Unzuverlässigkeit.

Es war letzte Woche, am Mittwoch Morgen. Ich hatte nachts kaum geschlafen, war irgendwann gegen 06:30 erwacht (06:28 fährt mein Bus), war fix und fertig und beschloss schlaftrunken „scheiss drauf, ich fange heute später an zu arbeiten, mein Pensum ist ja jetzt 5% kleiner, vom Arbeitsstundensoll her geht das“. Ich schlummerte wieder ein und erwachte dann gegen 8 Uhr, immer noch extrem müde, und schleifte mich auf den Weg zur Arbeit. Unterwegs schlief ich ein im Zug, und zwar nicht nur in einem Zug, nein, gleich in zwei davon. Am Arbeitsort weckte mich eine fremde Frau, der ich öfters an diesem Bahnhof begegne: „Ich glaube, Sie müssen aussteigen“. Ich murmelte einen unverständlichen Dank und stürmte aus dem Zug.

Als ich gegen 10:20 (ja, mein Arbeitsweg ist lang) immer noch verschlafen und mit meinen Riesen-Kopfhörern auf dem Kopf das Schulheim betrat, lief ich direkt in die Arme einer Sozialpädagogin, die einen Schüler im Schlepptau hatte. Sie wirkte verdutzt bei meinem Anblick und fing an, zu lachen. „Ah. My. Da bist du ja. Ich, äh, habe dich schon gesucht.“ Panik ergriff meine müden Hinrwindungen. „Meine Güte, habe ich einen Termin vergessen?“ Sie grinste. „Nein, nicht direkt.. Ich äh, na ja, ich hab dich nur gesucht.“ Der Schüler kam hinter ihrem Rücken hervor und grinste mich an. Er erzählte mir irgendwas über ein Lego-Fahrzeug, worauf ihn die Sozialpädagogin leicht anstupste, und er mir in der Folge formvollendet die Hand schüttelte: „Guten Morgen, Frau M. Also, eben, das Lego-Fahrzeug…“ Ich war immer noch verwirrt. Warum stand der Schüler vor mir? Die Sozialpädagogin sah mich ebenfalls leicht verwirrt an. „Also… Er kommt jetzt zu dir, oder?“ Langsam dämmerte es mir. Heute war nicht Dienstag, es war Mittwoch. Mittwochs um 10:15 begann die Sozialtrainings-Lektion für diesen Schüler. Bei mir.

Es war nun nicht nur so, dass ich komplett vergessen hatte, dass ich nicht erst um 10:20 im Betrieb aufkreuzen konnte, weil nämlich um 10:15 eine Lektion von mir anfing, nein, ich hatte die Lektion schon am Tag vorher vergessen, was bedeutete, dass ich sie nicht vorbereitet hatte. Gar nicht. Ich hatte nichts, gar nichts vorbereitet. Ich wurde kurz panisch. Innerlich.

Ich versuchte, mich gegenüber der Mitarbeiterin mit einer Verwechslung herauszureden. „Oh Mist, ich dachte, diese Woche hat sich die Lektion auf den Montag verschoben…“ – was manchmal vorkommt. Dann kümmerte ich mich um den Schüler, schloss den Raum auf, erklärte ihm, dass ich heute ein furchtbares Durcheinander habe und die Lektion mit ihm komplett vergessen hatte. Glücklicherweise fand er das ziemlich lustig, und er konnte souverän die nächsten 5 Minuten auf mich warten, bis ich mir ein Notfallprogramm mit allen Materialien herausgesucht hatte. Es war 10:25, als die Lektion begann.

Direkt im Anschluss an die Lektion musste ich an eine Teamsitzung. Genau, in das Team mit der Sozialpädagogin, die mich in Empfang genommen hatte. Gleich zu Sitzungsbeginn wurde ich auf diverse Mails angesprochen. „Tut mir leid, ich habe den Laptop heute noch nicht gesehen“, erwiderte ich, worauf die Sozialpädagogin ziemlich lachen musste. „Das hast du jetzt aber schön gesagt.“ Ich lächelte etwas künstlich und erklärte dem restlichen Team „ich wollte heute später anfangen mit Arbeiten und habe dabei die Lektion mit X komplett vergessen. Zum Glück konnte er das souverän managen.“

Nach der Sitzung – es war gegen 13 Uhr – betrat ich den Pausenraum, mit der Absicht, etwas zu essen. Da sprach mich unmittelbar ein Arbeitskollege an: „Hast du schon mit XY telefoniert?“ Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Offenbar hatte auch er mir am Vormittag mehrere Mails geschickt, auf die ich innerhalb von einer Stunde hätte reagieren sollen.

Und es ging so weiter, den ganzen Tag.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich es hasse, hasse, hasse, so unzuverlässig und verpeilt zu sein. Weil ich das nicht absichtlich mache. Weil ich weiss, dass ich mir dadurch einen gewissen Ruf schaffe im Betrieb. Ich weiss nicht, was die Sozpäd von mir denkt, aber sie erinnert mich in letzter Zeit mehrfach präventiv an abgemachte Termine. Es war nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Sowas passiert immer wieder mal, und gerade häuft es sich. In den letzen Wochen habe ich mehrmals so verschlafen, dass es bemerkt wurde. Ich habe mehrmals Termine verwechselt oder vergessen.

Es macht mir keinen Spass, vergesslich zu sein. Es ist mir nicht gleichgültig, unzuverlässig zu sein. Es ist steckt nicht eine „Scheiss drauf“-Haltung hinter meinem Verschlafen. Ich habe, obwohl das nicht so scheint, sehr hohe Ansprüche an mich.

Nein, meine Unzuverlässigkeit hat andere Gründe. Und ich wünsche mir manchmal fest, dass ich die eines Tages meinen Mitarbeitenden einfach offen legen würde. Dann nämlich hätte ich meiner Arbeitskollegin zur Erklärung meines Auftritts um 10:20 an diesem mühsamen Tag folgendes gesagt:

„Tut mir sehr leid, dass ich heute so verpeilt bin und so spät hier aufkreuze. Ich kam gestern erst gegen 20 Uhr völlig überreizt und mit enormer Anspannung nach Hause. In der Folge war ich dermassen überdreht, dass ich vergass, meine Medikmente zu schlucken. Es war 23:30 anstatt 19 Uhr, als ich meine 600mg Seroquel schluckte, es war vielleicht 01:30 bis ich schlief. Wie du vielleicht weisst, wirkt Seroquel sedierend. Wenn man das Medi zu spätschluckt, fühlt sich der nächste Morgen an, als ob man einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf erhalten hat – und man ist sehr, sehr müde.“

 

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