Was wäre, wenn?

Wenn man Ferien hat und plötzlich Zeit zum Nachdenken, kann man auf ganz schön merkwürdige und / oder sinnfreie Gedanken kommen. Ich schreibe das als Einleitung, weil ich klarstellen möchte, dass mir absolut bewusst ist, dass meine folgenden Ausführungen absolut sinnlos sind und jegliche Energie, um sie festzuhalten, somit vergeudet. Aber, wie soll ich sagen: Ich mag sinnfreie Gedanken-Konstrukte, und ich vergeude die Energie, sie hier niederzuschreiben, in vollem Bewusstsein und mit Schmackes.

Was wäre, wenn… wenn ich mein Leben ohne schizoid-affektive Störung leben würde? Was wäre anders gelaufen? Wie würde ich heute leben?

Selbstverständlich weiss ich das nicht. Es ist auch nicht möglich, mir das realitätsnah vorzustellen, schliesslich hat mich meine psychische Krankheitsgeschichte nachhaltig geprägt, und das mindestens, seit ich 19 bin (ich persönlich vermute, eigentlich, seit ich 17 bin). Ich kann nur vermuten, was passiert wäre, wenn ich mit 19 NICHT in einer kanadischen Klinik von mehreren Polizeibeamten niedergestreckt und mit einer Spritze ruhig gestellt worden wäre.

Vermutlich hätte ich dann meinen Sprachaufenthalt regulär beenden können und danach mein Studium fortgesetzt. Ich hatte angefangen, Ethnologie, Geschichte und Philosophie zu studieren. Ich war kreuzunglücklich an der Uni, aber ohne Psychiatrieaufenthalt, Psychopharmaka und Therapie hätte ich mir das vermutlich nie eingestanden. Ich hätte eisern durchgebissen, mich weiterhin in den Pausen im Klo eingeschlossen, weil ich nie Anschluss gefunden hatte an meine MitstudentInnen. Ich hätte weiterhin nicht gewusst, wie ich für meine allgemeine Überforderung mit der ganzen Organisation meiner Kurse der drei verschiedenen Fächer nach Unterstützung fragen sollte. Ich hätte nach der grossen Demütigung nach einem völlig verkackten Referat, als mich eine Professorin vor einer recht zahlreichen Gruppe Mitstudententinnen fix und fertig gemacht hat, einfach wie immer auf dem Klo ein bisschen geweint, und hätte mir dann ein wenig später einen weiteren Joint gegönnt, um zu vergessen, dass ich keine Freunde mehr hatte, niemand mit mir das Mittagessen verbachte, niemand mit mir redete in den Pausen und dass ich irgendwann einsam sterben würde.

Ok, das ganze Szenario wird jetzt vielleicht ein bisschen zu melodramatisch. Andererseits: So sah es damals aus in meinem Leben, ehrlich. Aber spulen wir ein bisschen vor:

Vielleicht hätte ich dann irgendwann in diesen trostlosen Jahren auch mal Glück gehabt. So wäre mir vielleicht irgendwann aufgegangen, dass ich mich masslos überfordert hatte, als ich gleich drei Fächer aufs Mal anfing zu studieren. Vielleicht hätte ich die beiden Nebenfächer erst mal auf Eis gelegt und mich auf das Wesentliche konzentiert. Oder aber ich hätte mir endlich eingestanden, dass mich die Ethnologie in Tat und Wahrheit zu Tode langweilt und hätte mein Hauptfach gewechselt. Oder ich hätte festgestellt, dass man sich Hilfe holen kann, wenn einen die Organisation des Studiums überfordert. Oder ich hätte gar jemanden kennen gelernt, der mich und meine asoziale Aura mochte, ab und zu ein paar nette Worte an mich richtete und vielleicht sogar mit mir die Pause verbrachte. Wer weiss. Wäre dem so gewesen, hätte ich vermutlich irgendwann mein Grundstudium geschafft.

Vielleicht hätte ich mir innerhalb der überschaubaren geisteswissenschaftlichen Institute wenigstens durch meine Fachkompetenz einen Namen machen können. Vielleicht wäre ich nicht über Jahre hinweg unsichtbar geblieben für all meine KommitlitonInnen. Vielleicht hätte ich das Zimmer meiner desolaten Zweier-WG verlassen und wäre irgendwo eingezogen, wo meine MitbewohnerInnen nicht all mein Verhalten mit bitterbösen schriftlichen Nachrichten geahndet hätten. Vielleicht hätte ich irgendwann ein bisschen Spass gehabt und ein winziges bisschen Lebensfreude entdeckt. Vermutlich hätte ich mit den Tücken des Alltags, dem Führen selbst völlig oberflächlicher Konversationen und den Ansprüchen eines Haushaltes dennoch grosse Probleme gehabt. Ich hätte nach wie vor mit einem enorm tiefen Selbstwert leben müssen, und ich hätte nach wie vor massive Probleme im Umgang mit dem anderen Geschlecht gezeigt. Ich hätte nach wie vor Probleme gehabt, wenigstens einen Minimal-Standard bei der Körperpflege aufrecht zu erhalten.

Dann hätte ich irgendwann gegen Ende 20 mein Studium abgeschlossen. Irgendwas geisteswissenschaftliches, weit weg vom Arbeitsmarkt, ohne Aussicht auf einen richtigen Job. Ich hätte mich in meinem kleinen akademischen Kokon eingerichtet gehabt, sämtliche meiner Bekannten und Freunde hätten wie ich mindestens einen Master aufweisen können. Vielleicht hätte ich früher oder später ein paar Affären mit irgendwelchen bleichen Milchgesichtern aus dem philosphischen Institut gehabt, vielleicht hätte sich irgendwann einer dieser Typen dazu herab gelassen, mich als seine Freundin zu bezeichnen, wenn auch garantiert mit sarkastischem Unterton.

Vermutlich hätte ich die Wochenenden vornehmlich an Demos verbracht und den Kontakt zu meiner Familie weiterhin auf ein Minimum beschränkt. Ich hätte mich öffentlich über die mangelnde Nachfrage nach Studienabgängern der Philosohpie beschwert und über die Probleme des einfachen Volkes ausgelassen, ohne je einen Bezug zu selbigem gehabt zu haben. Ich wäre eine zynische, elitäre und arbeitslose Schrulle geworden, zerfressen von Selbsthass und sozialem Unvermögen. Ich hätte mit Anfang 30 immer noch in einer WG gewohnt, für irgendwelche autonomen Zeitungen und einen Hungerlohn irgendwelche zynischen Artikel geschrieben.

Jaaa… das Szenario wurde nicht besser. Ich hätte mich auch kurz fassen und einfach festhalten können: Mein Leben wäre nicht besser verlaufen, glaube ich. Dass ich mein Studium aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste, war rückblickend eine glückliche Wendung. Dass ich als Übergangslösung in der Behindertenhilfe ein Praktikum gemacht habe, war eine der besten Erfahrungen in meinem damaligen Leben und ebnete den Weg zu einer neuen beruflichen Ausrichtung. In meinem Berufsalltag und meiner Ausbildung habe ich nicht nur gelernt, Gespräche zu führen, Konflikte zu führen, meine Meinung auch gegenüber Vorgesetzten durch zu setzen, Kindern und Jugendlichen ein Vorbild zu sein, Struktur zu geben, Grenzen zu setzen und Wärme zu schenken, nein, ich lernte auch putzen, kochen, ein Budget einzuhalten und mich einigermassen gesellschaftskonform zu kleiden und einigermassen regelmässig zu duschen.

Momentan bin ich ganz zufrieden mit meiner Lebenssituation. Nicht alles läuft rund, manchmal verwünsche ich mich, mein Versagen im Alltag, meine Krankheitssymptome und mein Verhalten enorm, aber insgesamt ich bin ein Mensch geworden, den ich mag. Ich versuche, ein gutes Leben zu führen. Ich versuche, anständig, freundlich und höflich zu sein, ich versuche, Sinnvolles zu tun, bescheiden zu bleiben und mit dem zufrieden zu sein, was ich habe.

5 Gedanken zu “Was wäre, wenn?

  1. Ich hatte letztens ähnliche Gedanken. Auch wenn mein Zusammenbruch viel später war. Ich wäre immer noch einsam, vielleicht mit viel Geld, aber einsam und ohne Freunde und Freude am Leben.
    Ausser Essen, Schlafen und Arbeiten hatte ich nichts. Wenn ich nicht krank wäre, hätte ich vielleicht die Energie und Sozialkompetenz gehabt mit den Arbeitskollegen was zu machen. Aber ich glaube Freude, so wie ich sie jetzt habe, hätte ich wohl nicht.
    Gesund wäre schön, aber ob ich dann glücklicher wäre bezweifle ich. Und es liest sich, als wäre es tief innen bei dir auch so ist.

    • Weisst du, wenn ich darauf einen Einfluss hätte, würde ich mich jetzt, mit fast 33, gerne kurz und schmerzlos von meiner schizoid-affektiven Störungen auf nimmer Wiedersehen verabschieden. Ich hätte nun wirklich genug Action in meinem Leben ohne diesen ganzen Scheiss. Ich wäre auch ganz und gar nicht traurig, wenn ich nicht bis an mein Lebensende jeden Tag eine enorme Dosis Neuroleptika schlucken müsste, um mit der Welt irgendwie klar zu kommen.
      Aber ich glaube wirklich und ehrlich, dass mein Leben bis hierher nicht besser verlaufen wäre ohne die ganzen Psychosen, die mich immer wieder stranden liessen. Ich war dadurch gezwungen, mein Leben neu auszurichten und mich vielem zu stellen, was schief gelaufen ist in meiner Kindheit und Teenagerzeit. Ausserdem hat mich meine Krankheit davor bewahrt, die zynische, empathielose Klugscheisserin zu werden, die ich beschrieben habe. Wie dem auch sei, es ist, wie es ist. Man kann sich so etwas nicht aussuchen. Man kann nur versuchen, das beste daraus zu machen.

      • Gut, ich bin vielleicht weniger behindert im täglichen Leben. Im Griff habe ich es auch nicht. Trotzdem manchmal wäre ich froh es wäre weg und gleichzeitig: das macht mich aus. Empathie, Sensibilität, dieses sehen was andere denken/fühlen/wollen, diesen menschlichen Seismograph. Ich will das nicht her geben, nur besser kontrollieren.
        Ich glaube wir sind nun die stärkeren, bewussteren Personen und geniessen das gute im Leben mehr und intensiver.

      • Also, dramatisieren wollte ich meine Symptome jetzt auf keinen Fall. Ich komme gut klar, im Allgemeinen, halt einfach mit Medis. Meine übergroße Empathie verfluche ich manchmal schon, da geht es mit wohl ähnlich wie dir. Und ja, dass ich das Gute mehr schätze und auch kleine Dinge geniesse, ist definitiv so. Es tut btw gut, mich mit dir austauschen zu können. Danke für deine klugen Gedanken.

      • Oh, vielen Dank. So klug sind meine Gedanken nicht immer 😉 und ich kann mich selbst in sinnlosen Diskussionen mit mir selbst verlieren.
        Ich empfand es nicht als dramatisch. Nur, die Medikamente, welche wir beide brauchen, sind bei mir von geringerem Ausmass. Ich wollte damit aber nicht bewerten.
        Ja, es ist Fluch und Segen. Aber das kreative das daraus wächst zB ist toll. Ich sehe diese Charaktereigenschaften als guter Teil von mir an. Kommt aus dem „Selbstliebe“ Programm von mir. Auch wenn ich manchmal gefühlsmässig Porsche fahre oder bei sozialen Ängsten nicht aus meiner Haut kann.

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