Die Sache mit dem Schwimmbad.

„My, hast du sexuellen Missbrauch erfahren?“ „Nein!!“ Meine Antwort kam schnell, und sie kam schroff. „Oh“, Katharina schien überrascht. Dann erzählte sie davon, dass sie selber sexuell missbraucht wurde, damals, als Kind. Ich nickte unwirsch, ich wollte das nicht hören, warum erzählt sie mir diesen Mist, dachte ich, die hat doch eine Schraube locker. Ich war 19, nach den 6 Wochen Psychiatrie hatte man mich in eine betreute WG gesteckt, zusammen mit 9 anderen Psychos und 2 Betreuerinnen und 2 Betreuern. Wobei, nein, eigentlich mit 10 anderen Psychos und 1 Betreuerin und 2 Betreuern, denn Katharina wurde zwar auch fürs Betreuen bezahlt, war aber ganz offensichtlich selber dezent angeknackst. Ich hatte besonders viel Glück und hatte ausgerechnet Katharina als Bezugsperson aufs Auge gedrückt bekommen. Ganz recht, ich konnte sie nicht leiden, mit ihren bimmelnden Kleidern und ihren Räucherstäbchen, und ich empfand sie nicht als besonders professionell. Sie hatte auch keine Ausbildung, um psychisch Kranke zu betreuen, erfuhr ich später, dafür „viel Lebenserfahrung“. Rückblickend empfinde ich zwar immer noch keine Sympathie, aber bin milder, wenn ich an Katharina denke. Vielleicht hat sie ja anderen Menschen helfen können. Mir halt einfach nicht. (Andererseits hat sie mir auch nicht geschadet. Nicht so wie einer der 2 Männer im Team dieser betreuten WG. Ganz recht, der, der mich angetatscht hat, unter einem Tisch, während ich in Schockstarre verfiel und nicht mal etwas sagen konnte.)

Ich war 24, als die Sache mit dem Schwimmbad wieder hochkam. So richtig hochkam. Manchmal denke ich, dass das so lange ging, lag auch daran, dass ich lange dachte, man dürfe sowas nicht „sexuellen Missbrauch“ nennen. Wirklich. Als Katharina danach fragte, als ich 19 war, war ich sicher, dass ich die korrekte Antwort gegeben hatte. Ich konnte sie zwar nicht ausstehen, aber ich wollte sie nicht anlügen. Ich war in einem Umfeld aufgewachsen, in dem über Sex im Allgemeinen nicht gesprochen wurde, oder wenn schon, dann in irgendwelchen Witzen, die ausschliesslich von den Männern gemacht wurden, ekliges, dröhnendes Gelächter zur Folge hatte und die ich nicht verstand. Alles, was ich über Sex und damit auch sexuellen Missbrauch wusste, als ich selber missbraucht wurde, war, dass dazu gehörte, dass der Penis eines Mannes in der Vagina einer Frau stecken musste. Und das war bei mir nicht der Fall. Seine Finger steckten in meiner Kinder-Vagina, nicht sein Schwanz. Seine Finger befummelten ausserdem meine Kinder-Brüste, aber von Fingern hatte nie jemand was gesagt, die kamen in meinen Informationen rund um Sex nicht vor.

Für diesen Text habe ich noch kurz gegoogelt, was denn nun wirklich als Definition von „sexuellem Missbrauch“ gilt. Im Internet steht:

„Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können.“

Ja, das trifft auf die Situation im Schwimmbad zu. Heute, mit 34, weiss ich, dass das sexueller Missbrauch war. Damals wusste ich es nicht. Was nämlich noch dazu kam, nebst der Abwesenheit eines involvierten Penis: Ich hatte nichts gesagt, ich hatte nicht geschrien. Ich hatte nur versucht, mich körperlich zu wehren, aber ohne Erfolg. Es war ein erwachsener Mann, ein junger Mann mit schwarzen Haaren, und ich war 10 oder 11 Jahre alt (ich weiss nicht mehr, ob es vor oder nach meinem 11. Geburtstag war). Ich schwamm Längen, im tiefen Wasser, hinter meiner älteren Schwester her, die unbedingt einen ganzen Kilometer schwimmen wollte. Ich konnte nicht besonders gut schwimmen, ich keuchte hinter ihr her und schluckte Unmengen an Wasser. Da fing das Ganze an. Jemand schwamm dicht neben mir her und streifte meine Arme und Beine. Ich ruderte noch wilder und schluckte noch mehr Wasser. Die Berührungen waren unangenehm, aber das kann halt passieren im Schwimmbad, sagte ich mir. Bei der nächsten Länge allerdings wurde ich wieder von jemandem gestreift, diesmal am Bauch. Ich konnte nicht sehen, wer der Idiot war, der immer wieder in mich reinschwamm. Er war weit unter mir im Wasser, er tauchte. Ich konnte nicht tauchen, und ich ging immer noch davon aus, dass es ein Missgeschick war. Bis er anfing, unter meinen Bikini zu greifen. Ich versuchte, ihn mit meinen Armen und Beinen wegzustossen und zu treten, da drückte er mich unter Wasser und ich ersoff fast. Dabei griff er in meine Vagina, er griff an meine Brüste, er griff überall hin. Ich hatte Panik, aber ich war wie gelähmt. Ich versuchte, einfach davon zu schwimmen, dabei wiederholte sich das Ganze, ich weiss nicht mehr, wie oft. Irgendwann hatte ich den Rand erreicht, ich sprang aus dem Becken und rief meiner Schwester zu, ich wolle nach Hause. Sie wollte nicht gehen, sie wollte ihren Kilometer fertig schwimmen. Ich sah den Mann, wie er auftauchte und mich ansah. Er war gross und kräftig und hatte schwarze Haare. Er sah jung aus. Ich rannte auf das Mädchenklo und versteckte mich dort. Ich war komplett verstört und versuchte zu verstehen, was geschehen war. Es gelang mir nicht. Ich wusste nicht, was das war, ich wusste nur, dass man vermutlich schreien sollte, wenn sowas passiert, und dass ich das nicht gemacht hatte. Ich dachte deshalb wirklich, es sei wohl meine Schuld. Ich hatte mich nicht genug gewehrt. Ich stand vor dem Spiegel des Mädchenklos, im ersten Bikini meines Lebens, und fragte mich, ob das passiert war, weil ich einen Bikini trug. Ich hatte noch nicht richtige Brüste wie meine Schwester, bloss so Mini-Mädchenbrüste. Aber vielleicht war trotzdem der Bikini Schuld? Zusammen mit mir, weil ich mich nicht richtig gewehrt hatte?

Es hat viele Jahre gedauert, bis mir klar war, dass es wirklich nicht meine Schuld war, und dass das tatsächlich ein sexueller Übergriff war. Noch viel länger hat es gedauert, bis ich anfing, die Ereignisse, die in diesem Alter über mich hereinbrachen, in einen logischen Zusammenhang zu stellen. Ich war 10 oder 11, als ein Mann seine Finger in mich reinsteckte, ich war 10 oder 11, als meine Menstruation einsetzte. Ich war 10 oder 11, als ich nicht mehr duschte, als ich anfing, zu stinken, ich war 10 oder 11, als ich in der Schule einnässte. Ich war 10 oder 11, als die Gesichter um mich herum verschwammen. Vor einem meiner Mitschüler entwickelte ich eine irrationale Angst, dabei war er einer der wenigen, die mich nicht richtig quälten. Erst mit 24 verstand ich, warum. Er hatte schwarze Haare und glich dem Mann im Schwimmbad. Ich war mir mit 11 plötzlich nicht mehr sicher, ob vielleicht er es gewesen war, im Schwimmbad. Heute weiss ich: Er war es nicht, es war ein Mann gewesen, kein 11jähriger Junge. Aber ich geriet in einen Strudel, damals, in dem sich alles vermischte, in dem ich vor Allem und vor Allen Angst hatte und in dem ich niemandem mehr traute. Meiner Mutter hatte ich zwar von der Sache im Schwimmbad erzählt, aber sie hatte mir gar nicht richtig zugehört.

Mit 24 konfrontierte ich sie damit. Ich war gerade hochpsychotisch, und alles kam hoch. Ich verstand auch plötzlich die Zusammenhänge des ganzen Schlamassels, das Mobbing, das Verwahrlosen, die verschwimmenden Gesichter (ich konnte die Menschen nicht mehr voneinander unterscheiden), das Einnässen, alles ergab plötzlich Sinn. „Warum hast du nicht darauf reagiert?!“, ich wollte endlich eine Antwort von meiner Mutter. Und sie gab mir eine: „Was? Ich erinnere mich nicht. Das hast du mir nie erzählt!“ Damit musste ich erst einmal fertig werden. So vieles weiss ich nicht mehr genau. Meine Erinnerungen sind zersplittert, wie ein Mosaik. In jeder Psychose gerät das Ganze komplett durcheinander, und danach ordne ich die nächsten Jahre, ohne gänzliche Sicherheit, dass ich eine bestimmte Erinnerung korrekt eingeordnet habe. Aber ich hatte eine ganz deutliche Erinnerung daran, wann, wo und wie ich meiner Mutter davon erzählt hatte. „Wir sassen im Auto. Du hattest mich aus der Schule abgeholt. Ich habe dir vom Schwimmbad erzählt, und du hast mir daraufhin geraten, nie mit fremden Männern mitzufahren, wenn sie mit dem Auto anhalten und mich mitnehmen wollen.“ „Keine Ahnung, My, ich erinnere mich nicht daran.“

Meine Mutter war psychisch krank, damals. Sie war depressiv, und sie hatte „keine Energie mehr für das fünfte Kind“. Dummerweise war ICH das fünfte Kind. Ich war zwölf, als sie nicht mehr leben wollte, das aber leider keinem Psychiater, sondern mir erzählte. Ich habe damals schon gedacht: Warum hast du auch 5 Kinder bekommen müssen. Es wäre allen gedient gewesen, du hättest es mit 4 gut sein lassen.

Die Geschichte schüttelt mich durch, auch mit 34 noch. Mittlerweile denke ich, vielleicht habe ich meinen Beruf auch gewählt, um dagegen anzukämpfen, dass gewisse Kinder kaputt gehen, wenn sich niemand richtig um sie kümmert. Meine Mutter hat versagt. Das sieht sie selber überhaupt nicht so, wahrscheinlich sieht das ausser mir niemand so, aber ich für mich weiss: Sie hat versagt, beim fünften Kind hat sie versagt. Vieles nehme ich auf mich, ich war wohl einfach ein besonders dummes Kind, das ganz vieles nicht selber begriffen hat, was andere Kinder intuitiv begreifen. Ich bin nicht mit meiner Periode zurecht gekommen, ich wusste nicht einmal, wie man Damenbinden benutzt. Wahrscheinlich ist es auch nicht normal, dass eine 10jährige schon menstruiert, was weiss ich. Ich wusste nicht, dass man täglich duschen sollte ab einem gewissen Alter, das hatte mir niemand gesagt, da es meine anderen Geschwister offenbar selber begriffen. Ich wusste nicht, dass man Socken und Unterwäsche täglich wechseln sollte und dass man ein Deo benutzen sollte, auch das, meine älteren Geschwister hatten das offenbar einfach selber gecheckt. Ich wusste nicht, dass man es einer erwachsenen Person erzählen durfte, wenn man in der Schule geschlagen, bespuckt, ausgelacht, bedroht wurde. Ich weinte einfach, nächtelang, und wollte nicht mehr zur Schule gehen, was ich mich aber nie getraut hätte zu sagen. Ich habe zu Hause nicht wirklich erzählt, was ich in der Schule durchmachen musste, auch das, ich nehme es auf mich, ich war irgendwie zu blöd dafür. Was ich aber definitiv nicht auf mich nehme, ist die Sache mit dem Schwimmbad und die Reaktion meiner Mutter darauf. Das verzeihe ich nicht, Depression hin oder her, wenn ein Kind erzählt, dass ein Mann im Schwimmbad unter seinen Bikini gegriffen hat, dann ist es die verdammte Pflicht eines Elternteils, das ernst zu nehmen.

Ich erinnere mich an einen polnischen Praktikanten, der auf dem Hof meiner Eltern arbeitete, als ich etwa 8 Jahre alt war. Als er nach einem Jahr ging, sagte er zu meiner Mutter: „Passt gut auf My auf. Das ist ein besonderes Kind.“ Wie soll ich sagen, das hat meine komplette Familie vergeigt.

Mit 30, nach einer neuen, krass psychotischen Krise, wollte ich unbedingt ein Kind. Ich wollte endlich Mami werden. Meine damalige Psychologin war von dieser Idee gar nicht begeistert. Sie bohrte so hartnäckig in meiner Kindheit herum wie sonst niemand zuvor. Ich habe damals in dieser Tagesklinik die Sache mit dem Schwimmbad auch zum ersten Mal offiziell erwähnt. Ich musste ein enormes Formular mit meinen ganzen biographischen Eckpfeilern ausfüllen, und eine Sparte war da „Sexualität“. Ich erinnere mich, wie sich in mir Widerstand formierte, als ich das sah, wie ich aber, postpsychotisch-beschwingt dachte „was solls, die sollen bloss nicht denken, mich juckt das“ und haarklein alles zu Papier brachte. Die Psychologin damals also, die meinte eines Tages: „Wissen Sie, ich habe den Verdacht, Sie möchten ein Kind, weil Sie an ihm all das, was Ihnen passiert ist, wiedergutmachen möchten. Eigentlich wollen Sie sich selber beschützen und trösten, Sie möchten an einem Kind alles richtig machen, was man bei Ihnen falsch gemacht hat.“ An dieser Aussage hatte ich wenig Freude. Aber jetzt, 4 Jahre später (und immer noch kinderlos), denke ich, sie hatte Recht. Und ich bin abgesehen davon sehr froh, dass ich kein Kind habe.

Was passiert ist, kann niemand ungeschehen machen. Ich muss damit leben, sowohl mit dem sexuellen Missbrauch wie auch mit der Tatsache, dass meine Mutter versagt hat. Es bleibt halt einfach bitter, auch nach all den Jahren.

2 Gedanken zu “Die Sache mit dem Schwimmbad.

  1. Hut ab, dass du trotz all diesen schlimmen Erfahrungen arbeitest, und dein Leben wieder einigermassen auf den Schlitten gekriegt hast. Andere sitzen zu Hause und rauchen.

    • Weisst du, das ist sicher nett gemeint, aber ich denke wirklich nicht, dass das mein Verdienst ist. Ich hatte einfach mehr Glück als andere, und mich hat es weniger stark erwischt als andere. Ich habe kein Suchtproblem, ich habe eine Beziehung, ich habe eine Familie, die zwar versagt hat, als ich ein Kind war, die sich aber ab meinem Erwachsenenalter/ meinem ersten Psychiatrieaufenthalt wieder um mich gekümmert hat. Ich hatte beruflich Glück, weil Menschen an mich geglaubt haben und mir eine Chance gaben. Alle Menschen, die ich kenne, die „zu Hause sitzen“ und nicht arbeiten könne, wünschen sich von ganzem Herzen, dass das anders wäre. Ich kenne niemanden, der Spass daran hat, arbeitsunfähig zu sein, und ich kenne einige Leute, die arbeitsunfähig sind, auch in meiner erweiterten Familie sind einige dabei. Alle, die ich kenne, wären gerne belastbar genug, um arbeiten zu können. Wer nicht arbeitet, ist nämlich in den meisten Fällen „draussen“. Ganz und gar ausgeschlossen, von allem. Niemandem, den ich kenne, macht das Spass.

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