Yoga.

Noch vor ein paar Jahren hätte ich bei der Vorstellung, dass ich freiwillig (!) mit Arbeitskolleg*innen in Sportkleidung auf Anweisung hin zu absurden Verrenkungen hörbar ein- und prustend wieder ausatme, kaputt gelacht. Wirklich. Ich bin – oder war – quasi der Anti-Yogi. Meditation ist mir ein Gräuel, mich auf Befehl zu verrenken erst recht, ausserdem stehe ich echt nicht darauf, meine Mitarbeitenden in knappen Leggins wohlig stöhnen zu hören – das Schlimmste jedoch an dieser ganzen Yoga-Kiste war für mich immer, dass mir da tatsächlich jemand vorschreiben will, wie und wann ich zu atmen habe. Ich meine, totalitärer geht es nicht, oder?! Wenn ich es schon in nie ausstehen konnte, wenn man mir z.B. bei einem Tischgespräch vorschreiben wollte, wann ich sprechen darf und wann nicht („jetzt reden die Männer, My!“), ist das mit dem Atmen echt die Krönung.

Nein, sinniere ich also, während ich auf dieser müffelnden Matte liege, ich hätte nie gedacht, dass ich sowas wie das hier je freiwillig machen würde. Nebst den erwähnten Aversionen hatte ich auch sehr lange nur beissenden Hohn und Spott für „Gspürschmi“-Zeugs übrig – und noch vorher, mit 19 nämlich, nach meiner ersten offizielle Psychose und meinem ersten Psychiatrieaufenthalt hatte die damalige Psychiaterin deutliche Worte: „Was Sie unbedingt meiden sollten, wenn Sie eine weitere Psychose verhindern wollen: Meditation, Yoga und Marihuana.“ (Ich bin mir nicht mehr sicher, ob sie das wirklich in dieser Reihenfolge aufgezählt hat, aber es erscheint mir rückwirkend sehr plausibel.) Ich erinnere mich jedenfalls noch, wie ich erklärte, der Verzicht auf Meditation und Yoga gehe für mich absolut in Ordnung, da ich sowas eh bescheuert fände, das mit dem Marihuana würde ich aber auch hinkriegen.

Es war der halbjährige „Aufenthalt“ in einer Tagesklinik nach dem Argentinien-Desaster 2012, der mich überhaupt je in Kontakt mit Yoga (im weitesten Sinne) brachte. Ich hatte dort lange Einzel- wie auch Gruppen-Bewegungstherapie bei einer charismatischen Frau, die mich begeisterte. Es war eine extreme Überraschung für mich ungelenken Sportmuffel, dass mir Bewegung Spass machen kann. Ich durfte viel tanzen, sie brachte immer wieder neue, aufregende Musik mit, zu der ich mich frei bewegen durfte.
Und sie zeigte eben auch immer wieder Elemente aus dem Yoga vor, oft mitten im Wald, majestätische Posen, die so viel Stärke und Stolz ausstrahlten, dass ich bald total fasziniert davon war. Ich war komplett verwirrt, post-psychotisch und hörte Stimmen, aber ich war eben auch extrem empfindsam in dieser Zeit. Ich nahm sehr viele körperliche Empfindungen so intensiv wahr wie noch nie in meinem Leben. Ich spürte, wenn mir unbehaglich war, wie sich die Härchen auf meinem Arm aufstellten, ich fühlte, wie meine Hand warm oder kalt wurde, Dinge, die ich so noch nie gefühlt hatte. Und ich war fasziniert von diesen mächtigen Figuren, welche die Bewegungstherapeutin vorzeigte, die im psychotisch-mystischen Geschwurbel meiner Hirnwindungen ihre eigenen Geschichten, ihr eigenes Leben bekamen. Mein Kopf schwirrte ob all der Symbolik und dem ganzen Sinnesrausch, dem Lichteinfall im Wald, das Gefühl meiner Fusssohlen, die wilde Musik, und ich weiss noch, wie ich die Therapeutin fragte, ob sie mir einen Yoga-Kurs empfehlen könne. Leider war dann alles zu teuer (Argentinien hat mich finanziell ruiniert), und mit zunehmender Genesung verwarf ich dies zusammen mit tausend anderen Selbstfindungsideen. Ich hatte dann auch andere Themen, ich fand eine neue Stelle, konnte endlich wieder arbeiten, musste mich wieder an einen normalen Arbeitsrhythmus gewöhnen.

Heute, vier Jahre später, liege ich immer noch auf der Matte. „Streck die Beine aus… die Arme auf die Seiten, Handfläche gegen oben… lass alles los, lass alles gehen…“, diktiert der Yoga-Drillsergeant gerade, wir sind offenbar bei der „Schlussentspannung“ angekommen. Soso, kalauere ich innerlich automatisch, ich soll also alles loslassen, alles gehen lassen, wirklich alles? Ob sich der Ober-Yogi da wohl sicher war? Meine Blase, beispielsweise, könnte es nicht auch in seinem Interesse liegen, dass ich dort eine gewisse Restanspannung behalte? Wie so oft fühle ich mich total witzig und geistreich, und wie so oft bekommt das leider niemand ausser mir mit. Wie schade!
Während er gerade sagt „… dann denkt ihr nur noch ans Atmen… und dann denkt ihr nichts mehr“, geht das mit den inneren Witzen schon wieder los. Nichts denken, haha, welch ein hehrer Wunsch, mein Lieber, nimm mal meinen Kopf und verbiete dem, zu denken. Ich bin sehr gespannt, wie du das fertig bringen willst. Aber hey: Heute bin ich immerhin so gelassen, dass ich nicht die ganze Zeit die Sekunden zähle und mir ausrechne, wie lange diese Scheiss-Entspannung noch so geht. Dass man mir vorschreibt, wie und wann ich zu atmen habe, damit habe ich mich nach 1.5 Jahren Yoga arrangiert. Aber mich auf Befehl zu entspannen, das schaffe ich nach wie vor nur kläglich. Während die ältere Dame neben mir hörbar entspannt atmet – ob sie wohl wieder eingenickt ist? Wie man bei sowas bloss einnicken kann?!? – gehe ich meine beiden Durchläufe einer Präsentation am Morgen gedanklich zum xten Mal nochmal durch. Ob ich auch wirklich die besten Beispiele erzählt habe? Hätte ich noch ein weiteres Buch zum Thema nennen sollen? War die Erwähnung einer bestimmten Geschichte auch wirklich eine gute Idee gewesen? Hätte ich den Dauer-Laberer energischer abwürgen sollen? Hätte ich nicht laut lachen sollen, als eine Mitarbeiterin total ernsthaft erzählte, dass ich ihr quasi die Sommerferien versaut hatte, weil meine Info zu Autismus davor solch immensen Ängste vor einem neuen Kind bei ihr geweckt zu haben scheint? Und sowieso, hätte ich nicht noch dieses und jenes erwähnen sollen? Aber ich hatte ja schon so zeitlich massiv überzogen?!

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Während ich also so vor mich hindenke, merke ich plötzlich, dass die anderen schon lange wieder im Schneidersitz sitzen. Heilandsack. Zum Glück sind ihre Augen kollektiv geschlossen (meine dagegen immer nur die ersten Sekunden lang, bis niemand mehr sieht, dass ich meine wieder öffne). Ich setze mich also möglichst leise auf und verharre dann in der selben Position wie die anderen.
Warum ich mir das seit anderthalb Jahren antue? Die Sache mit dem Atmen, die Sache mit dem Verrenken, die Sache mit den Mitarbeitenden in knappen Leggins und sogar die Sache mit der Scheiss-Entspannung?
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Nun, es gibt gute Gründe. Dass meine Körperwahrnehmung total bescheiden funktioniert, das wurde mir ja wirklich erst in den letzten 4 Jahren bewusst. Yoga ist eine Möglichkeit, daran zu arbeiten. Das Verrenken auf Befehl war mir jahrzehntelang ein Gräuel, und zwar, weil ich nie wusste, was zur Hölle ich tun sollte. „Die linke Hüfte nach vorne“ – was bedeutet das? Ich war ja schon für den ganz profanen Turnunterricht zu blöd, weil ich nie schnallte, was zur Hölle ich mit meinen ungelenken Gliedmassen anstellen sollte. Klar, ich hatte auch nie genug Ausdauer und Kraft, aber wie sollte ich sowas auch aufbauen, wenn ich keine einzige Übung korrekt nachmachen konnte. Ich kann mich nur wiederholen: Yoga ist eine Möglichkeit (von vermutlich vielen), daran zu arbeiten. Ich lerne durch Wiederholung. Ich lerne dadurch, dass der Ober-Yogi an mir herumzerrt, bis ich die Figur richtig darstelle. Nein, ich mag es nicht besonders, von ihm angefasst zu werden, aber ich komme damit klar, wenn ich mir sage, dass mir das hilft, etwas richtig zu machen. Ich lerne auch durch abschauen, kontrollieren, wie es die anderen machen. Ich brauche sehr viel Zeit, bis ich eine Figur kann. Aber wenn ich es geschafft habe, dann vergesse ich es auch nicht mehr so schnell. Ich übe auch zu Hause, nicht sehr oft, aber eben doch manchmal, und das hilft. Nach 1.5 Jahren beherrsche ich die simplen Grundhaltungen. Mehr nicht. Aber das ist ok.
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Was mir das bringt? Ich übe, meinen Körper besser wahrzunehmen. Ich werde beweglicher und baue Muskeln auf, ich bin fitter, habe weniger Rückenschmerzen. Ich bin stolz auf erste „Erfolge“, dass ich jetzt Übungen kann, die vor einem Jahr noch als für mich unerreichbar schienen. Und ich hoffe tatsächlich, dass ich psychische Anspannungen auch körperlich abbauen lerne. Nach 1 Stunde Yoga beim Drill-Sergeant bin ich k.o. Da habe ich schlicht nicht mehr die Kraft, psychisch heisszulaufen. Vielleicht wird sogar das mit der Entspannung auf Anweisung (oder zumindest auf innere Anweisung) irgendwann besser. Es gibt diese kurzen Momente, wenn ich, körperlich total ermattet, daliege und ein paar Sekunden, wenn überhaupt, diese innere Ruhe, positive Leere und Leichtigkeit verspüre, die andere offenbar problemlos während 20 Minuten verspüren können.
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Es sind diese winzigen Momente, die mich erahnen lassen, was sich da für eine Welt vor mir verbirgt, und die mich hoffen lassen, dass ich sie, Sekunde um Sekunde, Milimeter um Milimeter, zu betreten lernen kann. Mit Yoga.
Namaste.

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