Die Liebe, Teil II.

Wir sind schon ewig zusammen. Über 12 Jahre, eine echte Langzeitbeziehung. Wenn ich zurück denke, bin ich manchmal fast ein wenig traurig. Es hat lange gedauert, bis ich mit unserer Beziehung so zufrieden war, wie ich es heute bin. Vieles wäre einfacher gewesen, wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich heute weiss. Ich ahnte schon lange, dass mit meinem Freund etwas nicht stimmt. Dass er anders ist als die meisten Männer in seinem Alter. Seit ich ihn kenne, hat er massive Probleme mit sich selber und massive Probleme bei der Arbeit. All die Nächte, in denen er nicht schlief, sondern Panikattacken schob. Hyperventilierte, wirres Zeug redete, manchmal auch weinte. Ich denke, so seit 10 Jahren versuchte ich, ihn zu einer Therapie zu überreden. Er wollte das nicht, er sagte, wenn er einmal bei einem Psychologen sei, werde er in eine Psychiatrie gesperrt. 

Wir waren gegen aussen einmal das, was man gemeinhin als normales junges Paar betrachtet. Beruflich mehr oder weniger erfolgreich, eines jener Paare, denen man ein gutes Einkommen, ein aktives Sozialleben, eine Perspektive mit Heirat, Kindern, Haus zuschrieb. Aber eben, in Wahrheit waren wir das nie.

Es ist nicht so, dass wir es nicht versucht hätten. Rückblickend würde ich sagen, genau das war das Problem. Wir versuchten, möglichst normal zu leben. So zu leben, wie es die ganzen anderen jungen Paare in meinem Bekanntenkreis taten. Es funktionierte nicht, es funktionierte nicht mal ansatzweise. Wenn ich daran denke, wie viel Druck ich meinem Freund in jenen Zeiten auferlegte, wird mir schlecht. Er hatte keine Freunde, er hatte eine völlig desaströse Familiensituation, er hatte ausser mir so gut wie keine Sozialkontakte. „Das ist nicht gut“, befand ich, „das muss ändern“. Als wir zusammenzogen, brachte ich ihn tatsächlich dazu, dass er in die Feuerwehr ging. „Dort lernst du andere Leute kennen“, meinte ich, „das wird dir gut tun“. Wie soll ich sagen, rückblickend könnte ich mich dafür ohrfeigen. Mein Freund ging hin, aber er war maximal gestresst. Er machte sich riesige Sorgen, dass er etwas falsch machen könnte und sich nicht an die ganzen Abläufe erinnern würde im Ernstfall. Als er dann auch noch das Pikett-Telefon für Notfälle hüten musste, eskalierte sein Stress völlig. Er schlief nicht mehr, weil er befürchtete, dass er das Notfall-Handy nicht hört und wegen ihm die halbe Stadt abbrennt. Er trat also wieder aus aus der Feuerwehr. Freunde hatte er dort übrigens keine gefunden, wer hätte das gedacht.

Mein Freund tat sich immer furchtbar schwer damit, wenn er mit mir irgendwo hin gehen sollte, wo andere Leute waren. Parties konnte er nicht ausstehen, aber auch diese Abendessen bei irgendeiner Freundin mit lauter anderen Pärchen waren ihm ein Graus. Ich erinnere mich, wie ich ihn anflehte, wenigstens ab und zu mitzukommen, weil meine Bekannten sonst denken würden, dass er gar nicht existiert und nur eine weitere absurde Halluzination von mir war. Noch schlimmer war es für ihn, wenn ich ihn in einen Nachtclub schleifen wollte, oder an irgend ein Fest. Er fühlt sich in Menschenmengen äusserst unwohl, er hat das Gefühl, alle würden ihn anstarren, machten sich über ihn lustig, was auch immer. Ich konnte das beim besten Willen nicht verstehen. Mein Freund ist ein wirklich gut aussehender, sportlicher Mann. „Du hast eine Sozialphobie“, diagnostizierte ich klugscheisserisch, „das kann man therapieren“. Aber er wollte keine Therapie.

Mein Freund verbrachte immer schon sehr viel Zeit vor seinem Computer. Den grössten Teil seiner freien Zeit, wenn er nicht gerade schlief. „Das ist nicht gut“, befand ich. Ich steckte viel Energie darin, ihn zu irgendwelchen Outdoor-Aktivitäten zu überreden – obwohl ich selber auch überhaupt nicht der Typ für sowas war. Aber es war doch das, was normale Pärchen in unserem Alter offenbar taten. Ausserdem konnte er, ganz egal, wo er gerade arbeitete, nie abschalten von der Arbeit. Er machte immer enorm viele unbezahlte Überstunden, um dann zu Hause quasi weiterzuarbeiten. Die Probleme bei der Arbeit nahm er mit nach Hause. „Du musst lernen, abzuschalten!!“, versuchte ich, ihm einzubläuen. Geholfen hat das wenig.

Es hat lange gedauert, bis ich diese Idee, dass wir ein normales Paar sein sollten, aufgab. Das, obschon bei mir ja immer klar war, dass ich definitiv nicht normal war. Seit ich 19 bin, habe ich den Stempel „psychisch krank“, früher hiess es „bipolare Störung“, seit ein paar Jahren heisst es „schizoaffektive Störung“. Das wusste ich, aber das hielt mich nicht davon ab, einem Ideal hinerher zu rennen, das überhaupt nicht zu uns gepasst hat. 

Was die Wende brachte, war dann für mich wirklich die Diagnose meines Freundes. Als es bei einem Arbeitgeber wieder einmal völlig eskalierte, musste er eine Therapie anfangen. Und dann kam eins nach dem anderen. IV, ein Gutachten, eine Diagnose, eine Teilrente. Er scheiterte auf dem Papier in aller Form, aber eigentlich wurde es ab da besser. Ich verstehe meinen Freund viel besser, seit ich seine Diagnose kenne. Es sind nicht einfach Depressionen, er hat eine anankastische Persönlichkeitsstörung. Er ist so, er wird immer so sein. Es ist nicht hilfreich, ihm ständig Druck zu machen. Er macht sich selber schon genug Druck. 

Ich liebe meinen Freund, und ich finde, wir passen sehr gut zusammen. Wir sind heute sehr glücklich miteinander. Es gibt immer noch Tage, an denen mein Freund an sich und der Welt verzweifelt. Dann ist er mutlos, fühlt sich als Versager, findet, er könne mir nichts bieten und sei nur eine Belastung. Aber diese Tage sind selten, und sie gehen vorbei. Häufiger sind die Tage, an denen wir zusammen lachen, einander Blödsinn erzählen, miteinander essen, miteinander blöde Serien gucken, miteinander reden, einander unterstützen. Wenn sich mein Freund vor seinen Computer zurückzieht, dann lasse ich ihn das machen. Ich habe genug Hobbies, die ich alleine machen kann. Und dann kommt er, sieht sich meine Bilder an, gibt Kommentare ab. Da ist sehr viel Nähe, sehr viel Vetrauen, sehr viel Geborgenheit. Wenn ich unter Leute gehen, was trinken, tanzen, mich jung fühlen will, dann mache ich das ohne ihn. Ich habe genug andere Menschen, mit denen ich das machen kann. 

Manchmal ist es auch heute noch irgendwie schön, wenn Menschen uns für eines dieser normalen Paare halten. Man sieht uns offenbar meistens nicht an, dass wir es nicht sind. Ich lächle dann, und denke: „Wenn du wüsstest.“ Nein, wir sind kein normales Paar, und wir werden das auch nie sein. Das ist in Ordnung. Sie hat uns dennoch gefunden, die Liebe.

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Ein Gedanke zu “Die Liebe, Teil II.

  1. wenn ich dir einen gutgemeinten Tipp geben würde, würde ich dir raten,kein wert auf die meinung fremder menschen zu geben. du kannst es ihnen nie recht machen, jemand findet immer etwas was einem stört. normal zu sein ist kein maß an dem man bei der heutigen gesellschaft stolz sein sollte.

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