Männer, Frauen, Hormone, Antennen.

Wieder ein Text, der eigentlich nicht ins Internet gehört. Scheiss drauf. Ich bin im Quassel-Modus und muss einiges loswerden.

Ich habe mich verändert in den letzten Jahren. Wäre ja traurig, wenn nicht. Irgendwelche Antennen haben sich entwickelt, die früher nicht da waren. Ich weiss nicht, warum das so ist, aber Tatsache ist: Ich registriere plötzlich die potenziell heterosexuellen Männer um mich herum. Also, ich denke nicht, dass ich bis 30 nur von potenziell homosexuellen Männern umgeben war, aber ich habe mich schlicht nicht besonders für Männer interessiert, egal welcher sexuellen Ausrichtung. Was ganz schön lustig klingen mag, wenn man bedenkt, dass ich seit 21 in einer festen Beziehung mit einem Mann bin. Mein Freund war für mich einfach immer irgendwie eine eigene Kategorie. Ich glaube, ich unterschied grob in „Frauen“, „Männer“ und „mein Freund“. Es ist nicht so, dass unsere Beziehung immer so glatt lief, dass ich sie nie in Frage stellte, aber das hatte herzlich wenig mit anderen Männern zu tun. Männer waren mir immer ein bisschen unheimlich, Männer konnte ich immer deutlich schlechter „lesen“ als Frauen, und ich habe es seit meiner Schulzeit nie wieder geschafft, einen männlichen guten Freund zu haben. Was ich dann und wann von Herzen bedauerte, weil mir klar war, dass mir dadurch sicher viel entgeht. Aber ich habe zwischen 21 und 30 schlicht keine getroffen, die ich wirklich mochte oder die mir gar gefielen. Ein bisschen hat das vielleicht auch mit meiner Berufswahl zu tun. Die Männerquote in der Sozialpädagogik ist je nach Fachbereich bei unter 10 Prozent. Dann habe ich in meinem Zwanzigern auch generell nicht enorm viel neue Freunde gefunden. Freundschaften schliessen fällt mir schwer. Es hatte aber sicher auch tatsächlich mit dieser nicht vorhandenen Antenne zu tun. Ich sah selbst im ÖV, in einer Bar, in einem Theater oder Kino eigentlich wirklich nie einen Mann, der mir so richtig gefiel, den ich als „attraktiv“ einstufte. Ich kann mich erinnern, wie ich mit Ende 20 einer Freundin gefrustet erzählte: „Ich fände es so unendlich super, wenn ich endlich mal einen Mann treffen würde, auf den ich – abgesehen von meinem Freund – ein bisschen stehen könnte. Nur ein bisschen, würde völlig reichen.“ Das schien wirklich nicht möglich, über fast ein Jahrzehnt hinweg. Männer, die nach allgemeinen Kriterien, wenn es die denn gibt, als „gutaussehend“ eingestuft werden, fand ich in 99% aller Fälle affig, arrogant, schleimig, narzistisch, zu „glatt“.

Dann kam das Argentinien-Debakel, mein 30. Geburtstag und schliesslich ein neuer Job. Ich weiss nicht, was davon wirklich den Ausschlag gab, aber, wie sich leidgeplagte LeserInnen erinnern können, es folgte ein wirklich grauenhafter hormoneller Auswuchs, und ich entwickelte eine massive Schwäche für einen Typen in meinem Umfeld, der definitiv nicht mein Freund war. „Die erste Midlife-Crisis“, kommentierte eine Freundin. Passiert ist übrigens nie was, ausser, dass ich temporär auszog und mich von meinem Freund zu trennen versuchte, was nicht gelang, bis schliesslich er sich von mir trennen wollte, was auch nicht gelang. Wir blieben also zusammen, stritten viel, stritten heftig, führten all jene unbequemen Grundsatzdiskussionen, die wir in den ganzen Jahren zuvor vermieden hatten, bis wir uns irgendwann wirklich wieder versöhnten und mein Freund das Thema Eifersucht wieder ruhen lassen konnte. Was wohl wirklich den Ausschlag gab, war, dass ich wirklich und ehrlich fühlte, dass mir dieser andere Typ nun wirklich in keiner Form das geben könnte, was ich brauche, um glücklich und zufrieden zu sein, dass dieser Typ nicht einmal als lockerer Kollege taugt, weil er keine Verbindlichkeit kennt, weil er immer alle Optionen offen lassen muss.

Das Thema ist also durch, und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie erleichtert ich darüber bin. Was nicht durch ist, ist die Sache mit den Antennen. Ich registriere, dass ich Männer attraktiv finden kann, egal, ob ich sie kenne oder nicht. Ich versuche, einzuschätzen, ob das auf Gegenseitigkeit beruht, wenn ich mit jemandem rede, der mir gefällt. Selbstverständlich bin ich dabei hoffnungslos überfordert, schliesslich habe ich quasi keine Erfahrung auf dem Gebiet.

Manchmal denke ich, dass das kein gutes Zeichen ist, wenn ich mir über die Attraktivität von anderen Männern als meinem Freund Gedanken mache. Oder dass ich eingebildet werde, wein ich mir einrede, dass ich jemandem vielleicht gefalle.

Auf einer anderen Ebene finde ich das Ganze enorm spannend. Menschen haben mich immer interessiert. Ihre Motive, ihre Verhaltensweisen, ihre Strategien. Da tut sich mit dieser Hetero-Mann-Frau-Sache, zu der ich früher keinen Zutritt zu haben schien, ein ganzes Universum an neuen spannenden Beobachtungen auf. Es ist schlicht faszinierend, zu beobachten, wie eine Frau oder ein Mann versucht, das jeweilige Gegenstück von sich einzunehmen. Das Verhalten von Frauen, die versuchen, zu „flirten“, war mir früher extrem peinlich. Sobald meine Freundin im Ausgang früher anfing, in der Gegenwart von irgendwelchen Typen debil zu kichern, an ihren Haaren rumzufummeln, merkwürdig die Augen zu verdrehen oder irgendwelche komischen Sachen mit ihrem Mund anzustellen, hätte ich mich am liebsten weit weg gebeamt, so befremdend und peinlich war mir ihr Verhalten. Das, obwohl ich wusste, dass sie damit durchaus Erfolg hatte. Jedenfalls, jetzt, mit Mitte 30, finde ich dieses Flirt-Chancen-Abcheck-Imponiergehabe zwar in den meisten Fällen immer noch recht merkwürdig, aber ich finde es plötzlich auch recht unterhaltsam.

Manchmal fühle ich mich wie eine Forscherin einer anderen Spezies, die sich dem Thema „Paarungsverhalten unter Menschen“ annimmt. Und mit diesem Hintergrund finde ich nicht, dass ich mir Sorgen um mein Seelenheil oder meine Beziehung machen muss. Ich habe ein neues Gebiet entdeckt, das ich spannend finde. Ich habe einen Satz neuer Antennen, die ich recht seltsam, aber auch recht amüsant finde.

Dass ich mittlerweile ein paar Männer kenne, die ich mag, die ich lustig finde und je nach je auch attraktiv heisst ja nicht, dass meine Gefühle für meinen Freund dadurch tangiert werden. Dass ich neu empfänglich für Signale bin, die mir früher ein Mysterium waren, heisst nicht, dass ich mit jedem rumknutsche, der mir gerade gefällt.

Vielleicht sind die Antennen auf meinem Kopf (ja, so stelle ich mir das Ganze bildhaft vor) sogar ein gutes Zeichen. Vielleicht bedeuten sie, dass ich mich wohler fühle in meinem Frauenkörper als früher. Vielleicht weisen sie darauf hin, dass ich mittlerweile so selbstbewusst geworden bin, dass ich mir vorstellen kann, nicht nur meinem Freund, sondern auch gewissen anderen Männern zu gefallen. Vielleicht sind sie ein Signal, dass gewisse tiefsitzenden seelischen Verletzungen langsam vernarben. Vielleicht.

Ein Gedanke zu “Männer, Frauen, Hormone, Antennen.

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Ich sehe jedoch immer noch Frauen und Menschen. Erfahrungen habe ich auch kaum, aber beobachten und „forschen“ mache ich gerne. Und #lach dieses Flirtgehabe ist ein Thema für sich.

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