Ein Hoch auf die Naivität.

Claudia* ist eine dieser Personen, die mich schon seit Ewigkeiten kennen. Wir treffen uns unregelmässig, vielleicht so alle 2 Monate, und doch wissen wir meist genau, wo die andere gerade steht. Claudia ist ein ehrgeiziger Mensch mit ehrgeizigen Zielen, was sie von mir deutlich unterscheidet, und sie lebt ein gänzlich anderes Leben als ich – dennoch halte ich den Kontakt zu ihr aufrecht, weil sie mein Leben mit einer völlig anderen Sichtweise der Dinge bereichert, weil ich ihren messerscharfen Verstand schätze, weil sie trotz Karriere und hohem Einkommen herrlich bodenständig geblieben ist. Warum Caudia den Kontakt zu mir ebenfalls nicht abbrechen lässt, kann ich nur vermuten, ich denke, weil sie mich und mein Leben auf eine ähnliche Art faszinierend findet wie ich ihres.

Als ich Claudia das letzte Mal traf, hatte sie viel zu erzählen. Sie war gerade umgezogen – und schwanger. Sie erzählte mir mit der ihr eigenen trockenen, analytischen Art von den diversen Merkwürdigkeiten dieses Zustands, aber auch viel von ihrem Job, ihrem nächsten Karriereschritt und wie sie und ihr Partner die Sache mit der Kinderbetreuung hinbekommen wollen. Dann schwenkte sie den Fokus auf mich und mein Leben. „Wie geht es dir? Und wie geht es deinem Freund?“ Ich strahlte und sagte „mir geht es super, danke. Mein Freund wechselt die Stelle, und seine IV-Teilrente ist jetzt definitiv.“ Claudia war selbstverständlich informiert über die Lage meines Freundes, dennoch hob sie eine Braue: „Teilrente?… Aber jetzt mal ernsthaft: Soll das jetzt so weitergehen? Wird dein Freund jetzt einach bis an sein Lebensende von der IV leben?… Du weisst schon, dass im Moment die politischen Bestrebungen dahin gehen, solche Renten für psychsich Kranke abzuschaffen?…“ Claudia ist kein herzloser Mensch, sie sagt einfach, was sie denkt. Ich hielt ihr entgegen: „Keine IV-Rente ist dazu gedacht, „bis ans Lebensende“ ausbezahlt zu werden, das wird immer wieder überprüft. Es gibt gute Gründe, warum mein Freund von einem Psychiater der IV zu 64% arbeitsunfähig erklärt wurde. Niemand „schenkt“ einem heutzutage eine Rente, mein Freund hat eine klangvolle Diagnose erhalten. Ausserdem ist eine Teilrente finanziell völlig unattraktiv. Mein Freund kommt mit der Rente und dem Gehalt einer 30%-Stelle auf etwa 2200 bis 2400 CHF pro Monat.“ Claudia war einen Moment still. „So wenig?!“ „Ja, so wenig.“

Das Gespräch plätscherte weiter, und je länger, je mehr wird mir rückblickend klar, dass sich Claudia grosse Sorgen zu machen schien. „Das ist doch keine Perspektive“, „ja, aber, wie soll das weitergehen?“, „kann er sich nicht umschulen lassen?“, „wie sind denn die Heilungschancen bei dieser psychischen Störung?“, Claudia begann, nach Lösungen für meinen Freund zu suchen. „Schau, ich bin einfach nur froh, wenn es ihm wieder besser geht. Seit er gekündigt hat, hatte er keine Panikattacken mehr.“, versuchte ich, sie zu beruhigen. „Panikattacken? Wie wirkt sich das aus?“, fragte Claudia, und ich schilderte ihr die Symptome, die mein Freund aufweist, wenn er maximal gestresst ist: Er hyperventiliert, kriegt keine Luft mehr, führt Selbstgespräche, ist körperlich total angespannt, erträgt keine Berührung, tigert in der Wohnung auf und ab, legt sich hin, steht wieder auf, redet wieder vor sich hin, schnappt wieder und wieder nach Luft, legt sich wieder hin, zuckt unkontrolliert, steht wieder auf, hyperventiliert, und das, wenn es schlimm ist, die ganze Nacht lang. Claudias Augen wurden immer grösser. „Das klingt ja furchtbar.“ „Ist es auch. Ich sagte ja, einfach so wird man nicht als arbeitsunfähig eingestuft.“

Als sich Claudia und ich uns irgendwann verabschiedeten, sah sie mich mitfühlend an. „Ich wünsche dir alles Gute, und deinem Freund auch“, meinte sie. „Oh, ich euch auch!“, lachte ich, und ging meines Weges. Erst später ging mir auf, dass Claudia diese Floskel anders gemeint hatte als ich: Sie fand unsere Situation bedauernswert, sie machte sich Sorgen um uns, sie wollte ihr Mitgefühl für die schwierige Lage meines Freundes ausdrücken.

Damit wir uns recht verstehen: All dies weist auf Empathie hin und macht Claudia sympathisch. Der Witz ist nur: Als ich ihr all das erzählte, hatte ich weder die Absicht, über irgendwas zu klagen, noch war mir klar, dass Claudia das so auffassen würde. Ich hatte nicht das Bedürfnis, getröstet zu werden oder Claudias Mitgefühl zu wecken, in meiner Wahrnehmung erzählte lediglich aus meinem bzw. unserem Leben, neutral, quasi, so wie Claudia von ihrem Umzug und der Schwangerschaft erzählte, erzählte ich die neusten Geschehnisse in unserem Leben. Dass ich ihr die Symptome meines Freundes schilderte, lag daran, dass sie danach gefragt hatte, dass ich ihr vorrechnete, wie schmal sein Budget ist, lag daran, dass ihre Aussagen für mich so klangen, als sei eine Teilrente in ihren Augen eine bequeme Angelegenheit und im Falle meines Freundes zudem ungerechtfertigt. Ich hatte nicht vor, unser „Leid“ ins Zentrum zu rücken, ich erzählte einfach aus unserem Alltag, und die gesundheitliche und berufliche Situation meines Freundes nimmt halt momentan viel Platz ein, wie in ihrem gerade der Wohnungswechsel und die Hormonschwankungen.

Vielleicht muss ich ein anderes Mal deutlicher klarstellen: Mir geht es gut, ich bin zufrieden mit meinem Leben. All das Gedöns mit IV, mit Panikattacken, mit Depression, mit Psychopharmaka, mit finanzieller Unsicherheit, das gehört halt einfach dazu, und ich bin froh, wenn ich ein Gegenüber wie Claudia habe, dem ich weder alles verschweigen noch alles schonend beibringen muss. Dass ich dann einfach frisch von der Leber weg erzählen kann, was mich gerade beschäftigt, führt dann halt auch unweigerlich dazu, dass ich die ganzen schwierigen Umstände erwähne, in denen mein Freund gerade steckt. Aber, noch mal: Ich will mich nicht beklagen, denn auch wenn es selbstverständlich nicht toll ist, in welcher Lage sich mein Freund befindet, so geht es ihm, geht es mir, geht es uns doch deutlich besser als auch schon. Wenn ich daran denke, wie es meinem Freund vor etwa 8 Jahren ging, als er noch eine leitende Funktion in einer grossen Firma und ein entsprechendes Gehalt hatte, muss ich sagen, wir sind heute beide besser dran. Die Fassade von uns beiden sah damals sicher besser aus, aber was dahinter lag, war kaputter als alles, was ich Claudia an diesem Abend erzählt hatte.

Vielleicht habe ich einen merkwürdigen Blick auf die Welt und unser Leben, vielleicht verdränge ich einfach all das Schlimme, vielleicht bin ich hoffnungslos naiv oder schlicht zu dumm, als dass ich die Tragik unseres Daseins begreife, ich weiss es nicht, aber ich möchte all das gar nicht ändern. Ich bin mit meiner Naivität zufrieden. Ich möchte sie nicht verlieren. Ich möchte nicht damit anfangen, unser Leben zu bedauern. Es gibt sehr viel Gutes in unserem gemeinsamen Leben. Es entspricht nicht der Norm, aber das sagt nichts über die Qualität aus. Die Dinge sind, wie sie sind, und das einzige, was zählt, ist die Frage, ob ich glücklich bin oder nicht. Und ja, ich bin glücklich.
*Claudia heisst in Wahrheit Jaqueline. Und die wiederum heisst Denise. Und so weiter.

6 Gedanken zu “Ein Hoch auf die Naivität.

  1. Das geht mir auch immer so. Wenn ich sage es geht mir gut meine ich das. In meinem Rahmen mit all meinem Ballast. Wenn mich jemand fragt was so läuft erzähle ich es. Ich brauche kein Mitleid und ich will nicht klagen. Und wenn, deklariere ich es auch so.
    Jedoch ist es für viele unvorstellbar, dass man mit diesem Leben zufrieden sein kann. Ohne als Schmarotzer zu gelten.
    Bleibe bei deiner Art. Es braucht mehr Menschen wie uns.

    • Das kann ich mir gut vorstellen. Ich dachte früher auch anders. Aber ich gewichte die Dinge mittlerweile anders. Es ist nicht wichtig, ob der äussere Rahmen „normal“ ist (Job, Einkommen, schicke Wohnung, etc.), wichtig ist, wie es einem dabei geht.

  2. Ich glaube genau so wie auch wir selbst in unsere Leben hineinwachsen müssen und es manchmal einige Jahre dauert bis wir uns mit dem was ist angefreundet haben, ist das auch für Aussenstehende so. Beim ersten Hören tönt es schockierend…in 3 Jahren wird es auch für sie Normalität sein. Ich finde es gut, dass du so offen warst.

  3. Übrigens gibts dazu eine recht nette Kampagne, die „Wie geht’s Dir?“ Kampagne. Da geht es genau darum, dass psychische Themen eines von vielen sein sollen und auch Thema sein dürfen. Nicht weils alles total Drama ist, sondern weil es einfach Teil des Lebens ist.

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