Igors Rückkehr.

Erinnert ihr euch noch an meinen Ex-Chef Igor? Genau, das Ekelpaket, ausgebildeter Sozialpädagoge, das mich gefeuert hat, als ich ihm meine Diagnose offenbarte: „Wenn ich gewusst hätte, dass du psychisch krank bist, hätte ich dich nie angestellt.“Das Ganze ist mehr als 6 Jahre her. Aber so versöhnlich ich sonst auch sein mag, Igor verzeihe ich nicht. Igor bleibt der Typ, den ich nicht grüsse, wenn ich ihm zufällig über den Weg laufe (in den letzten 6 Jahren 3mal). Igor bleibt der Typ, dem ich Panikattacken, Paranoia, Depressionen, Armut, Sucht, eine untreue Frau sowie Furunkel am Arsch wünsche. Igor ist der Grund, warum eine gewisse grössere Ortschaft, ÖV-technisch gut gelegen, als Wohnort nie in Frage kommen wird, weil er da wohnt, zumindest vor 6 Jahren. Igor ist auch der Grund, warum ein gewisser grösserer Betrieb meiner Branche nie, nie, nie wieder als Arbeitgeber in Frage kommt.

Soweit so gut. Längst habe ich einen anderen Job in einem anderen Kanton, längst habe ich die damalige sowie die nächstfolgende psychische Krise durchgestanden, und längst glaubte ich, diese unschöne Geschichte definitiv ad acta legen zu können. Wir schreiben das Jahr 2016, und ich sitze meinem aktuellen Chef in dessen Büro gegenüber, wir sind daran, mein diesjähriges Mitarbeitergespräch abzuschliessen. Ein wirklich positives Gespräch, übrigens, und ich denke nicht einmal im Entferntesten an Igor (der mich bei den zwei offiziellen Mitarbeitergespräche über alle Massen gelobt hatte, bevor er mich dann in die Wüste schickte, als ich krank wurde). Mein aktueller Chef hängt also gerade noch einige organisatorischen Informationen an das offizielle Gespräch an, und da passiert es: „Blablabla… Berufswahlwoche der Oberstufenschüler…. Blablabla… Schüler mit Autismus… Blablabla… Einzelbetreuung durch dich… Blablabla… Betrieb XY.“ Ich glaube erst, ich hätte mich verhört. „Betrieb XY?“ „Ja, genau, du besichtigst den mit diesem Schüler.“ Betrieb XY ist, wie sollte es anders sein, Igors Betrieb. Ich atme tief durch. Wie soll ich reagieren? Schliesslich räuspere ich mich. „Hüstel, weisst du, dass ich dort mal gearbeitet habe?“ Mein Chef blickt mich erfreut an: „Nein, das wusste ich nicht, das ist ja super, dann kannst du…“ Ich unterbreche ihn. „Ich bin dort nicht im Guten weg.“ Jetzt schaut er verwirrt: „Oh?“, und ich fahre sehr langsam und sehr betont fort: „Ich hatte enorme Differenzen mit meinem damaligen Chef. Ich möchte dem nicht begegnen, wenn sich das verhindern lässt.“ Mein aktueller Chef wirkt zunehmend überfordert. „Also, äh, ich weiss jetzt nicht genau.. Also…“ Ich frage „Wo genau muss ich denn hin? Betrieb XY ist sehr gross.“ Mein Chef scheint froh, dass ich wieder pragmatischere Äusserungen von mir gebe. „Das weiss ich nicht genau. Das sollte dir der zuständige Gruppenleiter sagen können. All das ist erst in der Anfangsphase der Planung.“ Ich atme tief durch, und mein Chef lenkt das Gespräch in eine andere Richtung. Auch ich rede lieber über etwas anderes, ohne Frage, aber als ich den Raum schliesslich verlasse, ist es offenbar definitiv beschlossen: Ich muss da hin, mit einem Schüler im Schlepptau.

Gerne würde ich jetzt berichten, wie souverän ich das innerlich manage. Wie professionell ich das Ganze sehe, wie weit drüber ich da stehe. Die Wahrheit ist: Bereits im Zug nach Hause googelte ich die Firma XY. Überprüfte alle Namen, die zu finden waren. Igors war nicht dabei. Entweder, er hat nicht mehr eine leitende Funktion, oder er arbeitet nicht mehr da. Ersteres kann ich mir nicht vorstellen. Igor ist nicht der Typ, der freiwillig zurück tritt auf einer Karriereleiter. Er ist durch und durch ein Streber, und er strebt unter anderem nach einem höheren Status. Und selbst wenn Igor den Bereich gewechselt hat (wie gesagt ist es ein sehr grosser Betrieb mit diversen Standorten), den Bereich, den ich mit dem Schüler besuchen soll, liegt eigentlich ausserhalb der möglichen Arbeitsfelder von Igor. Es müsste sich also einiges an kosmischer Energie gegen mich verschworen haben, sollte ich an diesem unseligen Tag wirklich auf Igor stossen.

Wer nicht weg ist, sondern immer noch die selbe Stelle inne zu haben scheint wie vor 6 Jahren, ist Igors Chef. Er war beim zweiten und letzten desolaten Gespräch für mich in diesem Betrieb dabei. Er war der Typ, der Igor dabei gefragt hat, ob er sicher sei, dass er mich nicht mehr als Mitarbeiterin wolle, und er war auch der Typ, der die Abfindung ins Spiel brachte als „aussergerichtliche Lösung“. Ihm schien dieses Gespräch damals einigermassen unangenehm. Wie dem auch sei, auch auf den Typen bin ich nicht scharf. Die ganze Geschichte hat tiefe Verletzungen und irgendwann deutliche Narben hinterlassen. Es ging nicht nur um Igor. Er war das grösste Arschloch bei der Geschichte, aber es ging um viel mehr. Ich wurde psychotisch, und das bei der Arbeit, ausgerechnet in einem Lager am Arsch der Welt, als eine von 4 Betreuungspersonen mit 33 jungen Erwachsenen mit sozialen Problemen, Suchtverhalten und psychischen Krankheiten.

Psychosen sind traumatisch. Psychosen sind der Stoff meiner Flashbacks, der Stoff meiner Albträume, der Stoff meiner Selbstkasteiung, der Stoff meiner Scham. Seit ich 10 bin, ist Scham die Emotion, die mein Leben am meisten prägt. Ich schäme mich für mein Fehlverhalten, ich verbringe einen grossen Teil meines Lebens damit, mich für irgendwas zu schämen, das ich gesagt oder gemacht oder auch nur gedacht habe. Die Dinge, die ich sage oder tue, wenn ich psychotisch sind, entziehen sich meiner Kontrolle. Wenn man sich also vorstellt, wie oft und wie fest ich mich bereits für etwas schäme, das ich im vollen Besitz meiner geistigen Fähigkeiten gesagt oder gemacht habe, erhält man einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie oft und wie fest ich mich erst für Dinge schäme, die ich in einem Zustand völliger Desorientierung und geistiger Umnachtung getan oder gesagt habe.

Ich war also psychotisch, damals, was in meiner verheerenden Situation dazu führte, dass ich meine Geschichte, mein Befinden, meine Wahrnehmung nicht mehr von der der jungen Menschen trennen konnte, für die ich verantwortlich war. Ich wurde paranoid, ich konnte mich nicht mehr abgrenzen, ich wurde komplett unprofessionell. Unterstützt wurde all dies durch absolut fragwürdige Umstände dieses Lagersettings. Ich war die einzige Frau und die einzige Erwachsene, die auf dem selben Stock wie die jungen Menschen mit wirklich happigen Biographien schlief, und zwar neben dem Zimmer der 5 jungen Frauen. Ich hatte den Auftrag, zu verhindern, dass die Jungs sich nachts dort aufhielten. Es hatte Frauen dabei, die jahrelang sexuell missbraucht wurden. Dieser Auftrag führte dazu, dass ich nicht mehr schlief. Also, gar nicht. Ich hörte jeden Schritt, hörte jeden und jede, die sich neben meiner Zimmertür durchschleichen wollte. Wie dem auch sei. Ich war ab dem 3. oder 4. Tag bereits total psychotisch. In diesem Zustand durchhalten zu müssen, das Ganze „aussitzen“ zu müssen war der Horror, in meiner Psychose hatte ich jedoch das Gefühl, ich müsse da jetzt durch, sah mich als Märtyrerin oder so. In der Woche nach dem Lager ging ich weiterhin arbeiten. Ich hatte die Grenze so weit überschritten, dass ich selber nicht mehr realisierte, dass ich psychotisch war. Ich gestand mir das erst ein, als mich Igor direkt ansprach und sagte, dass mit mir etwas nicht stimmt. Erst da habe ich verstanden, dass ich krank war.

Alles, was danach noch folgte, die Freistellung, die Demütigung, die Unterstellung, ich hätte „gelogen“, weil ich meine Krankheit nie erwähnt hatte, all das machte die Verarbeitung dieser groben Lebenskrise nicht einfacher. Ich fühlte mich nicht nur von Igor verraten, ich stellte mich und meine berufliche Identität grundsätzlich in Frage. Ich fragte mich, warum zur Hölle ich ausgerechnet Sozialpädagogin werden musste, wo ich doch dafür denkbar ungeeignet war. Ich war im Laufe dieser ganzen Auseinandersetzung mit diesem Arbeitgeber sicher, dass ich den Beruf verfehlt hatte. Alles, was ich in diesem Betrieb vor der Psychose professionell und kompetent geleistet hatte, und das war aus heutiger Perspektive viel, schien nach dem Desaster im Lager nicht nur für Igor, sondern auch für mich absolut wertlos.

Die Stelle bei Igor war meine erste als ausgebildete Sozpäd. Ich war dort offiziell 1.5 Jahre ansgestellt. Wir konnten uns darauf einigen, dass im Arbeitszeugnis stand, ich hätte den Betrieb auf meinen Wunsch hin verlassen. Trotz dieser angesichts meiner Situation grundsätzlich guten Umstände hatte ich Existenzängste. Was, wenn ich nie wieder eine Stelle finden würde? Wie sollte ich von meiner letzten Stelle erzählen? Wie konnte ich vertuschen, dass ich die letzen beiden Monate gar nicht mehr gearbeitet hatte, weil ich ja freigestellt wurde? Wen sollte ich als Referenz angeben?

Es ist alles lange her, und ich habe viel erlebt in der Zwischenzeit. Ich stehe mittlerweile beruflich an einem ganz anderen Ort, und meine ganzen Erfahrungen machen mich reifer und gelassener. Trotzdem, ich bin nicht scharf auf diese Konfrontation. Ich durfte mich damals nicht einmal von den betreuten Jugendlichen oder meinen beiden Mitarbeitern verabschieden. Nach anderthalb Wochen, in der ich mich krank schreiben liess und einer Woche Ferien wurde ich zu einem Gespräch geladen, wurde dort informiert, dass ich freigestellt war, musste Igor meinen Schlüssel aushändigen und hatte danach spurlos zu verschwinden, als ob ich nie dort gewesen wäre.

Eigentlich wollte ich nie, nie wieder einen Fuss in diese Einrichtung setzen. Ich weiss nicht, ob ich dort jemanden antreffen werde, den ich von damals kenne, und wenn ja, wen. Ich habe zudem einen pädagogischen Auftrag, ich muss mich um den betreffenden Jugendlichen kümmern und habe keinen Raum für meine ganzen Befindlichkeiten, Erinnerungen und Flashbacks. Ich muss mich unter Kontrolle haben und souverän reagieren, ganz egal, auf wen ich dort treffen werde und ganz egal, was sich dabei für Gespräche ergeben können.

Ich dachte, die Sache mit Igor sei ich los. Aber so richtig los werde ich sie wohl nie.

9 Gedanken zu “Igors Rückkehr.

  1. Ich kann dir das sehr gut nachempfinden. Den Betrieb, in dem ich „meinen Igor“ getroffen habe, würde ich nicht noch einmal freiwillig betreten, obwohl die Story schon seit 8 Jahren abgeschlossen ist.

    • Nie wieder einen Fuss in diesen Saftladen zu stellen, das hatte ich mir auch geschworen. Aber offenbar muss das sein. Ich hatte nicht den Mut, meinem aktuellen Chef die genauen Umstände zu schildern, weil auch er keine Ahnung von meiner psychiatrischen Diagnose hat. Wenn ich an sowas glauben würde, würde ich irgend einen Sinn hinter dieser Konfrontation vermuten („es wird mich weiterbringen, mich dieser Geschichte noch einmal zu stellen“), allerdings glaube ich nur sehr beschränkt an sowas. Eher denke ich, ich kann mir selber bei dieser Gelegenheit beweisen, dass ich wirklich reifer und gelassener durchs Leben gehe als noch vor 6 Jahren.

      • „weil auch er keine Ahnung von meiner psychiatrischen Diagnose hat“

        Dieses „sich verstecken müssen“, als ob man etwas falsch gemacht hätte, finde ich übrigens etwas vom Schlimmsten. Meine Behinderung ist ja körperlich und war im Betrieb bekannt (Es war eine IV-finanzierte Einrichtung). Du kannst dir nicht vorstellen, wie exzessiv man unsere Behinderungen als „Totschlagargument“ gegen uns eingesetzt hat – in den absurdesten Zusammenhängen. Und man sagt ja im Allgemeinen, dass psychische Behinderungen zu einer stärkeren Stigmatisierung führen, als körperliche. Wenn ich daran denke, wie es mir (bzw. uns) ergangen ist, kann ich mir eine Steigerung kaum noch vorstellen.

      • Das tut mir sehr leid zu hören. Gerade, weil physische Behinderungen doch „offensichtlicher“ als psychische erscheinen. Dass du auch damit verurteilt und diskriminiert wurdest – und das auch noch in einem Betrieb, der eng mit der IV zusammenarbeitet, ist umso gravierender. Ach. Es ist „zum Haaröl seiche“, wie man auf berndeutsch sagt. Der „Betrieb des Grauens“, von dem ich in meinen Blogbeiträgen erzähle, nennt sich „Eingliederungsstätte für Behinderte“. Ebenfalls ein IV-Betrieb also. Dass ich dort derart gedemütigt und umgehend freigestellt wurde, als meine Krankheit ausbrach, ist fast so schizoid wie mein Krankheitsbild. In meinem Fall hing das glaub ich wirklich mit dem 2-Klassen-Modell zusammen, das dort zumindest damals herrschte: die „richtigen“ (nicht „geschützten“) Mitarbeiter – und „das Pack“ (geschützte Arbeitsplätze, Mitarbeitende mit IV-Unterstützung). Ich wurde als „richtige“ Mitarbeiterin angestellt (Sozialpädagogin) und entpuppte mich nach 1.5 Jahren als Bestandteil des „Packs“. Unerträglicher Gedanke für Igor, daher musste ich weg, und zwar schnell. Das ist meine heutige Sicht der Dinge.
        Ich finde es übrigens genau so schlimm, wie du beschreibst, mich zu verstecken. Ich hasse das. Ich habe gelernt, meine Krankheit als einen Teil von mir zu akzeptieren. Sie gehört zu mir, wenn ich sie verleugne, verleugne ich mich selbst. Aber ich glaube ehrlich gesagt nicht mehr, dass ich je Chancen haben werde, eine Stelle zu bekommen oder zu behalten, wenn klar ist, dass ich eine schizoaffektive Störung (Halluzinationen!! Paranoia!! Persönlichkeitsstörung!! Manisch depressiv!! Hilfe!!) habe.

  2. Puh, das ist sicher nicht einfach. Ich wünsche dir viel Kraft dafür und das du keinen triffst von damals. Leider ist die Angst davor da und ich kann sie dir nicht nehmen. Wünsche dir alles Gute.

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