Die Sache mit der Uni.

Er ist lange her, sehr lange, der Abbruch meines Studiums an der Uni, und rückwirkend kann man bei den lächerlichen 3 Semestern, die dieses insgesamt gedauert hatte, auch eher von einer „universitären Stippvisite“ sprechen. Ich war 18, als ich anfing, Ethnologie, Geschichte und Philosophie zu studieren, und ich war knapp 20, als ich damit wieder aufhörte. Ich habe an anderer Stelle davon erzählt, es waren grauenhafte, absolut desaströse 3 Semester, in denen ich völlig vereinsamte, schwer depressiv war, manchmal tagelang kein Wort sprach und Angst vor Menschen im Allgemeinen entwickelte. Die Psychose in den Semsterferien zwischen dem 2. und 3. Semester, selbstverständlich auf einem anderen Kontinent, wie es sich für mich gehört, war dann eigentlich nur noch das, was das Fass zum Überlaufen brachte und mich nach einem weiteren Semester, zugedröhnt mit Psychopharamaka, tatsächlich dazu brachte, dem Grauen ein Ende zu setzen.

Seither ist viel passiert, wie man so schön sagt. Manchmal grüble ich trotzdem daran herum. Nicht, dass ich denke, der Abbruch war ein Fehler, um Himmels Willen, nein, ich hätte diesen Scheiss schon nach 2 Wochen abbrechen sollen – leider gestand ich mir diese „Schwäche“ damals nicht ein. Alle anderen studierten auch, ich hatte schon als Kind erklärt, ich werde studieren gehen, etwas anderes gab es schlicht nicht in meinem Zukunftsplan – und als ich anfing, zu realisieren, dass mich das kaputt macht, fand ich, da muss ich jetzt durch, Augen zu und durch, mich einfach durchbeissen, fertig.
Nein, der Abbruch war das beste, was ich damals tun konnte. Aber manchmal bedauere ich einfach, dass diese Türe für mich verschlossen blieb. Wenn ich erzähle, warum, klinge ich vermutlich eingebildet. Aber hey, wenn ich irgendwo eingebildet klingen darf, dann ja wohl hier.

Ich ging gerne zur Schule, zumindest ab dem Obergymnasium, als ich nicht mehr täglich bespuckt, beschimpft, ausgeschlossen oder vor der versammelten Klasse von einem Lehrer bloss gestellt wurde. Das Gymnasium war für mich – wie gesagt erst ab diesem Zeitpunkt, aber immerhin – ein sicherer Ort. Das wurde mir erst Jahre später klar, als ich mich immer und immer wieder fragte, warum ich an der Uni gescheitert war. Ich war vielleicht faul, verpeilt und schwänzte mich durch die Tage, aber ich fühlte mich dort sicher und erhielt dort die einzige Form von Wertschätzung und Bestätigung, die ich je erhalten hatte – genau, durch meine Noten. Nicht in allen Fächern, klar, aber es gab ein paar, in denen war ich richtig gut, und obwohl ich das nie zugegeben hätte – es war mir in dem Alter schlicht auch nicht bewusst – war das das, woraus ich meinen ganzen fragilen Selbstwert bastelte. Ich war weder hübsch, noch schlagfertig noch wirklich cool, ich war nie beliebt, Jungs machten allesamt einen grossen Bogen um mich, in meinem Zuhause tobte das Chaos, meine Mama war in der Klinik, niemand kümmerte sich um mich ausser meinen drei Freunden im Gymi. Ich hatte nichts, ausser diesen 3 Freundschaften und der Anerkennung meiner Lehrerinnen und Lehrer.

Es kam vor, dass meine Aufsätze vorgelesen wurden, ich hatte super Noten in Geschichte und den Altsprachen, ohne dass ich viel geleistet hätte. Mein Deutschlehrer fand mich super, mit ihm führte ich messerscharfe Wortduelle zum Thema Feminismus, er vermittelte mir dadurch das Gefühl, zum erlauchten Kreis der akademischen Welt dazuzugehören. Ich, das Bauernkind in den zerlöcherten Jeans meines Bruders. Das schmeichelte mir, das liess mich hoffen. All diese Lehrpersonen, die mich auf eine besondere Weise ansahen, als trauten sie mir so unendlich viel zu, als hätte ich wirklich grosses Potential, das war es, woran sich mein kaputtes Ich halten konnte, das war es, was mich zuversichtich stimmte. Ich hatte vielleicht viel Scheisse geschluckt und würde nie einen Freund finden, aber meine intellektuellen Fähigkeiten würden mich aus diesem Loch rausholen, ich würde ein besseres Leben führen können, ich würde studieren gehen, ich würde super abschliessen, ich würde es allen beweisen, die mich fast zerstört hatten.

Wie wichtig mir diese Anerkennung gewesen war, erfuhr ich auf die harte Tour, als sie mit dem Beginn meines Studiums komplett wegbrach. Hier gab es keine Klassen, ich konnte mich sozial nicht zurechtfinden. Hier war ich eine von Tausenden, hier las niemand meine Texte vor. Hier war es den Dozenten scheissegal, ob ich zur Vorlesung aufkreuzte oder nicht. Hier fehlte ich niemandem. Hier interessierte sich niemand dafür, ob ich einen Text verstanden hatte oder nicht, hier gab es keine Noten mehr (bis zur Zwischenprüfung hatte ich nicht durchgehalten). Die Anonymität erdrückte mich, und ich verlor komplett die Orientierung. Ich erinnere mich an einen winzigen Lichtblick, als ich im Proseminar zur Wissenschaftsphilosophie einen Text abgeben musste und der Professor mich bei der Rückgabe fragte, ob ich wirklich erst im ersten Semester sei. „Ja“, antwortete ich mit dünner Stimme. „Das ist bemerkenswert. Wirklich bemerkenswert.“ Ich höre seine Stimme noch vor meinem inneren Ohr. Das war ein Kommentar, den ich so dringend gebraucht hätte, mehrmals täglich, am besten, den ich aber in den 3 Semestern wohl kaum 3mal erhielt. Ich ging unter, in der Masse, in der Flut an Pflichtlektüre, in der Organisation. Ich kam schlicht nicht zurecht und konnte mir nicht mal mehr Hilfe holen. Die 3 Freunde aus dem Gymi machten alle etwas ganz anderes als ich, in einer anderen Ecke des Landes, und fanden allesamt schnell neue Freunde. Ich hatte niemanden mehr.

Es war gut, und es war heilsam, wie sich meine berufliche Laufbahn nach dieser Katastrophe entwickelt hat. Aber ich frage mich manchmal, ob ich wohl jetzt, mit Mitte 30 und einem stabilen Umfeld, wohl ein universitäres Studium schaffen würde. Nach wie vor würde ich manchmal gerne zu diesem erlauchten akademischen Kreis gehören. Ich würde mich intellektuell gerne herausfordern, würde manchmal auch gerne mit anderen zusammen etwas wirklich Theoretisches erarbeiten. Ich würde mich in gewisse Fachrichtungen manchmal gerne richtig vertiefen. Als Sozialpädagogin weiss man ja zu vielen Themen irgendwas zu erzählen, in unterschiedlichen Disziplinen, aber meist ist dieses Wissen nur so eine Art Schnellbleiche, es fehlt die Tiefe. Ob ich wohl mithalten könnte, wenn ich mich irgendwann in diese Tiefe vorwagen würde? Ob ich die Anforderungen einer Uni, die ich mit 18 unmöglich erfüllen konnte, mittlerweile bewältigen könnte? Ob ich mit dem sozialen Gefüge zurecht kommen würde? Manchmal male ich mir aus, wie ich, Mitte 30, zusammen mit knapp 20jährigen in einer Vorlesung sitze und mit mildem Blick die ganzen Nachwehen der Pubertät und die ganzen Identitätsfindungen um mich herum belächle. Vielleicht wäre jetzt alles einfacher? Weil ich auch weniger Druck hätte, weil ich ja schon einen Beruf, ein Leben habe? Wer weiss.

2 Gedanken zu “Die Sache mit der Uni.

  1. Hallo,

    der Eintrag ist schon etwas älter, aber vielleicht interessiert es dich ja noch? Ich studiere selbst seit zu langer Zeit in einem der „alten“ Magister-Studiengänge und weiß gleichzeitig, wie sich die Uni in den letzten Jahren verändert hat. Ich kann gut nachvollziehen, wie schwer dir die Selbstorganisation gefallen bist und was du mit dem Untergehen in der Masse meinst; mir ging es ähnlich. Ich habe mich damals, zu Studienbeginn, in der studentischen Selbstverwaltung und Hochschulpolitik engagiert um nicht ganz unterzugehen in den vielen Studis und irgendwo Anschluss zu finden, habe Schleifen lassen, was ging, um irgendwie klarzukommen… und doch daran festgehalten, obwohl zwischendurch der große Knall kam und ich jahrelang aussetzen musste: Autismus-Diagnose, schwere Depression, PTBS. Arbeitsunfähig, studierunfähig, kaputt. Das hatte ich alles ein paar Semester zugunsten des „Funktionierens“ schon unterdrückt und dann ging erst mal gar nichts mehr. Aber hey, 9 Jahre Studium, ist ja auch was… oder so ähnlich. Bei mir scheint es jetzt aber doch noch mit dem Abschluss zu klappen.

    Aber, und das wollte ich eigentlich anmerken, heute ist das Studium in den (nicht mehr ganz so) neuen Studiengängen (Bachelor/Master) anders. Tatsächlich bekommen viele Studis vor allem im Bachelor in den ersten Semester einen Stundenplan vorgelegt, der nur wenig Platz für Variation lässt; alles wird benotet (manchmal in Sammelprüfungen für zwei oder drei Kurse auf einmal, aber immerhin das konsequent jedes Semester und so, dass die allermeisten Kurse abgedeckt werden). Falls du noch mal einen Versuch wagen solltest, wärst du also nicht nur selbst in einer anderen Situation, sondern auch die Universität hat sich deutlich verändert und vieles von dem, was dir damals schwer gefallen ist, ist heute gar nicht mehr so…

    LG,
    Amy

    • Liebe Amy, vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, du hast wohl recht, es hat sich viel verändert. Zu meiner Zeit damals gab es Bologna noch nicht, es gab keine ECTS, die Geisteswissenschaften waren quasi so gut wie gar nicht organisiert. Das wäre heute sicher anders.
      Es klingt für mich sehr beeindruckend, was du von deinem Studium erzählst. Dass du trotz deinen ganzen Schwierigkeiten und langer Auszeit weiterstudiert hast: Chapeau. Das ist echt bewundernswert.

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