Experiment „Aufstehen und Joggen“.

Letzten Montag hatte ich einen Termin bei meiner Psychologin, seit etwa 2 Monaten hatte ich sie nicht mehr gesehen. Sie schien in Plauderlaune (wie so oft) und fragte mich nach aktuellen Anliegen. „Na ja“, ich hatte mir tatsächlich ein Thema überlegt, „die Sache mit dem Aufstehen, also, das ist halt wirklich ein Seich.“ (Ihr erinnert euch nicht? Kurzfassung: Ich stehe 06:10 oder meist erst 06:15 auf, um um 06:20 fluchtartig die Wohnung zu verlassen und den Bus um 06:25 zu erwischen. Etwa jeden zweiten bis jeden dritten Arbeitstag verschlafe ich.)

„Oh!“, die Psychologin hörte sich nach meiner kurzen Schilderung besorgt an, „das klingt ja nach einem furchtbaren Stress!“ „Ist es auch“, gab ich freimütig zu. „Also, das kann so nicht weitergehen“, meinte sie entschlossen, „Ihr Hirn hat das so abgespeichert, dass Aufstehen etwas saumässig Unangenehmes ist, weil Sie jeden Morgen so gestresst starten. Kein Wunder, dass Sie nicht aufstehen möchten!“ Und dann fing sie an, von ihren Jogging-Erlebnissen zu erzählen. Sie erzählt gerne. Ich erfuhr also, wie sie mit 32 („fast in Ihrem Alter, höhö!“) eine Wette verloren hatte und deswegen mit Joggen anfing. Auch sie hätte einen enorm vollen Tag gehabt, und darum sei sie immer morgens vor der Uni joggen gegangen. Ja, der Anfang sein hart gewesen, so früh auf, und dann raus, bei jedem Wetter, aber eben, ihr Hirn hätte das dann so als normaler Ablauf abgespeichert, und schliesslich habe es ihr richtig Spass gemacht. Es folgten viele Beschreibungen ihres Kampfes mit ihrem Gewicht, Tipps zur optimalen Fettverbrennung, die Schwierigkeiten, das Joggen auch jetzt, mit den beiden Kindern und dem Hund zu kombinieren, der Bericht einer furchtbaren Erfahrung, als ihr Kind eine Stunde lang weinend vor der verschlossenen Wohnungstür stand, als sie joggen war und dann ein Bogen zu den besten Anbietern von Laufschuhen („also, gute Schuhe kosten einfach ab 300 CHF, aber die Investition lohnt sich! Es gibt übrigens in der Nähe von XY einen Outlet, schauen Sie doch dort mal vorbei, aber lassen Sie sich unbedingt beraten!! Ich finde ja, Asics macht die besten Schuhe, aber es gibt auch ein interessantes Modell von Adidas…“).

Ich sass also da, während sie begeistert ein Fitness-Programm für mich plante, und überlegte, ob ich meine Skepsis nun offen zeigen oder einfach höflich für mich behalten sollte. Ich muss gestehen, ich war sanft angenervt. Das Problem mit dem Aufstehen begleitet mich seit über 20 Jahren. Das Ding ist ja, ich stehe nicht auf. Wenn ich mal aufgestanden bin, ab da funktioniere ich irgendwie, aber auch, um morgens joggen zu gehen, muss man erst mal aufstehen.

Dann (ich hatte lange Zeit, nachzudenken, da sie ja eben sehr gerne erzählt) beschloss ich schliesslich: „scheiss drauf, ich mache das jetzt einfach.“ Es ist ja so: Man wehrt sehr schnell Vorschläge ab, die einem nicht ins Konzept passen. „Das geht sowieso nicht“, ist etwas, was automatisiert und schnell als Antwort kommt, wenn irgendjemand einen gut gemeinten simplen „Lösungsvorschlag“ für ein doch sehr komplexes Problem bringt. Was habe ich schon zu verlieren, dachte ich. Ich habe Ferien zur Zeit. Ich kann alles mögliche ausprobieren in den nächsten zwei Wochen. Wenn es nicht funktioniert, habe ich nichts zu berfürchten, ich komme nicht zu spät, ich muss ja nicht arbeiten.

Auf einer Meta-Ebene ist es ja schon fast irgendwie süss, dass die Psychologin ihren Alltag, ihre Möglichkeiten und ihre Herausforderungen mit meinen gleichsetzt. Sie denkt offenbar, dass, was für sie möglich ist, doch auch für mich, ihre Patientin mit der schizoaffektiven Störung und den 600mg Seroquel pro Tag möglich sein sollte. Irgendwie völlig daneben, irgendwie aber auch sympathisch.

Jedenfalls, ich habs versucht. Ich habe mir eine Liste zum Abhaken gebastelt, ich habe mir eine Belohnung in Aussicht gestellt: Wenn ich das eine Woche durchziehe, darf ich mir neue Laufschuhe kaufen (ich weiss jetzt ja wo und welche…). Meine jetzigen gehörten einst meiner Schwester und sind voller Löcher.

Wie es läuft (in doppeltem Sinne, haha)? Bisher bin ich jeden Morgen als erstes nach dem Aufstehen joggen gegangen. Joggen, ich hab das früher eine Zeit lang regelmässig gemacht, tut mir gut, besonders meinem Rücken. So gesehen ein voller Erfolg. Aber: Wie erwähnt habe ich Ferien. Ich kann die Zeit des Aufstehens nach der Zeit des Schlafengehens richten. Ich achte darauf, dass dazwischen 8 bis 9 Stunden liegen, denn soviel Schlaf brauche ich eigentlich.  So, und jetzt zum Problem: Wenn ich arbeite, kann ich das nicht. Wenn ich nämlich meinen Freund sehen will, gehe ich, wenn es gut geht, um 23 Uhr schlafen. Um 05:15 müsste ich aufstehen, wenn ich joggen gehen würde. Das ist komplett illusorisch. Mit 6 Stunden 15 Schlaf kann ich nicht arbeiten, und nach mehreren solchen Nächten werde ich psychotisch. Bämm.

Tja. Manchmal unterscheidet sich die Lebensrealitäten von Psycholog*innen und ihren Patient*innen eben doch ganz minim.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s