit weg ich früher von mir war, sagenhaft. Ich habe gelebt, ich habe viel Schönes erfahren, ich habe viel Schlimmes erfahren, ich habe fast immer hart gearbeitet, ich habe funktioniert, ich habe auch viel gelacht, ohne Frage, aber ich habe mich körperlich so wahnsinnig schlecht gespürt, immer schon, und es hat so unendlich lange gedauert, bis mir das überhaupt bewusst wurde. Woher sollte ich auch wissen, dass das nicht normal war, ich hatte ja keinen Vergleich. Eine dumpfe Ahnung, dass bei mir was nicht normal läuft in dem Bereich (wo schon!!), war natürlich da, aber ich habe mich geweigert, darüber nachzudenken. Wann immer mir jemand mit körperlichen Übungen oder Geschwätz über Körperwahrnehmung kam, habe ich auf Abwehr geschaltet, weil ich nie wusste, was damit gemeint war. All die Psychiater, die irgendwann fragten „und wo fühlen Sie das in Ihrem Körper?“, vor denen bin ich innerlich schreiend geflüchtet, weil, ich fühlte nichts, ich wusste nicht, wie man so etwas fühlen sollte, einfach überhaupt gar nicht.

Heute fühle ich. Wahrscheinlich schlechter oder weniger als der Schnitt, manchmal auch sehr verzögert, aber mir fallen jetzt so Sachen auf. Wie ich neulich im Zug sass und mir eher aus Zufall online einen historischen Fernsehbeitrag zum Nazimob vor einem Flüchtlingsheim ansah. Mein ganzer Körper zog sich zusammen. Plötzlich hatte ich überall Gänsehaut, erstaunt sah ich auf meine Beine, meine Arme, überall Gänsehaut. Ich spürte, wie mir die Tränen hochkamen. Ich musste schlucken, mein Hals fühlte sich geschwollen an, und meine Atmung ging bedenklich flach. „Du kannst jetzt nicht einfach mitten in all den Leuten losheulen“, meldet sich meine Selbstbeherrschung mit letzter Kraft, „du musst dich umgehend ablenken“. Ich wechselte den Social Media Kanal auf meinem Handy und sah mir farbenfrohe abstrakte Gemälde an. Solange, bis die Gänsehaut verschwand, mein Atem ruhiger ging und das enge Gefühl in meinem Hals langsam zurück ging.

Aber es sind nicht nur schlimme Situationen, in denen mein Körper so reagiert, dass ich es bemerke. Es sind auch Situationen, in denen ich Wärme spüre (wörtlich), oder kribbelige Vorfreude, oder Müdigkeit. Ich spüre gerne den Wind im Gesicht, wenn ich Fahrrad fahre, ich liebe das Gefühl von fliessendem kaltem Wasser an meinen Händen, ich mag es, wie es in meinen Füssen kribbelt, wenn ich barfuss über nasses Gras oder auch über Kieselsteine gehe. Ich mag es unglaublich, wenn mein Freund mir meinen Nacken streichelt, und, wenn wir schon beim Thema sind, ich geniesse alles rund ums Thema Sex so viel mehr, als ich es mir in jüngeren Jahren je hätte erträumen lassen. Es hat sich wirklich viel getan in den letzten Jahren, ich nähere mich meinem Körper, langsam und ungeschickt, aber ich nähere mich.

Erinnert ihr euch noch an Bruno? So hatte ich den psychogenen Schmerz in meinem linken Arm getauft, nachdem er sich in meinem Leben so breit gemacht hatte, dass ich ihn endgültig nicht mehr ausblenden konnte. Wie lange das wohl her ist, dass Bruno, die feige Sau, seinen Mikropenis einzog und winselnd das Weite suchte? 4 Monate vielleicht? Damals habe ich ihn selbstverständlich verflucht, aber vielleicht war er auch einfach eine pöbelnde, nervige Begleiterscheinung meiner zunehmenden körperlichen Wahrnehmung. Auch heute noch spüre ich meine psychische Anspannung häufig im Körper, nicht mehr als psychogener, irrationaler Schmerz, sondern als ganz normale Verspannung im Schulter- und Nackenbereich – wie wohl Millionen an „normalen“ Menschen auch. Obwohl das lästig ist, bin ich, offensichtlicherweise, trotzdem stolz auf diesen „Fortschritt“.

Jedenfalls, und ich versuche jetzt krampfhaft, trotz allem Abschweifen einen roten Faden in diesem Text vorzugaukeln, während ich also schnaufend auf der Yogamatte lag und mir all diese Gedanken machte – oh ja, ich kann unglaublich viel denken, während ich Entspannung vorspiele – durchzuckte mich plötzlich eine Erkenntnis: Es ist jetzt 5 Jahre her, die letzte Krise liegt 5 Jahre zurück. Ich hatte 5 unendlich kostbare gesunde Jahre Zeit, um all diese Entwicklungen zulassen zu können. Jede Krise bisher warf mich total aus der Bahn und ich brauchte Jahre, um wieder auf den Stand vor der Krise zu kommen. Das ist mir wirklich Ernst, das war so. Auch wenn ich manchmal nach einem Monat wieder arbeiten ging, „gesund“ war ich damals garantiert nicht. Ich habe sehr viel Zeit in meinem Leben damit verbracht, gegen aussen hin zu funktionieren. Das war nicht nur schlecht, könnte ich das nicht, wäre ich wahrscheinlich beruflich nicht da, wo ich jetzt bin. Aber persönlich wirklich weiter zu kommen, wie eben im Bereich der Körperwahrnehmung, das geht nur, wenn ein gewisses Level an Gesundheit und Stabilität da ist.

Fünf Jahre lang darf ich jetzt „gesund“ sein. Die Krankheit ist nicht weg, und sie bleibt unberechenbar. Ich muss gut Acht geben, ich muss versuchen, bescheiden zu bleiben und dem Leichtsinn nicht zu viel Platz zu geben. Aber ich bin stolz auf  mich. Auch wenn das vielleicht nicht meine Leistung ist, sondern einfach Glück. Was weiss ich schon, warum die Dinge passieren, die passieren. Egal. Ich freue mich enorm.

5 Gedanken zu “Jubiläum.

  1. Wow, das ist doch super! Fünf Jahre, Respekt! Ich wünsche dir, dass es weiter so gut geht und du in fünf Jahren nochmals ein Jubiläum feiern kannst 🙂

  2. Glückwunsch auch von mir. Bei mir ist die Psychose noch recht frisch und präsent auch wenn sie nun über ein Jahr her ist.
    Dein Text hat mir Mut gemacht und dein Blog war einer der Gründe meinen eigenen zu starten. es würde mich sehr freuen, wenn du mal vorbeischaust. Gerne würde ich mir eine dicke Scheibe von deiner Offenheit, deinem Optimismus und deiner Fähigkeit deine Erfahrungen mit Humor zu schildern abschneiden.
    Grüße

    • Vielen Dank für deine Komplimente, und vielen Dank, dass du hier mitliest. Ich habe bei dir reingeschaut, und es ist ergreifend, wie sehr ich mich selber wiedererkenne in dem, was du schreibst. Ich mag deine Sprache sehr! Und ich bewundere deinen Mut, Sachen zu benennen, die ich nach wie vor kaum so deutlich aussprechen kann.

  3. Nachdem ich zuerst garkeine Worte für das Erlebte fand, fielen sie irgendwann nur so aus mir heraus. Denn auch wenn die Psychose eine schreckliche Zeit ist, so betrauer ich den Verlust der Erinnerungen daran und das Gefühl Teil eines großen Ganzen zu sein – paradox!:)

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