Was ich nicht sage.

Wer mich kennt, weiss: Mein Mitteilungsbedürfnis ist häufig hoch. Ich erzähle gerne aus meinem Leben, wenn ich mich mit einem Gesprächsgegenüber wohlfühle, zumindest. Auch meinem Freund gegenüber erzähle ich viel und oft, was mir durch den Kopf geht. Es gibt aber auch Dinge, die ich nicht erzähle. Nicht mal meinem Freund gegenüber. Es sind, wie sollte es anders sein, die schwierigen, schmerzhaften Sachen, die ich für mich behalte. Aber loslassen befreit, daher teile ich hier ein paar Gedankengänge, ein paar Sachen, und zwar jene, die ich sonst eben nicht laut ausspreche.

Wir sitzen im Auto, er fährt, es ist Samstag Nacht, für unsere Verhältnisse verflixt früh am Morgen, und fahren nach Hause. Wir waren im Kino, in der Nachtvorstellung, der Film war unterhaltsam, wir sind beide guter Dinge. Wir unterhalten uns über irgendwas Belangloses, als ich auf die Strasse vor uns schaue. „Wo fährst du denn bloss hin?!“, frage ich meinen Freund verwirrt, denn ich erkenne die Gegend nicht. „Ach, irgendwo sollte man hier links abbiegen können und dann…“, meinte mein Freund, „… ok, vielleicht ist es besser, du schaltest das Navi ein.“ „Öööh, vielleicht ist es besser, du schaltest das Navi ein“, ich imitiere meinen Freund mit Dumpfbacken-Tonfall und verdrehe die Augen, mein Freund lacht, ich schalte das Navi ein. Dann sehe ich wieder auf die Strasse, und zwar direkt auf ein Ortsschild. Mein Herz setzt einen Schlag aus, als ich den Namen des Dorfes lese. Ich war noch nie da, ich kenne das Dorf nicht. Eigentlich. In meinem Kopf setzt eine rasante Zeitreise ein, zurück ins Jahr 2012.

Ich habe meinem Freund nie wirklich davon erzählt. Ich habe nicht einmal meiner besten Freundin wirklich davon erzählt, und meiner Psychologin erst recht nicht. 2012, im Jahr der Argentinien-Psychose, hörte ich hartnäckig Stimmen, und zwar noch lange, nachdem ich längst aus der geschlossenen Psychiatrie ausgetreten war. Ich habe das meinem Freund und auch meiner Psychologin gegenüber schon irgendwann erzählt, aber ich habe nie genau erzählt, wem diese Stimmen gehörten und worum es in meinem Kopf genau ging. Ich wusste im Prinzip, dass die Stimmen im Kopf Symptome meiner Krankheit waren, aber relativ lange glaubte ich, das seien nicht Halluzinationen, sondern eine Art „Telepathie“ mit einer Person, die ich als Kind kannte, sowie deren kaputter Familie. In meinem psychotischen Zustand hatte ich bereits im Spital in Argentinien geglaubt, diesen Jungen zu sehen, mit dem ich eine Zeit lang die selbe Klasse besucht hatte als Kind, wobei ich ihn in Tat und Wahrheit zum letzten Mal im Alter von etwa 10 Jahren gesehen hatte. Zurück in der Schweiz hatte sich seine Stimme hartnäckig in meinem Kopf eingenistet, sowie die Stimme seiner Frau und die seines Kindes (ich habe keine Ahnung, ob die beiden überhaupt existieren). In meinem Kopf fanden sich (imaginäre) Gesprächsfetzen zwischen den dreien, aber auch Gedanken, oder manchmal auch direkte „Gespräche“ mit mir. In diesen Fragmenten, und damit zurück zur Gegenwart, hörte ich zum ersten Mal den Namen dieses Dorfes, durch das wir gerade mitten in der Nacht fahren, weil sich mein Freund verfahren hat.

Ich kann mich erinnern, wie ich damals hörte, dass diese „imaginäre innere Familie“ in eben diesem Dorf wohnen, in der Nähe der Kirche, in einem umgebauten Bauernhaus. Ich weiss auch noch, wie ich eines Tages diesen Dorfnamen googelte, um zu schauen, ob es diese Ortschaft wirklich gibt. Ja, es gibt sie, und sie liegt nicht einmal besonders weit weg von meinem Wohnort. Ich habe danach auch das Telefonbuch durchforstet, ergebnislos, und danach Facebook, auch ergebnislos. Die Person aus meiner Kindheit ist zumindest im Internet nicht auffindbar. Ich weiss nicht, ob er noch lebt und wenn ja, wo und wie. Als es mir dann wieder besser ging und die Symptome der Psychose langsam abnahmen, habe ich mit diesem Thema abgeschlossen. Ich weiss nicht, warum sich mein durchgeknalltes Gehirn in meiner letzten Psychose ausgerechnet auf diesen Jungen eingeschossen hat. Ich weiss auch nicht, wie ich damals auf diesen Dorfnamen kam, vielleicht hatte ich den unbewusst im Radio gehört oder irgendwo gelesen und konnte mich nicht mehr daran erinnern. Ich habe seine Stimme irgendwann nicht mehr gehört und ich war mehr als froh darüber.

Mein Freund merkt nicht, dass mein Hirn auf 180 läuft, während wir durch das kleine Dorf fahren. Nein, er kann meine Gedanken definitiv nicht lesen, auch wenn ich das in psychotischem Zustand immer mal wieder glaubte. Da biegt er rechts ab, und wir fahren an der Dorfkirche vorbei. Nebenan ist ein altes Haus, vielleicht ein ehemaliger Bauernhof. Ich bin maximal angespannt. Was soll das? Warum fahren wir hier durch? Werden wir gleich sterben? Wird das das letzte sein, was wir sehen?

Kurz darauf verlassen wir das Dorf, und befinden uns für ein paar Sekunden auf einer Anhöhe, die einen spektakulären Blick über die Landschaft, bzw. nachts auf die Lichter der darunter liegenden Ortschaften, bietet. „Das ist wunderschön“, sage ich, wie im nächtlichen Schwarz funkelnde Diamanten liegen die Dörfer vor uns. Mein Freund lächelt milde, er sagt nichts. Sterben wir jetzt? Oder jetzt? Oder warum läuft das alles gerade so ab? Ich sage nichts mehr, bis wir zu Hause sind.

3 Gedanken zu “Was ich nicht sage.

  1. Verstehe ich total, dass das etwas gespenstig ist.
    Ich habe solche Dinge manchmal auch. Ich nenne es Vorahnung. Meist habe ich es wenn mein Hirn mal wieder eigenständig ist und ich das Gefühl habe es nicht kontrollieren, geschweige zum schweigen zu bringen.
    Oft diskutiere ich etwas, „sehe“ etwas oder fühle etwas das dann ziemlich ähnlich kurz darauf passiert. Dejavu sagen viele, nur, dass es wirklich real ist, wirklich passiert. Manchmal weiss ich was jemand sagt bevor die Person es sagt.
    Ich weiss nicht was unser Hirn manchmal tut und wieso. Aber jedesmal ist es komisch.
    Es ist bestimmt nicht das gleiche, aber du bist mit komischen Situationen nicht alleine. Dinge die nur im Kopf vorkommen und dann plötzlich in der Realität sind.

    • Mein Lebensweg ist quasi gepflastert mit merkwürdigen, gespenstischen Déja-vus 🙂 Weisst du, ich glaube, ein Mensch wie ich kann sich „verlieren“ im Entschlüsseln und Enträtseln von solchen Dingen. Es scheint daher wichtig, dass ich mich von solchen Erlebnissen innerlich distanziere, mit Sarkasmus, zum Beispiel. Das ist auch das, was mir in all meinen Therapie stets vermittelt wurde. Es als krank klassifizieren, nicht weiter nachforschen. Das ist sicher wichtig. Ich brauche dringend den Bezug zur Realität nach solchen Erlebnissen, und bin froh, dass mir mein Freund diesen vermitteln kann. Aber ich frage mich manchmal, warum in meiner ganzen Krankengeschichte nie jemand nach dem „warum“ meiner Halluzinationen gebohrt hat. Es schien irgendwie immer „tabu“, nachzuforschen, warum ich mir in der Psychose X ausgerechnet dieses oder jenes eingeredet hatte. Es hieß immer nur, das sind halt Halluzinationen, das gehört bei mir halt dazu, und ich soll dem allem kein Gewicht geben, dann höre das schon von selber wieder auf.
      Ich texte dich zu, sorry 🙂
      Wollte eigentlich nur sagen: Bin froh, bin ich nicht alleine damit – und irgendwann möchte ich mich mehr damit auseinander setzen, anstatt einfach in alle Ewigkeiten zu verdrängen.

      • Das ist für irgendwann sicher gut. Ich soll sie nicht verdrängen. Aber die Realität überprüfen wenn ich etwas rieche oder fühle.
        Seit meine Traumata „weg“ sind werden die Halluzinationen mehr. Ich lebe sie manchmal aus und geniesse das Schauspiel.
        Aber es muss für dich stimmen und ich denke wenn sie länger andauern ist es auch anstrengender und man möchte es nicht haben.
        Realität ist gut. Tabus habe ich keine. Und Text darfst du so viel schreiben wie du magst. Menschen die das auch haben sind wichtig. Für mich jedenfalls.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s