Ze Return of ze Igor.

Ich will nicht künstlich Spannung aufbauen und sage es darum gleich vorweg: Nein, Igor bin ich nicht begegnet, an jenem schaurigen Arbeitstag meiner Rückkehr in die Firma des Grauens. Ich fuhr morgens stur an meinen Arbeitsort, um mich dort in die lustige Gruppe von Jugendlichen und Betreuer*innen einzureihen, die ihr Lunchpaket fassen und sich dann in den reservierten Ausflugsbus zu begeben hatten. Ich verkniff mir unterwegs möglichst alle Bemerkungen und Antworten auf Fragen, die darauf hinweisen könnten, dass ich den Betrieb sehr wohl bereits kenne. Ich tat so, als sei ich überrascht über die Feststellung, dass der Betrieb ja deutlich näher an meinem Wohnort als an meinem Arbeitsort liegt – in die entgegengesetzte Himmelsrichtung, zudem, so dass mein frühmorgendlicher Weg zum Arbeitsort direkt absurd war. Aber, ey: Wenn ich es verhindern konnte, dass ich alleine (!!) in diesem Drecksbetrieb aufkreuzen musste, meine Gruppe von Schülerinnen erst irgendwann finden konnte, ohne genau zu wissen, wann und wo sie auf dem riesigen Areal aufkreuzen würden, dann, bei sämtlichen verfügbaren Gottheiten, schwor ich, würde ich das auch verhindern.

Die Lehrperson, die mich in ihrem Auto mitnahm, stellte dann zunächst auch wenig Fragen zu meiner beruflichen Laufbahn, sondern sprach lieber mit mir mit dezent gedämpfter Stimme in der dritten Person über den Jugendlichen, der sich etwa einen halben Meter weiter hinten auf dem Rücksitz ihres Autos befand. Wie ich sowas verabscheue. Man spricht nicht in direkter Anwesenheit über Menschen, verdammt, man spricht wenn schon MIT ihnen! Ich reagierte mit dem Muster, das ich mir für solche Situationen (und ja, die sind in meinem Berufsalltag zahlreich) angeeignet habe und stellte sämtliche Fragen, die die Lehrerin an meine Person richtete („was denkst du, kann ER an einer solchen Führung überhaupt teilnehmen? Was denkst du, kommt für IHN eine solche Ausbildung überhaupt in Frage“) in die zweite Person umformuliert ins Hintere des Wagens: „Was denkst du, kannst du an dieser Führung teilnehmen? Was denkst du, wäre eine solche Ausbildung was für dich?“ Irgendwann wurde der Lehrerin das zum guten Glück zu ermüdend, vielleicht auch, weil die Kommentare vom Rücksitz nicht unbedingt vor Begeisterung trieften, jedenfalls, wir sprachen über allerlei anderes, und als die Fragen auf meine berufliche Laufbahn zu zielen begannen, erzählte ich ausführlich von meinem Ausbildungsbetrieb, ein alter Trick, denn das Thema (ich habe mal mit Blinden gearbeitet) übt auf die meisten Gesprächspartner eine gewisse Faszination aus. Ich gab also unzählige Anekdoten zum besten, die mit meinem Job bei Igor nicht einmal im Entferntesten zu tun hatten, bis wir beim Betrieb des Grauens eintrafen und die Führung begann.

Zwei der drei Mitarbeitenden, die unsere bunte Truppe in einem Sitzungszimmer begrüssten, kamen mir bekannt vor. Ich bin sicher, dass die zu meiner Zeit auch da gearbeitet haben, aber ich hatte nicht viel mit ihnen zu tun. Als ich schliesslich mit meinem Schützling und einer der mir vom Aussehen her bekannten Damen zu unserer Betriebsbsichtigung gefahren wurde, stellte ich allerlei interessierte Fragen und versuchte, den etwas misslaunigen Teenager, erneut auf dem Rücksitz eines Autos gelandet, in das Gespräch einzubeziehen. Wir besichtigten den Betrieb, und die Dame war wenigstens keine von der Sorte, die in Anwesenheit meines Schützlings in der dritten Person von ihm sprach. Ausserdem hatte sie offenbar nicht viel Zeit, und so landete ich und der Schüler schwupps wieder beim Rest der Gruppe, die gerade eine Schreinerei besichtigten, nur wenige 100 Meter von meinem damaligen Arbeitsort entfernt. Ich erspäte prompt einen Mitarbeiter, der einem der jungen Männer, die ich damals betreut hatte, extrem ähnlich sah. Ich verkrümelte mich innert Sekunden hinter einen hochgewachsenen Sozialpädagogen und vermied jeglichen Sichtkontakt. Offenbar blieb ich unbemerkt. Die Besichtigung der restlichen Abteilungen waren für mich ein Spiessrutenlauf. Aber ich habe jahrelange Übung darin, mich unsichtbar zu machen, ein Relikt aus meiner Zeit als Mobbingopfer. Irgendwann war auch die letzte Führung vorbei, und irgendwann sassen wir wieder im Auto, zurück zum Arbeitsort.

Igor war nicht da, Igor ist weg. Ich wurde von niemandem angesprochen, von niemandem kam ein Kommentar, ich würde ihn oder sie irgendwie an jemanden erinnern. Die Erinnerung an damals wurde durch die Konfrontation nicht intensiver oder schlimmer als ich das erwartet habe. Was bleibt, ist ein schales Gefühl, ein bleicher, faulig stinkender, morbider Geist, der auf ewig über dieser Ortschaft schwebt und an das Scheitern und die Demütigung von damals erinnert.

2 Gedanken zu “Ze Return of ze Igor.

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