Symptome und Pandora.

Es ist eine merkwürdige Zeit gerade. Ich habe Ferien, endlich, ich schlafe viel und lang, ich bin deutlich entspannter als noch vor ein paar Wochen, und doch gärt irgendwas in mir vor sich hin. Seit Tagen träume ich wirres Zeug aus meiner Kind- und Jugendzeit, dadurch ist diese schwierige und schmerzhafte Zeit plötzlich wieder sehr präsent. Und dann sind da noch meine „normalen“ Symptome: Flashbacks, zum Beispiel, ungewollte und unkontrollierte Kurztrips in die letzte Psychose.
Das lustige an meinen psychotischen Symptomen ist ja, dass ich meist nur darüber nachdenke, wenn sie gerade akut sind. Während ich also in den letzten Tagen darüber nachdachte, warum ich wohl wieder vermehrt in meine traumatischen Erinnerungen abdrifte, wurde mir dabei eher zufällig bewusst, dass eines der gröbsten symptomatischen Überbleibsel der letzten Psychose praktisch verschwunden ist: Ich habe kaum noch (psychogene/ „eingebildete“) Schmerzen. Die ganzen brennenden Phantomschmerzen, meist auf Höhe der Hände und Handgelenke, die sich anfühlten als hätte ich mich geritzt / geschnitten, die sind so gut wie weg. Natürlich fühle ich einen Hauch davon, während ich das schreibe, das ist normal, aber es ist mehr ein Schatten eines Schmerzes, eine vage Erinnerung.

Es geht mir also offensichtlich wirklich gut, ich habe wenig Symptome, ich kann schlafen, ich kann mich entspannen. Ich weiss nicht, warum mein Unterbewusstsein diese Erholungsphase nutzt, um längst verarbeitete Kindheitserinnerungen auszugraben.

Bald fliegen wir in die Ferien, zum ersten Mal seit ich weiss nicht mehr wie vielen Jahren gehen wir länger als eine Woche und wirklich weit weg. Eigentlich wollte ich mein „Tagebuch“ vom Argentinien-Debekel mitnehmen, meine Büchse der Pandora, mit integrierter Live-Schaltung zurück in die schlimmste Psychose meines Lebens. Ich habe dieses Buch seit meiner Rückkehr nicht mehr angesehen, es ist voller Zeichnungen, Gedichte, wirren Gedanken, merkwürdigen Symbolen, die ich in meiner schlimmsten Zeit reingekritzelt habe. Es ist quasi die Dokumentation des Weges in diese Psychose, die ersten Einträge sind noch „normal“, nach etwa anderthalb Wochen Buenos Aires werden sie dann immer paranoider und wirrer. Ich habe immer gewusst, seit ich wieder klar denken kann zumindest, irgendwann werde ich dieses Tagebuch öffnen und versuchen, die Einträge und Zeichnungen zu entziffern. Ich dachte also, in den drei Wochen Backpacker-Ferien im hohen Norden wäre der ideale Zeitpunkt dafür. So viel Zeit und Ruhe habe ich sonst nicht, und falls es tagelang regnet und kalt ist, so hätte ich quasi eine Beschäftigung.

Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das der beste Plan ist, den ich je hatte. Ich meine, ich bin in einem fremden Land mit einer fremden Kultur, was mich schon mehrere Male hart an meine Grenze (bzw. zweimal klar drüber) gebracht hat. Eigentlich mache ich mir dennoch keine Sorgen, dass ich den Kulturschock nicht verkrafte, schliesslich bin ich nicht allein. Mit meinem Freund an meiner Seite fühle ich mich sicher. Er kennt mich so gut wie sonst niemand, er weiss, wie er mich beruhigen kann und er kann abschätzen, ab wann ich mich merkwürdig verhalte. Dennoch: Eine Reise ist eine grosse Herausforderung für mich. Ich sollte das wohl besser nicht unterschätzen.

Vielleicht bleibt Pandora besser zu Hause.

2 Gedanken zu “Symptome und Pandora.

  1. ich würde Pandora zuhause lassen. Die Psyche nutzt entspannte Zeit oft um etwas zu verarbeiten, es kommt meist aber in verarbeitbaren Stücken.
    Trotzdem, geniesse die Ferien und erschaffe eine positive Erfahrung. Nimm ein Buch mit, evtl. eBooks, die sind nicht so schwer 😉

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