Guten Morgen.

Bis gestern hatte ich Ferien, die langen (Schul-)Sommerferien, 5 Wochen, um genau zu sein, dauern die. Da mein Freund keine Ferien hatte, bin ich nirgends hingefahren. Ich habe auch, um ehrlich zu sein, eigentlich nichts gemacht. Bereits vor einigen Tagen überlegte ich mir, was ich meinen ganzen super aktiven Mitarbeitenden erzählen soll, wenn der Was-hast-du-in-den-Ferien-gemacht-Smalltalk wieder losgeht. „Ich habe meine Familie und Freunde besucht, war mit dem Patenmädchen in der Badi, war shoppen, habe viel geschlafen, gemalt und genäht.“ Irgendwie so. Das mit dem Schlafen erwähne ich, weil ich gerne ehrlich bin, aber ich hänge es unauffällig gegen Ende meiner Aufzählungen.

Mein Tag begann in den Ferien oft erst um 12 Uhr. Oder auch erst um 13 Uhr. Dazu muss man sagen, die Tage hörten meist auch erst um 2 Uhr nachts oder später auf, weil ich unbedingt noch irgendwas fertig machen musste. Wie dem auch sei, auch unter dieser Prämisse ist 12 Uhr spät. Das ist mir absolut bewusst. Seit meiner völlig kaputten Pubertät, das heisst, seit etwa 22 Jahren habe ich Probleme mit dem Aufstehen. Und die gehen weit über „oh, das kenne ich, ich bin auch ein Morgenmuffel, höhö“ hinaus. Aufstehen ist jeden Tag ein Kampf, wie gesagt, seit 22 Jahren, und es spielt fast keine Rolle, um welche Uhrzeit ich das versuche. Daneben spielt es auch fast keine Rolle, warum ich aufstehen sollte. Es fällt mir an den Wochenenden oder in den Ferien, sogar wenn diese so lang sind wie im Moment, nicht wesentlich leichter. Natürlich stehe ich lieber später auf als früher, weil ich ja eben am liebsten einfach gar nicht aufstehen möchte, und sicher stehe ich mit weniger Anstrengung auf, wenn ich grundsätzlich genug lange, das heisst bei mir, mindestens 8 Stunden geschlafen habe. Aber es bleibt ein Kampf, auch nach 8, nach 10 oder nach 12 Stunden Schlaf. Nun ist es so, dass ich pro Tag 600mg Seroquel schlucke. Seroquel sediert, und dass ich so viel Schlaf brauche, liegt wohl schon auch an dieser Medikation. Alleine, ich hab in den letzten 14 Jahren schon so viele verschiedene Medikamente eingenommen, es kann nicht nur an diesem einen Wirkstoff liegen.

Ohne eine ärztliche Meinung zu diesem Phänomen zitieren zu können, behaupte ich, es ist das Relikt der Depressionen, die mich ab dem 10. oder 11. Lebensjahr prägten. Ich bin nicht mehr depressiv, schon lange nicht mehr. Meine letzten „heftigen“ Depressionen begannen nach der Geschichte mit Igor, im Herbst 2009. Nach der Argentinienkrise 2012 und der daraus resultierenden Arbeitsunfähigkeit hatte ich auch depressive Phasen, aber nie so gravierend wie früher. Seit 2013 bin ich „gesund“, weder psychotisch noch manisch noch depressiv, höchstens etwas unausgeglichen, überreizt, dünnhäutig, von Flashbacks geplagt und halt immer mal wieder paranoid, aber das gehört nun einmal einfach zu meiner Person. Genau so wie die Unfähigkeit, wie ein normaler Mensch nach ausreichend Schlaf einfach aufzustehen. Ich denke daher wirklich, es ist ein Relikt, ein klobiges, oft nervendes Souvenir aus einer dunkleren Lebensphase. Die Depressionen hinterliessen mir das Problem mit dem Aufstehen, wie die Psychosen mir die Flashbacks hinterliessen.

Es ist nun wirklich nicht so, dass ich in all den Jahren nie versucht hätte, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Zwar unter dem Strich nicht erfolgreich, aber ich habe mir zumindest einige Tricks angeeignet, wie ich diese peinliche Schwäche einigermassen vertuschen kann. Wie ich beruflich irgendwie durch eine 42-Stunden-Woche komme, ohne dass ich jeden zweiten Tag verschlafe. Und all das, ohne „richtig“ lügen zu müssen, weil ich ja eben nicht lügen kann.

Zu meinen Tricks gehört vor allem auch mein Freund. Er ist mein Notfall-Joker, wenn ich den Bus verpasse. Dann steht er nämlich innerhalb von 5 Minuten auf und chauffiert mich an den nächsten Bahnhof, damit ich meinen Zug vielleicht doch noch erwische. Ja, sehr erwachsen und sehr unabhängig, schon klar. Zu meinen Tricks gehört, dass ich mehrere Wecker stelle und dreimal auf die Schlummertaste drücken darf, beim vierten Mal aber wie von der Tarantel gestochen aufspringen und mich innerhalb einer halben Minute bekleidet haben muss (was im Sommer deutlich einfacher ist als im Winter). Zu meinen Tricks gehört, dass ich meine ganzen Kleider bereits am Abend gestapelt auf meinen Nachtisch lege, sortiert nach der voraussichtlichen Reihenfolge der Bekleidung. Zu meinen Tricks gehört, dass ich am Abend sowohl die Handtasche wie auch eine optionale zusätzliche Tasche mit allem packe, was ich am nächsten Tag womöglich benötigen könnte, sei dies bei der Arbeit oder sei dies im ÖV. Zu meinen Tricks gehört, dass ich mein Frühstück am Abend so vorbereite, dass ich es am Morgen innerhalb von 3 Minuten einnehmen kann, während ich gleichzeitig meine Haare kämme und/oder auf dem Klo sitze (tut mir leid, ist so). Zu meinen Tricks gehört, dass ich mir nicht gänzlich unwahre Anspielungen parat lege, warum ich „aus guten Gründen“ schon wieder zu spät erscheine (Beziehungsprobleme, Katze mit Durchfall, Freund hat Schlafprobleme oder Prüfungsangst), sowie diverse körperlichen Beschwerden, die ebenfalls dazu führen können (und die auch manchmal tatsächlich dazu führen, ich will ja nicht lügen), dass jemand zu wenig Schlaf abbekommt.

Früher dachte ich, ich müsse einfach härter an mir arbeiten. Ich müsse eben, wie erwähnt, das Ganze „in den Griff bekommen“. Ich schäme mich ja dafür. Weil ich eben dann doch immer zu ehrlich bin und meine Arbeitskolleginnen und Kollegen immer früher ode später ahnten, dass ich da ein kleines Problem mit Schlaf oder mit Aufstehen habe. Was für einen erwachsenen, berufs- und dann auch noch sozialpädagogisch tätigen Menschen einfach peinlich ist.

Heute denke ich: Ich muss zurecht kommen. Ich muss mein Pensum schaffen können. Ich muss mich beruflich irgendwie durchschlagen können. Aber wenn ich Ferien hab, dann muss ich das nicht. Ich nutze die Gelegenheit und schlafe einfach. Ich geniesse es, einfach liegen zu bleiben, wenn ich noch nicht aufstehen möchte. Und muss mir gleichzeitig eine „Deadline-Zeit“ setzen (12 Uhr), weil ich sonst gar nicht aufstehe, was mir wiederum nicht gut tut, weder körperlich noch psychisch. Ich schwimme irgendwo zwischen Selbstakzeptanz und Selbstdisziplin herum, und irgendwo dort werde ich mich vielleicht irgendwann endgültig mit mir versöhnen.

2 Gedanken zu “Guten Morgen.

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