Rückfälle.

Ich bin zurück gefallen. Von einem paradisischen Ferienland mit konstanten 28 – 31 Grad Celsius in ein herbstlich kaltes mitteleuropäisches Alltags-Land. In ein herbstlich kaltes Alltags-Leben. Diesen Rückfall steckte ich alles in allem betrachtet dann doch nicht ganz so elegant weg, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es fing damit an, dass unser Rückflug gestrichen wurde, einfach so. „Das hatte ich anders geplant!!“, schimpfte ich vor mich hin. Den abgestürzten Board-Computer beeindruckte das nur wenig, und so verbrachten wir eine weitere, ebenso ungeplante Nacht in einem Flughafen-Hotel, sowie am Tag darauf einen gänzlich ungeplanten Tages-Flug. Eigentlich wären wir durch die Nacht geflogen und ich hätte die Zeitverschiebung mit Schlaftabletten austricksen wollen, doch auch das interessierte den Board-Computer kein bisschen. So flogen wir durch den Tag, landeten morgens um halb 5 Ortszeit in einer europäischen Hauptstadt und waren schliesslich irgendwann am Nachmittag zu Hause. Da mir so ein ganzer Ferientag zwecks Jetlag-Neutralisierung flöten ging und mich seit Tagen ein äusserst hartnäckiger Ganzkörper-Ausschlag samt höllischem Juckreiz begleitete, fackelte ich nicht lange und meldete mich am nächsten Tag krank. In der Folge fühlte ich mich am nächsten Tag wieder einigermassen hergestellt und ging arbeiten. „Du siehst aber nicht gut aus“, kommentierten mich meine Mitarbeitenden, und spätestens ab dem Mittag machte mein Magen Radau. Ich kämpfte mich irgendwie durch den Nachmittag, wurde daraufhin Opfer eines ÖV-Debakels und kam so sehr viel später als geplant (einmal mehr!) nach Hause. Irgendwann an diesem Abend kollabierten dann all die Ungeplantheiten, und nach einer wiederum ungeplanten Magen-Entleerung war dann klar, dass ich am nächsten Tag wieder nicht arbeiten ging. Und am übernächsten auch nicht.

Es ist so: Normalerweise gehe ich arbeiten, auch wenn ich angeschlagen bin. Ich gehe nicht arbeiten, wenn ich Fieber habe, und ich gehe nicht arbeiten, wenn ich die ganze Nacht erbrechen musste, aber sonst, da bin ich ziemlich strikt, gehe ich. Das hat gute Gründe: Ich will verhindern, dass ich zu viele Krankheitstage habe. Weil, man weiss es nie, ich plötzlich psychotisch werden kann und dann vielleicht plötzlich mehrere Monate fehle. Es ist mir sehr wichtig, dass, falls das eintreffen sollte, ich im Betrieb nicht den Ruf habe, viel krank zu sein. Wobei sein kann, dass das im Fall der Fälle überhaupt keine Rolle spielt, nicht wahr, Igor (dort hatte ich in 1.5 Jahren exakt 1 Tag wegen Fieber gefehlt, bis ich wegen der Psychose 1.5 Wochen fehlte – und dann den Schuh an den Arsch kriegte). Wie dem auch sei, ich bilde mir ein, dass ich in einem Betrieb, in dem ich seit 3.5 Jahren arbeite und erst vielleicht 4 Tage krank war, auf etwas mehr Verständnis und Grosszügigkeit stossen würde, sollte ich wirklich in eine psychische Krise rutschen. Man weiss natürlich nie, ob dem so ist, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Warum ich also meinen Krankheitstage-Saldo so fahrlässig entgleisen liess? Ich habe Angst um meine Gesundheit. Nicht wegen dem bescheuerten, wenn auch extrem hartnäckigen Ausschlag, auch nicht wegen einmal kotzen – ich bin sicher, das hatte mehr mit dem Jetlag / Kulturschock zu tun. Sondern um mein psychisches Wohlbefinden. Die Ferien waren wunderbar, aber die letzte Woche beweist, dass solche Reisen wohl immer ein Spiel mit dem Feuer sein werden. Ich bin nicht dermassen stabil, wie ich das gerne wäre.

Bereits vor dem Flug-Verschiebungs-Desaster hatte ich im Flughafen auf der anderen Seite des Atlantiks eine kurze, aber nicht zu unterschätzende Panikattacke. Grund dafür war, und derselbe ist bescheuert genug, dass wir von einem Taxifahrer um 20 Dollar beschissen wurden. Ich merkte es, aber einen Tick zu spät. Und dann entgleiste ich emotional ziemlich. Mein Freund versuchte, mir zu erklären, dass das nur Geld ist, aber darum ging es nicht. Ich weiss nicht, was, aber irgendwas in meinem Kopf war verrutscht. Ich dekompensierte dort mitten im Flughafen, mitten in den Leuten, und zwar möglichst unauffällig, man könnte auch sagen, ich kontrollierte mich mit einem unvorstellbaren Energieaufwand. Ich weiss, nicht, was das sollte, es ging mir nicht um die 20 Dollar, aber ich fühlte mich so hilflos, und irgendwas in meinem Kopf katapultierte mich um Jahre zurück nach Argentinien. Wir waren ausserdem viel zu spät am Flughafen, wir hatten nicht bedacht, dass wir noch diverse Formalitäten erledigen mussten. „Hurry, hurry!!“, das hörten wir immer wieder, wir füllten im EIltempo Formulare aus und rannten durch den Zoll und die Sicherheitskontrollen. Dabei führte ich Selbstgespräche, riss mich an den Haare, grub meine Fingernägel so tief in meinen Unterarm, dass es ein Wunder war, dass sie nicht auf der anderen Seite wieder zum Vorschein kamen. Ich schlug mit der Faust gegen meine Stirn, immer wieder, und immer möglichst unauffällig, denn welcher Polizist freut sich schon über eine aufstickende Touristin in der Sicherheitskontrolle. Ich war fix und fertig, als wir endlich beim Gate ankamen, wo der Flug erst eine, dann zwei Stunden verschoben wurde und schliesslich ganz ausfiel. (Wie man sich unauffällig mit der Faust gegen die Stirn schlägt? Tja, ich sollte Kurse geben.)

Zurück in unserem kalten, sauberen Heimatland redete ich mir schnell ein, dass ich dieses Mal ohne Kulturschock auskomme und alles bestens ist. Aber das war gelogen. Ich lebe gerne hier, und ich mag meinen Job. Nichtsdestotrotz, vielleicht ist es bei mir einfach immer noch so, wie in der (vermutlich rassistisch-verklärenden) Legende um ein indigenes Volk, in dem es laut nicht belegbaren Quellen üblich war, nach einem schnellen Ritt zu Pferd auf den Boden zu sitzen und zu warten, bis die Seele einen eingeholt hatte. Und, wie soll ich sagen, bis meine Seele gut 8500 km zurückgelegt hatt, dauert es wohl einfach etwa eine Woche. In dieser Zeit sollte ich wohl einfach zu Hause auf dem Boden sitzen und warten. Oder zumindest nicht versuchen, meinen ganz normalen Arbeitsalltag, inklusive 3 Stunden im ÖV,
zu bestreiten.

Und jetzt? Jetzt werde ich versuchen, nächste Woche wieder zu 100% zu funktionieren. Beruflich und privat zu leisten, was von mir erwartet wird. Hoffen wir das Beste.

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