„Stell dir vor, da steht ein Schizophrener vor einer Klasse.“

Weiterbildungstag, Mittagspause: Ich sitze mit 7 Mitstudierenden (ausser mir alles Lehrpersonen / Heilpädagogen) in einem Restaurant, die meisten haben schon fertig gegessen, das Gespräch ist lebhaft, ich kam gerade von Klo und hatte deswegen den Einstieg verpasst. Offenbar geht es gerade um den Beamtenstatus von Lehrpersonen in Deutschland, zwei meiner Tischnachbarinnen kommen ursprünglich aus Deutschland und haben offenbar dieses merkwürdig klingende Verfahren hinter sich gebracht. „Wirklich schlimm fand ich ja auch diesen Gesundheitscheck“, erzählt eine von ihnen, „da musstest du ja nachweisen, dass du nie wirklich krank warst, dass auch in deiner Familie keine schweren Erbkrankheiten vorkommen und dein BMI im Normbereich liegt.“ Da mische ich mich ins Gespräch ein: „Das ist jetzt nicht dein Ernst?! Dein Gewicht hat Einfluss darauf, ob du den Beamtenstatus erhältst oder nicht?!“ Die Kollegin zuckt resigniert mit den Schultern: „Doch, das ist so. Ich war einige Kilos zu leicht und musste zu einer Ernährungsberatung.“ „Und du darfst keine „gravierenden Krankheiten“ haben?! Was ist mit Hör- oder Sehbehinderungen? Was ist mit Diabetes? Was ist mit körperlichen Behinderungen? Was ist mit psychischen Krankheiten?!“ Die andere Kollegin schüttelt den Kopf. „Das geht alles nicht. Könnte ja sein, dass du deswegen länger ausfällst.“ Ich schnappe nach Luft. „Und was ist, wenn du zum Zeitpunkt dieser Beamtenstatus-Sache kerngesund bist und dann Jahre später dein Mann stirbt und du in eine Depression rutschst?!“ „Dann hattest du quasi „Glück“, weil wegnehmen können sie dir den Status nicht mehr. Fakt ist, sie wollen grundsätzlich nur „kerngesunde“ Beamte.“

An diesem Punkt des Gespräches höre ich in meinem Kopf ein knirschendes Geräusch, das Geräusch, wenn eine Sicherung Feuer fängt und bald darauf in aller Form durchbrennen wird. „Aber… huere Siech!! Bedeutet das, jemand mit einer chronischer Krankheit oder Behinderung kann keine gute Lehrperson sein oder was?! Was zur Hölle steckt da für ein Menschenbild dahinter?! Wie zur Hölle sollen wir Kindern „Toleranz“, „Inklusion“, Chancengleichheit, all die Sachen vorleben, wenn die Vorbilder und Pädagogen in einem solch massiv exklusiven System ausgewählt werden?! Warum kann jemand im Rollstuhl, jemand mit Diabetes oder jemand, der eine Depression durchlebt hatte, quasi nicht in „gut“ genug sein für diesen Status?!“ Ich schnappe nach Luft. „Na ja“, ergreift der Heilpädagoge mir gegenüber das Wort, „du musst halt auch die ökonomische Seite sehen. Willst du wirklich Angestellte, die nicht belastbar sind oder eventuell immer wieder ausfallen?“ „Huere Siech“, meine Stimme wird immer lauter, erkenne ich in dem Bruchteil eines Moments, als sich die Personen am Nebentisch zu mir umdrehen, „hast du wirklich das Gefühl, dass du durch eine solche Auswahl künftige personellen Ausfälle verhindern kannst? Du kannst genetisch perfekt sein, eine genetisch perfekte Ahnenreihe haben, den perfekten BMI aufweisen, und dann brichst du dir im Skiurlaub beide Beine und fällst dennoch enorm lange aus!! Und, verdammt, sogar wenn du eine psychische Krankheit hast, heisst das nicht, dass du ständig ausfällst oder deinen Job als Lehrperson nicht genau so gut erledigst wie der Kollege aus dem einwandfreien Genpool!“ „Also, jein, würde ich sagen“, der Heilpädagoge runzelt seine Stirn, „du willst doch nicht, dass da ein schizophrener Typ vor einer Klasse steht und einen psychotischen Schub durchmacht, also, da hört es dann doch echt auf.“

Wie soll ich sagen, ich habe das Gespräch mit dem Heilpädagogen dann abgebrochen, weil ich merkte, dass mein Drang, ihn zu schlagen, immer grösser wird. Das Thema liess mich aber auch für den Rest des Tages nicht los. Ich habe es mit einer der deutschen Kolleginnen noch mal angesprochen, und im Gegensatz zu unserem männlichen Kollegen war sie absolut meiner Meinung. Ich könnte die Auseinandersetzung mit dem Kollegen jetzt daher auch unter „Diskussionen mit Idioten“ ablegen und es gut sein lassen, mit der Idee „er ist halt ein ignorantes Arschloch und weiss es nicht besser“.

Es gelingt mir aber nicht wirklich. Der Mann ist Primarlehrer und hat den Master in Heilpädagogik. Wenn der so tickt, dann hat das eine weit grössere Bedeutung für mich als wenn er, keine Ahnung, Architekt oder Metzger wäre. Wenn der so tickt, und da spielen subjektive unschöne Erlebnisse in meinem beruflichen Werdegang hinein, sich auch noch getraut, diese Meinung so zu vertreten, dann wird er sich ausreichend weit abgestützt fühlen durch andere pädagogische Berufsleute. Ich hatte nicht das Gefühl – und da mag ich mich auch täuschen, aber anyway – dass er mich „nur“ provozieren wollte. Ich hatte vielmehr ganz fest das Gefühl, dass das seine tiefste Überzeugung ausdrückt. „Wir (genetisch einwandfreien, kerngesunden Lehrpersonen) vs. ‚Das Pack‘„, ich hatte mich da bereits einmal dazu ausgelassen.

„Niemand kann Schizophrene in einem pädagogischen Beruf wollen“, „psychisch Kranke sind für pädagogische Berufe nicht geeignet“, „Menschen mit Behinderungen oder Krankheiten sind für pädagogische Berufe nicht geeignet“, „Menschen mit Behinderungen oder Krankheiten sind für „wichtige“ Berufe nicht geeignet“, man kann die Quintessenz dieser Meinung spezifischer oder genereller einordnen, auch je nach dem, wie viele innere Sicherungen bei diesen Äusserungen gerade so durchgebrannt sind. Und, so nebenbei, ganz offensichtlich ist die letztgenannte Quintessenz immerhin dermassen verbreitet, dass es in Deutschland zu einer klaren Exklusion von sehr, sehr vielen Menschen kommt, wenn es um Privilegien wie einen Beamtenstatus geht. Da kann man in meinen Augen dann schon von einem „gesellschaftlichen Grundproblem“ reden, das geht über die Relation „ignorantes (Einzel-) Arschloch“ weit hinaus.

Es geht mir übrigens nicht darum, das deutsche System „Beamtenstatus“ auseinander zu nehmen, dafür kenne ich es schlicht viel zu wenig. Ich habe auch nicht das Gefühl, „OMG, die Deutschen sind ja offenbar total schlimm drauf“, nein, der Grund, warum ich hier einen solch langen Text zu diesem Thema poste, ist wirklich die Erfahrung, dass mein sehr schweizerischer Studienkollege nicht alleine ist mit dieser Denke. Dass auch hier in der Schweiz so viele Pädagogen irgendwas von Integration oder gar Inklusion schwafeln (müssen), sich aber selber nicht vorstellen können, einen schizophrenen Mitarbeiter zu haben. „Bei Schizophrenie hört es dann ja wirklich auf“, ist der Groove, aber auch „nur“ depressive Mitarbeiter sind ja voll mühsam bis nicht vorstellbar, weil die ständig ausfallen und „einfach nicht im richtigen Job“ zu Hause sind – weil „da muss man ja echt belastbar sein“.

Und ich? Ich hätte den Heilpädagogen wirklich gerne geohrfeigt, ausserdem war ein Impuls, ihn anzuschreien „ich habe eine schizo-affektive Störung und ich bin verdammt gut in meinem Job, du Sack!“ Aber wir sassen in einem Restaurant, 6 weitere Kolleginnen und jede Menge Fremde waren anwesend, und weder die Ohrfeige noch ein ungeplantes, völlig emotionales Outing meiner Krankheit hätte ich im Nachhinein wohl als gute Reaktion eingestuft – also liess ich beides bleiben. Im Klartext, ich war unglaublich wütend, mittlerweile bin ich eher traurig und verletzt. Es tut weh!! Ins Gesicht gesagt zu bekommen, dass ausgerechnet „mein“ Krankheitsbild (jaja, ich habe nicht Schizophrenie, aber so weit weg ist meine Krankheit da nicht, und psychotisch war ich ja echt schon einige Male) wirklich undenkbar bis „absurd“ ist im Zusammenhang mit pädagogischen Berufen, das tut wirklich unglaublich weh. Im Prinzip fühlt sich das an, als ob er gesagt hätte: „Du bist völlig unberechenbar“, „du bist eine Gefahr für die Kinder, die du betreust“, „niemand kann wollen, dass du diesen Beruf ausübst“. Und das, ich kann mich nur wiederholen, das tut verdammt weh, vor allem, wenn ich mit vorstelle, dass da nicht nur dieses eine Arschloch spricht, sondern dass er das stellvertretend für eine breite Mehrheit tut. Da kann ich fachlich gegen diese Haltung argumentieren wie ich will – und ich bin sicher, dass ich auch fachlich Recht habe – letztendlich geht es um mich, meine Person, das Gefühl, dass, ganz egal wie gut ich arbeite, wie kompetent ich werde, wie viel Lob und Anerkennung ich auch erhalte, ich in den Augen solcher Menschen NIE auf ihrer Stufe stehen werde, sondern beim Abschaum weit unter ihnen bleibe, wenn sie denn um meine Diagnose wissen.

Ich hatte so viel Hoffnung geschöpft beim Outing einer befreundeten Person, und jetzt im Moment fühle ich mich wieder absolut unfähig, mich selber im beruflichen Umfeld je zu outen. Vielen Dank auch, Arschloch.

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2 Gedanken zu “„Stell dir vor, da steht ein Schizophrener vor einer Klasse.“

  1. Ich war in einer Regelschule, mit unerkannter Behinderung und hätte vermutlich enorm davon profitiert, hätte es sichtbar behinderte (oder eben „kranke“) Lehrer an sämtlichen meiner Schulen gegeben. Es wäre vielleicht zu weniger Streits mit ignoranten Lehrern gekommen, oder ich hätte mich sicher dabei gefühlt, meine depressiven Stimmungen jemandem mitzuteilen. Ich hatte durchaus auch gute Lehrer, ich meine jetzt nicht, dass die alle furchtbar waren. Aber eine diverse Schülerschaft profitiert so ziemlich immer von einer diversen Lehrerschaft.

    • Danke für dein Statement! Ich persönlich finde ja auch, dass meine psychische Krankheit dazu führt, dass ich meine Klientel teilweise besser verstehen kann, bzw., dass ich halt wirklich auch die Kinder und Jugendlichen so annehmen und akzeptieren kann, wie sie sind. Dass ich mich gegen Mobbing vehement einsetze und mich für Toleranz und Respekt einsetze. Ich glaube nicht, dass ich jetzt in meinem Fall sinnvoll fände, gegenüber der Schülerschaft oder gegenüber den Eltern meine Krankheit transparent zu machen. Die Schüler würde das vielleicht nur verunsichern, und die Eltern hätten vielleicht grosse Sorgen. „Schizoaffektive Störung“ klingt schon ganz schön krass. Ich glaube aber, dass sich die Haltung der Lehrerschaft / Pädagogik in einem Betrieb den Kindern mit sozialer Auffälligkeit gegenüber verändern könnte, wenn klar ist, dass auch Pädagogen mit Behinderungen / Krankheiten / Auffälligkeiten angestellt sind. Wer erfährt „ein Behinderter / Kranker ist beruflich auf der selben Stufe wie ich“ (oder gar mein Chef), der wird sich mit eigenen Menschenbildern im
      besten Fall noch einmal auseinander setzen.

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