Aurélie.

Sie trat per Zufall in mein junges Leben. Ich suchte ein bezahlbares, zentrales WG-Zimmer, sie hatte ein bezahlbares, zentrales WG-Zimmer. Es war nicht die einzige WG, die ich besichtigen ging, allerdings die einzige, die für mich auch nur annähernd in Frage kam. Es war ein regnerischer Tag, als ich das erste Mal dort in der chaotischen Küche sass, mit zwei jungen Frauen vis-a-vis. „Wie, äh, ist das denn so…“, fragte ich vorsichtig und senkte den Blick auf meinen schwarz lackierten, linken kleinen Fingernagel – der einzige meiner 10 Fingernägel mit Lack, übrigens, ich fand diese Form von Rebellion gegen die gängige Nagellack-Mode gerade sehr deep und anti – „…kocht ihr denn regelmässig zusammen und unternehmt zusammen Sachen und so?“ Die beiden Frauen hoben synchron ihre Augenbrauen und warfen sich belustigte Blicke zu. „Nein“, sagte die etwas ältere, blonde, mit einem starken österreichischen Akzent, „das läuft bei uns alles sehr unkompliziert. Wir sind nicht so eine Gemeinschafts-WG.“ „Phu“, rutschte es mir heraus, „also, ich meine, das muss ich drum echt nicht haben.“ Erleichtertes Grinsen breitete sich am Küchentisch aus.

Etwa einen Monat später zog ich ein, mit einem zerkratzten Einzelbett, einem wackligen Pult, einem uralten Stuhl und einem handgeknüpften türkischen Teppich, den ich meiner Mutter in einem unbeobachteten Moment entwendet hatte, sowie ein paar Säcken mit Kleidung, die ich achtlos in den grossen Einbauschrank stopfte. Beim Versuch, eine Ikea-Lampe zu installieren, kam die halbe Decke runter, und hinten im Zimmer löste sich die Tapete in wilden Falten von der Wand. Bald schon wusste ich, dass das Wasser im Bad nur warm wurde, wenn man gleichzeitig den Hahn in der Küche maximal aufdrehte, dass man sich beim Benutzen des Gas-Backofens sämtliche Härchen auf den Händen abbrennt und dass es für die 4 WG-Miglieder nur 2 Hausschlüssel gibt und man sich somit Schlüsseltechnisch irgendwie absprechen muss. Ich traf morgens, wenn ich zur Arbeit musste, im Badezimmer regelmässig wildfremde Menschen, manchmal mehr, manchmal weniger bekleidet, beiderlei Geschlechts, die meisten davon sprachen nur englisch; ich wusste, dass ich, wenn ich Lebensmittel kaufe, diese möglichst rasch essen musste, weil sonst irgendwer alles mit Stumpf und Stiel aufass – aber vor allem lernte ich Aurélie kennen. Sie war eine jener 4 Personen, mich eingerechnet, die nicht nur in diesem Chaos übernachtete, das Badezimmer benutzte und mir mein Essen wegass, sondern auch Miete bezahlte und einen der 2 Schlüssel bei sich führte.

Sie war die zweite der jungen Frauen, die mir bei meinem WG-Vorstellungsgespräch gegenüber sass und vermutlich die, die mich unter den verschiedenen Bewerberinnen und Bewerbern aussuchte. Aurélie war noch jung, sehr jung, 20 Jahre vielleicht, als wir uns kennen lernten, und studierte irgendwas enorm Exotisches. Sie stammte aus der Schweiz, wie ich, hatte jedoch ein Flair für alles Orientalische. In ihrem Zimmer sah es aus wie in Tausenduneiner Nacht. Bestickte Sitzkissen, opulente Spiegel, Öllämpchen, und inmitten dieser ganzen Pracht tanzte Aurélie, bekleidet mit seidigen Haremshosen, perlenverziertem Top und bunten Schleiern zu arabischen Klängen orientalischen Bauchtanz. So etwas hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie live gesehen, und dem Landei in mir war kullerten fast die Augen aus dem Kopf. Ich war mehr als nur fasziniert, nicht nur von diesem aparten Anblick, sondern von Aurélie ganz im Allgemeinen. Sie wiederum schien mich schnell in ihr grosszügiges Herz zu schliessen und bediente sich dafür wiederum grosszügig an meinen Essensvorräten – oder so.

Aurélie war eine junge Frau, mit der ich mich unter anderen Umständen nie im Leben angefreundet hätte. Wir waren grundverschieden, und was bedeutender war als das, wir stammten aus völlig unterschiedlichen Systemen. Aurélies Eltern waren weitgereiste, akademisch gebildete (und meiner Meinung nach versnobte) Mitglieder der Oberschicht, besassen eine eigene Firma, Knigge-Kenntnisse und ein Design-Einfamilienhaus. Geld war nie ein Problem gewesen, sie finanzierten Aurélie nicht nur ihr Uni-Studium, sondern auch ihr WG-Zimmer – meine Eltern waren verarmte Bauern in einer abgeschiedenen, stockkonservativen Provinz, und ich finanzierte mir mein FH-Studium mit einem 60%-Knochenjob in einem Kinderheim. Aurélie war wohl der naivste Mensch, den ich je getroffen habe, was aber, wie ich bald feststellte, durchaus nicht nur negativ war. Sie hatte keine Ahnung, wie sich andere Menschen durchs Leben schlagen, aber sie war auch extrem lustig, gesprächig, offen und vorurteilsfrei. Dass ich Psychiatrie-Erfahrung hatte und jeden Tag jede Menge Psychopharmaka schluckte, nahm sie mit einem saloppen“ok!“ zur Kenntnis. Meine Eigenheiten (dass ich mich sofort nach dem Nachhausekommen in mein Zimmer verkrümelte und Mühe hatte, wenn schon wieder irgendwer Unbekanntes in der Küche sass; Dass ich Menschen häufig nicht erkannte, wenn ich sie zufällig auf der Strasse traf; Dass ich enorme Stimmungsschwankungen hatte und es Tage gab, an denen ich apathisch rumsass und kaum ein Wort sprechen mochte; etc. etc.) akzeptierte sie nicht nur vorbehaltslos, sondern verteidigte mich auch gegenüber anderen: „Ich sage denen immer, du hast so ne Art emotionale Diabetes, mal zu hoch, mal zu tief, und du bist halt manchmal etwas eigen und brauchst Ruhe, du bist halt einfach so.“ So kam es, dass wir uns wirklich anfreundeten und bald nächtelang in der maroden Küche sassen, Tee tranken und quatschten. Es störte mich dabei nicht, dass etwa 80% aller Gesprächbeiträge von Aurélie stammten, sie plapperte wie ein Wasserfall, wenn sie erst einmal in Fahrt war.

Aurélie war wirklich faszinierend. Sie war für mich wie eine exotische Pflanze aus einer völlig fremden Klimazone. Und so kam es, dass sie mich, die ich mich, krisengebeutelt, mit Psychose-Erfahrung, Depression, einem abgebrochenen Studium und mehreren Klinikaufenthalten, irgendwie versuchte, durchzuschlagen, in ihre bunte Welt eintauchen liess. „Komm, wir gehen aus, ich will tanzen“, rief sie beispielsweise einfach so, völlig unerwartet, an einem unserer Tee-Abenden – und schleppte mich tatsächlich in einen Nachtclub. „Ich habe eine geniale Idee!!“, rief sie an einem anderen Tag aus dem Nichts, und ehe ich es mich versah, renovierten wir die Wohnung oder gingen Shoppen. Sie besass, das musste ich neidlos zugeben, einen sehr guten ästhetischen Geschmack, und dass ich mit der Zeit etwas weniger vergammelt rumlief, meine Körperpflege sich der Norm anglich, ich schönere Kleidung trug, meine Haare zivilisierter aussahen und ich mich passender schminkte, hatte zu einem grossen Teil mit Aurélie zu tun.

Aurélie hatte aber noch in anderen Bereichen einen grossen Einfluss auf mich: Sie ernährte sich vegetarisch (was sich nicht auf mich übertrug), und sie liebte Kochen und Essen (was mich sehr stark prägte). Sie benutzte in einer völligen Selbstverständlichkeit Lebensmittel, von denen ich noch nie gehört hatte. Couscous, Rucola, Feta, Kichererbsen, frische Feigen, und dann erst Kurkuma, Koriander, Kreuzkümmel, besonders die Gewürze hatten es mir angetan. Es ist rückblickend wirklich völlig absurd, aber obwohl wir einander gegenseitig versichert hatten, wie sehr wir „gemeinsam kochen“ und „gemeinsam etwas unternehmen“ im Zusammenhang mit Mitbewohner*innen verabscheuten, war es doch genau das, was wir schliesslich taten. Ich kam auf den Geschmack des Kochens und des Essens, zum ersten Mal in meinem Leben, und ich erweiterte meinen Horizont massiv, nicht nur kulinarisch gesehen. Irgendwann, als Aurélie und ich mit einem dritten Mitbewohner längts aus der maroden Bruchbude aus- und in eine besser erhaltene Wohnung eingezogen waren, machten wir sogar gemeinsam Urlaub. Wir reisten zwei Wochen lang per Interrrail durch Italien, Griechenland und Slowenien, völlig chaotisch und ständig verpeilt, diese beiden Eigenschaften brachten wir nämlich wirklich beide mit, aber auch enorm lustig, abenteuerlich und aufregend.

Aurélie liebte schöne Dinge, hatte aber chronischerweise kein Geld – was ich, als ich ihre Familie kennen gelernt hatte, nicht wirklich verstand. „Meine Eltern sind extrem knausrig“, jammerte sie manchmal, und garantiert zahlten sie ihr nicht enorme Summen, sonst hätte sie wohl kaum in dieser Bruchbude gewohnt – aber trotzdem. Aurélie „arbeitete“ manchmal auch, aber halt mehr so Ferienjob-mässig. Wie dem auch sei, Aurélie, und das merkte ich erst mit der Zeit, war ganz einfach selber extrem knausrig und profitierte sehr gerne von meiner finanziellen Grosszügigkeit. Und in der Tat, dies sollte der Punkt werden, der uns schliesslich trennte. Nachdem ich ein Jahr lang jeden Monat mehr Miete gezahlt hatte, als ich eigentlich hätte zahlen müssen, weil Aurélie meinte, sonst könnten wir uns bzw. sie sich diese Wohnung nicht leisten, und sie eines schönen Tages mit einer Jeans für 360 CHF nach Hause kam, weil sie „einen furchtbaren Tag hatte und sich belohnen musste“ – da begann ich, mich aufzuregen. In der Folge zählte ich, wie oft ich einen Wocheneinkauf mit Lebensmitteln machte (wobei niemand je irgendwas gezahlt hätte) und selber praktisch nichts davon ass, und spätestens dann beschloss ich, auszuziehen.

Ich habe nicht mehr viel Kontakt mit Aurélie. Längst hat sie ihr Studium abgeschlossen und macht akademisch Karriere. Sie spricht nach wie vor wie ein Wasserfall, und lebt nach wie vor in einer völlig anderen Welt als ich. „Ich möchte nie im Leben mit Menschen mit Problemen arbeiten, die sind so anstrengend“, dozierte sie mir bei unserem letzten Treffen. Ich lächelte milde und dachte mir meinen Teil. Aber ohne Aurélie wäre mein Leben sehr viel trister, langweiliger und engstirniger verlaufen. Und ich hätte nie entdeckt, wie schmackhaft die orientalische Küche ist.

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