Ferienende-Blues.

Es ist Sonntag Nachmittag, der letzte Ferientag, und ich habe heute garantiert noch keine 50 Schritte gemacht. Geschlafen hab ich ab 02:30 bis mittags, wie zur Hölle ich morgen um 6 Uhr aufstehen soll, ist mir ein Rätsel. Hinter mir liegen 3 Wochen wunderbarer, kühler Urlaub, mit dem Riesenrucksack am Rücken und ein Busabo in der Tasche. Es ist schwer zu glauben, aber mein Freund war wie verwandelt. So glücklich, zufrieden und abenteuerlustig war er schon sehr lange nicht mehr über eine so lange Zeit. Jetzt sind wir zurück, und hadern beide auf unsere Art mit der Wiederkehr des Alltags, die uns ab morgen blüht.

Kurz vor den Ferien musste mein Freund ein psychiatrisches Gutachten erstellen lassen. Die Diagnose, die er erhielt, habe ich immer noch nicht ganz verdaut. Ich dachte immer, er sei einfach depressiv, aber das ist offenbar eher eine Begleiterscheinung. Im Gutachten steht ausserdem, er sei zu 100 % arbeitsunfähig. Dennoch verlangt die IV, dass er beim Arschloch-Chef weiterarbeitet. „Ein Wechsel würde alles nur noch verschlimmern“, hiess es, „es ist doch super, dass Herr Arschloch bereit ist, ihn weiterhin bei sich arbeiten zu lassen, das machen die wenigsten Arbeitgeber“. Ja logisch, wäre ich Herr Arschloch, würde ich auch gerne einen Mitarbeiter beschäftigen, der sich absolut zuverlässig jeden Tag den Arsch aufreisst, Überstunden macht, jede noch so entwürdigende Drecksarbeit für mich verrichtet, sich ohne aufzumucken alle meine Beleidigungen gefallen lässt und mich dabei keinen Rappen kostet, weil die IV ja den Lohn zahlt. Der zusätzlich noch eine Aura der Grossmütigkeit und Gnade um mich wehen lässt, weil ich einem armen psychisch Kranken, von dem ich der IV erzähle, dass er quasi nichts leisten kann, eine Art Beschäftigungsplatz gewähre. Ach, ich könnte Fontänen kotzen wie ein Springbrunnen, wenn ich weiter darüber nachdenke.

Zurück zur Realität. Mein Freund sucht weiterhin eine andere Stelle, er findet weiterhin keine. Die IV setzt darauf, dass er mit einem anderen Therapieansatz und Psychopharmaka automatisch wieder gesund wird, und dann „so in ein, zwei Jahren“ bereit ist, eine neue berufliche Richtung einzuschlagen. Ich habe keine Ahnung, wie er ein oder zwei weitere Jahre beim Arschlochchef durchstehen soll. Natürlich sind seine Probleme nicht nur arbeitsbedingt. Das musste ich schon vor Jahren einsehen. Und doch: Wir verbrachten drei wunderbare Urlaubswochen zusammen. Wäre er dermassen krank, unabhängig von seinem alltäglichen, somit auch beruflichen Umfeld (wie die IV das sieht), dann wäre das nicht möglich gewesen. Die Atmosphäre an seinem Arbeitsplatz ist schädigend für ihn. Wenn die Quintessenz des Psychiaters, der das Gutachten erstellt hat, ist, dass mein Freund mit einer extremen Unsicherheit durchs Leben geht und nie Lob, Wertschätzung und Bestätigung erhielt in seiner Biographie, dann ist ein Chef, von dem er in den 2 Jahren, in denen er da arbeitet, noch nie ein Lob oder ein Dankeschön – egal, für was – erhalten hat, dagegen wegen jedem Scheiss, für den er meist nicht mal was kann, eins aufs Dach kriegt, definitiv NICHT ein geeigneter Vorgesetzter.

Mein Freund macht sich Sorgen wegen den Medikamenten, die er schlucken soll, ich mache mir Sorgen um die aussichtslose Situation, in der er sich befindet. Die Ferien waren herrlich, aber sie sind vorbei. Die Hoffnungslosigkeit wird zurück kehren, die Demütigungen an seinem Arbeitsplatz ebenfalls. Auch ich werde wieder arbeiten müssen, drei Stunden pro Tag im ÖV verbringen, wieder selber eine Struktur in meinen Arbeitstag bringen müssen, neue, herausfordernde Aufträge erhalten, wenig Zeit für mich haben, weniger Nerven für die Probleme meines Freundes.

Auf einer Metaebene weiss ich, dass ich mir zu viele Sorgen mache, gerade. So, wie ich mich gerade fühle, fühle ich mir immer, wenn die Ferien vorbei sind. Ich habe Angst vor dem neuen Schuljahr, den neuen SchülerInnen, neuen Aufgaben, der Unvorhersehbarkeit, die mein Job mit sich bringt. Aber die hab ich immer, wie gesagt, und wenn ich Glück habe, legt sich das bereits morgen wieder, wenn ich wieder zurück in den Arbeitsmodus finde.

Vielleicht ist es auch einfach der Abschied von der schönen Zeit, die hinter uns liegt, der mir das Herz schwer macht. Es wird sich alles irgendwie finden, es wird sich alles wieder normalisieren. Es ging bisher immer irgendwie weiter, auch in deutlich schwierigeren Zeiten.

Ich hab den Ferienende-Blues, aber solange es Blues ist und kein Schlager, sollte ich mich nicht beschweren. In dem Sinne: Tschüss, Ferien, hallo, Alltag. Wir werden uns irgendwie miteinander arrangieren.

2 Gedanken zu “Ferienende-Blues.

  1. Dazu fällt mir einmal mehr Marie Baumanns blog ein und was sie über IV bzw. über sogenannte „geschützt“ Arbeitsplätze schrieb. Wir müssten wirklich eine Stimme haben. Und deine Übelkeit bezüglich des Alltags, des Chefs deines Freundes etc. kann ich nur allzu gut verstehen. Ist ja auch Kontraproduktiv für deinen Freund, bei jemandem arbeiten zu müssen, der ihn dermaßen Ausnützt. Geht mir jedes mal der Hut hoch.

    Lass den Blues spielen, singe dazu und macht euch einen gemütlichen Abend. Montag morgen wird es von alleine.

    • Ist halt schwierig, alles. Klar kann die IV meinen Freund nicht zwingen, dort zu bleiben, aber wenn er einfach kündigt, erhält er schätzungsweise keine Unterstützung mehr, wird beim RAV bis zu 3 Monate gesperrt und kann auch danach vom Arbeitslosengeld nicht leben, weil halt schon sein Gehalt sehr sehr tief ist. Ich war beim letzten Gespräch mit der IV dabei, da ging es aber eigentlich nur um Therapieform und Medikamente. Meine Bedenken zu seinem Arbeitgeber hab ich trotzdem geäussert, aber ich weiss nicht, ob das irgend ein Gewicht hat. Mein Freund selber würde nie klar und deutlich sagen, dass er sich ausgenutzt und gedemütigt fühlt da. Er will „nicht alles aufs Spiel setzen“ und ist halt dennoch froh, dass er arbeiten kann und nicht zu Hause rumsitzen muss.
      Ich hab schon länger keine Blogs mehr gelesen, ich muss bei Marie dringend wieder mal reinschauen. Vielen Dank für deine Anteilnahme, das tut gut. Und der Arbeitstag heute war – wie immer – nicht halb so schlimm wie befürchtet.

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