Was ich nicht sage, Part II.

Trotz meinem phasenweis immensen Mitteilungsdrang gibt es Themen, zu denen ich meist beharrlich schweige. Nebst meinen ganzen wirren Paranoia-Gedanken gibt es auch aktuelle Inhalte, zu denen ich schweige, aber nicht, weil ich sie nicht wichtig finde, und auch nicht, weil ich ihre Tabuisierung unterstützen möchte, im Gegenteil. Ich kann es nicht, ich scheitere daran, es ist mein Unvermögen, das mich von einer Stellungnahme abhält.

Ich war nie eine jener Frauen, die ständig abgebaggert werden. Bei den wenigen Gelegenheiten, in denen ich – manchmal, und ich weiss, das klingt unglaublich, erst retrospektiv – sicher war, dass mich einer anmachen oder flachlegen wollte, war mein Gegenüber handgreiflich. Ja, ich rede von Angrabschen. Und, believe me, wenn das sogar mir passiert, ist das ein Hinweis darauf, dass sowas deutlich öfter geschieht als gemeinhin angenommen. Ich habe mich dagegen nie richtig wehren können. Ich kann eine grosse Klappe haben und feministische Sprüche klopfen, wenn ich in Stimmung dazu bin, aber tätliche sexuelle Belästigung ist etwas, das ich nie abwehren konnte. Ich erstarre in solchen Momenten. Ich mache per Flashbacks Zeitreisen in frühere, schlimmere Nötigungs-Situationen. Meist kann ich nicht mal reden. Ich versuche, unauffällig irgendwie aus der Situation zu kommen, indem ich davon laufe, in der Menge untertauche.

Dafür schäme ich mich. Ich bin nicht gerne ein hilfloses Opfer. Es macht mir überhaupt gar keinen Spass, mich so zu verhalten. Obwohl man das annehmen könnte, wenn man die  Kommentare, die ich in den letzten 22 Jahren zu diesem Thema erhalten habe, für bare Münze nehmen sollte. „Du musst dich halt wehren“, „wenn du dich nicht wehrst, macht der das auch bei anderen“, „sich nicht wehren heisst für den Täter, dass du es ok findest“, ich könnte noch viele weitere Sprüche anführen, die mir stets verdeutlicht haben, dass ich nicht nur selber Schuld, sondern auch noch verantwortlich für weitere Übergriffe an andere Frauen bin, wenn ich mich nicht richtige wehre. Ich möchte daher einfach einmal in aller Deutlichkeit klarstellen:

Wie gerne würde ich all die Arschlöcher, die mir, seit ich 11 bin, an den Arsch, die Brust, meine Hüfte, auf meine nackten Knie, in die Genitalien getatscht haben, beschimpfen, beleidigen, sie anbrüllen, bis sie taub sind, sie treten, sie bespucken, in die Eier treten, sie schlagen, ihr Gesicht verkratzen. Ich möchte sie öffentlich mit Namen nennen, ich möchte, dass sie dafür bestraft werden. Wirklich. Dass ich mich nie wehren konnte, heisst nicht, dass ich das gut fand. Dass ich heute noch verstumme, wenn dieses Thema aufs Tapet kommt, sei es in öffentlichen Debatten, sei es in Gesprächen, heisst nicht, dass ich keine Meinung dazu habe. Dass ich unfähig bin, gewisse aktuelle Geschehnisse auch nur in einer Zeitung nachzulesen, dass ich den Fernseher abstelle, wenn dieses Thema dort diskutiert wird, heisst nicht, dass ich den Kopf in den Sand stecken will, dass ich verdrängen will, dass es das gibt. Ich schaffe es nur einfach nach wie vor nicht, mich damit auseinander zu setzen. Ich kann keine Debatten zum Thema sexualisierte Gewalt oder sexuelle Belästigung führen. Ich kann meine Erfahrungen nicht öffentlich teilen. Ich kann mich in dem Bereich nicht so offen äussern, dass die Möglichkeit von verletzenden Kommentaren entsteht. Und dass die – gerade bei delikaten Themen – latent besteht, wird täglich in der Presse, auf Twitter, Facebook oder unserem Pausenraum im Betrieb bewiesen. Ich kann mich dem nicht aussetzen. Vielleicht, wenn ich älter bin.

2 Gedanken zu “Was ich nicht sage, Part II.

  1. Ich kann mich auch nicht „richtig“ wehren. Ich verschwinde auch. Ich gehöre nicht zu den typischen Schönheiten. Ich erlebe nicht nur sexuelle Gewalt, ich werde auch ohne Grund beleidigt.
    Vieles lese oder sehe ich auch nicht. Ich nenne es Selbstschutz. Gerade weil bei Gewalt sofort davon ausgegangen wird, dass es ein Ausländer war.
    Das ist ok, dass du nicht alles auf dich einprasseln lässt.

  2. Meine Antwort kommt spät, ich weiss, und das hat Gründe: Ich konnte nicht einmal deinen Kommentar dazu lesen, nachdem ich den Artikel veröffentlicht habe, ich konnte mich mit dem Thema gerade nicht mehr auseinander setzen. Aber jetzt habe ich ihn gelesen und möchte trotzdem noch antworten:
    Es tut gut, zu hören, dass ich nicht die einzige bin, die das nicht auf die Reihe kriegt. Ich schäme mich wirklich dafür. Ich kann mich nicht mal gegen verbale Belästigung richtig wehren, wie die jüngsten Ereignisse in meinem Umfeld zeigen. Und das mit Mitte 30 und meinem Job. Wirklich unfassbar, ich weiss das. Da tröstet es mich schon, dass ich damit nicht alleine bin, obwohl ich natürlich niemandem wünsche, sich so unfähig zu erleben, wie mir das immer wieder passiert. Ich habe dich nur einmal persönlich getroffen, aber du wirkst auf mich stark und tough. Ich bin froh, dass es dich gibt.

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