Verfickt.

Ich weiss nicht, woran es liegt, aber ich mache gerade eine Art emotionale Phase durch. Innert weniger als einer Woche erneut mit den Tränen zu kämpfen, ist für jemanden wie mich erstaunlich. Heute war es nicht die Ohnmacht wie beim Vorfall im Bus, es war die Wut, die mich beinahe heulen liess. Die Wut über meine eigene Unfähigkeit, in der Öffentlichkeit zu meiner Krankheit zu stehen. An irgend einem Punkt des Abends war es dann auch die Wut auf meinen Freund, der die Frechheit besass, meinem Wut-Monolog nicht einfach stumm wie ein Fisch zu lauschen, sondern ihn mit Kommentaren zu versehen, die ich nun wirklich nicht hören wollte, sowie die Wut auf den Hersteller der verfickten Ravioli-Büchse, die ich nicht öffnen konnte, die Wut auf meinen verfickten weiblichen Zyklus, die Wut auf meinen verfickten Vorgesetzten, die Wut auf meinen verfickten Job, die Wut auf meine verfickte Krankheit, die Wut auf die verfickte Welt, die Wut auf die verfickte Wut.

Irgendwo zwischen „verfickt“, „verfickt“ und „verfickt“ liess dann meine Energie nach, und jetzt liege ich da, versuche, meine Gedanken zu sortieren und zur Ruhe zu kommen. Immer noch habe ich einen Lebenstraum, immer noch hoffe ich, irgendwann einmal in der Lage zu sein, um mich endlich für das einzusetzen, was mir wirklich wichtig ist: Menschen wie ich, Menschen mit psychischen Krankheiten. Es gäbe so viel zu tun. Es gäbe so viel zu diskutieren, es gäbe so viel zu schreiben, es gäbe so unendlich viele Berührungsängste abzubauen, so viele Tabus zu sabotieren. Ich möchte mich dem widmen. Ich möchte mutig sein, vor allem aber möchte ich endlich mich selber sein dürfen, mich nicht mehr verstellen, mich nicht mehr verstecken, mich nicht mehr verleugnen.

Vielleicht meint es das Leben gut mit mir, und ich finde irgendwann in den nächsten 30 Jahren einen anderen Beruf, mit dem ich mein Leben finanzieren kann, einen Beruf, in dem es nicht völlig undenkbar ist, mit einer schizoiden Störung tätig zu sein. Ich wäre gerne kreativ tätig, aber wer wäre das schon nicht. Ich bin Mitte 30, habe gerade eine teure Weiterbildung angefangen und müsste überall ausserhalb der Sozialpädagogik noch mal ganz von vorne anfangen. Ich weiss nicht, ob ich dieses Risiko je eingehen werde. Wir werden sehen.

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