Die Sache mit der Offenheit.

Es fing harmlos an. „Oh, hallo!“, ich stellte mich zu der jungen Mitarbeiterin am Arbeitsbahnhof. Sie seufzte tief: „Hallo. Bald sind endlich Ferien.“ „Fährst du weg?“ Ich fragte nicht nur floskelhaft, sondern aus ehrlichem Interesse. Wir kennen uns schon eine Weile, und ich mag sie, ausserdem finde ich es immer interessant, wohin Menschen in den Urlaub fahren. Sie erzählte mir von ihren Plänen und fragte irgendwann zurück. „Vielleicht fahren wir im Herbst nah Costa Rica“, meinte ich, und als irgendwann der Zug da stand und wir einstiegen, waren wir mitten in einem Gespräch über Reisen und Reiseziele.

„Am schönsten waren ja klar meine Reisen, die ich alleine gemacht haben“, meinte sie irgendwann. „So ganz alleine quer durch Südamerika zu reisen, das war etwas, das ich nie vergessen werde.“ Oh, ich auch nicht, denke ich, sage aber „das würde ich ja auch gerne machen, alleine reisen. Leider kann ich das erwiesenermassen nicht.“ „Also, wie meinst du das, du kannst nicht? Möchtest du es nicht?“, fragt sie erstaunt. „Nein, ich möchte schon, sogar sehr gerne, aber ich kann es leider nicht.“, wiederhole ich. „Wie meinst du, du kannst das nicht?“, sie wirkt verwirrt. „Ich habe es versucht, sogar schon mehr als einmal, und bin dabei in verheerendem Ausmass gescheitert“, ich verfluche mich langsam, dass ich überhaupt einen ehrlichen Kommentar abgegeben habe. „Was passiert denn, wenn du es machst? Hast du Angstzustände?“, sie bleibt hartnäckig. „Na ja, es passiert… ganz viel, würd ich sagen.“ Ich versuche, unverbindlich zu lächeln. „Ich habe lernen müssen, dass ich das leider nicht kann. Ich kann andere Sachen machen. Mit meinem Freund reisen, zum Beispiel, das funktioniert wunderbar. Wir sind ein gutes Team.“ Ich erzähle ihr von Island und von unseren diversen Backpacker-Ferien und manövriere mich dabei mehr oder weniger – ok, definitiv weniger – unauffällig aus der Situation.

Ich kenne solche Situationen und ich kenne solche Gespräche. Ich kann normalerweise problemlos das Thema wechseln oder halt einfach unverfängliche Antworten geben, wenn mich jemand aus irgendeinem Zusammenhang auf biographische Details anspricht, die ganz klar mit meiner Krankheit zu tun haben, welche ich ja eben im beruflichen Kontext unbedingt verschweigen will. Oder muss. Oder will, weil ich das Gefühl habe, dass ich muss. Wie auch immer. Ich hätte das Gespräch vermutlich wirklich schon in eine andere Richtung lenken können, bevor die Kollegin hartnäckig nachfragte. Es verstört mich manchmal ja selber, wie geschickt ich mittlerweile vertuschen, verschleiern, das Gespräch umlenken kann, wenn mein ausgezeichnetes Frühwarnsystem meldet „Gefahr, Gefahr! Vertuschungsmanöver aktivieren, ich wiederhole, Vertuschungsmanöver aktivieren!!“ – ohne dass ich „richtig lügen“ muss, was mir sehr entgegen kommt, weil ich ja eben nicht (zumindest fast gar nicht) lügen kann.

Ich hätte, um es kurz zu fassen, die Situation vermutlich verhindern können. Aber ich wollte eben nicht. Oder nur halb. Oder erst, als es unangenehm wurde.

Seit mindestens 3 Jahren schon wünsche ich mir, endlich mit dem ganzen Scheiss aufzuhören. Endlich Tacheles zu reden, endlich nicht mehr so zu tun, als müsse ich mich für meine schizoaffektive Störung schämen. Endlich einfach zu mir und meinem Leben, zu all meinen psychotischen Episoden, meiner Paranoia, meinen Psychiatrieaufenthalten, meinen Depressionen, meinen Manien, zu all den Unmengen an Psychopharmaka zu stehen, die ich in den letzten 14 Jahren so geschluckt habe. Aber dieser Schritt ist mir immer noch zu gross. Ich habe Angst, sehr grosse Angst, was mit meiner beruflichen „Karriere“ passieren könnte, sollte ich das tun. Ich mag meinen Job und ich habe endlich ein Fachgebiet gefunden, das mich nachhaltig begeistert und motiviert. Ich habe wohl das erste Mal überhaupt in meiner Laufbahn grosse Pläne, was ich alles erreichen könnte, was ich alles noch machen möchte. Ich finde, ich mache meinen Job sehr gut. Ich finde, ich habe mir was aufbauen können in den letzten 3 Jahren. Ich möchte nicht wieder zurück in einen (intellektuell) simplen, aber für mich psychisch und physisch furchtbar anstrengenden stationären Betreuungsjob zurück. Ich habe, blöd gesagt, Ambitionen. Vielleicht mache ich irgendwann eine Coaching-Ausbildung, male ich mir aus, oder ich versuche, bei einer Beratungsstelle einen Job zu ergattern. Oder gar bei einer kantonalen Behörde. Oder ich mache mich selbständig.

Ich habe viele Ideen. Und alle erfordern einen guten Ruf. Die Schweiz ist ein kleines Land, meine Branche ist ein Filz sondergleichen. Wenn meine psychiatrische Diagnose die Runde macht, muss ich darauf vertrauen, dass die Menschen ihr gelassen begegnen. Oder auch: Was dann passiert, entzieht sich meiner Kontrolle. Dinge, die sich meiner Kontrolle entziehen wiederum, um es salopp auszudrücken, gehen mir tierisch auf den Sack.

Auf Twitter äusserte ich einmal, irgendwann im hohen Alter sei ich dann vielleicht bereit, bei den illegalen Pokerrunden im Altersheim nach ein paar Joints mit meinen Psychosen anzugeben und im Anschluss, bewaffnet mit einem Rollator, einem Megaphon und einer Schnapsflasche, jedem im Dorf davon zu erzählen, ein öffentliches Outing, quasi, zu vollziehen. Aber ehrlicherweise möchte ich das nicht erst tun, wenn der Übergang von Psychose zur Demenz fliessend ist.

Hätte ich unbegrenzte Energie-Reserven und genug Mumm, möchte ich durchaus auch zur Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten beitragen. Möchte helfen, dass die Gesunden Ängste abbauen können gegenüber Menschen wie mir. Möchte für Fairness kämpfen, für einen toleranteren Arbeitsmarkt, für eine inklusivere Gesellschaft.

Das Gespräch mit der Arbeitskollegin ist für mich das perfekte Symbol meines Dilemmas. Ich möchte offen sein in Bezug auf meine Krankheit und meine Biographie, gleichzeitig möchte ich das auf keinen Fall. Wenn ich selber nicht weiss, was und wie ich von meiner Krankheit erzählen kann, führt das zu unangenehmen Situationen, in denen meinem Gegenüber aufgeht, dass ich irgendwas verheimliche. Ich muss in mir selber Klarheit schaffen. Was gebe ich preis, wem, und wie? Wie mache ich einen ersten Schritt in die Richtung, die ich schon so lange einschlagen möchte? Was mache ich, wenn es schief geht? Was mache ich, wenn ich mir meine berufliche Zukunft verbaue damit? Was mache ich bloss?

3 Gedanken zu “Die Sache mit der Offenheit.

    • Danke für deine Zuversicht. Ich bin mir da manchmal nicht so sicher. Seit ich dieses Blog gegründet habe, möchte ich das, wenn nicht schon sehr viel länger. Aber das umzusetzen, schaffe ich nicht, oder noch nicht.

      • Du schaffst das! Wenn du es fremden Menschen über den Blog schreiben kannst dann kannst du das auch direkt. Wenn man darauf abwertend reagiert, sind das Menschen, die dir egal sein können. Stay strong -> Nils

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