„Trenn dich doch endlich von ihm.“

Irgendwie kann ich den Reflex von Bekannten ja verstehen. Mir zu raten, doch endlich einen Schlussstrich unter die Beziehung zu meinem Freund zu ziehen, hängt vielleicht stark mit dem Bedürfnis zusammen, auch endlich einen Schlussstrich unter meine ewig gleichen Schilderungen der beruflichen Probleme meines Freundes und seiner ganzen desaströsen Gesamtsitution zu ziehen. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass es im Verlaufe der letzten Jahre irgendwann sehr ermüdend wurde, meinen Erzählungen zu dem Thema zu lauschen, unter anderem schlicht darum, weil es im Prinzip immer aufs gleiche herausläuft: Er wird ausgenutzt, ist sehr unglücklich bis depressiv, traut sich nichts zu, hat ein unterirdisches Selbstwertgefühl und lebt mit sehr vielen Ängsten. Ich verstehe also, dass das nicht immer spannender wird, je öfter ich das erzähle.

Abgesehen davon, dass ich das wirklich und ehrlich verstehe, möchte ich aber dann doch noch erwähnen, dass ich jetzt meiner Meinung nach absolut nicht die einzige Person bin, deren Erzählinhalte sich über die Jahre hinweg in einem ähnlichen Rahmen bewegen. Da war die Freundin, die bei einem gemeinsamen Abend früher oder später immer am Punkt ankommt, wo sie sich ausgiebig über die Familie ihres Lebenspartners beschwert. Dann war da die Verwandte, die gerne über Stunden hinweg von ihrem Job und ihren Mitareitenden erzählt. Schliesslich sind da noch diverse Freundinnen und Bekannte mit Kindern, die, wen wunderts, gerne ausschweifend von den Erlebnissen und Entwicklungen ihrer Sprösslinge berichten.

So ist das eben, man hat so seine Themen, die einen beschäftigen und die den Alltag stark prägen. Wenn man jemanden mag, kann man sich auch zum 47. mal anhören, wie sehr die Schwester des Lebenspartners von den Schwiegereltern verwöhnt wird – oder aber man gibt der betreffenden Freundin halt mehr oder weniger klar zu verstehen, dass man lieber über etwas anderes reden möchte. Wenn meine Bekannte mir über gefühlte Stunden hinweg von den Verdauungs- und Einschlafproblemen ihrer Tochter erzählt, wechsle ich irgendwann einfach das Thema. Es wäre mir aber noch nie eingefallen, ihr zu sagen: „Also jetzt mal im Ernst, schiess die Kleine endlich ab. Du wirst von ihr nur ausgenutzt, und du wirkst ihretwegen völlig gestresst und übermüdet! Gib sie einfach in ein Kinderheim, und richte dein Leben neu aus. Lebe endlich dein Leben, nicht ihres!! Und wer weiss, vielleicht lernst du bald eine nette, gut erzogene 3Jährige kennen, die viel besser zu dir passt!!“

(Keine Angst, mir ist bewusst, dass zwischen Mutter und Tochter nicht die selbe Beziehung besteht wie zwischen mir und meinem Freund.)

Ich verstehe auch, dass den Menschen, die meinen Freund nicht oder nicht gut kennen, mein eigenes Wohl mehr am Herzen liegt als seins, und dass sie irgendwann zur Erkenntnis kommen, dass eben dieses Wohl deutlich unter der Situation meines Freundes leidet, bringt dann wohl früher oder später den Vorschlag mit sich, diese Quelle meines Leides quasi endlich auszuschalten.

Trotz meiner berufstypisch chronischen Selbstreflexion und einem beängstigendem Ausmass an Verständnis für alle möglichen Motive und Haltungen möchte ich an dieser Stelle trotzdem mal loswerden: Hört auf, mir zu raten, ich solle mich trennen, und zwar aus folgenden drei Gründen:

1) Es bringt nix. Nein, es bringt wirklich ganz und gar nix. Obwohl ärztlich bescheinigt ist, dass ich offiziell einen an der Waffel habe, entscheide ich nämlich dennoch ganz und gar alleine, zu welchem Menschen ich welche Beziehung aufrecht erhalte oder eben nicht. So paradox es klingen mag: Nur weil mir jemand sagt, wie ich mein Privatleben gestalten soll, führe ich diese Anweisung nicht einfach aus.

2) Es ärgert mich. Legen solche Hinweise doch nahe, dass ich selber offenbar nicht in der Lage bin, die Situation richtig einzuschätzen oder „richtig“ zu handeln. Es hat eine enorm belehrende Komponente, jemandem vorzukauen, wie er sein Leben leben soll, selbst wenn das bestimmt total gut gemeint ist.

3) Mein Leben ist nicht dein Leben. Es kann sein, dass man Erfahrungen gemacht hat, die einen stark geprägt haben, und dass man diese, gerade, weil sie so wichtig für einen waren, unbedingt an andere weitergeben möchte, damit die „nicht den selben Fehler machen“ etc. Das kenne ich auch von mir selber, ich habe selber einen grossen Hang zum Klugscheissertum bzw. der erwähnten „belehrenden Komponente“. Aber eben: Deine Erfahrungen sind deins, meine Erfahrungen und mein Leben ist meins. Niemand weiss wirklich, wie das Zusammenleben mit meinem Freund und mir wirklich funktioniert, ausser wir beide. Niemand weiss, wie meine Gefühle aussehen, ausser ich. Ich liebe meinen Freund. Ich bewundere und achte ihn. Er macht es erst möglich, dass ich 40 Stunden pro Woche arbeiten kann, dass ich nicht zu oft zu spät komme morgens, dass ich nicht durchdrehe, wenn ich nach einem harten Tag und ohne genug Schlaf eine Reizüberflutung erleide. Er bringt mich zum Lachen, er vermittelt mir Geborgenheit, er steht immer hinter mir, egal, was ich angehe, er ist stolz auf mich und er akzeptiert mich bedingungslos so wie ich bin.

Ich werde in dieser wirklich nicht immer einfachen Beziehung weder geschlagen, betrogen, ausgenutzt noch sonstwie misshandelt. Es gibt also keinen wirklich deftigen Grund, sich um mein Wohl Sorgen zu machen. Unser Zusammenleben funktioniert vielleicht anders als in vielen anderen Paarbeziehungen, aber das macht unsere Beziehung nicht schlechter. Dass ich viel von Problemen und Überforderung erzähle ist wahr, aber da ist eben auch sehr viel Gutes und Kostbares, von dem ich weit weniger erzähle.

Wir hatten grosse Probleme, ich hab mich in einen anderen verguckt, ich bin ausgezogen und hab versucht mich zu trennen letztes Jahr. Das alles ist vorbei. Wir sind daran gewachsen, ich weiss, was ich will und was nicht. Wenn ich meinem Umfeld auf den Sack gehe mit meiner ewig gleichen Litanei, dann soll es mir das bitte einfach sagen. Aber den Spruch „trenn dich doch endlich von ihm“, den mag ich gerade echt nicht mehr hören.

3 Gedanken zu “„Trenn dich doch endlich von ihm.“

  1. Wenn ich über die Situation deines Freundes lese möchte ich ihn auch manchmal schütteln und sagen: Wehr dich endlich! Es tönt schmerzhaft schwierig. Mir würde es schwer fallen das auszuhalten. Aber du scheinst die Situation bewältigen zu können. Du scheinst Menschen aus tiefem Herzen lieben zu können. Das ist wunderbar. Du bist fähig dich zu binden. Mir imponiert deine Haltung und ich lese gerne von dir. Wann der Punkt zur Selbstaufopferung überschritten ist weisst nur du.

    • Danke für diesen Kommentar. Ja, es ist manchmal wirklich schwierig für mich, das kann ich nicht leugnen. Ich funktioniere anders als er und ich versuche immer wieder, ihm meine Lösungen für seine Probleme aufzudrücken, was logischerweise nichts bringt. Aber ich glaube halt trotz allem immer noch, dass er seine Probleme in den Griff kriegen wird und eine neue berufliche Perspektive kriegt. Bis dahin muss ich darauf achten, dass ich mich ausklinke (auch räumlich), wenn es mir zu viel wird, und die guten und schönen Tage und Momente weiterhin geniesse.

  2. Ratschläge. Eben. Schlag mich. Aber dies ist deine Realität. Und du bist gerne mit deinem Freund zusammen. Das ist wichtig. Nicht, was alle andere Denken…

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