„Du könntest schon, wenn du wolltest.“

Ich denke viel über mich nach, immer schon. Man kann das so sehen, dass ich einen gewissen Hang zu Egozentrismus habe, man kann sagen, dass das die „déformation professionelle“ meines Berufs ist, man kann meinetwegen auch vermuten, dass das „ins Störungsbild“ gehört, wie meine Psychologin das ausdrücken würde. Wie dem auch sei, seit ich meine Depressionen los bin, finde ich an dieser Selbstanalyse nichts Schlimmes mehr. Ich finde mich selber halt nun mal spannend (siehe Egozentrismus-These), und manchmal sehe ich mich und meine Biographie selber in neuem Licht, wenn ich auf einen neuen Gedanken stosse.

Ich galt immer als faul, demotiviert, chaotisch, chronisch verpeilt. In der Schule, in den 3 Desaster-Semestern an der Uni, in meiner Ausbildung zur Sozpäd. Irgendwann habe ich das selber von mir gesagt und es zelebriert. Ich war stets die, die nicht nur nicht gelernt hatte für eine Prüfung, sondern auch den Umstand vergessen hatte, dass wir eine Prüfung schreiben. Ich hatte nie meine Bücher dabei, kein Heft, keinen Schreibblock, keinen Stift, besass keine Schultasche, ordnete kein einziges Blatt in einen Ordner ein. In der Schule kritzelte ich mein Lateinbuch mit chinesischen Zeichen voll, anstatt aufzupassen, an der Uni vergeigte ich sämtliche Termine, an der FH schlief ich meistens in den Vorlesungen.

„Du könntest schon, wenn du wolltest.“ Das war der Standard-Satz meiner Mutter zu meinen schulischen Leistungen, der mich mein Leben lang begleitet. Ich habe mich irgendwann so akzeptiert, habe mich damit arrangiert, dass ich halt faul und demotiviert bin. Dass ich keine Selbstdisziplin habe, dass ich am laufenden Band alles vergesse und verliere, dass ich kein noch so simples Ordnungs- oder Terminsystem auf die Reihe kriege, keine Struktur einhalten kann. Das klingt jetzt furchtbar Märtyrer-mässig, so meine ich es nicht. Vermutlich wollte meine Mutter mir damit sagen, dass sie in mir mehr Potential vermutete, als meine Schulnoten es zeigten. Und als Teenager nahm irgendwann der Trotz überhand. Dass ich alles an Hausaufgaben verlor und vergass, führte immer wieder zu Ärger, und irgendwann entwickelte ich eine „Scheiss-Drauf-Haltung“, die sich bis ins Erwachsenenalter hielt.

Mittlerweile kenne ich einige Menschen in meinem Alter, die Ähnliches berichten. Denen ebenfalls immer wieder Faulheit, mangelnde Selbstdisziplin, Desinteresse unterstellt wurden, die aber in Tat und Wahrheit einfach nur – aus unterschiedlichen Gründen – überfordert waren, sei es Überforderung durch die Unterrichtsform, Überforderung in der Selbstorganisation, Überforderung in der Kommunikation, emotionale Überforderung, etc. Die meisten von ihnen haben mittlerweile eine klangvolle Diagnose, sei es ADHS, sei es Asperger, sei es Hypersensibilität, sei es Borderline, sei es irgendetwas. Ich habe eine schizoid-affektive Störung, die Sache mit der Vergesslichkeit, dem generell grossen Chaos  in meinem Kopf und meine mangelnde Selbstorganisation hat sicher andere Gründe als bei einer Person mit ADHS. Vielleicht spielt meine Verwahrlosung in meiner Kindheit und Jugend eine Rolle, der Umstand, dass sich niemand wirklich um mich kümmerte und mir half, selbständig zu werden. Mir hat nie jemand geholfen, meine Hausaufgaben zu machen, mich hat auch nie jemand an meine Hausaufgaben erinnert. Ich war ja – trotz Chaos – „gut in der Schule“, und solange das so war, kam in meiner Familie niemand auf die Idee, dass etwas nicht stimmt. Niemand hat mir geholfen, ein eigenes Ordnungssystem zu entwickeln, niemand hat mir gezeigt, wie ich meine Vergesslichkeit austricksen kann, wie ich mir Routinen aneignen kann. Meine Mutter war depressiv, und alle anderen fühlten sich nicht verantwortlich. Aber dann denke ich wieder, meine Schwester hatte die selbe Mutter, und sie konnte das alles, einfach so, von sich aus. Vielleicht führte auch meine traumatischen Mobbing-Erfahrungen als Teenager dazu, dass ein Teil meines Gehirns verkümmerte. Ich war mit 12 bereits psychisch krank, was leider niemand gemerkt hat. Können traumatische Erfahrungen zu Einschränkungen in der Selbstorganisation führen? Ich kenne mich da nicht aus, aber, wer weiss?

Wie dem auch sei, was immer auch hinter meiner Unfähigkeit stecken mag: Vielleicht war es ja auch bei mir so, dass es nicht an meiner Motivation lag. Vielleicht stimmt es nicht, dass ich faul bin, faul war. Es ist wohl eher so, dass ich vielmehr einfach irgendwann resigniert und mich selber als faul und desinteressiert dargestellt habe, weil ich, auch eine Bewältigungsstrategie aus jahrelanger Mobbing-Erfahrung, nicht mehr warten wollte, bis jemand über mich und meine Unfähigkeit lacht, sondern halt selber darüber lachte. So kam es, dass ich möglichst cool klingende Sprüche riss und meine Verpeiltheit quasi als Absicht hinstellte.

Vielleicht ist das alles ja auch nicht (mehr) wichtig, weil ich als Erwachsene so enorm vieles aufholen konnte und ein gutes Leben führe mittlerweile. Ich werde nie top organisiert und durchgeplant sein, ich werde immer Mühe haben, Selbstdisziplin aufzubringen oder etwas zu lernen, was mich nicht interessiert. Aber ich komme zurecht, ich habe Strategien entwickelt, wie ich gut funktionieren kann. Es ist also vielleicht nicht mehr wichtig, was vorher alles schief lief.

Dennoch: Ich bin eine andere Person, wenn ich mich selber ohne Faulheit und absichtliche Nachlässigkeit definiere. Ich habe, wie beschrieben, diese negativen Eigenschaften längst als zentrale, zu mir gehörende Charakterzüge eingeordnet. Gehe ich davon aus, dass das ein Irrtum war, bin ich jemand anderes. Ich bin gespannt, was ich noch alles entdecke, wenn ich diesen Gedanken weiter führe.

 

2 Gedanken zu “„Du könntest schon, wenn du wolltest.“

  1. Ja, traumatische Erfahrungen können zur Störung der Selbstorganisation führen. Sie führen z.B. zu Konzentrationsstörungen, ständiger Anspannung und erhöhter Schreckhaftigkeit, weil das Gehirn permanent damit beschäftigt ist, nach Gefahren zu suchen. Geht der Spaß dann über mehrere Jahre, auch noch in der ohnehin schon schwierigen Pubertät und ohne jegliche Unterstützung, dann ist es kein Wunder, wenn jemand konzentrationsschwach und verpeilt ist. Das Gehirn baut praktisch Straßen. Mit jedem Mal, dassein Weg oder eine Straße benutzt wird, wird dieser Weg besser ausgebaut. Mit jeder scheiß Erfahrung werden die Wege „Aufpassen! Nimm dich in Acht! Gleich passiert was Schlimmes! Ich kann machen, was ich will, es ändert sich nichts.“ usw. besser ausgebaut und schneller beschritten. Da entstehen Automatismen, die sich verdammt schwer umlernen lassen, weil jeder neue Weg, jedes neue Denk- und Handlungsmuster als schmaler und zugewachsener Trampelpfad anfängt und es Kraft und Überwindung kostet, das zu nutzen statt der hübschen breiten Straße. Traumatische Erfahrungen schaffen Chaos im Kopf und über diesen Zeitraum, in der Massivität und in der Lebensphase hat man gute Chancen, dass das Chaos zum Teil der Persönlichkeit wird. Abgesehen davon verbrutzelt das Gehirn einen Großteil der Energie. Bei ständiger innerer Unruhe verbraucht es verdammt viel Energie und das macht müde und kostet Kraft. Oft gedachte depressive Gedankengänge erhöhen die Überzeugung, was ändern zu können, auch nicht gerade. Es gibt nicht umsonst den Begriff „lebensmüde.“

    • Wow. Vielen lieben Dank für deine Ausführungen. Ok, das bestätigt, was ich mir irgendwie zurecht gereimt habe. Ich will nicht eine „Ausrede“ für meine Schwächen in der Selbstorganisation haben, aber ich denke mittlerweile einfach auch, dass das bei mir nicht einfach nur „angeboren“ ist. Vieles hat auch damit zu tun, dass ich mich selber nicht gut wahrnehme oder meine eigenen Bedürfnisse lang nicht an erster Stelle standen – ich nahm sie ja nicht mal richtig wahr.
      Das Schöne ist ja, man kann dazu lernen. Und zwar auch noch jenseits der 30, auch mit einer klangvollen psychischen Störung und traumatischen Erlebnissen in der Kind- und Jugendzeit. Man kann vieles nicht ändern, aber dazu lernen, Neues entdecken, das kann man.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s