Reisen.

(Rückblick: Diesen Text hab ich vor 3 Wochen verfasst.)

Ich sitze im Flieger Richtung Norden, hoch über den Wolken, ein zartes Rosa schimmert durch die kleinen ovalen Fenster, zu Hause geht es gegen Mitternacht zu, im Urlaubsland gegen 22 Uhr. Das erste von zwei mitgeschleppten Büchern hatte ich bereits vor einer halben Stunde durch, „Der Alchimist“, eine Art spirituelles Märchen. Die Geschichte hat mich sonderbar berührt. Meine letzte Reise mit einem Flugzeug war auch eine Art ein spirituelles Märchen, aber eher eines der grausamen Sorte – wenn auch mit einem Happy End. Ich erinnere mich sehr intensiv an Argentinien, während ich hier sitze und auf das sich nicht verändernde Zartrosa blicke. Ich erinnere mich an ein Foto von mir, das ich meiner Mutter per E-Mail geschickt habe, aus Buenos Aires, am Morgen meiner Ankunft. Dünn sehe ich aus auf dem Foto, wenn auch nicht ganz so ausgemergelt wie etwa drei Wochen später, als ich mit einem Arzt und einer Krankenschwester der Rega und etwa 4mg Temesta intus den Heimflug antrat. Müde auch, der Flug war lang, ungeschminkt, und mit sehr viel Sonne im Geischt, die Morgensonne von Buenos Aires. Ebenfalls auf dem Foto zu sehen waren mein Grinsen und ein silbriges Kreuz an einer Kette um den Hals. Das hatte mir meine christliche Mutter geschenkt und verlangt, dass ich es trage, aus „Sicherheits-Gründen“, wie sie erklärte, schliesslich sei ganz Südamerika streng katholisch, und mit einem Kreuz um den Hals werde mir nichts passieren. Ich war auf dem Papier zwar christlich reformiert, hatte mit der Kirche aber schon lange nichts mehr am Hut. Weil ich zugleich einen Hang zum Aberglauben, zu Zeichen, Omen hatte, beschloss ich, dem Wunsch meiner Mama dennoch nachzukommen. Es sollte so sein, dass ich ein Kreuz mit mir rumtrug, beschloss ich, und vielleicht hatte meine Mama ja tatsächlich recht und das Kreuz würde mich beschützen. (Ok, ich hatte auch einfach nicht den Mumm, meiner Mama den Wunsch abzuschlagen. ) Auf dem Foto also posierte ich mit voller Absicht so, dass man die Kette und das Kreuz sah, damit meine Mama sich freute, wenn sie es sah. Ich ahnte in dem Moment, als ich das Selfie schoss, nicht, wie sehr und auf wie absurde Weise mich das Thema Religion auf meiner deutlich kürzer als erwartet ausfallenden Reise noch beschäftigen sollte. Ich weiss nicht mal, ob das Foto noch exisitert, ich habe in meiner Paranoia, die etwa 10 Tage später bereits den Weg nach Buenos Aires fand, fast alle Fotos gelöscht, die ich in Argentinien geschossen habe. In meinem Kopf weiss ich aber noch genau, wie es aussah. Sehr viel Licht, „überbelichtet“, quasi, mein müdes Grinsen und das Kreuz.

Während ich hier im Flieger sitze und in Erinnerungen schwelge, sind mir bereits zweimal fast die Tränen gekommen. Argentinien ist 3 Jahre her, Zeit, in der ich gesund werden, eine neue Stelle antreten und verarbeiten konnte. Die Ereignisse von damals scheinen mir selber manchmal dermassen fremd und schon fast unglaubwürdig skurril, und dennoch sind alle Erinnerungen mit sehr viel Emotionen verbunden. Wenn ich fühle, wie ich aufgewühlt werde, drehe ich meinen Kopf nach rechts und blicke in das vertraute Geischt meines dösenden Freundes. Wenn auch das nicht hilft, berühre ich kurz seinen Arm, seine Hand, sein Knie. Er ist meine personifizierte Sicherheit. Ich weiss, solange er bei mir ist, wird mir nichts passieren. Woher ich diese unerschütterliche Überzeugung nehme, weiss ich nicht genau, aber sie ist da. Es wird etwas mit der Geborgenheit, der unerschütterlichen Zuneigung und der Wärme zu tun haben, die er mir vermittelt, sowie mit den über zehn geminsam verbrachten Jahren mit all ihren krass ausfallenden Höhen und Tiefen. Vertrauen, vielleicht ist es einfach Vertrauen.

Wir fliegen nach Nordeuropa, nicht nach Südamerika, und wir verbingen dort knapp drei Wochen, nicht wie 2012 geplant 5 Monate, und doch hätte ich mich ohne meinen Freund an meiner Seite nicht gewagt, diese Reise zu unternehmen. Flughäfen und Flugzeuge erinnern mich an traumatische Erlebnisse, seit ich mit 19 mit Arzt und Krankenschwester und bombastisch sediert von Kanada zurück in die Schweiz flog. Eigentlich hatte ich dann mit etwa 21, als ich gesundheitlich wieder einigermassen fit war und eine neue berufliche Perspektive hatte, geschworen, diese Katastrophe nie wieder zu wiederholen. Ich wollte nie, nie mehr alleine in ein fernes Land, dessen Sprache ich kaum sprach und dessen Kultur ich nicht verstand. Mit 29 dann siegte meine Abenteuerlust und der Wille, meinen grössten Lebenstraum, der nun mal daraus bestand, möglichst lange alleine mit dem Rucksack am Rücken durch Südamerika zu reisen, endlich umzusetzen.

Man hatte mir gute Chancen attestiert, damals, von psychiatrischer Seite her. „Sie sind in einer ganz anderen Lebenssituation als mit 19. Sie haben ein ganz anderes soziales Umfeld, Sie sind absolut stabil, und das schon länger. Sie nehmen regelmässig Ihre Medikamente, Sie haben eine Ausbildung und einen sicheren Job. Wenn das Ihr grosser Traum ist, dann setzen Sie ihn um. Sie würden das sonst später bitter bereuen.“ Die Worte meines damaligen Psychiaters. Ich fand seine Aussagen toll, sie bekräftigten mich in meinen Plänen. Entgegen seinen Voraussagen bereute ich den Wahnsinns-Trip dann doch sehr. Meine Familie und mein Freund sind fast gestorben vor Angst um mich, ich selber bin beispielsweise fast gestorben, als ich im Wahn fünf Stockwerke an der Fassade eines Rohbaus hochgeklettert bin.

Es ist 3 Jahre her, es ist eine Geschichte aus einer anderen Welt. Loslassen wird sie mich dennoch nie. Irgendwann werde ich mich mit der ganzen Sache noch einmal vertiefter auseinander setzen, damit sie mich nicht mehr täglich quält. „Die Büchse der Pandora“ blieb dann aber doch zu Hause. Zu reisen macht mich glücklich wie sonst nichts auf der Welt, von den Erinnerungen an Reisen zehre ich in schlechten Zeiten, und doch darf ich nicht einmal einen dreiwöchigen Urlaub mit meinem Freund innerhalb Europas unterschätzen. Fremde Sprache, fremde Kultur, jede Menge Eindrücke jeden Tag, unregelmässiger Schlaf, all das kann mich innert kürzester Zeit krank machen. Da braucht es nicht auch noch die zentnerschwere Pandora im Gepäck.

Ich will diesen Urlaub geniessen, ich will Erlebnisse schaffen, von denen ich zehren kann. Ich will möglichst viele glückliche Momente erleben. Ich will alles aufsaugen, was ich sehe, höre, erlebe. Hoffen wir das beste.

2 Gedanken zu “Reisen.

  1. Wieder einmal so wunderschön geschrieben und es berührt mich sehr.
    Bin ausserdem total happy, dass ihr beiden einen schönen Urlaub zusammen hattet und die drei Wochen euch in eine andere Welt transportieren konnten.

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