Lebensplan vs. Pandora

Es ist ein historischer Moment. Zwar nur in meinem eigenen bescheidenen Leben, aber immerhin: Als ich den grob gestrickten schwarzen Wollschal und die ebenfalls schwarze gestrickte Queen-Mütze in einen Müllsack mit der Aufschrift „Frauenkleider, Grösse M: Pullis, 1 Thermoleggins, 1 Schal, 1 Mütze“ stecke, um ihn einem französischen Flüchtlingslager zu spenden, nehme ich Abschied von den zwei einzigen physischen Souvenirs aus Argentinien. Psychische habe ich nach wie vor zahlreiche. Ich denke jeden verdammten Tag an meine Super-Hyper-Oberkrasse Psychose da. Und nein, nicht nur einmal. Es gibt Tage, da prasseln die Flashbacks im Minutentakt über mich rein. Ich werde diese Geschichte nicht los, zumindest nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ja, ich ab mir durchaus überlegt, wie ich sie loswerde: Mit Zeit. Ein echt raffinierter und vor allem origineller Plan, nicht wahr?! Wie dem auch sei: Er hat nicht funktioniert. Argentinien ist 3 Jahre her.

Vielleicht dauert es länger als angenommen, bis die Erinnerungen verblassen und die Flashbacks nicht mehr so penetrant in meinen Gehirnwindungen flackern, aber vielleicht funktioniert es dieses eine Mal einfach nicht so wie bei den letzten Psychosen? Vielleicht muss ich den ganzen Scheiss aufarbeiten? Mich den Erinnerungen stellen? Weniger verdrängen, mehr zulassen? Ich habe Angst davor. Ich kann zwar selber nicht recht glauben, dass ich, die Queen of Psychiatriescheiss nach 13 Jahren Therapie immer noch Angst vor mir selber habe, aber so siehts gerade aus. Ich weiss nicht, wie weit aus der Bahn mich das werfen wird, ich ziehe aber in Betracht, dass ich ausserhalb des Sonnensystems stranden könnte. Ich habe Schiss, dass mir die Aufarbeitung all dieser schmerzhaften Geschehnisse die ganze Energie entziehen könnte, die ich tagtäglich benötige, um meinen Arbeitsalltag irgendwie zu überstehen. Ich bin froh, dass ich gesund genug bin, um über 85 Prozent arbeiten zu können, unglaublich, wahrhaftig enorm froh, ehrlich. Aber ich befürchte, und mit befürchten meine ich „Furcht haben“, ich befürchte also, da liegt einfach keine Aufarbeitung eines Traumas drin.

Gerade habe ich einen Vertrag unterschrieben, der mich für 4 Jahre an meinen Arbeitgeber bindet – selbstverständlich kann ich mich loskaufen. Aber dennoch, ich habe mich gerade irgendwie verpflichtet. In zwei Wochen geht meine Weiterbildung los, ein CAS, der 3 Semester dauert. Die nächsten Jahre, so der Plan, sollte ich möglichst viel arbeiten, möglichst viel verdienen und sparen. Immer noch habe ich, haben wir den Traum, irgendwann eine EG-Wohnung oder gar ein kleines Haus zu kaufen. Ich möchte einen Garten, ich möchte eigenen Boden. Mein Freund hat ein Einkommen, das nur wenig über dem Existenzminimum liegt, und das wird sich so schnell auch nicht ändern. Er kann nicht sparen, er muss vielmehr sein Erspartes antasten.

Mir fehlt die Zeit und die Energie und der Mut, mich mit meinem Trauma auseinander zu setzen. Und doch frage ich mich, ob sich das Verdrängen nicht irgendwann rächen wird.

Ich erinnere mich an all die merkwürdigen Kleidungsstücke, die mir beim Auspacken in der geschlossenen Psychiatrie in die Hände fielen. Ein pinker Slip, ein weisses Hippie-Hemdchen, ein gelber BH. Es dauerte eine Weile, und damit meine ich Tage, Wochen, bis ich begriff, was diese komischen Kleidungsstücke in meinem Reisegepäck zu suchen hatten. Bei allen Halluzinationen und allen wirren Verschwörungstheorien hatte ich in diesem Punkt nämlich trotzdem Recht: Das waren nicht meine eigenen Kleider. Meine eigenen Kleider waren zu diesem Zeitpunkt nämlich zu einem grossen Teil immer noch in Buenos Aires, und zwar in meinem knallroten Jack-Wolfskin-Backpack, den ich bei meinem Homestay deponiert hatte, bevor ich mit meinem kleinen Tagesrucksack und Kleider für 2 Tage meinen Trip nach Iguazu aufgebrochen war. Der Plan war ja, dass ich nur 2 Nächte da verbringe und dann zurück nach Buenos Aires reise, zurück zu meinem Gepäck für die nächsten 4 Monate. In dieser Planung war nicht mit eingerechnet, dass ich im Nachtbus nach Iguazu endgültig den Verstand verliere und nach meiner Ankunft da desorientiert herumstromere, irgendwann in einem Hotel einchecke, bis ich dann mitten in der Nacht wild halluzinierend durch die Ortschaft renne, merkwürdige Rituale vollziehe, in einem Restaurant Wein trinke und Brot breche und ohne zu bezahlen davon renne. Was dann folgte, weiss ich nicht, ich habe sehr viele einzelne Erinnerungen, aber die Reihenfolge ist unklar. Ich war auf einer Baustelle, kletterte da hoch, übersetzte vor einer Wand alles in Gebärdensprache, zog mich aus, bettelte auf der Strasse, verdreckte einen Teppich in einem Hotel, schlug eine Tür ein, war mit Handschellen gefesselt, war in mehreren Räumen eingesperrt, schrie, sang, lachte, versuchte mich mit Purzelbäumen zu befreien, glaubte, in einer Art Computerspiel gefangen zu sein, war im Gefängnis, versuchte das Schloss mit mystischen Rätseln aufzukriegen, kletterte immer wieder die Gitterstäbe hoch, sah ein schmales Band vom blauen Himmel, bettelte die Wärter um Essen an, kriegte einen Schokoladenriegel, den ich ganz in den Mund steckte, hatte Hunger, hatte Bauchschmerzen vor Hunger. Irgendwann war ich im Polizeiauto, lange Zeit sass ich da neben Polizisten und Polizistinnen, riss mir Haare aus, fragte immer wieder nach meinem Freund, hörte Stimmen auf spanisch, auf englisch, ich war sicher, in einer Live-Sendung fürs Fernsehen zu sein, irgendwann war ich in einem merkwürdigen Haus, von dem ich annahm, es sei das Hotel, auch wenn es irgendwie grösser war. In dem merkwürdigen Haus hatte es viele Leute, einige lagen in Betten, einige liefen umher, einige weichten mir Brot in ein milchiges braunes Getränk ein und drängten mich, das zu essen, sie sagten immer wieder, du musst essen, auf spanisch. Das einzige, woran ich mich zu diesem Zeitpunkt erinnern konnte, war das Hotel, in dem ich in Iguazu eingecheckt hatte, und die junge Frau in meinem Zimmer, sie hiess Anamaria, hatte schöne schwarze Haare und kam aus Buenos Aires, die dritte Zimmergenossin war blond und sprach englisch, an ihren Namen erinnere ich mich nicht mehr. Die Frauen und Männer in dem grossen Haus ohne Zimmer – alles war offen, es hatte auch keine Fensterscheiben, sondern einfach Aussparungen in der Mauer – waren alle freundlich, sie redeten mit mir, sie fütterten mich, bis ich wieder genug Kraft hatte, um selber zu essen, aber niemand kannte Anamaria und niemand konnte mich zu meinem Zimmer bringen. Dabei wusste ich sogar noch die Zimmernummer, Zimmer 17, ein Dreierzimmer, in dem zwei andere Frauen wohnten, und eine davon war Argentinierin und hiess Anamaria, ich wusste auch noch, wie sie aussah, und fragte immer, immer und immer wieder, ob mich denn niemand zu meinem Zimmer bringen kann, Zimmer 17, zu Anamaria. Ich weinte viel, weil ich mich offensichtlich verirrt hatte in dem grossen Hotel und mein Zimmer nicht mehr finden konnte, ein paar Mal suchte ich auch danach, aber immer lief mir jemand nach und begleitete mich wieder zurück zu einem der vielen Betten in diesem riesigen Saal, und immer wieder sagten sie mir, das sei mein Bett, aber ich wusste doch, dass das nicht stimmt, weil mein Bett doch im Zimmer 17 war.
Irgendwann kam dann jeweils eine der Frauen mit mir in eine Art Raum, dort hatte es ein paar Schläuche, aus denen Wasser floss. Sie erklärten mir geduldig, wie ich mich waschen muss, wie ich früher mal den Kindern im Behindertenheim, aber daran dachte ich zu dem Zeitpunkt nicht. Sie gaben mir saubere Kleider, halfen mir manchmal auch beim Anziehen, weil ich schlicht nicht mehr wusste, wie man sich anzieht. Ich realisierte nicht, dass ich irgendwann im Verlauf der Wochen Kleider anzog, die eigentlich nicht mir gehörten. Ich wunderte mich manchmal über die Sachen, die ich trug, aber ich konnte keinen Zusammenhang sehen. Erst in der Klinik in der Schweiz, irgendwann, realisierte ich, dass das Kleider waren, die die Angestellten des Spitals in Argentinien organisiert und mir geschenkt hatten. Sie hatten für mich Kleider gesammelt, damit ich nicht völlig verwahrloste.

Ich weiss vieles nicht mehr, aber ich kann mich an das Spital in Argentinien sehr plastisch erinnern. Es ist ein Spital in einer Grenzregion, wie ich später auf der Karte herausgefunden habe, in tropischer Umgebung. Ich will auf keinen Fall arrogant sein, aber es war ein sehr einfaches Spital in einer sicher nicht reichen Umgebung. Die Angestellten waren sicher nicht reiche Menschen. Sie haben mich gepflegt, sie haben mich gefüttert, sie haben mich mit Zigaretten versorgt und sie haben mir ihre Kleider geschenkt, einfach so. Es ist für mich daher nur logisch, dass ich den Schal und die Mütze, die ich mir in Buenos Aires auf einem Markt gekauft hatte, Menschen schenke, die sie nötiger haben als ich.

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