Der Zauberwald.

Das Wort „Achtsamkeit“ habe ich erst 2012 kennen gelernt, und zwar in der psychiatrischen Tagesklinik. Dort wurde viel Wert auf „Achtsamkeit“ gelegt, und ich schien die einzige Patientin, die mit diesem Wort nichts anfangen konnte. Bei den stetig wiederkeherenden Achtsamkeitsübungen versuchte ich jeweils angestrengt, unauffällig meine MitpatientInnen zu beobachten und ihr Verhalten mehr oder weniger treffend zu kopieren. Viel ging es da um den Körper. Wir sollten alles mögliche in oder an unserem Körper spüren. Ich scheiterte meist schon bereits bei der einleitenden Aufforderung, die Augen zu schliessen. Ich konnte meine Augen nicht schliessen. Also, mechanisch gesehen konnte ich das natürlich schon, aber sobald ich meine Augen schloss, gingen in meinem Kopf die für mich sehr schmerzhaften Flashbacks ab. Augen zu, und ich war wieder in Argentinien, unkontrolliert, unsortiert, in irgendeinem der Erinnerungsbruchstücke, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht mal annähernd in einen habwegs logischen chronologischen Ablauf einfügen konnte. Ich hielt also meine Augen weiterhin offen und versuchte, irgendwie so mitzumachen, dass niemandem auffiel, dass ich überfordert war.

Es gab in den 6 Monaten Tagesklinik nur eine Variante einer Achtsamkeitsübung, bei der ich nicht nur mitmachen konnte, sondern in der ich geistig richtig aufging. Es war die „Gedankenreise“, die oft die Psychologin oder auch die Bewegungstherapeutin anleitete. Dabei ging es, mit unterschiedlichen Anleitungen oder Vorgehensweisen, um einen fiktiven Ort, in dem man sich sicher fühlt. Die Psychologin sprach von einem „Ort des inneren Friedens“ oder einer „sicheren Höhle in einem drin“, die Bewegungstherapeutin von einem „sicheren Ort“ oder einer „Traumwelt“. Auf sowas sprang meine überbordernde Phantasie sofort an. Ich entwarf ganze innere Welten mit phantastischer Ausstattung, bis ich bei der Bewegungstherapeutin, die ich sehr mochte und bei der ich Einzeltherapie bekam, einen Ort erfand, der mir so gut gefiel, dass ich immer und immer wider zu ihm zurück kehrte. Ich nannte ihn meinen „Zauberwald“. Als ich dann irgendwann den Weg zurück in die Normalität fand, wieder arbeiten konnte, wieder gesund wurde, dachte ich nicht mehr an diese Traumwelt. Bis ich vor ein paar Wochen plötzlich diesen Wald wieder vor mir sah. Ich weiss nicht, warum dieses Phantasiekonstrukt wieder da ist, ich nehme es einfach zur Kenntnis. Ich habe versucht, ihn zu malen, den Zauberwald, und bin bisher kläglich gescheitert, obwohl ich ihn so klar vor mir sehe. Ich kann nicht anders, ich muss ihn daher mit Worten beschreiben. Aus irgend einem Grund scheint er wieder wichtig zu sein für mich.

Mein Zauberwald ist dunkel. Nicht ganz schwarz, nicht durchgehend schwarz, aber vieles davon ist fast schwarz. Ich höre Musik, merkwürdige einzelne Töne. Der Wald ist riesig, die Bäume sind riesig. Sie scheinen kein oberes Ende zu haben. Alles lebt und wuchert. Es ist nass da. Tau liegt, Tropfen glitzern, eine kühle Nässe zieht die mächtigen Bäume zu Boden. Es ist grün, aber dunkel, es ist braun, aber nass und schwer. Vieles scheint verborgen, vieles unergründlich, vieles mystisch, voller geheimer Bedeutung und verschlüsseltem Sinn. Ich bin da. Mitten im Wald, unter den gewaltigen Bäumen und Tannen, im glitzernden Farn, bei den zarten lila Blüten, inmitten wuchernder Natur. Ich bin klein, winzig, und ich bin rot, knallrot, mein Mantel oder mein Umhang ist rot wie Blut. Ich trage eine Kapuze, die mich schützt, und ich wandle durch den mystischen Wald, als müsste ich ein Rätsel lösen, als müsste ich eine endlose Folge von Rätseln lösen. Ich weiss nicht, warum ich da bin, aber ich weiss, dass ich allein bin. Es gibt keine Menschen hier. Vermutlich gibt es nicht mal Tiere. Vielleicht gibt es Elfen und Trolle, aber sie zeigen sich nicht. Vielleicht beobachten sie mich, diese magischen Wesen. Ich habe keine Angst. Ich geniesse es, den Wald für mich alleine zu haben. Ich werde bis in alle Ewigkeiten Zeit haben, ihn zu erforschen, seine Geheimnisse zu entdecken. Ich klettere über Wurzeln und sehe Nebelschwaden aufsteigen. Manchmal dringen verirrte Lichtstrahlen von irgendwoher auf den Waldboden, erhellen Blumen oder Büsche. Die seltsame Musik begleitet mich auf meiner Erkundungstour. Mein Rot leuchtet, hebt sich vom Wald ab. Ich bin glücklich, glücklich und neugierig. Es ist mein Wald. Niemand ausser mir darf hier sein, niemand ausser mir seine Rätsel lösen. Bis in alle Ewigkeit.

Ein Gedanke zu “Der Zauberwald.

  1. Sehr schön.
    Ich habe auch einen sicheren Ort. Dieser existiert jedoch tatsächlich und trotzdem bin ich da sicher. Ich habe dies ebenfalls in der Klinik gelernt. Und kehre manchmal zu meinem Ort zurück. Es wurde aber auch selten.
    „Achtsamkeit“ das Wort hat sich sehr abgenutzt und trotzdem können viele damit nichts anfangen. Ich nutze diese Methode oft um im hier und jetzt zu sein, mich zu festigen. Ich gehe spazieren, möglichst alleine und ohne Begleitung ausser dem Hund. Ich lausche der Natur, ich sehe die Natur und ich fühle die Natur. Ich bewerte nicht, ich sehe es, beschreibe es und vergleiche nicht.
    Danach bin ich erfrischt und lebendig bei mir und spüre innere Ruhe.

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