„Warum wird jemand wie du ausgerechnet Sozialpädagogin?“

Diese Frage habe ich in den letzten 13 Jahren schon ein paar Mal gehört, am häufigsten wohl in meiner letzten großen Krise 2012. „Jemand wie ich“, das bedeutet in diesem Zusammenhang jemand mit einer klangvollen psychiatrischen Diagnose wie meiner (schizoaffektive Störung). Ich muss aber ehrlich sein: Die Person in meinem Leben, die diese Frage mit Abstand am häufigsten gestellt hat, war ich selber. Es gibt nichtsdestotrotz einige gute Gründe für meine Berufswahl, die ich an dieser Stelle festhalten möchte. Und ich möchte an dieser Stelle bewusst nur diejenigen Gründe auflisten, die mich für diesen Beruf meiner Meinung nach qualifizieren, nicht diejenigen, die für mich selber und mein Leben von Vorteil sind (Sachen wie: Ich habe dank meinem Beruf gelernt zu putzen, zu kochen, Konflikte auszutragen etc, was durchaus nennenswerte positive Nebeneffekte meiner beruflichen Tätigkeit sind – aber um die geht es hier gerade nicht.).

Es folgt also eine Auflistung von Eigenschaften und Fähigkeiten, von denen ich überzeugt bin, dass sie mich zu einer guten, kompetenten, fähigen Sozialpädagogin machen, und das völlig losgelöst von meiner Biographie und / oder psychiatrischen Diagnose.

  • Ich interessiere mich für Menschen, deren Verhalten und deren Geschichte. Ich bringe eine gewisse Grundneugierde mit, die ich für dieses Berufsfeld wichtig finde.
  • Ich mag Menschen. Nicht alle, klar. Aber grundsätzlich finde ich Menschen und deren Sozialverhalten spannend, und ich habe in meinem Berufsleben viele Menschen kennen gelernt, die ich mochte. Ich mag insbesondere die Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, etwas aus dem Rahmen fallen.
  • Ich habe soziale Stärken. Dazu gehört zum Beispiel meine Empathie. Ich kann mich, und das wurde mir erst im Verlauf meiner beruflichen Erfahrung bewusst, manchmal deutlich besser in die Situation meiner Klientel versetzen als diverse meiner Berufsgenoss*innen. Besonders in der Arbeit mit einer Klientel, die sich schlecht oder gar nicht verbal ausdrücken kann, ist sowas enorm wichtig – und ebenso das Wissen darum, dass diese stellvertretende Deutung immer eine reine Hypothese ist.
  • Ich kann gut beobachten, und ich lasse mich nicht so schnell täuschen.
  • Ich bin absolut loyal und teamfähig.
  • Ich kann mich in Konflikten mit Kindern oder Jugendlichen abgrenzen. Ich nehme nicht so schnell etwas persönlich, sondern weiss, dass ich oft einfach eine Projektionsfläche bin.
  • Ich bin konsequent, auch wenn es unbequem wird.
  • Ich bleibe ruhig, wenn die Fetzen fliegen. Und ich bin sicher, dass das häufig mehr bringt, als auszuflippen.
  • Ich habe sehr viel Geduld.
  • Ich habe viel Humor.
  • Ich kann auch einfach mal schweigen. Nicht zu unterschätzen. (Das meine ich ernst. Nach heftigen Konflikten neben einem Kind sitzen und mit ihm zusammen einfach schweigen kann absolut wertvoll sein.)
  • Ich lerne gerne dazu. Wenn ich merke, dass ich in einem Bereich noch nicht genug Wissen oder Know how mitbringe, versuche ich, diese Lücke zu füllen.
  • Ich schätze konstruktive Kritik, und ich bin fähig, mein Verhalten zu reflektieren und Grundhaltungen zu hinterfragen.
  • Ich freue mich über Entwicklungsschritte, und ich freue mich, wenn ein Mensch an Autonomie und Selbstkompetenz gewinnt. Mitzuerleben, wie jemand Fortschritte macht, ist das Schönste an meinem Beruf.
  • Ich kann zuhören, ohne dabei ständig meine Weisheiten zum Besten geben zu müssen. Auch das ist nicht zu unterschätzen. Ich gehöre nicht zu der Gruppierung von Berufskolleg*innen , die sich selber so gerne reden hören, dass sie sich nicht mehr auf ihr Gegenüber einstellen können.

Meine Antwort auf die Frage „warum [zur Hölle] wird jemand wie du ausgerechnet Sozialpädagogin?!“ ist daher mittlerweile eine simple, und das ganz unabhängig davon, wer sie gerade stellt: „Weil ich gut bin in diesem Job.“

(Eat this, Igor.)

5 Gedanken zu “„Warum wird jemand wie du ausgerechnet Sozialpädagogin?“

  1. Bin hier hängen geblieben, beim Scrollen durch deinen Blog. Sehr gut und aussagekräftig formuliert. Deine Sichtweise, geprägt von deinen Erlebnissen, ist gerade in diesem Bereich viel wert! Weil du Dinge kennst und erkennst, weil du dich ganz anders einfühlen kannst! Ich würde das, wenn es um den Blickwinkel geht, als Zugewinn betrachten!

  2. Danke! Ja, ich kann mich wohl in einiges einfühlen, wichtig ist dann halt, dennoch meine Erfahrung von der akuten Situation eines anderen Menschen zu trennen. Aber normalerweise kann ich das schon.

  3. Wie gut ich das kenne! Als Psychologiestudent gibt es mehr Vorurteile als mir lieb sind z.B. „Psychologiestudenten haben selber einen Sprung in der Schüssel!“ Leider trifft dieses Vorurteil ebenfalls häufiger zu als mir lieb ist. So auch bei mir. Ich frage mich fast täglich, wie ich es mir vorstelle später psychisch Kranke zu behandeln, wenn ich selber ein Leben ohne Therapeuten nicht hinkriege? Liebe Grüße, Julia der Psycho 😉

    • Ich wünsch dir alles Gute bei deinem Studium – und ich finde durchaus, dass das eine das andere nicht ausschliesst. Solange du dich abgrenzen kannst und deine eigene Geschichte nicht auf deine Patienten projizierst, finde ich, kann es gut sein, dass du den Job deutlich besser machst als psychisch komplett Gesunde.

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