Veränderungen.

Ich hielt mich mal für super flexibel. Ehrlich. In Bezug auf meinen Wohnort hatte ich noch bis vor kurzem (genauer gesagt, bis vor unserem Umzug, nicht wahr) das Gefühl, mich mit fast allem arrangieren zu können. Naja, ich hatte mich ja auch wirklich schon mit allem möglichen arrangiert in dieser Hinsicht, mit enormen Arbeitswegen, zum Beispiel, mit unheizbaren Räumlichkeiten, als weitere Möglichkeit, mit verschimmelten Waschmaschinen, mit gesichtslosen Plattenbauten, mit unbekannten Gruppen-Übernachtungsgästen morgens im Badezimmer, ich würde, kurz gesagt, echt behaupten, ich hab schon einiges mitgemacht, so Wohnungs-technisch. Die traurige Wahrheit in Bezug auf meine Flexibilität holt mich aber jetzt gerade, kurz nach unserem letzten Umzug, ziemlich ein: Ich bin nicht flexibel, nicht mehr, und vielleicht war ich es auch gar nie wirklich.

Es ist nicht so, dass es mir nicht gefällt in unserer neuen Wohnung, bewahre, sie ist um Welten besser als unsere letzte. Es ist nur so, dass ich mich einfach an die Veränderung und das ganze Chaos, das eine solche Veränderung mit sich bringt, gewöhnen muss. Und es IST einiges anders, nicht nur einfach der Standort meines Bettes oder des Sofas. Mein Freund hat jetzt einen realen Arbeitsweg, für den er das Auto braucht, zum Beispiel. Es ist nicht so, dass mir das nicht bewusst war, als wir den Umzug ins Auge fassten. Aber es ist halt doch neu, dass ich das Auto kaum mehr benutzen kann, weil mein Freund ja eben 4mal pro Tag damit seinen Arbeitsweg zurück legen muss. Mein Freund kommt abends noch später nach Hause, als anderes Beispiel. Auch das, absehbar, aber halt doch einfach anders. Wenn er gegen 22:30 oder später nach Hause kommt, bin ich oft dermassen müde, dass ich kaum noch imstande bin, ein normales Gespräch zu führen. Ich muss mir einen Haufen neue Geschäfte suchen, als drittes Beispiel. All den Kram, den man halt nicht in jedem normalen Supermarkt bekommt, und durch meine sorgfältigere Wahl  (als früher) an sowohl Lebensmitteln wie auch Pflegeprodukte kommen da einige Sachen zusammen, muss ich jetzt wieder mühsam zusammensuchen. Ich war bisher in 2 Drogerien und 1 Apotheke, ohne dass ich ein Produkt gefunden hätte, das „meiner“ Reismilch, die ich täglich konsumierte, auch nur einigermassen nahe kommt. Ich bin noch weiter weg von meiner Familie und meiner Freundin, als letztes Beispiel. Weil ich selbst am Wochenende das Auto nur schlecht nutzen kann, sind Besuche schwieriger geworden.

Mein Freund hat auch Mühe, das überrascht mich nicht. Es geht uns beiden gerade sehr ähnlich, das hingegen überrascht mich sehr. Er kümmert sich wirklich rührend um mich und beseitigt nach und nach das Chaos in unserer Wohnung, „damit du nicht die Krise kriegst und wieder alle Räume betreten kannst“. Ich kann es mir, sei an dieser Stelle angefügt, nicht recht erklären, die Sache mit dem mich so verstörenden Chaos, war ich doch früher das personifizierte Chaos, meine ersten WG-Zimmer wären vom Tierschutz geräumt worden, wäre ich eine Springmaus, aber wie dem auch sei, es ist so, Chaos kann mich mittlerweile fertig machen.

Ich versuche, mit den Änderungen zurecht zu kommen, und ich werde das auch. Abgesehen davon hinterfrage ich mittlerweile auch gewisse „unantastbaren Konstanten“, die für mich jahrelang nie zur Debatte standen. Meine Medikamente, zum Beispiel. Nein, ich bin nicht bescheuert und setze sie ab, keine Angst… aber ich frage mich gerade wirklich, ob die Dosis noch stimmt, und ob die Einnahmezeit wohl wirklich klug ist. Es gibt diese bestimmte Form von Müdigkeit, die ich, und das wirklich erst seit dem Umzug, ziemlich direkt mit den Medis in Verbindung setze. Es ist dieser Zustand, wenn ich kaum noch sprechen kann, wenn meine Zunge schwer ist, als ob ich betrunken wäre. Die setzt üblicherweise so 1 – 2 Stunden nach der Einnahme ein. So zumindest beobachte ich das seit ein paar Wochen. Früher dachte ich „na ja, Schlafmangel, zu wenig Erholung, berufliche überforderung, kein Wunder, bin ich abends total fertig“. Mein Freund meinte kürzlich, ich solle weniger im Garten arbeiten, weil ich dann immer so müde wäre. Aber körperliche Müdigkeit fühlt sich anders an. Körperliche Müdigkeit, bzw. Erschöpfung nach körperlicher Arbeit, fühlt sich gut an. Ich brauche wohl dieses körperliche, das verschafft mir Bodenhaftung und löst meine innere Anspannung. Seit ich den Garten habe, war ich nie mehr so unsäglich angespannt abends, nur müde. 

Die Medikamente, die ich schlucke, wirken sedierend und werden normalerweise vor dem Schlafengehen eingenommen. Ich schlucke sie seit Jahren um 19 Uhr 15. Ganz einfach, weil ich Angst habe, dass ich sonst morgens nicht erwache und zu spät zur Arbeit komme. Ich habe jetzt beschlossen, ich stelle jetzt mal um. Ich nehme sie einfach mal eine Woche lang um 20:30. Ich versuche, zu merken, wie es mir damit geht.  Ja, das klingt idiotisch, man merkt ja schliesslich, wie es einem geht, nicht wahr? Tja, ich leider nicht immer. 

Vielleicht ist es bescheuert, in einer Zeit der Veränderungen, die man verarbeiten muss, auch noch selber Veränderungen hinzu zu fügen, die einen belasten könnten. Aber, und das ist das Positive der ganzen Geschichte, es kann im besten Fall vielleicht dazu führen, dass meine Lebensqualität wirklich steigt. Weil sich einiges verändert hat, weil ich mutig genug geworden bin, Sachen zu verändern. Warten wir es ab.

7 Gedanken zu “Veränderungen.

  1. Veränderungen sind zwar oft positiv, aber viele Menschen haben damit zu kämpfen. Trotzdem ist es wichtig – sonst verrosten wir und können uns nicht mehr bewegen.
    Allerdings finde ich ist ein Umzug schon immer eine große Sache!

    • Das tut gut zu hören. In meinem Alltag verstehen die meisten Mitmenschen nicht recht, warum mich das stresst. „Du hast dich doch so gefreut auf die neue Wohnung“, „aber es ist doch jetzt alles viel besser als vorher“. Das stimmt alles, aber ich stecke es halt trotzdem nicht so schnell weg, wie ich im Vorfeld dachte. Ich brauche einfach etwas Zeit, dann wird das schon.

      • Ja – ich brauche auch oft mehr Zeit für Umstellungen, als Andere.
        Am liebsten mag ich : Du bist ja noch jung, da ist man noch flexibel 😉

  2. Super Blog.
    Herzlichen Dank für die Offenheit und die spannenden Gedanken.
    Ich kann dir in vielem sehr mitfühlen.
    Ganz lieber Gruss

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