Nerven aus Stahl.

Ich sitze im Bus nach Hause. Endlich. Ein doch recht anstrengender Tag mit etwa 6 Arbeitstunden, 3 ÖV-Stunden und über 1.5 Stunden im Wartezimmer einer Dermatologin liegen hinter mir. Es ist Pendler-Stosszeit, und der Bus ist gelinde gesagt bumsvoll. Ich vertiefe mich in mein Smartphone und habe die ganzen Menschen um mich herum schon so gut wie ausgeblendet, als ein paar Sitzreihen hinter mir urplötzlich ein gewaltiges Gebrüll losgeht. „NEIN!!!“ schreit eine junge Frau aus Leibeskräften, „du verdammtes Arschloch, ich war es nicht!!“ „Kommen Sie aus dem Bus, sofort“, die zweite Stimme ist männlich und gehört zu einem der drei jungen Polizisten, die die junge Frau eingekreist haben. „IHR VERDAMMTEN WICHSER, ICH STEIGE SICHER NICHT AUS DIESEM BUS RAUS!!“, die Stimme der Frau hat sich längst überschlagen, „ICH WAR ES NICHT!!!“. Es dauert nur wenige Augenblicke, und die Frau ist gegen ihren Willen draussen, immer noch umringt von Polizisten. Ihr Geschrei ist jedoch trotz geschlossener Bustüren problemlos Wort für Wort verständlich. Ein paar Sekunden lang tue ich es den ganzen Menschenmassen im Bus gleich und drehe meinen Kopf so, dass ich sie sehe. Sie sieht wirklich jung aus, vielleicht 20, gepflegt, geschminkt, mit schönen schwarzen Haaren und weit aufgerissenen dunklen Augen. Das Gekicher im Bus wird stetig lauter, während sie ungebremst Schimpfworte brüllt, in einer Lautstärke, als ob ihr Leben in Gefahr wäre. „Waaaas?! Das ist eine Frau?!?!“, gröhlen die Jungs neben mir, „die hat voll die psychische Störung, ey“, spottet die Tussi vor mir, mittlerweile lachen einige Passagiere aus vollem Hals. Und da, genau in diesem Augenblick, schiessen mir die Tränen in die Augen. Irgendwann fährt der Bus dann ab, und die ganzen Gaffer, die sich schier den Kopf ausrenken im Versuch, noch mehr Details mitzukriegen, drehen ihre Köpfe wie auf ein magisches Signal hin wieder in einer natürlichere Position zurück.

All dies kann ich nur noch erahnen, denn ich konzentriere längst meine ganze Energie darauf, nicht mitten im Bus, nicht mitten in dieser gröhlenden Meute in Tränen auszubrechen. Glücklicherweise habe ich in sowas jahrelange, wenn nicht jahrzehntelange Übung, und so hat sich wie geplant die Wohnungstür hinter mir geschlossen und ungeplanterweise mein Freund mich bereits nach irgendwas zu den Winterreifen fürs Auto gefragt, als ich die Beherrschung verliere und haltlos und – durchaus ähnlich wie die junge Frau – in respektabler Lautstärke anfange zu schluchzen. Es dauert sicher 5 Minuten, bis ich mir an der Schulter meines Freundes die Seele aus dem Leib geweint habe. „Das hatte doch nichts mit dir zu tun“, meint er beruhigend, „und du weisst ja nicht, worum es da überhaupt ging. Und du kennst die Frau doch gar nicht.“ Ja, damit hat er Recht, aber, erkläre ich ihm unter Heulkrämpfen, darum ging es nicht.

Es war die Reaktion der Leute, die ganzen Witze, Sprüche wie „haha, psychische Störung“, das Gaffen, das sich Weiden am Leid einer Person, die Sensationslust, die dreckige Freude daran, dass ein Mensch austickt, dass ein Mensch sich nicht mehr kontrollieren kann, das widerliche Gegröhle, all dies, was mich auch jetzt, mehr als eine Stunde später noch wieder zum Weinen bringt.

Bin ich überempfindlich? Ja. Es ist keine normale Reaktion, wegen sowas Tränen zu vergiessen. Aber, nur um das klarzustellen: Ich weine nicht oft. Ich bin keine dieser Tussis, die bei jedem drittklassigen Liebesfilm anfangen zu flennen. Ich weine meist entweder in einem Zustand völliger Überreizung oder aber, wenn es um Ungerechtigkeit geht, gegen die ich nichts ausrichten kann. Oder aber wenn ich mich wie in diesem Fall zusätzlich noch viel zu sehr mit jemandem identifiziere, den ich nicht mal kenne. Wenn man sich auch noch über psychische Krankheiten oder Behinderungen ungehemmt lustig macht, setzt mir das zu. Immer noch. Vermutlich mein Leben lang.

6 Gedanken zu “Nerven aus Stahl.

  1. Ich kann deine Reaktion total nachvollziehen – und sehe es nicht als „unnormal“ an, dass du nach dem Erleben der Situation im Bus geweint hast. Finde es auch schwer erträglich, wenn Menschen Witze oder blöde Sprüche über psychische Erkrankungen oder Behinderungen machen -geschweige denn, Bezeichnungen für bestimmte Erkrankungen als Schimpfwörter verdrehen- es ist einfach ungerecht, undurchdacht und fies.

    • Danke! Ich glaube, es hat auch mit meinen Erfahrungen als Mobbingopfer zu tun, dass mich solche Gruppendynamiken so fertig machen. Und ich mag halt diese verletzliche, schwache Seite an mir nicht.

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