Standortbestimmung.

In meinem pädagogischen Arbeitsalltag ist der Begriff Gang und Gäbe: Eine Standortbestimmung, die Schüler lernen das schnell, gibt es zweimal pro Kalenderjahr. Da werden im grossen Stil Befinden und Ziele besprochen und ausgewertet, da gibt jeder und jede den Senf dazu, Schülerin, Eltern, Lehrperson, Sozialpädagogin, Therapeutin und die pädagogische Leitung sitzen an einen Tisch, und dann geht sie los, die Standortbestimmung.

Mein eigener Standort dagegen, der wurde schon länger nicht mehr bestimmt. Ich möchte das hier deshalb nachholen, auch wenn diese Standortbestimmung sehr einseitig ausfallen wird. Ausser mir gibt nämlich voraussichtlich niemand den Senf dazu. Meine Psychologin, die für diese Aufgabe vermutlich gut ausgebildet wäre, die, nun, wie soll ich sagen, die gibt mir halt eher ein paar Tipps ab, so alle 2, 3 Monate (letztes Mal ging es um Laufschuhe, ihr erinnert euch?). Meine Eltern werde ich garantiert nicht befragen, wie sie meinen allgemeinen Zustand so einschätzen und mein Chef würde sich bei dieser Frage wohl vermutlich ausgiebig verlegen räuspern (meine berufliche Leistung beurteilt er hoffentlich bald beim längst fälligen Mitarbeitergespräch). Meinen Freund befrage ich auch nicht, nicht, weil mich seine Meinung nicht interessiert, sondern weil er mein Befinden häufig erst als bedenklich einstuft, wenn mein Verhalten ganz klar entgleist. Zusammenfassend: Ich bin mein einziger Experte, und entsprechend einseitig wird diese Einstufung ausfallen.

Warum ich überhaupt unbedingt analysieren möchte, wo ich stehe: Ich fühle mich mit meiner aktuellen Lebenslage oft überlastet. Ich fasse kurz die Umstände zusammen:

  • Mindestens 40 Arbeitsstunden pro Woche
  • 600mg Seroquel pro Tag
  • Schlafbedürfnis von mindestens 8 Stunden pro Nacht versus
  • durchschnittlich 6 bis 7 Stunden tatsächlicher Schlaf pro Nacht

Für meinen chronischen Schlafmangel gibt es gute Gründe, nämlich:

  • min. 16 Stunden Arbeitsweg pro Woche
  • Arbeitszeit meines Freundes: An 6 von 7 Wochentagen arbeitet er min. Bis um 22 Uhr, wodurch ich ihn entweder an 4 Tagen gar nicht sehe oder aber halt zu wenig schlafe
  • Das „Büro“ meines Freundes befindet sich im Schlafzimmer, wodurch ich versuchen muss, zu schlafen, während er im selben Raum am surrenden und blinkenden Computer arbeitet (mach das mal mit Einschlaf-Problemen)
  • Meine beiden Hobbies (Malen und Yoga) finden montags und dienstags statt, wodurch ich an diesen Tagen noch später nach Hause komme als eh schon
  • Allgemein akuter Mangel an „freier Zeit“ von Montag bis Freitag, sobald ich irgendwas zu Hause erledigen muss, verkürzt sich der Schlaf.

Das wärs. Nun zu meinem Befinden, hier erst mal die „Stolpersteine“, wie der Sozpäd so schön sagt:

  • Erschöpfungs-technisch montags bis freitags stets am Limit
  • Ab und zu psychosomatische Beschwerden (Verdauung, Kopfschmerzen)
  • an belastenden Arbeitstagen kann es zu Reizüberflutung, entgleister Anspannung und emotionaler Überforderung kommen (mein Kopf fühlt sich an wie ein Flipperkasten auf Ecstasy) –> noch weniger Schlaf
  • In oben genanntem Zustand fühle ich mich nach wie vor hilflos und weiss nicht, wie ich mich da wieder rausholen soll
  • Psychogene Schmerzen (fühlt sich an, als würde ich mich hauptsächlich an den Handgelenken selber verletzen)
  • „Normale“ Symptome wie Flashbacks, unkontrollierte Selbstgespräche, unkontrollierte Laute (Wimmern, Schreien), unkontrollierte Zuckungen und andere motorische Ticks
  • Ab und zu Paranoia, im „normalen“ Ausmass
  • Tage mit stark reduziertem Antrieb bis hin zur Apathie, in normalem Ausmass
  • Momente der globalen kognitiven Blockade, wenn ich etwas (simples) entscheiden sollte (kann bis zu 20 Minuten dauern)

Bevor es jetzt zu melodramatisch wird, flugs zur Abteilung „Gelungenes“:

  • Ich verspüre ein globales Gefühl der Zufriedenheit
  • unsere Beziehung läuft gerade richtig gut
  • Ich kann kreativ sein und das auch geniessen und teilen
  • Freundschaften kann ich im Grossen und Ganzen bewahren und pflegen
  • Der Haushalt entgleist nicht völlig (im Vergleich zu früher)
  • Ich kann meine freie Zeit geniessen (wenn auch nicht immer „sinnvoll“)
  • Ich habe – eher ungeplant – sowas wie „Hobbies“ entwickelt
  • Emotional bin ich für meine bipolaren Verhältnisse ziemlich stabil
  • Ich habe viel (und meist positiven) Kontakt zu meiner Familie
  • Ich nehme wahr, wenn etwas (körperlich, psychisch) nicht rund läuft, ich „spüre“ mich besser als früher
  • Ich bin ehrlicher zu mir selber in Bezug auf meine Belastbarkeit
  • Beruflich läuft es sehr gut
  • Ich habe nach wie vor hohe Ansprüche an meine Arbeit und realisiere besser als früher, was es braucht, damit ich das auch leisten kann
  • Ich „vegetiere“ bei der Arbeit nicht mehr vor mich hin an „schlechten Tagen“. Ich nähere mich dem Grundsatz: Wenn ich nicht arbeitsfähig bin, arbeite ich nicht.
  • Ich kann auch mal etwas Schönes absagen, was mir zu viel wird

Das wären sie, die Indizien. Sie auszuwerten fällt mir nicht schwer. Als mich meine Psychologin gefragt hat, warum ich denn „plötzlich“ nicht mehr zurecht komme mit meinem Arbeitspensum, bin ich im ersten Moment erschrocken. Muss ich mir Sorgen machen?, fragte ich mich. Steuere ich auf eine Krise zu? Bin ich nicht mehr belastbar, bin ich labil? Was ist los mit mir, dass ich mich „plötzlich“ überfordert und ausgelaugt fühle? Ich arbeite pensenmässig nicht mehr als früher, ich arbeite sogar ein paar Prozente weniger als eine Zeit lang.

Wenn ich mir aber alle Faktoren so ausbreite wie oben, ist mir klar: Nein, ich bin nicht labiler als vor zwei Jahren. Es geht mir über alles gesehen sehr gut, ich arbeite einfach zu viel und schlafe zu wenig. Warum mir das „plötzlich“ auffällt, hat viel mit dem Punkt „Ehrlichkeit mir selber gegenüber in Bezug auf meine Belastbarkeit“ zu tun. Ich war schon früher hart am Limit und einige Male klar drüber. Ich gestand mir das bloss nicht so deutlich ein. Ich vegetierte manchmal tagelang vor mich hin bei der Arbeit, weil ich völlig übermüdet und überlastet war. Das mache ich nicht mehr, zumindest nicht mehr in diesem Ausmass. Ich spüre mich einfach besser als früher, ich realisiere deutlicher, wenn ich am Limit bin. Ich erkenne Warnzeichen wie psychosomatische Symptome (Durchfall, Schmerzen im Darmbereich, Kopfschmerzen), nicht immer sofort, meistens sogar ziemlich verzögert, aber immerhin, ich erkenne sie. Ich realisiere, wie schlimm sich die beschriebene „Überreizung“ anfühlt, ich realisiere, dass ich danach mindestens einen ganzen Tag neben der Spur laufe.

Und dann kommen noch ein paar äussere Faktoren dazu, die meine Belastbarkeit seit geraumer Zeit negativ beeinflussen, die ich aber nicht beeinflussen kann. Dazu gehört der Job meines Freundes mit den genannten Arbeitszeiten. Seit gut einem Jahr arbeitet er so, vorher hatte er „normale“ Arbeitszeiten. Dazu gehört auch, dass ich im Rahmen von kantonalen Sparmassnahmen seit einem knappen Jahr eine Woche weniger bezahlte Ferien habe (4 anstatt 5). Das bedeutet, dass ich nun 9 Wochen (statt 8) vorarbeiten muss, was bei meinem 80%-Pensum bedeutet, dass sich mein Stundensoll von 40 auf knapp 42 Stunden pro Woche erhöht hat. Dazu gehört auch, dass meine Beziehung einfach viel besser läuft als früher und ich viel mehr Zeit mit meinem Freund verbringen möchte als früher. Was super ist! Aber das führt halt auch dazu, dass ich meist lieber zu wenig schlafe als nicht mehr mit ihm rede, abends. Und schliesslich noch etwas, was ich durchaus beeinflussen könnte: Ich mache seit 1.5 Jahren Yoga und besuche einen Malkurs. Auch das verkürzt meine Schlafzeit indirekt. Aber, ey!, ich mag meine Hobbies, sie tun mir gut, beide, und ich möchte sie nicht mehr missen. Lieber weniger arbeiten. Ja, meine Prioritäten haben sich verschoben.

Unter dem Strich: Ja, etwas muss ändern, dringend. Mein stetes Schlafmanko ist so nicht akzeptabel. Aber es ist nicht so, dass es mir schlecht geht. Eher so, dass ich bewusster lebe und höhere Ansprüche habe: Es reicht mir nicht mehr, mich irgendwie durchzuschlagen, wie ich das über Jahre hinweg getan habe, es reicht mir nicht mehr, stolz zu sein, dass ich, wenn auch komplett auf dem Zahnfleisch, arbeitstechnisch das gleiche Pensum bewältigen kann wie gesunde Menschen. Nein, ich will so viel mehr, mittlerweile. Und das ist gut so.

3 Gedanken zu “Standortbestimmung.

  1. “Und das ist gut so” – das wuerde ich unterschreiben, sehr sogar. Denn – wenn sicherlich auch mit mildernden Begleitumständen – kann ich die Klage nachvollziehen. Viel Arbeiten, regelmaessig zu wenig schlafen, ich hatte solche Zeiten im letzten Jahr und dabeo kommen dann eben so ‘vegetative Samstage’ heraus, wo man auf der Couch sitzen kann und sich damit schon voll zufrieden fühlt – irgendwo muss die Energie halt auch wieder herkommen.
    Wenn ich die Liste der Dinge, wo die Zeit bleibt so anschaue sticht dann halt vor allem der Arbeitsweg heraus: 3 Stunden Fahrerei pro Tag? Das ist verdammt viel Zeit, die da rein fuer den Transfer von A nach B draufgeht. Klar machen das hier viele, klar geowhent man sich daran. Aber es bleibt viel. Vielleicht laesst sich ja an dieser Zeitspanne etwas optimieren?

    • Vielleicht ist das auch ein Thema, das überhaupt nicht nur mit psychischen Krankheiten zu tun hat, sondern eher ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem darstellt, das halt in Kombination mit psychischen Krankheiten noch an Dramatik gewinnt (wie die meisten gesellschaftlichen Probleme das tun). Ich kenne so einige Menschen ohne psychische Störung, die sich im Alltag zunehmend aufreiben. Es gilt als normal und richtig, mindestens 42 Stunden pro Woche – besser noch, 45 oder mehr – zu arbeiten (ausser bei Frauen mit kleinen Kindern, die sollen sich hüten, so viel ausser Haus zu sein!). Es gilt als normal und richtig, dass die Arbeit, der Job an erster Stelle steht (gleiche Ausnahme wie vorher). Man soll arbeiten, schuften, erfolgreich sein. Alles andere ist zweitrangig. Und auch bei den Ausnahmen, den Frauen mit kleinen Kindern, geht man davon aus, dass sie ihre ganzen Bedürfnisse und Wünsche hinten anstellen, halt nicht hinten am Job, sondern hinten an den Kindern.
      Seinen Hobbies frönen, Zeit für sich zu haben, ohne Zeitdruck das machen, was einem gut tut, das kann man dann, wenn man pensioniert ist, wenn man dann über 45 Jahre lang geschuftet hat, dann hat man sich das dann verdient. Mit Mitte 30 dagegen, aber hallo, da hat man gefälligst noch zu darben.
      Ich hab da auch lange mitgemacht in diesem Zirkus, gerade, weil ich mich ständig beweisen wollte. Ich wollte unbedingt beweisen, dass ich sehr wohl hart arbeiten kann, dass ich meine Krankheit soweit im Griff habe, dass ich den allgemeinen Maßstäben nach „genüge“, ohne Krankheits-Bonus.
      Nach wie vor ist Arbeit und Beruf wichtig für mich. Aber es ist nicht mehr alles, was zählt. Ich muss arbeiten, aber ich muss nicht unbedingt mehr arbeiten, als dass ich mit meinem Einkommen über die Runden komme. Und, ich habe keine Ahnung, wie lange ich lebe. Ich hoffe schon, dass ich das Rentenalter erreiche, aber who knows, vielleicht werde ich nie so alt. Warum soll ich dann all meine Bedürfnisse und Wünsch aufsparen?

      • ich bin absolut der glichen meinung, obwohl ich my auch nachvollziehen kann…man will halt trotz krankheit teil dieser gesellschaft sein…meine meinung über den leistungsdruck der gesellschaft spare ich mir lieber

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