Sackgesicht.

Ich habe letzte Woche bewusst, in voller Absicht und von einem Tag auf den anderen eine Freundschaft beendet. Das erste Mal in meinem ganzen Leben, soweit ich mich erinnern kann. Im Prinzip fühlt sich das grossartig an. Endlich kann ich mitreden zu dem Thema. Wenn Leute davon erzählen, wie sie „einen Schlussstrich gezogen“ haben, wie sie „den Kontakt abgebrochen“ haben, wie sie“die Konsequenzen gezogen“ haben, kann ich endlich auch einen Beitrag leisten. Nicht, dass alle meine (nicht gerade zahlreichen) Freundschaften bisher immer gehalten haben, aber das war bisher eher so ein leichtes Verflüchtigen, immer grössere Abstände zwischen den Kontaktaufnahmen, bis sie irgendwann ganz ausblieben. Es kann auch sein, dass ich es nicht genau realisiert habe, wenn jemand die Freundschaft oder den Kontakt zu mir ganz bewusst abgebrochen hat.

Wie auch immer: Diesmal hab ich es tatsächlich getan, ich habe einen Schlussstrich unter eine Freundschaft gezogen, die mir wirklich etwas bedeutet hatte. Es fühlt sich eigentlich wirklich super an, so erwachsen, so konsequent, so stark. Das Ganze hat nur einen kleinen Haken: Ich vermute stark, dass die Person, um die es sich dreht, das nicht weiss. Also, dass ich die Freundschaft zu ihr abgebrochen habe. Den Bruch, den vollzog ich in einer Nacht letzte Woche irgendwann zwischen 3 und 4 Uhr morgens, als ich mich schlaflos im Bett umher wälzte, über diese Freundschaft nachdachte und schliesslich zum Schluss kam, dass auch sie zum Schluss kommen müsse. Da ich darin keine Erfahrung habe, war mir nicht klar, wie das weitere Vorgehen aussehen musste. Verschickt man in einem solchen Fall eine Info-Mail? Postet man das auf Facebook? Ruft man die Person an und informiert sie mündlich darüber? Vereinbart man ein persönliches Treffen und untermalt dieses mit einem dramatischen Soundtrack? Falls ja, mit welchen Worten teilt man sowas mit, und welche Musik eignet sich dafür?

Fragen über Fragen. Während ich darüber nachdenke, wird mir klar, dass die Information „du bist nicht mehr mein Freund, du elendes Sackgesicht“ womöglich nicht einmal die einzige ist, die der betreffenden Person fehlt. Vielmehr kann es sehr gut sein, dass sie bis anhin gar nicht wusste, dass wir je Freunde waren. Verflixt. Das macht die ganze Geschichte natürlich noch komplexer. Wer nicht weiss, dass ich ihn als guten Freund betrachte, der wird eventuell recht verwirrt sein, wenn ich ihn darüber informiere, dass unsere Freundschaft soeben beendet wurde, ganz egal, wie passend die musikalische Untermalung dabei auch sein mag.

Gleichzeitig erkenne ich sehr deutlich, dass ich wirklich unzufrieden bin damit, dass mein Bruch mit der Person von eben dieser unbemerkt bleibt. Ich meine, Heilandsack, wenn ich denn endlich mal so herrlich erwachsen und souverän und konsequent bin, dann soll das die Welt auch erfahren! Was nützt es mir, wenn ich knallhart Grenzen setze, schwungvoll einen fetten Schlussstrich unter etwas male, mich in aller Form abgrenze, wenn das niemand mitkriegt? Für eine derart heroische Tat brauche ich schon irgendwie Publikum, sonst war ja das ganze Drama umsonst. Das ist, als ob ich eine brilliante Rede mit einer absolut fulminanten Schlusspointe vorbereitet hätte und sie dann in einem leeren Raum der Wand vortragen müsste.

Das ist der eine Aspekt, der zweite ist, ich will nicht irgendein Publikum, sonst könnte ich das Ganze auch einfach meiner besten Freundin erzählen, nein, ich will, dass das ganz bestimmte elende Sackgesicht quasi in der vordersten Reihe sitzt, wenn ich diese Information präsentiere. Ich will, und das ist noch ein bisschen ehrlicher, dass diese Person durch die Beendigung meiner Freundschaft zu ihr klar emotional beeinträchtigt wird. Ich setze auf einen gewissen Überraschungseffekt, vermutlich rechnet sie nicht damit, dass da jetzt plötzlich alles weg und aus ist an zwischenmenschlichen Nettigkeiten, und aufbauend auf dieser Überraschung hoffe ich auf das Folgen eines starken Bedauerns der Umstände.

Frei nach dem Motto „Was?! Wir sind plötzlich nicht mehr Freunde?!?! Damit hätte ich nicht gerechnet!!“, gefolgt von „meine Güte, wie unendlich schade!!“, und am besten gleich noch von „ich bin untröstlich! Wie konnte so etwas nur passieren? Mein Herz ist schwer wie Blei, ich werde nie wieder frohlocken können!“ – oder so. Ja, ich muss schon sagen, alleine die Vorstellung einer solchen Reaktion – und ich denke, die ist ziemlich nahe an der Realität – verschafft mir eine grosse Genugtuung. Nie wieder frohlocken zu können, das erscheint mir wirklich eine passende Strafe für jemanden, der meine Freundschaft nicht länger verdient. Bin ich rachesüchtig? Ja, unbedingt! Wer sich erdreistet, meine Freundschaft leichtfertig aufs Spiel zu setzen, der soll dafür büssen, jawohl!

Nun ist es leider nicht möglich, zu eruieren, ob die emotionale Komponente, der kalte Entzug meiner Freundschaft nämlich, alleine wirklich ausreicht, damit besagte Person untröstlich ist, ganz zu schweigen von einem Herz, schwer wie Blei, oder ob dazu noch unmittelbarere Gründe vonnöten wären, wie beispielsweise physischer Schmerz, ausgehend von einem, sagen wir, kräftigen Tritt in den Arsch; Insbesondere ist ja nach wie vor nicht geklärt, ob betreffende Person den kalten Entzug überhaupt registriert, sowie, falls wenn, ob sie das emotional in irgendeiner Form beeinträchtigt.

Es gibt unendlich viele unbekannte Variablen in diesem ganzen sozialen Gefüge, so dass ich, um all die offenen Fragen zu klären, besagter Person erst einmal einen umfangreichen Fragebogen zukommen lassen müsste, gefolgt von einer sorgfältigen Auswertung der Antworten. Mir würden da auch schon wirklich spannende Fragen einfallen (von „War mir bewusst, dass ich mich in einer Freundschaft befand?“ über „Habe ich bemerkt, dass diese Freundschaft schlagartig beendet wurde?“ bis hin zu „Empfand ich die musikalische Untermalung beim Beenden der Freundschaft als passend? Wenn nicht, welchen Soundtrack wäre für ein nächstes Mal zu empfehlen?“ und „Auf einer Skala von 1 bis 10, wie schmerzhaft war der Tritt in den Arsch?“, etc.), allerdings wird mir anders, wenn ich mir vorstelle, wie umfassend und arbeitsintensiv diese ganze Untersuchung werden würde. Ich würde Wochen, Monate in diese Sache investieren, und es wäre nicht einmal sicher, ob ich aus den ganzen Diagrammen und Kurven, welche bei der Auswertung entstehen würden, eine brauchbare Quintessenz ziehen könnte. Was, wenn die Antwort beispielsweise einfach „42“ lautet? Was, wenn der Fragebogen methodisch nicht ausgereift war und sich darum Fehler in die Erhebung einschleichen? Was, wenn das Sackgesicht den Bogen schlampig ausfüllt, die Fragen falsch versteht und sich die Ergebnisse schliesslich gegenseitig widersprechen? Nicht auszudenken! Es gibt aber vor allem eine verheerende Frage, die sich stellt: Was, wenn die Ergebnisse dieser Studie nicht wirklich bewirken, dass die betreffende Person nie wieder frohlocken kann?!

Nein, ich entscheide mich gegen diese Erhebung. Vielmehr scheint es sinnvoll, ein letztes Mal in einen direkten sozialen Kontakt zu treten, um folgendes lsozuwerden: „Du bist nicht mehr mein Freund, du elendes Sackgesicht.“ Je nach Reaktion kann ich dann immer noch mit einem Tritt in den Arsch nachdoppeln.

3 Gedanken zu “Sackgesicht.

  1. Ich sage den Personen nie, dass der Kontakt abgebrochen ist. Ich lösche aber FB Freundschaften und blockiere die Person. Keine Kontaktmöglichkeiten mehr zulassen hilft mir über den Verlust hinweg zu kommen. Denn auch wenn es viel braucht bis ich diesen Schritt gehe, die Person war mir mal wichtig.

    • Das Problem ist halt, dass das recht schwierig ist, wenn man durch äußere Umstände immer wieder mal in Kontakt treten muss, ob man will oder nicht. Und ich glaube, ich werde eh nie die Eier haben, das so deutlich zu äußern, wie ich gerne würde.

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