Selbstmitleid.

Da sitze ich. Im Bus, die Kopfhörer auf, auf dem Weg nach Hause nach einem langen Arbeitstag. Und möchte von einer Sekunde auf die andere in Selbstmitleid zerfliessen. Möchte jammern, möchte mir so richtig leid tun, möchte aber auch von anderen hören „ja, du kannst einem wirklich leid tun“. Dabei geht es mir doch so gut, dass ich mich schämen müsste, auch nur schon in diese Richtung zu denken. Während ich das denke, denke ich auch schon das nächste: Müsste ich wirklich? Gibt es irgendwo eine verbindliche Norm, die festlegt, in welchen Lebenssituationen man sich bemitleiden darf und in welchen nicht? Regelt diese Norm, falls sie denn existiert, darüber hinaus ebenfalls, in welchen Lebenssituationen man sich schämen muss, falls man sich ausserhalb einer von besagter Norm festgelegter Situation trotzdem bemitleidet?

Ich vermute mal wild drauf los: Wahrscheinlich nicht. 

Da gibt es keine äusseren Regeln, keine verbindliche Norm. Das bin nur ich. Meine eigene, oft radikale Wertung, was moralisch gesehen in Ordnung geht und was nicht. Ich gebe mir alle Mühe, meine Mitmenschen nicht zu verurteilen, gerade auch in meinem beruflichen Umfeld; Mich selber verurteile ich dagegen oft. Dass ich mir selber vorschreibe, was ich fühlen darf oder nicht darf, ist ein fest installierter Reflex.

Ich glaube, es hat auch mit meiner Sozialisation zu tun. „Jammern“, Schwäche zeigen, sich bemitleiden, das war in meiner Familie immer verpönt. Meine (männlichen) Vorbilder waren stolz darauf, erst beim Arzt aufzukreuzen, wenn sie nicht mehr selber gehen konnten. Ich wollte nie wie die Mädchen in der Nachbarschaft sein, die – in meinen durchaus verurteilenden Augen – bei der kleinsten Gelegenheit anfingen zu weinen, vor allem und jedem Angst hatten und getröstet werden mussten. Schon als Siebenjährige wollte ich immer stark sein, ohne mit der Wimper zu zucken auch starke Schmerzen einstecken, tapfer und mutig der rauen Welt entgegentreten. Ich kann mich erinnern, wie irritiert und auch überfordert ich mit der Verfassung des Nachbarmädchens war, wenn sie mal wieder wegen irgendwas anfing zu weinen (z.B. Weil sie hinfiel, Angst vor Tieren hatte oder weil sie plötzlich Angst hatte, sie finde den Heimweg nicht mehr) – und das, obwohl ich sie eigentlich sehr gerne mochte. In diesem Alter war ich bei den Jungen in der Gegend ziemlich beliebt, ich verschaffte mir Respekt mit meiner eher rauen Art und wenn mir einer dumm kam, verteidigte ich mich auch mal handgreiflich. 

Leider änderte das dann alles, als ich mit 10 an eine andere Schule wechselte. Dort waren all die Eigenschaften, die mich in meinem Bauernkaff beliebt gemacht hatten, plötzlich nichts mehr wert, dafür war plötzlich wichtig, wie man aussah, welche Kleider man trug, wie man sprach, welche Musik man hörte – und sowieso sollte ich plötzlich all die „typischen“ Mädchen-Skills drauf haben, die ich mein Leben lang nie drauf haben würde, wie „Intrigen“ anzetteln, tratschen, sich verbünden etc.

Wenn ich heute, mit 33, versuche, mir gegenüber grosszügiger zu werden und mich, mein Verhalten und mein Empfinden weniger zu verurteilen, kämpfe ich gegen eine ganze Armada an Automatismen. „Es ist ok, sich zu bemitleiden“ kann ich vielleicht denken, aber richtig fühlen kann ich es nicht. „Es geht mir zu gut, um mich zu bemitleiden“, das kommt ganz automatisch. 

Manchmal frage ich mich, wie das andere machen. Gestehst du dir zu, dich zu bemitleiden? Kannst du dich diesem Gefühl „ich arme Sau, man muss doch Mitleid mit mir haben“ hingeben? Fühlst du dich danach besser?

Ich habe übrigens gar nicht das Gefühl, dass es mir im Moment nicht gut geht oder dass ich Mitleid habe mit meiner aktuellen Situation, sondern ich möchte zurück in meine Kindheit reisen, just in die Zeit, als ich plötzlich nicht mehr Mädchen genug war und kurz darauf von einer ganzen Schule, von einem ganzen Dorf, von Kindern, von Jugendlichen, Erwachsenen, von Lehrern gemobbt wurde. In die Zeit, in der ich plötzlich jeden Abend weinte, bis ich einschlief. In die Zeit, in der ich jeden Tag beschimpft, angespuckt, getreten, ausgelacht wurde und mich in jeder Pause auf dem Klo versteckte. In die Zeit, in der ich verwahrloste, in die Zeit, in der ich sexuell genötigt wurde, in die Zeit, in der ich nicht mehr duschte, in die Zeit, in der ich einnässte. Ich möchte zurück reisen und mein völlig kaputtes Ich in den Arm nehmen. Ich möchte mich trösten, ich möchte mir sagen, dass das alles nicht in Ordnung ist und dass ich nicht Schuld bin daran. Ich möchte danach meinem ganzen Umfeld in den Arsch treten und meine Familie anbrüllen. Sie fragen, warum zur Hölle sie mir nicht helfen. Ich möchte meinem Klassenlehrer mitten ins Gesicht spucken und ihn fragen, was zum Henker er sich dabei denkt, ein 10jähriges Kind regelmässig vor der ganzen Klasse bloss zu stellen. Ich möchte dem schwarzhaarigen Mann aus dem Schwimmbad die Hoden mit Kabelbinder abbinden, bis das Blut in Fontänen rausspritzt. Ich möchte die ganze verdammte Schule sprengen, bis kein einziger Stein mehr auf dem anderen liegt und danach das ganze verfluchte Dorf anzünden, bis alles niedergebrannt ist, bis alles schwarz und verkohlt und zerstört daliegt. Ich möchte mein kindliches Ich einhüllen in eine warme, weiche Decke und mit ihm in eine bessere Gegend gehen, in eine Gegend, wo sich jemand darum kümmert, dass es saubere und intakte Kleidung anzieht, dass es sich wäscht, dass es getröstet wird, wenn es weint. Wo jemand die Eier hat und es beschützt, wo nicht zugelassen wird, dass es jeden Tag fertig gemacht wird.

Ich weine, während ich das schreibe, ich suhle mich mittlerweile wirklich. Es war so ungerecht, so unglaublich ungerecht. Ich hatte das nicht verdient, ich hatte niemandem etwas zuleide getan. Und ja, es ist extrem lange her, und nein, ich werde das nie vergessen. Ich werde noch oft, sehr oft daran zurückdenken, und ich werde noch oft, sehr oft deswegen weinen. „Mobbing wirst du dein Leben lang nicht los, das gräbt tiefe Furchen in deine Persönlichkeit.“

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2 Gedanken zu “Selbstmitleid.

  1. Ja, meine Liebe, das Leben ist total ungerecht und unfair.
    Wir haben als Kinder Dinge erlebt, die niemand, nicht mal als Erwachsener, erleben sollte. Niemand war da und es wird immer Teil bleiben. Wir konnten nichts dafür und trotzdem ist es uns passiert.
    Du darfst auch traurig deswegen sein. Wirklich. Ich bin es auch, denn wir tragen die Konsequenzen obwohl andere falsch gehandelt haben.
    Aber wir haben viel erreicht, sind gute und liebevolle Menschen geworden und daran können wir uns wieder hochziehen. Denn zu tief darf uns der Sumpf nicht packen.
    :-* ich umarme dich.

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