Selbstmitleid for Dummies.

Ich weine. Wieder einmal. Auslöser war ein Artikel über eine Frau mit Borderline, die Mutter wurde, mit allen zugehörigen Schwierigkeiten. Ich heulte schon nach dem ersten Viertel des Artikels. Das Thema „Kinderwunsch“, dachte ich, sei vorbei, oder auf Eis, jedenfalls gerade nicht mehr wichtig, weil so viel anderes ansteht. Während ich also ungeplanterweise wieder einmal darum weine, dass ich nicht wie andere Frauen in meinem Alter einfach Kinder habe oder Kinder zu haben planen kann, weitet sich mein Selbstmitleid gemächlich weiter aus, und schliesslich kann ich nicht einmal mehr genau sagen, warum und worum ich jetzt genau weine.

Um meine Krankheit, um meine desaströse Jugend, um meine wieder akut depressive Mutter, die zurück im selben Schema ist wie immer, wenn sie krank ist, verbittert, voller Vorwürfe, voller Schuldzuschiebungen, mit Aussagen, die mich verletzen, was dazu führt, dass ich mich nicht mehr häufig melde, was wiederum dazu führt, dass sie mir das vorwirft, ein endloses Spiel, das erst enden wird, wenn es ihr wieder besser geht. Dann weine ich um Argentinien, um das Trauma, das mich nach wie vor täglich verfolgt, um meine Lebenssituation, die mir so viel Energie entzieht, dass für alles ausserhalb von Arbeiten und Pendeln nicht mehr viel übrig bleibt, dann weine ich um die Ängste, die meinen Freund plagen, um sein Unvermögen, einen Umzug in Betracht zu ziehen, weine wieder um mich, weine einfach noch ein bisschen weiter, weil es sich gerade gut anfühlt, weil ich vielleicht einfach zu wenig weine im Alltag, weil es gerade passt, weil mein Freund gerade nicht da ist und sich somit niemand Sorgen machen muss, wenn ich einfach weine. Ich weine um meine Kopfschmerzen, um meine Erkältung, um mein Übergewicht, um meine Unsportlichkeit, meine Müdigkeit, meine mangelnde Belastungsfähigkeit. Schliesslich weine ich um mein Weinen.

Selbstmitleid ist etwas, das mich mit Scham erfüllt, weil ich doch ein so gutes Leben führen kann, im Vergleich zu vielen anderen mit meiner Diagnose, Selbstmitleid ist wenig hilfreich, wenig konstruktiv, nichts, worauf man stolz sein kann, nichts, was einen weiterbringt, und doch scheine ich mich ab und zu darin suhlen zu müssen, frei nach dem Motto

„…und wenn keine Sau weit und breit
ein wenig Mitleid zeigt,
musst du sogar das
noch selber machen…“

(Frei nach Patent Ochsner)

Ich mache das jetzt einfach. Ich schnappe mir einen tragischen Spielfilm, bewaffne mich mit einer Million Taschentüchern und weine, bis ich ausgetrocknet bin oder bis es mich langweilt. Ohne Schuldgefühl, weil ich doch gar keinen echten Grund dazu habe. Hoffe ich.

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