Der ultimative Lebensplan.

Wenn ich in meiner letzten Selbstfindungsphase (ein hübscher Euphemismus für „Hormonkrise“, nicht?) etwas gelernt habe, dann das: Es fühlt sich wenig so beschissen an, wie wenn man nicht weiss, was man will. Für mich, zumindest. Ich brauche ein Ziel im Kopf. Kollidiert auf merkwürdige Art und Weise mit meiner Unfähigkeit zu Selbstdisziplin, schon klar, aber, ey: So bin ich nun mal. Ich habe nie behauptet, gradlinig oder gar logisch strukturiert zu sein.

Wer nun befürchtet, dass mich der nächste Hormonschub heimsucht und ich wieder Mal mein gesamtes Leben, meine Beziehung, meinen Beruf, meine Hobbies und meine Persönlichkeit in Frage stelle und orientierungslos umher dümple, der fühle sich hiermit entwarnt: Nein, zu unser aller Riesenglück ist dem klar nicht so. Das neuste Problem mit meinen Zielen im Kopf ist nicht deren chronische Abwesenheit, nein, es ist deren inflationäre Vermehrung. Es gibt so viel, was ich mir wünsche, so viel, was für mich wichtig ist, so viel, was ich erreichen oder realisieren möchte. Dass viele Ziele einem Realitätsabgleich nicht standhalten und sich bei näherer Betrachtung als ausgemachte Hirngespinste entpuppen, macht die Sache übrigens nicht einfacher, denn auch die Hirngespinste sind mir ans Herz gewachsen, oft gar noch mehr als ihre realistischen Geschwister. Es ist also an der Zeit, die Ziele zu sammeln und anschliessend zu sortieren, zu priorisieren.

Folgende Ziele / Wünsche habe ich in Bezug auf meinen Beruf:

  • die nächsten 3 Jahre da weiterarbeiten, wo ich jetzt arbeite
  • in dieser Zeit vermehrt eine beratende Funktion übernehmen
  • vermehrt Kurse anbieten (innerhalb der Stiftung)
  • versuchen, mich in meinem Fachgebiet zu vernetzen (mit den Leuten vom CAS, mit den Leuten vom BKS, mit den Leuten von der Autismus-Beratungsstelle)
  • Irgendwann später: In einer Beratungsstelle für Autismus arbeiten
  • Irgendwann später: Mich selbständig machen. Beratungen für Teams anbieten, Unterstützung von Kindern und Jugendlichen (Sozialtrainings, Alltagsbegleitung, Schulbegleitung, Coaching von Jugendlichen etc.)
  • Meine Film-Leidenschaft weiter ausleben können: Inklusives (!) Freizeitangebot für Jugendliche aufbauen. Mit Teenagern Kurzfilme drehen, das Ganze möglichst barrierefrei: Teenies MIT Behinderungen / sozialen Problemen / psychischen Krankheiten, Teenies OHNE
  • Irgendwann ein Buch schreiben zum Argentinien-Psychose-Debakel
  • Kindergeschichten schreiben, veröffentlichen

Folgende Ziele / Wünsche habe ich zu meiner Wohnsituation:

  • Umzug in eine EG-Wohnung mit Sitzplatz, die deutlich näher an meinem Arbeitsort liegt
  • Irgendwann später: Ein kleines, altes Haus kaufen mit Garten. Die Frage ist bloss, wo…und dann ist da noch die Sache mit dem fehlenden Vermögen, nicht wahr
  • Nebst einem Garten einen kleinen Raum zum Malen einrichten können, damit ich so oft und so viel Malen kann, wie ich mir wünsche

 

Andere Ziele / Wünsche:

  • mich irgendwann öffentlich „outen“, zu meiner Krankheit stehen
  • Mich für Menschen wie mich (= chronisch psychisch krank) einsetzen. Bloggen, vielleicht irgendwo in Fachzeitschriften/ Medien Artikel publizieren können „aus Betroffenensicht“.
  • Selbsthilfegruppen etc. beitreten. Mit anderen Psychose-Erfahrenen Erfahrungen austauschen
  • Meine Hobbies pflegen: Schreiben, Malen, kreativ sein können
    Künstlerische Kurse besuchen: Drehbücher schreiben lernen, Malen, schreiben, etc.
  • Irgendwann quasi hobbymässig an eine Uni gehen und einfach mal alle Kurse besuchen, die mich interessieren, ohne Anspruch auf einen Abschluss: Psychologie, aber auch Biologie, Physik, Philosophie etc.
  • Kinder???? Ich weiss es nicht. Vermutlich müsste ich dann meine anderen Ziele und Wünsche massiv einschränken. Entweder oder. Abgesehen davon: Würde verlangen, dass es meinem Freund irgendwann massiv besser geht und sich nebst seiner Belastbarkeit auch seine wirtschaftliche Lage massiv bessert. Auf so etwas hoffe ich besser nicht. Das macht nur unnötig Druck.
  • Reisen. Ich fasse nicht, dass mir das erst an dieser Stelle einfällt. Früher wäre das meine oberste Priorität gewesen… Wie dem auch sei: Ich möchte trotz allen Einschränkungen durch meine Krankheit noch etwas mehr  sehen von der Welt. Nach Peru, nach Kambodscha, nach Neuseeland und in die USA reisen. All das sind grosse Reisen für mich. Ich müsste sie sorgfältig planen – und mein Freund müsste mitkommen. Was bei seinem Budget nicht sehr realistisch ist. Aber man darf ja träumen.

Ich habe nicht zu viel versprochen: Ich habe sehr, sehr viele Ziele oder Wünsche, und einige widersprechen sich. Ich werde vielleicht nur einen Bruchteil davon verwirklichen können, vielleicht auch gar keine. Ich weiss nicht, wann meine nächste Psychose auf mich wartet, und ich weiss auch nicht, wie weit aus der Spur sie mich werfen wird, so absurd das im Moment, in meiner stabilen Verfassung und Lebenssituation auch klingen mag. Es ist töricht und gefährlich, zu glauben, ich sei ihn los, den Wahnsinn, nur weil ich jetzt seit 3 Jahren stabil bin. Immer wieder glaubte ich, meine Krankheit endlich „im Griff“ zu haben. Ich glaubte, mich endlich so gut zu kennen, dass ich ein Frühwarnsystem entwickelt hätte. Ich glaubte, all die schlimmen Sachen aus meiner Jugend endlich aufgearbeitet zu haben. Ich hielt mich für ausgeglichen und souverän. Schon so oft. Und dann kam, ZÄDÄNG!!, die nächste Psychose daher. Es bringt also nichts, mich zu fest an einen „Lebensplan“ zu klammern, um dann an dessen Scheitern wieder zu verzweifeln. Aber, hey, auch ich, oder besser gesagt, gerade ich brauche ein Gefühl von Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Selbstwirksamkeit. Ich muss glauben können, dass ich einen beachtlichen Einfluss habe auf mein Leben, wenn ich das nicht mehr glaube, kann ich abschliessen mit meinem Leben, und das habe ich mit 33 zum guten Glück noch nicht vor.

Ziele und Pläne sind für mich daher ambivalent. Ich brauche sie, um ein erfülltes Leben zu führen, ich gehe gleichzeitig fast kaputt ihretwegen, wenn ich wieder einmal scheitere. Allerdings kann man ihre Existenz auch einfach neutral zur Kenntnis nehmen, und den Voraussetzungen ihrer Anwesenheit eine optimistische Note abgewinnen: Dass ich so viele Dinge erreichen möchte, mir so vieles wünsche, deutet darauf hin, dass ich mir auch vieles zutraue. Dass es mir wirklich sehr gut geht, dass ich, wenn ich mal wieder jammere und hadere, das auf sehr hohem Niveau tue. Dass ich zuversichtlich bin, dass ich an mich und meine Stärken glaube.

Dass ich mittlerweile sogar an meine Kreativität glaube, ist für mich ein riesiger Schritt. Meine Mutter sagte vor kurzem, sie hoffe, dass ich irgendwann weniger arbeiten könne und mich mehr meinen kreativen Hobbies widmen könne. „Das Kreative war immer ein Teil von dir.“ Da hat sie Recht, bloss habe ich meinen Fähigkeiten nie getraut. Dass auch andere Menschen gut finden könnten, was ich male, zeichne, darstelle, das habe ich immer gehofft, aber nie gewagt, zu glauben. Seit ich fast jede Woche male und dabei von Arbeitskollegen immer wieder positive Rückmeldungen erhalten habe, getraue ich mich, mein Geschmier auf Twitter zu posten. Dabei ist mir bewusst, dass das alles extrem naiv und laienhaft ist, aber wie gesagt, zum ersten Mal getraue ich mich, meine Bilder Fremden zu zeigen, weil ich immer wieder höre, dass ich „ein Flair“ habe, dass ich „ein kreativer Kopf“ sei. Ich bin zu alt und zu realistisch, um irgendeine künstlerische Ausbildung anzustreben, aber ich will diesem „Teil von mir“ deutlich mehr Raum geben, in Bezug auf die Wohnsituation durchaus auch im physischen Sinne.

3 Gedanken zu “Der ultimative Lebensplan.

  1. sehr inspirierend.
    Ich habe auch Wünsche und schwammige Ziele. Leider ist es gerade so, dass ich gerade weder die Energie habe noch das Licht am Horizont sehe. Ich dümple vor mich hin und es frustriert mich. Ich fühle mich aber auch nicht in der Lage etwas zu ändern.

    • Das tut mir leid zu hören. Das Gefühl der Stagnation ist für mich etwas sehr unangenehmes, was du beschreibst, hört sich für mich danach an. Solange du keine Energie verspürst, ist es wohl noch nicht an der Zeit für Veränderungen. Ich wünsche dir Geduld und die Kraft, das herumdümpeln zu ertragen.

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