Einsicht.

Manchmal habe ich aus heiterem Himmel Erkenntnisse. Meist, wenn ich mit jemandem vertieft über Dinge rede, die mich stark beschäftigen. Heute war so ein Moment. Weil es sich um eine Erkenntnis handelt, die für mich und mein Leben gerade wichtig ist, will ich sie hier mit euch teilen.

Es ging wieder einmal um die gesundheitliche, berufliche und finanzielle SItuation meines Freundes. Wer jetzt denkt „nicht schon wieder!!“, dem rate ich, gar nicht erst weiter zu lesen – und, möchte ich anfügen, ich kann diesen Reflex übrigens schon verstehen. Aber wie dem auch sei, ich erzählte also, dass ich mittlerweile begriffen habe, dass die Situation, so wie sie momentan ist, so schnell nicht ändern wird. Dass ich angefangen habe, zu akzeptieren, dass die Dinge nun mal so sind. Er wird eine Dreiviertel-Rente der IV bekommen. Er wird zu einem absoluten Hungerlohn in der Gastronomie Teilzeit arbeiten. Und das alles wird sich nicht so schnell ändern. Es macht keinen Sinn, jeden Abend durchzukauen, was er alles ausprobieren soll, was er sich alles zutrauen soll, was er an Umschulungen angehen soll, was er an Ausbildungen oder Weiterbildungen starten soll, „weil das doch keine Perspektive ist“, hier liebe Grüsse an Claudia, so weiterzuleben. Es geht schlicht nicht. Er kann das nicht im Moment. Und mit „Moment“ meine ich hier eine ganze Lebensphase. Als ich das alles laut ausspreche, durchdringt mich die Einsicht wie ein Blitz:

Nicht nur mein Freund, nicht nur Claudia, stellvertretend für all meine Freunde, sondern auch ich konnte das sehr lange nicht akzetpieren. Wie lange habe ich versucht, meinem Freund „Perspektiven“ aufzuzeigen. „Mach doch einfach mal ein Praktikum“, „bewirb dich doch einfach!!“, „geh zur Berufsberatung!“, „du musst dich umschulen lassen!“, „verkauf dich doch nicht dermassen unter deinem Wert, du hast mehr drauf!“, ich weiss nicht, wie oft ich all das wiederholt habe. Wie lange ich ihm Stelleninserate zugestellt habe, wie lange ich ihn unter Druck gesetzt habe, immer und immer wieder. Was ich betonen möchte: Ich bin wirklich und ehrlich nicht so drauf, als dass ich finde, mein Freund müsse einen besonders schick klingenden beruflichen Posten inne haben. Was er arbeitet und wie viel er dabei verdient, war für mich nie wichtig, ich wollte immer nur, dass er glücklich ist, bei dem, was er tut. Ich habe wirklich und ehrlich gedacht, ich würde ihm helfen, wenn ich ihm „mögliche Auswege“ aus seiner schwierigen beruflichen Lage aufzeige, an der er immer mehr zu verzweifeln drohte. Dass ihm das nur noch zusätzlich Druck aufgeladen hat, war mir nicht bewusst. Als ihm die Frau bei der Berufs- und Laufbahnberatung vor über einem Jahr klipp und klar sagte, in seiner momentanen Verfassung sei es völlig hirnrissig, überhaupt an eine Umschulung oder Ausbildung zu denken, schimpften wir beide über die blöde Tussi, die bestimmt noch nie Existenzängste hatte. Wie krass das eigentlich war, dass ihn eine Frau, die ihn zum ersten Mal sah, ohne irgendwelche Arztberichte oder Diagnosen, als psychisch dermassen angeschlagen einstufte, wird mir auch erst jetzt wirklich bewusst.

Ja, ich wollte es nicht wahrhaben. Ich, die Sozpäd, die Psychiatrie-Erfahrene, die super-duper-immer-so-unglaublich-verständnisvolle-Freundin. Dass ich nun endlich akzeptiert habe, dass er WIRKLICH zu 64% arbeitsunfähig ist, dass er WIRKLICH psychisch krank ist, dass sich das in den nächsten Jahren auch nicht ändern wird, das ist noch nicht lange so. Und ich kann nur sagen: Es ist so befreiend. Es hat nichts mit Resignation zu tun, es nimmt auch mir den Druck weg. „Wir“ müssen das nicht mehr „irgendwie hinbekommen“, „wir“ müssen uns nicht endlich wieder der Norm annähern. „Wir“ sind jetzt einfach so, wie wir halt eben sind. Mein Freund hat eine psychische Störung, mein Freund kann im Arbeitsleben nicht mehr bestehen. Er ist auf eine IV-Rente angewiesen. Ich habe auch eine psychische Störung, kann aber momentan mit Medikamenten einigermassen bestehen im Job. So siehts aus. Es kann ein nächster psychotischer Schub kommen, und dann bin auch ich wieder arbeitsunfähig. Es kann sein, dass wir irgendwann beide von einer IV-Rente leben müssen. Das liegt im Bereich des Möglichen. Und es wäre nicht das Ende von allem. „Wir“ sind auch so zwei wertvolle Menschen.

Ich muss nicht mehr auf die Zukunft hoffen. Oder mir um die Zukunft Sorgen machen. „Wo soll das nur enden mit uns“, „werden wir je gesund genug, dass wir Kinder haben können“, „werden wir finanziell je abgesichert sein“, „werden wir je ein „normales“ Leben führen“, all das fällt weg, wenn ich einfach akzeptiere, dass unser Leben gerade jetzt einfach so aussieht, wie ich beschrieben habe. Es nutzt nichts, sich all diese Fragen zu stellen. Wir leben hier und jetzt. Wichtig ist alleine, was hier und jetzt ist. Die Stunden, die wir zusammen in der Küche sitzen, reden, essen, lachen, einander Dinge vorlesen. Die Stunden, in denen wir zusammen einkaufen, Menues besprechen, neue Lebensmittel ausprobieren. Die Stunden, in denen wir uns zusammen Filme ansehen und dabei an den selben Stellen lachen, einander die selben Passagen zitieren. Die Stunden, die wir mit meiner Familie verbringen. Jeden Abend der Moment, in dem ich meinen Kopf auf seine Brust lege und in seinen Armen einschlafe. Das zählt. Das alleine.

Unfassbar, dass ich das erst jetzt begreife.

3 Gedanken zu “Einsicht.

  1. Das Spannende ist ja, dass sich Situationen oft gerade erst dann verändern können, wenn man sie annimmt. Die Annahme ist absolut notwendig und schenkt die Kraft zum nächsten Schritt. Was für einer das ist, ist unmöglich im voraus zu wissen.

    • Da hast du sicher recht. Natürlich wünsche ich mir, dass sich etwas zum Guten wendet. Aber ich warte nicht mehr darauf. Ich lebe nicht mehr darauf hin. Ich lebe lieber das Leben, das wir wirklich haben, und versuche, alles Gute daran zu geniessen.

  2. Diese Erkenntnis hatte ich auch. Spät. Seitdem geht es mir besser. Und ich kann leider nur bestätigen, dass all die Möglichkeiten, die andere aufzeigen, enorm viel Druck und Angst erzeugen. Angst zu versagen.
    Es ist bei dir sicher, bei anderen nicht immer, gut gemeint. Im hier und jetzt leben ist super. Und plötzlich ergeben sich Möglichkeiten.

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