Lebensträume.

Ein paar davon hab ich schon mit 20 begraben. Dass aus einer glänzenden Akademiker-Laufbahn nix wird, wurde mir spätestens dann bewusst, als ich die Uni nach grauenhaften 3 Semestern Anfang 2003 endgültig verliess. Ich erinnere mich noch an die hübsche Ethnologie-Studentin vom Jahr unter mir, die meinem apathischen, von immensen Dosen Psychopharmaka gezeichneten Ich an meinem letzten Tag an der Uni in der Mensa sagte: „Meine Güte, du bist wohl auch froh, dass du das endlich hinter dir hast.“ Wenn man bedenkt, dass sie eine der wenigen StudentInnen war, die je ein Wort mit mir gewechselt hatten, und wenn ich mir meinen desaströsen Zustand von damals vor Augen führe, muss ich sagen: Wie wahr. Im Prinzip hätte ich schon nach 2 Wochen abbrechen sollen. 

Andere Lebensträume trug ich deutlich später zu Grabe. Die Idee, dass ich überall trotz Krankheit als gleichwertige Mitarbeiterin angesehen werde, erfuhr ihren Todesstoss 2009 von Igor, der Traum, trotz Krankheit allein eine 4monatige Reise quer durch Südamerika zu machen, verendete mit Brimborium und Paukenschlag 2012 in einem argentinischen Spital. 

Dann war da noch mein Kinderwunsch. All meinen Rückschlägen zum Trotz wollte ich lange Zeit unbedingt Kinder. Ich mag Kinder, und ich habe in meinem Berufsalltag auch schon so einige Kinder betreut, darunter auch Kinder mit diversen Einschränkungen, Schwierigkeiten, Auffälligkeiten. Dass mir dennoch (und ich WEISS!!, dass es nicht dasselbe ist, ob man Kinder auch nach einer 20h-Schicht irgendwann abgeben kann, oder ob man rund um die Uhr, 7 Tage die Woche, ein Leben lang für sie verantwortlich ist) von ganz verschiedenen Seiten deutlich  gemacht wurde, dass ich besser keine Kinder habe, weil ich doch „mit mir selber genug zu tun habe“, führte nicht dazu, dass ich entschied: „Ok, offenbar wissen meine (depressive, mich als Kind grob vernachlässigende) Mutter, meine genetisch einwandfreie Bekannte, meine stark religiöse Psychologin genau, welche Menschen Kinder haben dürfen und welche nicht, offenbar haben sie, woher auch immer, diese gottesähnliche Entscheidungsgewalt, dann muss ich mich ihrer Unfehlbarkeit halt beugen“. 

Nein. Es führte lediglich dazu, dass ich mich von einer anderen Psychologin, deren Urteil über meine potenzielle Fähigkeit, ein Kind gross zu ziehen, etwas gnädiger ausfiel, an einen Spezialisten zu diesem Thema verweisen liess und mich gemeinsam mit meinem Freund beraten liess. Der Facharzt zum Thema psychische Krankheiten, Psychopharmaka und Schwangerschaft meinte folgendes: Ja, eine Schwangerschaft ist vertretbar, wenn sie gut geplant und medizinisch begleitet wird. Stillen wird nicht empfohlen, wegen der Psychopharmaka, aber auch wegen dem Schlafmangel. Wichtig ist ein stabiles Umfeld und dass ich Unterstützung annehmen würde, wäre ich überfordert. 

Diese Beratung ist jetzt um die 2 Jahre her. Kinder haben wir nach wie vor keine, und ich bin sehr froh darüber. Wir hatten und haben manchmal immer noch grosse Beziehungsprobleme, infolge deren ich letzten Sommer vorübergehend aus- und ein WG-Zimmer bezog. Nicht auszudenken, wie das mit Kindern gewesen wäre!! Ich habe einen Job, der mir wichtig ist, ich möchte eine grössere bzw. längere Weiterbildung beginnen im Herbst. Mein Freund verdient momentan kaum genug für sich selber, er könnte unmöglich eine Familie ernähren. Und die Zeiten, in denen ich ihm, vor lauter Wunsch nach einem Kind, vorschlug, dass wir das traditionelle Ding halt umkehren und ich 100% arbeite, während er zu Hause bleibt, sind vorbei. Es gibt sicher viele Paare, die das so gut hinbekommen, aber ich bin nun mal nicht die Frau, die mit dieser Belastung leben könnte. Ich kriege das schon ohne Kind und mit 87% nur knapp hin.

Ja, ich bin momentan froh, dass ich keine Kinder habe. Ich bin auch froh, dass ich das nicht mehr so verbissen sehe. Man kann auch ohne Kinder glücklich alt werden, oder besser gesagt: Auch ICH kann ohne Kinder glücklich alt werden. Ich habe 2 Patenkinder, ich arbeite mit Kindern, ich habe viele Kinder in meinem Leben. 

Ich bin jetzt 32. Wenn sich die Umstände irgendwann ändern, werden wir es vielleicht doch noch versuchen. Und sonst ist es halt für mich nicht vorgesehen, und ich kann ein unabhängigeres und freieres Leben führen als manche meiner Freunde mit Familie.

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